Autonomes Fahren: "Bei höherem Tempo kann es tödlich enden"

Autonomes Fahren: "Bei höherem Tempo kann es tödlich enden"

Lesen Sie, was derzeit die größten Hürden beim autonomen Fahren sind. Und welche falsche Vorstellungen manche von den künftigen Möglichkeiten des autonomen Fahrens nicht haben sollte. Warum Österreichs Autobahnen für selbstfahrende Autos bestens gerüstet sind.

Die Industrie preist selbstfahrende Autos als die Zukunft der Mobilität an. Doch der Weg dorthin ist mit zahlreichen Hürden gepflastert und mit mehr Gefahren behaftet als man meinen möchte. Die Plattform für Mobilität (GSV) lud Experten zum Forum "Automatisiertes Fahren" ein, um über Schwierigkeiten aber auch über Chancen zu sprechen.

1. Technik noch nicht präzise genug

Bis selbstfahrende Autos die Straßen bevölkern, haben Techniker, Juristen und Politik noch einige Nüsse zu knacken. Es werden zum Beispiel deutlich bessere Straßenkarten und Navigationssysteme benötigt als bisher. Diese müssen in der Lage sein die Fahrzeugposition auf fünf Zentimeter genau zu ermitteln. Die derzeitigen Karten und GPS- basierten Navis leisten das laut Anton Fuchs, Manager der Grazer Forschungsgesellschaft für virtuelle Fahrzeuge, Virtual Vehicle, nicht.

2. Hohe Kosten für Sensoren

Die Sensoren und Systeme, die für das autonome Fahren nötig sind, müssen in allen Alltags- und Fahrsituationen nicht nur zuverlässig, sondern auch leistbar sein. So kostete beispielsweise eine spezielle Technik, ähnlich einem Radar, das in der Lage ist den Verkehr rund um das Auto zu scannen und die Abstände und die Geschwindigkeit misst, derzeit etwa an den Google-Autos installiert, noch rund 50.000 Euro.

3. Gigantische Datenmengen

Eine der großen Fragen ist auch, wie die gigantische Datenmenge, die jedes autonom fahrende Auto produziert, bewältigt werden kann. Derzeit müssen, nach Angaben von Virtual-Vehicle-Spezialist Fuchs, ein vollautomatisiert fahrendes Auto pro Stunde 4.000 Gigabyte Daten erzeugt und verarbeitet werden müssen.

4. Mischverkehr mit unabsehbaren Folgen

Dazu kommen laut Experten noch mehrere Jahrzehnte Mischverkehr, also konventionell und automatisiert fahrenden Autos auf selben Strecken. Das könnte zu Schwierigkeiten führen. Die Schwachstelle ist nicht nur der Mensch. "Wir Menschen fahren ziemlich gut Auto. In Relation zu den Millionen Autofahrten, kracht es selten. Das müssen autonom fahrende Autos erst einmal hinkriegen", so Mark Vollrath, von der Technischen Universität Braunschweig, wo autonomes Fahren ein Unischwerpunkt ist, in einem Interview gegenüber dem Magazin Spiegel.

5. Ungeklärte Haftungsfragen

Haftungs- und Versicherungsfragen sind längst nicht geklärt, zumal in bestimmten Fahrsituationen nach wie vor der Nutzer die Steuerung des Fahrzeuges selbst übernehmen muss. Werden autonom fahrende Autos auch von jenen genutzt werden dürfen, die gar keinen Führerschein besitzen? Und was wird von solchen Reisenden, die womöglich in schwierigen Fahrsituationen kommen, aus rechtlicher Sicht verlangt werden können? Wie viel Zeit wird man Passagieren geben, die vielleicht im Fond des Fahrzeuges gerade mit der Firmenbuchhaltung beschäftigt, auf schwierige Verkehrssituationen zu reagieren und welche Folgen ergeben sich daraus für die Haftung. Alles Fragen, die derzeit noch ungeklärt sind.

