Auto-Rückrufe: „Bedenkliches Qualitätsniveau der Branche“

Auto-Rückrufe: „Bedenkliches Qualitätsniveau der Branche“

Die Rückrufquote des ersten Halbjahres 2019 liegt weit über dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre.

Immer mehr Autos müssen wegen Sicherheitsmängeln in die Werkstatt. Autohersteller würden Qualitätsmängel und Unfälle billigend in Kauf nehmen, um ihre Gewinne zu maximieren, meint Autoexperte Stefan Brazel. Welche Mängel derzeit gehäuft auftreten und welche neuen Probleme drohen.

Defekte Airbags, Ausfall der Elektronik oder die Gefahr eines Brandes: Auf den Straßen sind weltweit Millionen von Autos unterwegs, die gefährliche Mängel aufweisen, die von den Herstellern oder deren Zulieferern im Zuge der Produktion verursacht wurden.

Die Problematik spitzt sich laufend weiter zu. Das erste Halbjahr 2019 war diesbezüglich für die Autohersteller und deren Kunden besonders. Denn die sicherheitsrelevanten Mängel sind im Vergleich zum Gesamtjahr 2018 und auch gegenüber 2017 markant gestiegen. Der nun vorgelegten Studie des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach (Deutschland) wurden von Jänner bis Juni 2019 alleine im Referenzmarkt USA 20 Millionen Autos wegen Sicherheitsproblemen zurückgerufen. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2018 mussten in den USA „nur“ 27,8 Millionen Pkw wegen Herstellermängel in die Werkstatt.

Rückrufquote weit über dem Durchschnitt
Die Rückrufquote liegt im ersten Halbjahr 2019 bei 233 Prozent - gemessen an den im selben Zeitraum zugelassenen Neuwagen. Damit liegt die Quote weit über dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre (157 Prozent). Anders ausgedrückt: In den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 wurden 2,3 Mal so viele Autos in die Werkstätten zurückbeordert wie im gleichen Zeitraum neu verkauft wurden.

Rückrufquote hat wieder deutlich angezogen und liegt weit über dem langjährigen Durchschnitt.

Der Rückblick auf das Vorjahr ist zwar besser, aber alles andere als gut. 2018 bewegte sich die Rückrufquote mit 159 Prozent ebenfalls über dem Langfristmittel (2017: 147 Prozent). Ein Großteil der betroffenen zurückgerufenen Modelle bezieht sich entsprechend auf weiter zurückliegende Baujahre.

Diese Hersteller haben die meisten Qualitätsprobleme
Die meisten Qualitätsprobleme gab es laut CAM-Report bei Subaru mit einer Rückrufquote von 664 Prozent. So mussten etwa weltweit 2,3 Millionen Fahrzeuge wegen eines defekten Schalters für die Bremsleuchten in die Werkstatt. Das Problem kann im schlimmsten Fall zu Schwierigkeiten bei der Motorzündung führen. Bei Honda, mit einer Rückrufquote von 512 Prozent, führte bei einzelnen Modellen ein Defekt im Gasgenerator des Beifahrerairbags dazu, dass sich Metallfragmente lösen können und sich in der Folge der Airbag unkontrolliert öffnet. In den USA wurden etliche Fälle dokumentiert, bei denen ein solcher Airbag explodierte, Metallteile herausgeschleudert wurden und dadurch Menschen verletzt wurden.

Rücklehne kann "kollabieren", das Auto Öl verlieren, die Elektronik ausfallen, die Hauptsicherung fehlerhaft sein
Bei Volkswagen liegt die Rückrufquote mit 490 Prozent ebenfalls weit über dem Durchschnitt. So besteht laut der EU-Verbraucherwarnzentrale unter anderem derzeit bei bestimmten Tiguan-Modellen die Gefahr, dass durch Risse im Sitzrahmen, bei einem Unfall die Rückenlehne "kollabiert" Auch eine falsche Hauptsicherung für die Kraftstoffpumpe kann Probleme bereiten. Bei einer Kollision kann dadurch der Brandschutz nicht vollkommen gewährleistet werden. Die Sicherungen werden bereits getauscht. Beim einzelnen Modellen des Beetle, Golf und Polo kann der Nockenwellenversteller ausfallen und es zu einem Ölverlust kommen.

Mit erheblichen sicherheitsrelvanten Problemen haben auch Mazda (417%) und FCA (Fiat Chrysler) (360%) zu kämpfen. Bei BMW (330%) gab es Fälle in denen beim 1, 3, M3, X1 und dem Z4 die Gefahr besteht, dass die Elektronik komplett ausfällt. Laut der EU Produktwarnzentrale Rapex kann es bei einem Totalausfall der Elektronik zum Liegenbleiben auf der Straße kommen (siehe Grafik).

Die mit Abstand höchste Rückrufquote pro Neuzulassung verzeichnete am Referenzmarkt USA die Marke Subaru. Unter den europäischen Herstellern ist VW am weitesten vorne, auch Fiat Chyrsler, BMW und Mercedes sind mit ihren Rückrufquoten deutlich über dem Durchschnitt.

Airbags und Elektronik machen die meisten Probleme
Die größten technischen Mängel verursachen Airbags. Sie sind für rund 50 Prozent der Rückrufe im ersten Halbjahr 2019 verantwortlich. Bereits im Vorjahr waren Airbags zu mehr als 30 Prozent von Rückrufen betroffen. Dabei waren es wiederum vor allem Modelle, die mit den Produkten von Großzulieferer Takata bestückt waren. In den USA mussten deshalb rund 34 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt - es handelt sich dabei um die größte Rückrufaktion seit es Fahrzeuge gibt.

