Fachkräftemangel: Fehlende Ausbildungsplätze sind schuld

Fachkräftemangel: Fehlende Ausbildungsplätze sind schuld
Fachkräftemangel: Fehlende Ausbildungsplätze sind schuld

Fachkräfte von morgen: Schüler schauen bei Schnuppertagen einem Schweißer bei der Arbeit über die Schulter.

In regelmäßigen Abständen beklagen Österreichs Unternehmen, ihnen fehlen die Fachkräfte. 58 Prozent hätten diese Probleme, heißt es im aktuellen EY-Mittelstandsbarometer. Arbeitsmarktexperten zufolge mangelt es aber weniger an Fachkräften als an guten Ausbildungsmöglichkeiten. Zudem sei das Interesse der Unternehmen gering, in Humankapital zu investieren.

Händeringend suchen Unternehmen meist nach Fachkräften; es herrscht bekanntermaßen Mangel, so das einstimmige Credo der Arbeitgeber. In Anbetracht von derzeit fast 500.000 arbeitslosen Österreichern - inklusive Schulungsteilnehmer - verwundert dies auf den ersten Blick. Doch laut dem aktuellen Mittelstandsbarometer des Beratungsunternehmen EY fällt es 58 Prozent der österreichischen Mittelstandsunternehmen eher schwer oder schwer, geeignete Fachkräfte zu finden. Die Hälfte aller 900 befragten Unternehmen beklagt derzeit Umsatzeinbußen infolge des Fachkräftemangels. EY-Country-Manager Helmut Maukner geht von einer Größenordnung von zwei bis drei Milliarden Euro aus, "wenn wir in Österreich alle offenen Stellen besetzen könnten".

Ein ähnliches Bild zeichnet die Industriellenvereinigung (IV). Dort sieht man "auf jeden Fall einen Fachkräftemangel", vor allem bei den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). "Eine Umfrage bei 87 Leitbetrieben ergab, dass jedes vierte Unternehmen weitere Jobs zu vergeben hätte", sagt Peter Koren, Vize-Generalsekretär der IV. Acht von zehn Betrieben hätten laut der Umfrage Rekrutierungsprobleme. Keine Probleme bei der Nachbesetzung von Stellen gebe es hingegen bei Jobs in der Verwaltung.

Heterogener Arbeitsmarkt als Herausforderung

Doch zunächst muss man sich fragen, was man unter einem Fachkräftemangel eigentlich versteht. IHS-Ökonom Helmut Hofer bevorzugt den Begriff "Personalmangel". "Unternehmen sagen, sie haben Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Doch dass man darauf automatisch auf einen Fachkräftemangel schließt, kann es auch nicht sein. Es gibt eher einen Personalmangel, oft auch aufgrund von regionalem Mismatch." Hofer rät, den Begriff Fachkräftemangel nur im gleichen Atemzug mit dem Beruf zu nennen und nicht allgemein für ganz Österreich einen Fachkräftemangel zu unterstellen.

Zudem sei die Arbeitswelt heute stark heterogen, die Nachfrage nach immer stärker spezialisierten Arbeitskräften nehme zu und es mangle laut Hofer an guten Ausbildungsmöglichkeiten. Dies belegt die Statistik: Die Zahl der Lehrbetriebe schrumpfte von 2002 bis 2015 um knapp 8.700 Betriebe auf rund 30.000. Die Zahl der Lehrlinge ging ebenfalls stark zurück (siehe Grafik). Die Diskrepanz zwischen Lehrstellensuchenden und offenen Lehrstellen macht das Problem noch deutlicher: So kamen 2015 im Durchschnitt auf 3.335 offene Lehrstellen fast mehr als doppelt so viele Lehrstellensuchende, nämlich 6.256.

Hofer zufolge bestehe eine "Mismatch-Arbeitslosigkeit: Es gibt sehr wohl gewisse Bereiche, in denen ein Mangel an Arbeitskräften herrscht. Dazu zählen technische Berufe in der Industrie, Ingenieur-Berufe, spezielle Schweißer. Gerade in der industriellen Fertigung änderte sich in den vergangenen Jahren eine Fülle von Tätigkeiten, vor allem durch Digitalisierungsprozesse - Stichwort "Industrie 4.0". Die Ausbildung kommt mit der Entwicklung von digitalen Berufen in der Industrie nicht mehr nach: "Bildungsinhalte sind oft nicht hinreichend an den Zukunftsanforderungen orientiert, da braucht es die Kooperation zwischen Wirtschaft und Industrie, welche Bildungsinhalte gefragt sind", sagt EY-Manager Maukner. Auch Mediziner oder diplomiertes Pflegepersonal werden Hofer zufolge gebraucht.

