Crashgefahr: Warnungen vor einem Szenario wie 2007

Crashgefahr: Warnungen vor einem Szenario wie 2007

Was tun mit dem Geld? Am besten unter dem Kopfpolster verstecken?

Trügerische Ruhe an den Aktienmärkten, Real- und Finanzwirtschaft driften auseinander, Konjunkturflaute in Europa - steuert die Welt auf einen neuen Finanzcrash zu?

Alarm an den Finanzmärkten. Zwei aktuelle Studien schrecken auf. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), eine Art Super-Notenbank von 60 Nationalbanken, warnt in ihrem jüngsten Quartalsbericht vor besorgniserregenden Entwicklungen an den Kapitalmärkten, die einen veritablen Crash zur Folge haben könnten. Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sieht in ihrer aktuellen Konjunkturprognose die Gefahr einer plötzliche Talfahrt der Aktienbörsen. Deren momentane Euphorie beruht wohl "wieder einmal“ auf falscher Risikobewertung, meinen die Experten, weshalb eine "jähe Kurskorrektur“ droht. Besondere Brisanz erhält vor allem die BIZ-Studie dadurch, dass dieses Institut als eine der wenigen Einrichtungen schon 2007 frühzeitig vor der kommenden Finanzkrise gewarnt hat. Allerdings vergeblich. Beiden Untersuchungen ist gemein, dass sie nicht mit Kritik an der Niedrigstzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sparen, die damit die Situation noch verschlimmere. Die niedrigen Zinsen treiben zwar die Aktienkurse, führen Europa aber nicht nachhaltig aus dem Wellental.

Lahme Konjunktur und keine Aussicht auf entscheidende Besserung.

Die lockere Geldpolitik der Notenbanken, ein aktuell weltweites Phänomen, bringt laut den OECD-Leuten für die Konjunkturentwicklung weniger als erwartet. In ihrem Bericht verweisen sie außerdem auf eine Reihe von geopolitischen Risiken: die Krise in der Ukraine, Spannungen im Nahen Osten und das ungewisse Ergebnis des Referendums in Schottland. Alles mit potenziell negativen Folgen für das Wachstum. Die Lage in der Eurozone ist durchaus besorgniserregend. Für 2014 erwartet die OECD nun ein Wachstum von 0,8 Prozent. Das sind 0,4 Prozentpunkte weniger als noch im Mai. Auch diverse andere Vorausblicke wurden zuletzt nach unten korrigiert.

Als Gegenmaßnahme regt die OECD den Kauf von Wertpapieren im großen Stil durch die EZB an. Dies wäre wirkungsvoller als der niedrige Leitzins - und eine Maßnahme, um die Konjunktur im Euro-Raum anzuschieben. Die zu geringe Inflation stellt eines der Hauptrisiken dar. Zusammenfassend ist von einem "moderaten und unsteten“ Wachstum die Rede. Die Entwicklung in großen Volkswirtschaften klafft noch dazu zunehmend auseinander. Für die Vereinigten Staaten wird 2015 ein Anstieg des BIP von 3,1 Prozent erwartet. Im laufenden Jahr sollen es 2,1 Prozent werden. Aber in Europa befindet sich die Realwirtschaft in der Krise.

Auf Kapitalmärkte lauern Gefahren, die auch Kleinanleger bedrohen.

Laut der BIZ kommt es derzeit auf den internationalen Kapitalmärkten zu ungewöhnlich geringen Schwankungen - obwohl geopolitische Ereignisse diese eigentlich erwarten ließen. Erklärt wird das damit, dass die Anleger auf der Suche nach einträglichen Renditen im Niedrigzins-Umfeld die Preise an den Finanzmärkten in die Höhe getrieben haben - und mangels Alternativen drinnen bleiben. Manche Schwellenländer könnten durch diesen Boom destabilisiert werden. "Das hohe Volumen und die Konzentration an verwaltetem Vermögen von Fondsanbietern, das sich auf relativ kleine und illiquide Anlagemärkte in Schwellenländern konzentriert, sind ein Anlass zur Sorge.“ Die Gefahr: Kühlt die Konjunktur in diesen Ländern ab, etwa in Indonesien, könnten die ausländischen Fondsgesellschaften ihre Milliarden rasch wieder abziehen. Das würde zu massiven Verwerfungen führen, inklusive Währungsabwertungen. Leidtragende wären nicht zuletzt die Kleinanleger, die mit dramatischen Kurseinbrüchen und einer Sogwirkung auf die weltweiten Finanzmärkte rechnen müssten. Außerdem: Auch die etablierten Börsen in Europa stehen keineswegs auf sicheren Beinen.

