"Lieferkette von und nach Asien reißen"

Die Unternehmen, die von und nach Asien liefern, sind meist noch mit keinen großen Liefer- oder auch Produktionsausfällen konfrontiert. Was Logistikexperten erwarten, wovor sie warnen. Rund 70 Prozent der Waren für Endkonsumenten kommen bereits aus Asien.

"Lieferkette von und nach Asien reißen"

In vier bis fünf Wochen wird sich zeigen, ob die Lieferkette nach Asien hält.

Zu Beginn der Pandemie spürten viele Unternehmen, die in Asien produzieren oder nur Lieferungen von dort erwarten, kaum Auswirkungen. „Wir hatten zwar einen höheren Aufwand, es hat mehr Abstimmung und Telefonaten bedurft, aber die Auswirkungen waren gering. Der Wahnsinn stabilisiert sich in China“, erzählt Myriam Glatz, Logistikexperten von RHI Magnesita noch im März 2020, die gemeinsam mit anderen Logistikexperten in der FH BFI Wien über die Auswirkungen des Corona-Viruses auf die heimische Wirtschaft und deren Lieferketten sprachen. Schließlich werden 98 Prozent der Waren aus und nach China auf dem Seeweg transportiert.

80 Prozent der Fabriken in China haben rasch wieder produziert, wenn auch viel Personal fehlte
Durch das chinesische Neujahrsfest, anlässlich dessen sich 385 Millionen Wanderarbeiter sich auf den Weg zu ihren Familien gemacht haben, wurden zuvor von den Firmen entsprechende Vorräte an Waren angelegt. Nach dem Abebben der ersten Krankheitswelle haben im Schnitt 80 Prozent der Fabriken in China wieder geöffnet, so Harald Nitschinger, Mitbegründer des Risikoanalyse-Start-ups Prewave. In der am meisten betroffenen Region Hubei, in der es bereits 2.621 Tote gibt, haben jedoch erst wieder 56 Prozent der Fabriken ihre Pforten geöffnet. „Viele der Arbeiter, die wegen des Neujahresfestes in eine andere Provinz gefahren sind, können jedoch nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Namhafte Unternehmen, darunter viele auch aus Europa, in Huwai sind auch deshalb nur teilsweise produktionsfähig“, erläutert Nitschinger. Außerhalb Chinas gab es zudem temporäre Werksschließungen, etwa von Magna Graz oder Jaguar Landrover. Unter den Autoherstellern seien vor allem Nissan, Hyundai und Kia derzeit stark in der Produktion eingeschränkt. „Durch die in der Branche üblichen ‚Just in time‘ – Produktion ist die Automobilbranche ein guter Gradmesser für die Auswirkungen des Virus auf die Produktion“, so Andreas Breinbauer, Rektor des BFI Wien und Leiter der Studiengänge „Logistik und Transportmanagement“.

Deutlich weniger Schiffe verlassen Häfen in China
In China war trotz Verbesserungen für viele Unternehmen aber lange nicht alles beim Alten. Ende Februar hatten noch immer deutlich weniger Schiffe die Häfen Richtung Europa, USA und innerhalb Asiens verlassen. So ist in Shanghai die Zahl der Container-Schiffe, die den Hafen verlassen, alleine Mitte Februar um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gefallen, so die Rating-Agentur Moody´s. 21 Schifffahrten wurden etwa auf der USA-Asien-Transpazifik-Route gestrichen. Reedereien wie Hapag-Lloyd und Maersk haben in den vergangenen vier Wochen 33 Containerschiffabfahrten aus Asien nach Nordeuropa storniert - was laut der Pariser Beratungsfirma Alphaliner einer Quote von 46 Prozent entspricht. Der Grund: Die schwächere Nachfrage in China. Insgesamt könnte nach Angaben des Schifffahrtsdaten-Spezialisten Alphaliner die Kapazitäten dieser sogenannten Leerverschiffungen, also abgesagten Abfahrten, auf über 1,6 Millionen TEU steigen. Die sinkenden Kapazitäten soll auch der Preisverfall der sogenannten Spot-Rate sich in Grenzen halten. Viele chinesische Häfen sind zudem ein großer Umschlagplatz für Lieferungen innerhalb Asiens. Der innerasiatische Transport mit Schiffen ist mit 70 Millionen TEUs der größte Container weltweit. Noch hält sich nach Ansicht von Experten der Schaden in Grenzen.


Am Hamburger Hafen waren lange keine Veränderungen spürbar

So manches Unternehmen, das nach Asien, speziell nach China liefert oder dort produzieren, ist vor allem zu Beginn der Pandemie noch mit einem blauen Auge davonkommen. Denn die Lieferketten waren zunächst zwar unterbrochen oder stocken, waren aber noch nicht gerissen. „Am Hamburger Hafen sind noch keine Veränderungen spürbar“, meint Alexander Till, Leiter der Repräsentanz des Hamburger Hafens in Wien. Die Schiffe sind jedoch auch fünf bis sechs Wochen unterwegs. „Erste Auswirkungen können aber bald spürbar werden", erwartete Till.

Waren aus Asien wie Kleidung und Elektronikgüter werden knapp
Die Folge: Das Warenangebot aus China wird sich verknappen. Vom Handy, über Nahrung bis hin zu Bekleidung kommen laut Schätzungen gut 60 Prozent der Produkte für den Endkonsumenten aus Asien. So dürfte in Europa und den USA auch Kleidung knapp werden. "Wenn die Produktion in China nicht zeitnah wieder in gewohnter Kapazität anlauft, wird es nicht möglich sein, die Versorgung mit neuer Bekleidung stabil zu halten, da bestehende Kapazitäten in Europa und Nordafrika nicht ausreichen", so der deutsche Textilhandels-Experte Peter Rinnebach gegenüber einem Branchendienst.