Zwei technische Mängel waren dafür verantwortlich: Der Airbag konnte unvermittelt auslösen oder hat sich nicht komplett aufgeblasen. Betroffen davon waren Modelle von BMW, Fiat Chrysler, Ford, General Motors, Honda, Mazda, Mitsubishi, Nissan, Subaru und Toyota.

„Der Skandal löste einen Dominoeffekt aus, der die zur genaueren Überprüfung der Insassenschutzeinrichtungen führte“, so Stefan Brazel, Studienleiter des CAM-Institutes. Schwierigkeiten bereitet den Herstellern auch die Elektronik. Diese war der Grund für rund 14 Prozent der Rückrufe. Auf Qualitätsmängel beim Antriebsstrang entfielen 20 Prozent, während neun Prozent der Lenkanlage, 6,5 Prozent der Karosserie, vier Prozent der Bremsanlage zugeordnet werden konnten.

Die zuverlässigsten Hersteller
Unter dem Durchschnitt, also deutlich weniger Rückrufe als bei anderen Autoherstellern, gab es bei Nissan. Die Rückrufquote beträgt 12 Prozent, bei General Motors sind es 33 Prozent und bei Mitsubishi 37 Prozent. Obwohl Tesla immer wieder wegen technischer Mängel in die Schlagzeilen geraten ist, ist die Rückrufquote mit 83 Prozent vergleichsweise moderat. Ebenfalls eine vergleichsweise geringe Rückrufquote weisen Hyundai, Toyota und mit einigem Abstand auch Volvo (181 Prozent) und LandRover (201 Prozent) auf.

Schlechte Langfristbilanz
Langfristig betrachtet (zwischen 2011 und 2018) können nur wenige Hersteller bei den Rückrufen eine gute Bilanz vorlegen. In dieser Zeit wurden mit über 258 Millionen Fahrzeuge eine gigantische Menge an Autos wegen sicherheitsrelevanter Mängel in die Werkstatt beordert. Im Mittel aller Hersteller lag die Rückrufquote bei 190 Prozent. Die größten Probleme hatten zwischen 2011 und 2018 die japanischen Hersteller Honda, Mitsubishi und Mazda. Diese mussten im Schnitt jedes Jahr mehr als dreimal so viele Fahrzeuge zurückrufen als sie Neufahrzeuge verkaufen konnten.

Volvo und Jaguar Land Rover haben sich in der Vergangenheit gut gehalten
Zu den Negativ-Spitzenreitern zählen in diesem Zeitraum auch Ford, Fiat Chrysler (FCA), BMW und Toyota. Die mit Abstand besten Rückrufquoten erzielen dagegen Volvo mit 46 Prozent und Jaguar Land Rover mit 79 Prozent. Deutlich besser als der Durchschnitt sind auch Nissan und Mercedes mit Quoten von 119 und 120 Prozent. Der Volkswagen Konzern kommt im Mittel auf 150 Prozent ähnlich wie der Wettbewerber Hyundai
Bei der Rückrufmenge belegen Honda, FCA, Ford, Subaru und Volkswagen die Spitzenplätze im Negativranking, die zwischen vier und 1,5 Millionen Autos in die Werkstätten beordern müssen.

Rückrufe nur die Spitze des Eisbergs
Doch die durch Rückrufe bekannten sicherheitsrelevante Mängel stellen laut Studie meist nur die Spitze des Eisbergs dar. Hinzu käme eine große Zahl stiller Rückrufe oder Serviceaktionen, die in den offiziellen Zahlen nicht enthalten sind.


Bedenkliches Qualitätsniveau der Branche

"Wenn zehn von 16 der untersuchten Hersteller 2018 wegen sicherheitstechnischer Mängel mehr Fahrzeuge zurückrufen müssen als diese im gleichen Zeitraum verkauft haben, ist das ein bedenkliches Qualitätsniveau der Branche", so CAM-Professor und Studienleiter Stefan Brazel. Er fordert einen Paradigmenwechsel im Qualitätsmanagement der Automobilhersteller und warnt: „Das Risiko großer Rückrufaktionen ist durch marken- und modellübergreifende Plattform- und Gleichteilestrategien und globale Produktionsnetzwerke erheblich gestiegen.“

Agieren Autohersteller fahrlässig?
„Das Qualitätsmanagement vieler Automobilhersteller trägt den neuen globalen Anforderungen an die Produktsicherheit nicht Rechnung“, kritisiert Brazel weiter. Manche Hersteller und Zulieferer hätte es nur auf kurzfristige Gewinnmaximierung abgesehen und würden auf Qualitätsmängel nur reagieren, statt sie gar nicht aufkommen zu lassen. Manche wären, wie Mängel an Airbags gezeigt hätten, sogar bereit Unfälle in Kauf zu nehmen.

Vernetztes Fahren: Cybersecurity wird zum Sicherheits- und Qualitätsthema
Die Zukunft hält noch einige neue Probleme parat. So werden Elektromobilität, Vernetzung und (teil-)autonome Fahrfunktionen das Nutzerverhalten verändern und dadurch auch in erheblichem Maße die Risiken erhöhen. Brazel: "Die Cybersecurity von Fahrzeugen wird zum großen Sicherheits- und Qualitätsthema der Branche aufsteigen, das wesentlich über die Akzeptanz von neuen Wachstumsfeldern der Automobilindustrie entscheiden wird“

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