Alarmsignal: US-Nobelpreisträger Robert Shiller hat eine Bewertung von Aktienkursen entwickelt, die einen möglichen Börsencrash anzeigt. Die rote Gefahrenlinie ist bereits überschritten.

Gefährliche Entkoppelung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft.

Auf der einen Seite stagniert die Realwirtschaft, auf der anderen Seite steigen die Preise von Finanzprodukten, insbesondere von Aktien. Die Entkoppelung verstärkt sich wieder. Der Wert aller US-Aktien hat das Volumen des amerikanische BIP inzwischen deutlich überschritten. Der europäische Index EuroStoxx stieg über die letzten zehn Jahre um 83 Prozent, während sich die Wirtschaftsleistung der Eurozone um nicht einmal neun Prozent erhöhte. Uni-Professor und Investor Max Otte meinte in einem FORMAT-Interview: "Ich halte zwei Szenarien für möglich. Es gibt viele Anzeichen, dass wir sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise auf einen neuen Kulminationspunkt zugehen und die Lage wirklich hässlich wird. Es ist aber ebenso möglich, dass die Phase des Weiterwurstelns andauert.“ Der Chef der UNO-Organisation UNCTAD, Mukhisa Kituyi, sieht angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Ungleichgewichte und der Preisblasen in verschiedenen Sektoren "beunruhigende Parallelen zur Finanzkrise 2008“. Mit der Sparpolitik würden die Regierungen die Nachfrage bremsen. Das billige Geld der Notenbanken werde vor allem für Spekulationen an den Börsen genützt statt für Investitionen in die Realwirtschaft.

ROBERT SHILLER: Der Nobelpreisträger hat vor dem Platzen der US-Immobilienblase 2007 gewarnt.

Die Jagd nach Renditen treibt die Aktienkurse dennoch weiter nach oben.

Trotz der Mahnungen bleiben Finanzmarktanalysten optimistisch. Sie sehen zumindest keine fundamentale Gefährdung der Aktienmärkte. Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group: "Ich teile die Prognosen der BIZ nicht. Die Kursanstiege der wichtigsten Indizes für die USA und Europa waren heuer durchaus moderat.“ Auch Peter Brezinschek, Chefanalyst der RBI, meint: "Ein Rückschlag an den Börsen ist möglich, aber keine Trendwende.“ Außer: "Wenn es aufgrund der angespannten geopolitischen Lage zu massiven bewaffneten Konflikten kommt, ist mit einem starken Kursrückgang zu rechnen“, befürchtet Mostböck.

Die Begründung der Analysten für ihr positives Denken: Große institutionelle Investoren haben auf der Suche nach Rendite kaum Alternativen als die Veranlagung in Aktien. Staatsanleihen bringen nur rund ein Prozent. China wird zwar zurückhaltend beurteilt, für die Finanzmärkte anderer Schwellenländer, der USA und Europas sieht man durchwegs Chancen. Das kann aber auch Zweckoptimismus sein, um keine Panik zu verbreiten und die Blase zum Platzen zu bringen.

LARS-PETER HANSEN: Der Ökonomieprofessor hat 2013 den Nobelpreis für Risikoforschung erhalten.

Wie lange geht das gut? Nobelpreisträger warnen vor einem Crash.