Auch Lieferungen nach Asien werden problematisch
Hinzu kommt, laut Till, dass viele Containerschiffe aus Asien im Februar vielfach nur zur Hälfte ausgelastet waren und die Zahl der auslaufenden Schiffe reduziert wurde. „Deshalb werden später auch die Schiffskapazitäten für den Export von Europa nach Asien in vier bis fünf Wochen fehlen“, warnt Hafen-Experte. Bleibt es bei den bisherigen Ausfälle könnten diese aber durch Schiffe, etwa durch Charter aus dem Mittleren Osten, ersetzt werden.

"Wir befinden uns derzeit wieder in einer Phase, die planbar ist", so Günter Gruber von Semperit im Februar. Es gibt Verzögerungen, Einschränkungen, aber die Lage ist beherrschbar. Das kann sich aber rasch ändern, wenn etwa im China-Werk ein Corona-Fall auftritt und das Werk geschlossen werden muss“, so Semperit-Transport-Spezialist Gruber.


Lieferabrisse von und nach Asien

Experten, Lieferketten abreißen befürchten Experten. Abstimmungs- und Kommunikationsprozesse in mehrstufigen Lieferketten gestalten sich bei vielen Unternehmen zunehmend schwieriger. Das passiert, wenn die Schwankungen des Warenbestandes immer größer werden. Mit einer Entspannung der Lage ist sobald nicht zu rechnen. Die Beladung der Containerschiffe in China gerät zunehmend ins Stocken. Sollten die Kapazitäten in Folge der Krise weiter schrumpfen, prognostizierte Till mit einem Anstieg der Preise für die Seefracht zu rechnen.

Absatz in China bricht weg
Unternehmen stehen jedoch nicht nur vor der Schwierigkeit produktions- und lieferfähig zu bleiben. Vielen bricht auch der Absatzmarkt China weg. So ist bei manchem europäischen Autoherstellern der Absatz im Land der Mitte um rund 70 Prozent eingebrochen. Adidas klagt in China gar über Umsatzeinbußen von 85 Prozent. Bei Apple und anderen Tech-Artikel-Herstellern ist der China-Umsatz praktisch komplett weggebrochen.

Lieferkette nachhaltiger gestalten
Fragt man bei Unternehmen nach, wie sehr ihre Lieferkette betroffen ist, stößt man nach Erfahrung von Trend.at und auch vom Logistik-Rektor Breinbauer auf eine chinesische Mauer der österreichischen Art. „Alles kein Problem, wir sind breit aufgestellt, die Lieferkette wird ständig optimiert“, lautet vielfach die Standardantwort. Doch hinter den Kulissen wird die bestehenden Lieferketten nun tatsächlich in Frage gestellt, wie Logistiker an den Informationsabend an der Logistik-FH mitunter einräumten.
Schließlich haben viele Unternehmen, durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, ihre Frachten beispielsweise immer mehr über Online-Plattformen in Anspruch genommen. Auf solchen können Unternehmen per Mausklick Frachten rasch buchen. Möglicher Nachteil: Langjährige Beziehungen zu Transport- und Logistikunternehmen, die auf Überseefrachten spezialisiert sind, wurden so jedoch gekappt oder gar nicht erst aufgebaut. „Jetzt fällt so manchem Unternehmen die fehlende Digitalisierung auf den Kopf“, meint Logistik-Fachmann Breinbauer. Eine Möglichkeit die Lieferkette nachhaltiger zu gestalten, wäre zumindest Teile der Waren mit der Bahn zu transportieren. Für die RHI kommt eine solche Alternative jedoch nicht in Frage. Der Transport per Schiene wäre zum einen zu teuer und die Feuerfest-Materialien für diese Art des Transportes nicht geeignet.

Jahrelange Partnerschaften mit Logistikern machen sich in Krisen bezahlt
Semperit setzt dagegen seit Jahren auf langjährige Partnerschaften bei seinen Logistikpartnern. „Diese haben in der Krise auch von sich aus reagiert und selbstständig Lösungsvorschläge geliefert, um logistische Probleme zu lösen. Wer bei Problemen erst selbst neue Transportmittel in Erfahrung bringen muss und überlegen muss, wann er am besten eine Entscheidung trifft, verliert rasch einen Tag, um eine Entscheidung zu treffen“, erklärt Semperit-Logistikprofi Gruber. Das wäre zwar absolut gesehen, nicht dramatisch, „aber wenn ein Konkurrent schneller reagiert, ist der Auftrag unter Umständen verloren." Hinzu käme bei so manchem Unternehmen, dass „sas Wissen über die Logistikkette in seiner Tiefe oft nicht mehr vorhanden ist“, bemerkt Hafenspezialist Till.

Den Vorgaben der Kunden ausgeliefert
Aber selbst wenn Unternehmen gerne einen neuen oder zusätzlichen Zulieferer suchen möchten, etwa in einem anderen Land, um die Lieferkette breiter aufgestellten, ist das nicht immer möglich. „Unsere Lieferanten sind von unseren Kunden fix vorgegeben, wir haben daher keine Alternativen entscheiden“, erläutert Markus Safranek, Logistiker beim burgenländischen Autozulieferer Melecs.

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