Keine Meldepflicht für offene Stellen

Den Fachkräftemangel empirisch zu belegen ist schwierig. Laut Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) herrscht ein Missverhältnis zwischen offenen Stellen und vorgemerkten Arbeitslosen: Im vergangenen Jahr standen im Schnitt 66.600 unbesetzte Stellen 354.332 Arbeitslosen gegenüber. Grundsätzlich haben Unternehmen aber keine Meldepflicht für offene Stellen - und es gibt neben dem AMS eine Vielzahl von anderen Kanälen, um freie Stellen zu besetzen: Jobs werden intern vergeben oder man setzt auf Headhunter.

"Es kann schon immer wieder mal vorkommen, dass sich etwa ein Elektriker auf eine Stelle bewirbt, aber dann nicht die 'geeignete Qualifikation' hat", sagt Ernst Haider vom AMS. "Und natürlich gibt es Stellen, für die es wenig Bewerber gibt." Im Schnitt dauert es vier bis sechs Monate, bis eine Fachkraftstelle besetzt wird.

Diplomiertes Pflegepersonal gehört laut WKO 2016 zu den sogenannten "Mangelberufen".

Dem Mangel annähern kann man sich mit einem anderen Indikator, der Stellenandrangziffer. Sie gibt an, wie viele arbeitssuchende Personen auf eine offene Stelle kommen. 2015 lag sie im Schnitt bei 12,1. Das heißt, rund 12 Menschen konkurrierten um eine Stelle. Ihren niedrigsten Stand hatte sie im September 2015: In diesem Monat bewarben sich "nur" 9,5 Menschen auf eine offene Stelle. Daran wird der enorme Wettbewerb am Arbeitsmarkt sichtbar.

Gleichzeitig darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass knapp die Hälfte aller vorgemerkten Arbeitslosen hierzulande nur über einen Pflichtschulabschluss verfügt. Bei Personen mit Lehrabschluss lag die Quote 2015 bei 7,8 Prozent. Arbeitslose Akademiker gibt es hingegen viel weniger: Bei ihnen beträgt die Arbeitslosenquote 3,4 Prozent. Laut IV-Vize Koren werde im MINT-Bereich aber "von der Fachkraft bis zum akademisch Graduierten alles gesucht".


"Solange Unternehmen nicht bereit sind, mehr Gehalt zu zahlen für einen neuen Arbeitnehmer, solange kann ich nicht von einem Fachkräftemangel sprechen"

Der Ansicht der Industriellenvereinigung widerspricht Gernot Mitter, Senior Expert für Arbeitsmarktpolitik bei der Arbeiterkammer Wien. "Wir haben in Österreich keinen Fachkräftemangel, sondern einen Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten für schlecht qualifizierte Arbeitssuchende." Mitter argumentiert mit dem klassischen Angebot-Nachfrage-Modell: Gäbe es einen Mangel an Fachkräften, müssten die Löhne für diese Stellen steigen. "Solange Unternehmen nicht bereit sind, mehr Gehalt zu zahlen für einen neuen Arbeitnehmer, solange kann ich nicht von einem Fachkräftemangel sprechen", sagt Mitter. Von den Unternehmen gehe insgesamt ein zu geringes Interesse aus, Humankapital zu investieren.

Suche nach Fachkräften im Ausland

Um geeignete Fachkräfte zu finden, sucht die Politik auch im Ausland. Es gibt in Österreich die sogenannte "Fachkräfteverordnung", die jedes Jahr für eine bestimmte Anzahl von Berufen in Kraft tritt. Das heißt, in diesen "Mangelberufen" sollen ausländische Fachkräfte angeworben werden. Laut Wirtschaftskammer sind dies 2016 acht Berufe, unter anderem Fräser, Diplomingenieure, Dachdecker und diplomierte Krankenpfleger. Von einem Mangelberuf spricht man dann, wenn sich nicht mehr als 1,5 Arbeitssuchende pro offener Stelle bewerben. Doch auch daran äußern Experten Kritik. "Das ist kein perfekter Indikator, weil es das Problem gibt, dass man nicht alle offenen Stellen kennt", sagt IHS-Ökonom Hofer.

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