6. Wenn man nicht eingreift, kann es tödlich enden

Doch vieles davon, was Hersteller und Politik suggerieren, was während der Autofahrt alles möglich sein wird, entspricht laut Vollrath von der TU Braunschweig, nicht dem aktuellen Stand der Forschung. "Sobald etwas Unerwartetes passiert, kann das Auto nicht mehr reagieren", warnt der Experte. Kommt es bei höheren Geschwindigkeiten zu einem unvorhersehbarem Ereignis könne es sogar tödlich enden, wenn der Fahrer nicht eingreift", so der Experte. Bis man so weit sei, dass man ohne Bedenken per Autopilot von A nach B chauffiert wird, werde es seiner Ansicht nach, noch lange dauern.

7. Wenn der Abstandsregler eine Vollbremsung auslöst

Bei Testfahrten der Uni Braunschweig mit Autos, ausgestattet mit einem Abstandsregel-Tempomaten, waren die Passagiere damit konfrontiert, dass der Bremsassistent recht abrupt das Tempo reduzierte, wenn signalisiert wurde, dass das vorausfahrende Auto vergleichsweise langsam fährt. Selbst wenn das eigene Auto mit etwa 200 km/h unterwegs war, bremste der Assistent bei den Testfahrten den Wagen scharf ab. Ein echter Gewinn für die Sicherheit sieht nach Einschätzung von Autoexperten Vollrath anders aus.

80 Prozent der Autobahnen werden bereits per Video überwacht

Doch autonomes Fahren eröffnet auch zahlreiche neue Möglichkeiten. Österreich will deshalb die neue Technik für sich nutzen und versuchen beim autonomen Fahren eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die Autobahngesellschaft Asfinag ist bereits in der Lage ein komplettes digitales Bild des Verkehrs auf einer Teststrecke von 20 Kilometer auf der A2 zu erstellen. „Insgesamt beträgt die Videoabdeckung auf Österreichs Autobahnen bereits 80 Prozent“, erklärt Bernd Datler, Geschäftsführer Asfinag Maut Service. Ein essentielle Voraussetzung, um autonomes Fahren auch umsetzen zu können. „Die gute digitale Infrastruktur ist ein großer Vorteil gegenüber anderen Ländern“, glaubt der Geschäftsführer von AustriaTech, Martin Russ.

Lernen durch Forschung viel für die Sicherheit

Doch selbst wenn das vollautomatisierte Fahren letztlich doch nicht kommen sollte, "haben wir durch die Forschung daran viel für die Sicherheit beim Fahren gelernt", ist sich Thomas von Gelmini, Kommunikationschef von Volvo Car Austria sicher.

Die nächsten Schritte: Von Parkpilot über den Autobahnpilot bis zum Stadtpiloten


Eckhard Steiger von der Robert Bosch GmbH, erwartet bereits für 2018 den Einsatz des Parking Pilot und für 2020 den Highway Pilot und „nicht zu spät in den 20-er Jahren“ den Urban Pilot. Als wichtigste Voraussetzungen nennt Steiger
- Sicherheit und Verlässlichkeit der Systeme
- Schutz gegen Cyber-Attacken
- 360 Grad Erfassung durch robuste, jederzeit funktionierende Sensoren
- Intelligente Systeme, die Situationen richtig interpretiert und entscheiden
- Genaue und aktuelle Straßenkarten
- globale gesetzliche Standards und Verantwortlichkeiten

„Mit der Entwicklung des autonomen Fahrens haben wir die Büchse der Pandora im positiven Sinn geöffnet“, so Russ. Ein Vorteil Österreichs sei auch die überschaubare Anzahl an Akteuren und dass diese international überdurchschnittlich erfolgreich seien. Russ hofft durch die Vorreiterrolle Österreichs auf zusätzliche Wertschöpfung und neue Jobs. Das Wichtigste im ersten Schritt sei aber die Verkehrssicherheit.

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