Die größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte

Die größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte

Dem relativ jungen Problem der steigenden Lebenserwartung ist nur mit einem Pensionsmodell nach schwedischem Muster beizukommen.

Die Diskussion um Budgetloch und Pensionsreform ist getragen vom Prinzip Hoffnung. Man glaubt: Es bedarf nur eines Anstiegs des Antrittsalters und dann wären die Probleme gelöst.

Wie ein solcher Anstieg zustandekommen soll, bleibt zwar unbekannt, aber dafür einem Pensionsmonitoring unterworfen. Als verstärkter Anreiz denkt die Regierung ein Bonus-Malus-System für Betriebe an. Eine vorzeitige Erhöhung des Frauenantrittsalters wird jedoch nicht in Betracht gezogen. Und weitere Reformüberlegungen werden nicht einmal andiskutiert, denn sie erscheinen den Regierungspolitikern nicht notwendig.

Dieser Ansatz wird weder zu einer langfristigen Sicherung der Pensionsfinanzen noch zur Stabilisierung der Bundeszuschüsse führen.

Denn selbst wenn ein Anstieg des effektiven Pensionsantrittsalters um zwei Jahre bis 2018 und ein weiterer Anstieg um noch einmal zwei Jahre bis 2030 stattfände, wären ohne zusätzliche Reformen die Probleme nicht beseitigt.

Ein Anstieg des Antrittsalters bringt zunächst höhere Beiträge und geringe Pensionsausgaben der Altersgruppe - danach aber jedes Jahr höhere Ausgaben, da die Pensionsansprüche durch die zusätzlichen Beiträge ansteigen. Das gilt auch für die folgenden Altersgruppen. Im Ergebnis führt ein höheres Antrittsalter bei steigenden Pensionsansprüchen daher nur zu mäßigen Einsparungen, wobei diese am Beginn anfallen, die höheren Ausgaben jedoch dann erst später.

Bei der üblichen Einnahmen-Ausgaben-Betrachtung des Pensionssystems wird damit kurzfristig eine finanzielle Verbesserung suggeriert und die mangelnde langfristige Nachhaltigkeit vorerst verschleiert. Bis zum Jahr 2030 steigt die Lebenserwartung aber um weitere vier Jahre für die Neugeborenen an und davon ein großer Teil ab Pensionsantritt. Damit wird ein effektiver Anstieg des Pensionsalters neutralisiert und dies bei höheren Ausgaben.

Damit bei steigender Lebenserwartung das finanzielle Gleichgewicht bewahrt wird, bedarf es einer Erhöhung des Antrittsalters bei konstanten Pensionsleistungen. Ist das System defizitär, müsste zur Defizitverringerung die Pensionshöhe sogar gesenkt werden. Die ab 2014 eingeführten Leistungskonten,also das sogenannte "Pensionskonto“, weisen für jedes Individuum den Eurobetrag der bisher erworbenen Pensionsansprüche aus. Damit bedürfte eine Anpassung der Pensionsleistungen einer nominellen Kürzung in den Leistungskonten - wohl ein Ding der politischen Unmöglichkeit.

Die jüngste Pensionsreform hat somit eine Lösung des Problems der Finanzierung bei einem Altern der Bevölkerung erschwert.

Wie kann man den geistigen Riegel in den Politikerköpfen beseitigen? Vielleicht durch den Hinweis, dass ein Altern der Bevölkerung und ein Anstieg der Lebenserwartung kein vorübergehendes Problem ist, das man aussitzen kann.Sondern ein Phänomen, welches vergleichsweise neu ist (kaum 200 Jahre alt), für das noch kein Ende absehbar ist, und das wahrscheinlich die größte sozio-ökonomische Herausforderung der Menschheitsgeschichte darstellt. Dies erfordert umfassende Reformen aller gesellschaftlichen Institutionen - von den ältesten wie jener der Ehe bis zu einer der jüngsten, eben jener der staatlichen Alterssicherung.

Gibt es ein Pensionssystem, das einem stetigen Anstieg der Lebenserwartung gerecht wird? Ja, es existiert. Und es kann durch den einfachen, aber wichtigen Umstieg von den Leistungskonten zu den Beitragskonten erzielt werden. Dort werden die Beiträge akkumuliert und die Beitragssumme bei Pensionsantritt durch die Restlebenserwartung geteilt - dies ergibt dann die Erstpension. Solche Individualkonten auf Umlagebasis bestehen bereits in Schweden und anderen Ländern. Sie sind der Vorschlag der österreichischen Pensionsreforminitiative, die von über 50 Persönlichkeiten aller politischen Lager unterzeichnet wurde.

Einem stetigen Anstieg der Lebenserwartung muss proaktiv begegnet werden. Das Problem zu bewältigen ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance - auch für die Sozialpartnerschaft. Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.

- Robert Holzmann, ehemaliger Direktor der Weltbank für den Bereich Soziale Sicherheit und Arbeit, hält den Lehrstuhl für Alterssicherung an der Universität von Malaysia in Kuala Lumpur.

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