Hochdekorierte Wissenschaftler sehen nämlich sehr wohl die drohende Gefahr eines Börsencrashes. Lars-Peter Hansen, Nobelpreisträger und Professor an der Uni Chicago, warnt: "Ein Einbruch um 20 Prozent kann passieren.“ Auch Kollege Robert Shiller, er erhielt mit Hansen 2013 den Nobelpreis und ist Professor an der Universität Yale, sieht die Börsen derzeit deutlich überbewertet. Dass die Kurse langsam aus dem Ruder laufen, zeigt das von ihm entwickelte Shiller-KGV. Es setzt die durchschnittlichen Firmenerträge der vergangenen zehn Jahre ins Verhältnis zu den Aktienpreisen. Diese Maßzahl hat sich bereits in die Gefahrenzone bewegt. Lediglich dreimal in der Geschichte stand dieses Risikobarometer so hoch oder noch höher als heute: Zur Zeit des Börsencrashes 1929 (zurückgerechnet), beim Platzen der Internetblase 1999 und während des Immobilien-Hypes von 2004 bis 2007. Zur aktuellen Situation meint Shiller: "Die Lage ist zwar nicht so prekär wie 1929, aber sie ist vergleichbar.“ Und noch ein weiterer Indikator lässt Ökonomen Parallelen zwischen der derzeitigen Lage und den großen Finanzkrisen ziehen: Das Auseinanderdriften der Zinsen von amerikanischen und deutschen Staatsanleihen. Immer wenn - wie heute - die deutschen Papiere deutlich darunter lagen, verhieß das nichts Gutes.

FRIEDRICH MOSTBÖCK: Der Chefanalyst der Erste Group sieht politische Krisen als Gefahr für die Börsen.

Was können Anleger jetzt tun: Ihr Geld unter den Kopfpolster stecken oder gelassen bleiben?

Eine schwierige Frage. Wie sollen sich Privatanleger jetzt verhalten? Selbst Nobelpreisträger Shiller sagt : "Noch sind die Kurse nicht himmelschreiend überbewertet. Und angesichts der mangelnden Alternativen würde ich zumindest nicht mein ganzes Geld von der Börse abziehen.“ Auch Erste-Bank-Chefanalyst Mostböck warnt vor übereilten Reaktionen: "Gerade im vierten Quartal erwarten wir positive Unternehmensdaten.“

Vorsicht und Voraussicht sind aber jedenfalls geboten. Der amerikanische Aktienmarkt ist derzeit robuster einzuschätzen als der europäische - auch wenn US-Aktien bereits als überbewertet gelten. Aber selbst wenn die US-Notenbank die Zinsen weiter anhebt, dürfte das nur begrenzte Auswirkungen haben. Europas Wirtschaft steht hingegen auf unsicheren Beinen. Sogar Deutschland kommt nicht wie erhofft in Schwung, und die Russland-Krise dämpft weiteres Wachstum. Amerikanische Werte bergen weniger Risiken. Vor Aktien aus China warnen alle Experten einstimmig.

Am ehesten zu empfehlen sind Fonds, die in unterschiedliche Anlageklassen und in verschiedenen Regionen investieren, um Risiken zu streuen. Immobilien sind trotz der ebenfalls gestiegenen Preise eine sinnvolle Ergänzung zu Investments an den Finanzmärkten.

Die beiden Ökonomen Marc Friedrich und Matthias Weik, gefeierte Bestsellerautoren ("Der Crash ist die Lösung“), sehen das anders. In einem trend-Interview erklärten sie: "Die Zeit der Rendite ist vorbei. Wer es schafft, 50 bis 70 Prozent seines Vermögens zu bewahren, gehört zu den Gewinnern.“ Wer diesen grundsätzlichen Pessimismus teilt, für den empfiehlt sich tatsächlich der Kopfpolster.

Übertrieben: Der Wert aller aller US-Aktien (Wilshire Total Market Index) übersteigt das US-BIP deutlich.

Crashbarometer: Wenn sich die Renditen zwischen zehnjährigen deutschen und US-Staatsanleihen zu stark voneinander entfernt haben, war das in der Vergangenheit ein Indiz für einen bevorstehenden Börsencrash. Das war 1999 beim Platzen der Blase von überbewerteten Hightech-Aktien der Fall. Auch im Jahr 2006, vor der Finanzkrise, klafften die Anleihenrenditen auseinander, genauso vor der Eurokrise. Und jetzt herrscht wieder die gleiche Situation.

Der Artikel erschien ursprünglich in FORMAT Nr. 38/2014 vom 19. September 2014.

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