Chinas Autohersteller nehmen Kurs auf Europa

Chinas Autobauer dominieren die Shanghai Motor Show, die wichtigste Automesse der Welt, wie nie zuvor. Was diesmal sonst noch anders ist. Mit welchen gigantischen Wachstumszahlen Experten bei Elektroautos in China rechnen. Warum westliche Autohersteller China in Zukunft ernsthaft fürchten müssen. Welche Revolution aus China europäischen Herstellern das Leben zusätzlich schwer machen wird.

Chinas Autohersteller nehmen Kurs auf Europa

Im Brennpunkt der wichtigsten Automesse der Welt , der Shanghai Motor Show, stehen ab Dienstag vor allem Elektroautos und die Vernetzung Auto und Internet. Deutsche Autobauer wie Audi haben ihr Engagement im Gegensatz zu chinesischen Anbieter bei der Messe stark zurückgefahren. In Shanghai debütieren vielmehr auch völlig neue Automarken, wie Lynk & Co, NIO oder die in Hong Kong ansässige Hybrid Kinetic Group.

Auto-Online-Vertrieb einer China-Marke soll 2018 starten

Die Geely Tochter Lynk & Co startet in diesem Jahr mit dem Verkauf seiner Modelle in China und will 2018 nach Europa kommen. Lynk & Co ist keine klassische Automarke, sondern will mit neuem Vertriebssystem, einem Online-Vertrieb, den Autoverkauf ins Internetzeitalter bringen. So wie es bereits Tesla gemacht hat. "Für den altehrwürdigen Autohandel wäre das eine Revolution", so Autopapst Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg in einer Analyse.

Elektroautos, neue Marken und der große Aufbruch

Anfang April hat Ford angekündigt, ab dem Jahr 2018 in China mit dem Bau von Elektroautos, gemeinsam mit seinem Partner Changan zu starten. Bis zum Jahr 2020 will Ford 70 Prozent seiner Modelle in China auch als Elektroversion anbieten.

Auch für den Autopionier Tesla aus den USA ist China der Markt der Zukunft. Einen guten Monat vor der Shanghai Auto hat der chinesische Technologiekonzern Tencent für 1,8 Milliarden US-Dollar fünf Prozent des Aktenkapitals von Tesla übernommen. Dabei ist Tencent schon länger mit anderen Start-ups unterwegs. Unter anderem mit Future Mobility, die durch die Abwerbung einer großen BMW-Mannschaft Aufsehen erregten.

VW will ab 2020 E-Autos für China bauen

VW und Skoda werden in Shanghai erstmals Elektro-SUV-Modelle auf der neuen modularen Elektrifizierungsbaukasten-Plafform zeigen. Bei Skoda heißt die Studie Vision E und ist als SUV-Coupé mit einer Reichweite bis zu 500 Kilometern geplant. Der VW-Konzernstratege Thomas Sedran hatte vor ein paar Tagen in einem Interview die neue Plattform als „epochal für VW“ bezeichnet, so wie einst der Übergang vom Käfer zum Golf. Und genau dieser epochale Schritt wird auf Konzernbreite in Shanghai ausgerollt.

VW will ab 2018 in China gemeinsam seinem Joint Venture Partner Anhui Jianghuai Automobile Company (JAC) den Bau von Elektroautos in China starten. 2020 soll das Joint Venture dann 400.000 Elektroautos in China verkaufen und bis zum Jahr 2025 auf deutlich mehr als eine Million hochgefahren werden können.

2025 mehr als 10 Millionen Elektroauto-Verkäufe in China

China ist weltweit der größte Markt für Elektroautos. Letztes Jahr wurden weltweit 873.000 Elektroautos und Plug-In Hybride weltweit, in China wurden 507.000 verkauft. Damit hatten die sogenannten NEV, also reine Elektroautos und Plug-In Hybride, im Jahr 2017 in China einen Marktanteil von 2,1 Prozent erreicht. Zum Vergleich, in Deutschland wurden im letzten Jahr 25.200 NEV zugelassen, was einem Marktanteil von 0,8 Prozent entspricht. Größtes Segment in China waren 2017 mit 409.000 Neuwagen die reinen Elektroautos. Der chinesische Konzern BYD verkaufte vergangenes Jahr 100.183 Elektroautos, 70 Prozent mehr als 2015.

US-Starinvestor Warren Buffett muss das geahnt haben. Er hatte sich schon 2008 mit einem dreistelligen Millionenbetrag bei BYD eingekauft. Inzwischen wuchs der Börsenwert auf 17 Milliarden Euro, 2016 erzielte BYD mehr als 680 Millionen Euro Gewinn.

Vier Millionen E-Autos im Jahr 2020?

