"Wenn wir funktionierendes Wirtschaftssystem wollen, müssen wir von vorne anfangen"

"Wenn wir funktionierendes Wirtschaftssystem wollen, müssen wir von vorne anfangen"

FORMAT: Herr Jackson, der Vortrag, den Sie in Wien halten, trägt den Titel "Nach der Krise“. Ist sie denn wirklich vorbei?

Tim Jackson: Natürlich nicht, obwohl es die Übereinkunft gibt, dass wir aus dem Gröbsten draußen wären. Für mich markiert diese anhaltende Krise aber einen Punkt, von dem an wir über ein paar Dinge neu und anders nachdenken müssen.

In welchen Bereichen?

Jackson: Vor allem was die Wirtschaft betrifft. Wir dachten, dass das immer so weiter geht: Wir konsumieren immer mehr, finanzieren das mit immer mehr Schulden und kümmern uns nicht darum, welche Umweltfolgen das hat. Schon vor der Krise war abzusehen, dass das nicht auf Dauer funktioniert; weder finanziell, noch sozial, noch was die ökologischen Ressourcen betrifft. Wenn wir ein stabiles, funktionierendes Wirtschaftssystem wollen, müssen wir ganz von vorne damit anfangen, es zu gestalten.

Die Lektion, dass hohe Schulden auf Dauer nicht haltbar sind, haben wir gelernt. Die Antwort darauf sind Sparprogramme seitens der Regierungen. Die ökologischen Fragen sind durch die Krise jedoch in den Hintergrund gerückt. Stattdessen werden die billige Energie durch Fracking und die Renaissance der Industrie gefeiert.

Jackson: Und beides ist falsch. Die Sparprogramme sind nicht die Antwort auf die Finanzkrise, und es stimmt leider, dass die Vorstellung einer "grünen Gesellschaft“ aus dem Fokus gerückt ist. Dabei ist es doch eigentlich verblüffend, wie kurzsichtig und dumm es ist, Fracking und die Reindustrialisierung zu forcieren. Für mich macht es das schwer, an die Intelligenz der Menschheit zu glauben. Es braucht neue Lösungen. Die Sparpolitik ist nicht nur regressiv, sondern auch absolut ungerecht, weil sie Steuerzahler doppelt bestraft, während diejenigen, die hohe Risiken eingingen, davonkommen. Beide Antworten der momentanen politischen Elite sind deprimierend falsch.

Die europaweiten Sparmaßnahmen haben zum massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit beigetragen, in Griechenland sind zwei Drittel der Jugendlichen ohne Job. Die politische Führung will das mit mehr Wirtschaftswachstum ändern. Sie aber gehen davon aus, dass es in Zukunft kaum Wachstum geben wird und plädieren für Modelle, die dennoch Wohlstand schaffen. Wie soll das funktionieren?

Jackson: Es war völlig absehbar, wohin die Sparauflagen in Europa führen würden. Die Vorstellung, Wirtschaftswachstum zu erzielen, wenn gleichzeitig enorme soziale Einschnitte erfolgen, ist einfach verzerrt. Die Ignoranz der Politik war diesbezüglich desillusionierend. Es ist natürlich klar, wie wichtig Arbeitsplätze sind. Nicht nur wirtschaftlich, sondern weil oft erst Arbeit Menschen auch kulturell zu einem Teil der Gesellschaft macht. Wir müssen also Arbeitsplätze erhalten, aber deshalb hätten wir in der Krise von vornherein das Wachstum erhalten sollen. Arbeitsplätze und Wachstum sind ja nicht durch Glauben verbunden, sondern durch einfache Arithmetik.

Wie sollen dann aber ohne oder mit nur wenig Wachstum neue Jobs entstehen?

Jackson: Indem wir lernen, umzudenken. Die Arithmetik lautete ja: Menschen produzieren in einer gewissen Zeit einen gewissen Output. Erhöht sich die Produktivität, brauchen wir bei null Wachstum weniger Menschen, um denselben Output zu erzielen, oder die gleiche Anzahl an Menschen arbeitet weniger lang. In den vergangenen 50 Jahren haben wir die Arbeitszeit in Europa zwischen zehn und 15 Prozent verkürzt. Keynes ging davon aus, dass wir irgendwann alle weniger arbeiten und mehr Freizeit haben werden. Wir vergessen aber, dass es Sektoren gibt, in denen die Arbeitsproduktivität keine so große Rolle spielt, in denen das Wachstumsmantra nicht so stark ist. Ein Pfleger kann nicht unendlich viele Kranke betreuen, dasselbe gilt in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sozialarbeit, im Handwerk und in Kunst und Kultur.

