Eliten "retten" Europa – Junge versinken in Agonie

Eliten "retten" Europa – Junge versinken in Agonie

"Der Europäische Traum", titelte der US-Autor und Politikberater Jeremy Rifkin im Jahr 2004 sein Buch über "Die Vision einer leisen Supermacht". Heute, acht Jahre und eine weltweite Finanzkrise später, steht dieser Traum vor dem Scheitern.

2004. In seinem Buch schwärmt Rifkin davon, dass Europas Arbeits- und Sozialpolitik humaner ist, als die der USA und die Lebensqualität der Menschen höher. Europa sei so etwas wie ein gigantischer Laborversuch, der als Modell für die ganze Welt dienen könnte.

2012. Während Europas Politiker Feuerwehr spielen und von einem Krisengipfel zum nächsten düsen, versinken Millionen von Menschen in Agonie. Die Rede ist von jenen fast 26 Millionen Männern und Frauen, die in der Europäischen Union der 27 keinen Job haben. Immerhin fast elf Prozent der Einwohner des alten Kontinents.

Noch schlimmer ist die Lage unter den jungen Europäern. Fast ein Viertel von Ihnen, in Griechenland sind es gar 57 %, haben keine Arbeit – Tendenz steigend (1) Brutal formuliert sind 5.678.000 junge Menschen unter 25, die schon am Anfang ihres Lebens gescheitert sind. Job- und vielfach auch perspektivenlos müssen sie zusehen, wie Europas Politik Milliarden und Abermilliarden in den Finanzsektor pumpt um den Geldkreislauf am Leben zu erhalten, oder wie im Fall Griechenlands den Staat vor einer Pleite zu bewahren.

Das Schlimme daran ist nicht so sehr die Tatsache, dass Europas Politiker versuchen der Krise Herr zu werden, sondern das "Wie" Sie es machen. Mit aufgezwungen Sparpaketen sollen die wankenden Länder auf den Pfad der Tugend zurückgezwungen werden, mit dem Effekt, dass die Wirtschaft der jeweiligen Länder immer tiefer in die Rezession schlittert und die Arbeitlosenzahlen in schwindelerregende Höhen steigen. Die vielbeschworene europäische Solidarität besteht meist nur in einem gegenseitigen Schulterklopfen beim obligatorischen Brüsseler Abendessen.

Jeder vierte Europäer von Armut bedroht

Das, in der Agenda 2020 formulierte Ziel , die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen in Europa um 20 Millionen zu senken ist in weite Ferne gerückt. Im Gegenteil: Zwischen 2009 und 2011 stieg die Zahl der Betroffen sogar von 113,767auf 119,621 Millionen Menschen. Auf gut Deutsch: Nahezu jeder vierte Europäer ist mittlerweile von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Angesichts dieser Zahlen, darf es eigentlich nicht verwundern, dass die Enttäuschung über Europa wächst, die Wut der Menschen zunimmt und der Zustrom den radikale Parteien verzeichnen täglich größer wird.

Wenn man die in Rifkins Buch formulierten Thesen vom europäischen Traum einer friedlichen, gerechten und humanitären Gesellschaft als Ziel heranzieht, bleibt nur ein Fazit: Europa ist gescheitert . Gescheitert an der Perspektivenlosigkeit der handelnden Akteure, gescheitert an seinem eigenen, aus nationalstaatlichen Eifersüchteleien kommenden, Unvermögen sich stetig in Richtung einer echten Union weiterzuentwickeln.

Gescheitert? Vielleicht noch nicht endgültig, aber es ist nur noch ein kleiner Schritt bis zum endgültigen Aus für den "Europäischen Traum".

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