Dudenhöffer rechnet für 2017 mit knapp 700.000 Verkäufen bei Elektroautos in China. Was aus seiner Sicht jedoch eine konservative Schätzung ist, China selbst rechnet mit bis zu 800.000 Verkäufen in diesem Jahr. Bereits zum Jahre 2020 rechnen das CAR-Institut mit jährlich vier Millionen E-Verkäufen in China. Die staatlich geplanten Elektroauto-Quoten werden dazu wichtige Impulse geben.

Der große Marktschub der Elektroautos ist aber ab 2020 zu erwarten. Dann haben auch die deutschen Autobauer ein kompletteres Angebot an reichweitenstarken Elektroautos im Markt. Im Jahr 2025 soll der Marktanteil in China von E-Autos bereits 30 Prozent betragen. Das entspräche dann 10,6 Millionen Verkäufen von Elektroautos in China. VW hat für den Konzern als Zielmarke 1,5 Millionen E-Verkäufe ausgegeben. Das entspräche dann nach unserer Prognose einem VW- Marktanteil bei Elektroautos von 14 Prozent. Auch diese Einordnung bezeichnet Dudenhöffer als nicht euphorisch.

1,4 Milliarden Dollar für neues Elektroautowerk

Der chinesische Autobauer Changan und der chinesische Start-up NextEV haben einen kürzlich ein Milliarden-Joint-Venture geschlossen. Ziel ist der Bau des ersten Werks für Modelle der Elektroauto-Marke NIO. Sie wollen rund 1,45 Milliarden US-Dollar in die neue Gesellschaft mit dem Namen Yangtse River investiert.

Wichtige E-Neuheiten aus Europa stehen auf der Messe in China

"Während bei den traditionellen Automessen wie in Genf die gleichen Autos mit anderem Design stehen und man in Frankfurt im September fast eine Massenflucht von Autobauern befürchten muss, blüht in Shanghai die Zukunft", resümiert Dudenhöffer. Das demonstrieren in Shanghai auch die etablierten Autobauer. Eine ganze Reihe zukünftiger Premium-Elektroautos stehen in Shanghai. Bei Jaguar Landrover ist der Jaguar i-Pace, der mit 500 Kilometer Reichweite und einem Lithium-Ionen Akku von 90 kWh um die 75.000 Euro in den Verkauf kommt, das erste rein elektrische Fahrzeug der Engländer. Verkaufsstart soll 2018 sein.

Zusätzlich für 2018 ist der Audi E-Tron Quattro und der vollelektrische Volvo BEV zu erwarten.Tesla will mit dem Model 3 bis 2019 seine 500.000er Produktionsgrenze erreichen. Dudenhöffer: "Daimler und BMW müssen sich sputen. Zu lange hat man den Verbandspräsidenten der deutschen Autobauer Matthias Wissmann über den Clean-Diesel schwadronieren lassen."

Hersteller sind bereit für den Export in den Westen

Shanghai ist die Messe der Zukunft. Das zeigen auch die Zahlen. Im Jahr 2016 wurden in China 23,76 Millionen Pkw produziert. Das waren 29 Prozent aller weltweit gebauten Pkw. Im gleichen Jahr haben die Chinesen 23,7 Millionen Pkw gekauft. 28 Prozent aller weltweit verkauften Pkw haben in China ihre Käufer gefunden. Ohne China wäre die Branche fast ein Drittel kleiner. Die Marktabdeckung Chinas lag 2016 bei 99,7 Prozent. Sprich: China hat etwa gleichviel Pkw produziert wie verkauft. Dudenhöffer: "Die Export-Offensive läuft noch vor 2020 stärker an. Die Chinesen sind soweit, dass ihre Marken in den westlichen Ländern Käufer finden. Hinzu kommt, dass Autobauer wie Ford und vermutlich auch VW, Elektroautos in China für die Weltmärkte produzieren werden."

Neue Modelle sind ebenbürtig

Changan, Great Wall und Geely sind die drei größten chinesischen Automarken, die kontinuierlich ihre Marktposition ausbauen und in nicht allzu ferner Zukunft auch in Europa mit ihren Produkten aufwarten. Changan kam 2016 auf 1,2 Millionen Neuwagenverkäufe, Great Wall auf 1,07 Millionen. Geely lag – ohne seine schwedische Tochter Volvo – 2016 bei 980.000 Autos und in den ersten beiden Monaten 2017 stiegen die Geely-Verkäufe um 105 Prozent. Die Börse honoriert solche Zahlen. Der Geely-Aktienkurs kletterte in den letzten zwölf Monaten um mehr als 200 Prozent. Weltkonzerne wie VW, GM und Toyota treffen in China auf ernst zu nehmende einheimische Konkurrenz, die längst der Statisten-Rolle entwachsen ist. Autos von lausiger Qualität? Das war einmal. Allein mit seiner Submarke Haval konnte Great Wall seine SUV-Verkäufe 2016 um mehr als ein Drittel auf knapp 940.000 Die neuen Chinesen sind in Qualität, Design und Technik ebenbürtig.

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