Ein Fokus auf Dienstleistungen also. Gerade in diesen Bereichen wird seit der Krise allerdings erheblich gespart.

Jackson: Ja, und hier liegt der Fehler. Wir müssen lernen, nicht nur die reine Wirtschaftlichkeit durch Konsum zu sehen. Diese Sektoren und Leistungen tragen unmittelbar zu unserer Lebensqualität bei. Die Geduld, die ein Arzt aufbringt, die Zeit, die sich ein Sozialarbeiter nimmt, das alles sind Werte. Außerdem sind das Jobs, die auch für die Ausführenden eine große Zufriedenheit mit sich bringen, weil sie Sinn stiften. Für mich sind diese Bereiche das Herz einer neuen Wirtschaftsordnung. Sie legen den Schwerpunkt mehr auf das Gedeihen der Gesellschaft als auf schnellen, materiellen Output.

Viele der erwähnten Berufe werden allerdings schlecht bezahlt. Gerade jungen Menschen scheint es, sie müssten zwischen zwei Dingen entscheiden: Einem Beruf, der Spaß macht, und einem Beruf, der Geld bringt. Was bedeutet das?

Jackson: Die Krise hat diese Diskrepanz natürlich noch schlimmer gemacht. Bis zu einem gewissen Grad ist das ein kulturelles Dilemma, weil unsere Gesellschaft und ihre Institutionen das Mantra von immer mehr Konsum predigen. Unsere Kultur würdigt die Leistungen, die unsere Lebensqualität verbessern, überhaupt nicht. Wir erwarten fast, dass wir Gesundheit, Pflege, Kultur und ähnliches gratis bekommen. Es wird schwierig, das aufzubrechen. Dabei schaffen Dienstleistungen Jobs, die eben nicht durch geforderte Produktivitätssteigerungen immer wieder gefährdet werden.

Wie sollen die Jobs in den Dienstleistungssektoren dann finanziert werden?

Jackson: Ein Umdenken kann nur durch staatliche Investitionen in diesen Bereich erfolgen. Das ist natürlich problematisch, weil die Krise die staatlichen Ressourcen erschöpft hat. Dazu trägt auch die Architektur des Finanzsystems bei. Warum kann ein Staat als Souverän nicht selbst Geld schaffen, sondern muss den Weg über die Banken und den Geldmarkt gehen? Auch dieses System muss hinterfragt werden, wollen wir eine nachhaltig andere Gesellschaft finanzieren.

Kann das auch in der Eurozone gehen?

Jackson: Für die Probleme der Eurozone gibt es keine einfachen Lösungen. Es könnte durch mehr Integration funktionieren, es könnte Austritte einzelner Staaten geben. Auch hybride Währungssysteme sind denkbar, in denen ein Land sowohl den Euro als auch eine nationale Währung besitzt, mit der es die Inlandsinvestitionen ankurbelt.

Wie viel kann jeder einzelne etwa durch Konsumentscheidungen zu einem veränderten Wirtschaftssystem beitragen?

Jackson: Ich habe acht Jahre lang zu diesem Thema geforscht und muss sagen, der Einfluss des Einzelnen ist beschränkt. Es gibt Leute, die sich bewusst für ein weniger am Konsum orientiertes Leben entscheiden. Vielen stellt sich armutsbedingt diese Frage aber überhaupt nicht. Und große Veränderungen brauchen eine Neuausrichtung der öffentlichen Institutionen. So lange alles auf das Auto ausgerichtet ist, muss sich derjenige, der auf das Auto verzichtet, soziale Anerkennung fast erkämpfen.

Trotz der hohen Arbeitslosigkeit und trotz der großen sozialen Einschnitte ist der Protest in Europa überschaubar. Wie realistisch ist es, dass Konzepte wie Ihres dennoch eine Chance auf Umsetzung haben?

Jackson: Wenn man all die Paradigmen - Menschen sind unersättliche Konsumenten, Banken dienen der Stabilität, die Industrie ist der Fortschrittsmotor - anschaut, sieht man, das kein einziges hält. Wir müssen diese sozialen Investitionen tätigen, um gleicher, besser und gesünder zu leben. Es gibt diese Veränderungen bereits, es braucht aber mehr. Die Geschichte hat gezeigt, wohin Arbeitslosigkeit und Armut sonst führen können.

Zur Person: Tim Jackson, 55, hat Mathematik, Physik und Philosophie studiert und ist Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität von Surrey, Großbritannien. Er war Umweltberater der britischen Regierung unter Premierminister Tony Blair. und leitet ein Forschungszentrum für Lifestyle, Werte und Umweltthemen. Auf Einladung der Kunsthalle Wien spricht er am Symposion "What would Thomas Bernhard do“ und bei den Wiener ERDGesprächen.

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