"Wo ist Europas Google?“

"Wo ist Europas Google?“

"In Firmen wie in Regierungen fehlt es an Führungspersönlichkeiten", meint Burton H. Lee, Kopf des "Space Angels Network", einem Netzwerk von Finanziers, das in Weltraumprojekte investiert. Und: "Europa arbeitet nicht hart genug."

Format: Herr Doktor Lee, Sie investieren in Raumfahrtprojekte und halten an der Stanford University, der Kaderschmiede des Silicon Valley, Kurse zu europäischen Start-ups und ihrem Umfeld. Wie schneidet Europa im Vergleich zu den USA ab?

Burton H. Lee: Ich befürchte, dass Europa weiter an Wettbewerbsfähigkeit verliert. In vielen Ländern, Industrien, Unternehmen und öffentlichen Universitäten gibt es erhebliche Probleme. Viele Professoren glauben immer noch, dass die Wissenschaft das einzige ist, das zählt. Universitäten bringen viel zu wenige Unternehmen hervor. Mit Ausnahme der Schweden sind Europäer eher skeptisch gegenüber neuen Produkten und Dienstleistungen von jungen Unternehmen. Wenn Start-ups aber keine Abnehmer finden, gehen sie dorthin, wo es aufgeschlossene Konsumenten gibt. In der Regel sind das die USA.

Was bedeutet das mittelfristig?

Lee: Die meisten wirklich großen Innovationen kommen heute nicht aus Europa.

Was sind denn wirklich große Innovationen?

Lee: Schauen Sie sich an, was Apple und Google mit Nokia und Ericsson gemacht haben: Sie haben den Markt für Handys vollkommen verändert, was zu Jobverlusten führte. Wo sind die europäischen Unternehmen, die das gleiche mit amerikanischen tun? Es gibt sie heute nicht.

Es gibt aber auch andere Beispiele: Zara, Ikea, Unilever - alle aus Europa. Nicht zu vergessen die starke Automobilindustrie.

Lee: Das stimmt, in der Automobilindustrie scheint sich Europa auf inkrementelle Innovationen zu fokussieren. Nicht die europäischen Autohersteller brachten das erste kommerziell realisierbare Elektroauto hervor, sondern Tesla. Daimler lizenziert nun Technologie von Tesla.

Was kann Europa vom Silicon Valley lernen?

Lee: Regierungen und Unternehmen sollten Software endlich ernst nehmen. Software-Strategien gehören im Vorstand angesetzt, sie sind Maßnahmen für längerfristige Wettbewerbsfähigkeit. Tief in der Firmenstruktur verankert, können sie Kosten sparen und Innovationen hervorbringen. Deutsche Autobauer stehen vor der Herausforderung, die Software-Kultur zu implementieren. Europa basiert auf einer Hardware-Kultur: was kein physisches Produkt ist, hat hier oft wenig Wert. Software-Leute erreichen hier also nicht den Status und auch nicht das Geld wie in den USA. Für Innovationen ist das ein Problem. Estland beginnt jetzt aber damit, schon in der Volksschule Programmieren zu unterrichten.

Für Sie ist das jetzt sicher eine extrem europäische Frage, aber: Wie wichtig sind institutionelle Änderungen, um mit neuen Technologien innovativ zu sein?

Lee: Sehr wichtig. Die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, versteht das recht gut und setzt interessante Initiativen. In Europa war der Aufschrei nach den Enthüllungen von Edward Snowden zur NSA ja sehr groß. Das ist aber mehr als sechs Monate her, und ich frage mich: Warum gab es denn keine große Ankündigung etwa der deutschen Industrie à la "hier ist die deutsche Cloud-Strategie, hier ist der deutsche Cloud-Sektor, die neue Infrastruktur“. Warum macht etwa SAP das nicht? Oder ein neues Start-up? Warten alle darauf, dass ihnen irgendeine Regierung sagt, sie müssen? Wenn der Schutz der Privatsphäre im Netz hier so ein großes Thema ist, warum erkennt dann niemand, dass das eine große Geschäftsmöglichkeit ist?

Ja, warum eigentlich nicht?

Lee: Weil es meiner Meinung nach in Firmen wie in Regierungen an Führungspersönlichkeiten fehlt, die wirklich große Visionen haben.

Was sind für Sie nach den Social Media die großen Themen, die in Zukunft eine Rolle spielen können?

Lee: Das so genannte "Internet der Dinge“ ist gerade ein großes Thema, also die Vernetzung von Big Data und physischen Dingen. Google hat gerade Nest Labs, einen Hersteller von Thermostaten gekauft. Auch in Robotics wird massiv investiert. Bei Google, Amazon und UPS finden gerade Revolutionen statt: Sie arbeiten an Auslieferungssystemen mit Robotern. Dabei ist Logistik doch eine europäische Stärke - aber warum entwickelt hier niemand neue Technologien?

Sonst beschäftigt sehr viele die Krise, die hohe Arbeitslosigkeit, die Unsicherheit.

Lee: Ja, aber in der Zwischenzeit dreht sich die Erde weiter. In Zukunft werden immer mehr auf Software basierende Produkte und Dienstleistungen aus den USA nach Europa kommen. Die Gewinne der Unternehmen werden hauptsächlich in den USA gemacht und dort investiert werden. Meiner Meinung nach arbeitet Europa arbeitet nicht hart genug daran, ein großer Player in diesem Bereich zu werden.

Ansätze für Start-ups gibt‘s in Stockholm, Paris, Berlin. Es gibt Marken und Unternehmen wie Skype, Spotify und Soundcloud.

Lee: Ja, und das sind exzellente Unternehmen und Beispiele für Europas Potenzial. Aber generell schließt sich daran kaum etwas an. Wo sind die Geschäftsführer der Mittelständer, die auf neue Technologien setzen? Die ältere Unternehmens-Generation muss von der jungen lernen.

Sie beraten und investieren in Unternehmen, die ins Weltall wollen.

Lee: Space ist einfach ziemlich cool.

Zweifellos, aber was kann das in Zukunft bringen?

Lee: Einige von uns könnten irgendwann die Chance haben, auf dem Mars oder dem Mond zu sein. Elon Musk, der Gründer von Pay-Pal und CEO von Tesla, arbeitet an einem Raumfahrtsystem, das die Kosten um mehr als zwei Drittel senkt. Wo sind die Boeings, Lockheeds oder Arianespaces? Warum entwickeln sie nicht diese neuen Systeme? Wenn Musk erfolgreich ist, wird das diese ganze Industrie über den Haufen werfen. In den USA ist es für etablierte Firmen oft schwierig, gutes, längerfristiges Leadership zu finden. In Europa scheint das viel schlimmer.

Zur Person

Burton H. Lee leitet das "Space Angels Network“, ein Netzwerk von Finanziers, das in der Frühphase von Space-Projekten einsteigt. Der Amerikaner hat sowohl Physik, als auch Ingenieurs- und Finanzwissenschaften studiert. Er war in der Raumfahrtindustrie tätig, beriet die NASA, unterrichtet an der Stanford University und berät die Politik in technischen Zusammenhängen. Für einen Workshop der Unicredit Bank Austria kam er vor wenigen Wochen nach Wien.

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