Warum sich Österreichs Banken neu erfinden müssen

Warum sich Österreichs Banken neu erfinden müssen

Die massiven Filialschließungen sind erst der Anfang. Österreichs Bankenlandschaft wird total umgekrempelt. Auch das Smartphone stellt das Bankgeschäft auf den Kopf.

Auf den ersten Blick wirken die Statistiken unspektakulär: Die Bank Austria hat die meisten Kunden in Wien, Raiffeisen ist die größte Bankengruppe Österreichs, und die Onlinebank ING Diba wächst. Also scheinbar business as usual.

In Wahrheit erlebt Österreich gerade tektonische Verschiebungen in der Bankenlandschaft. Das geht aus dem aktuellen FMDS-Jahresbericht 2013 hervor, zu dem FORMAT Zugang erhielt. FMDS steht für das Finanzmarktdatenservice des Meinungsforscher GfK Austria. Auch in den druckfrischen Reports der Beratungsfirmen A.T. Kearney ("The 2013 Retail Banking Radar“) und McKinsey ("The Global Private Banking Survey“) werden die wachsende Herausforderungen im Bankgeschäft analysiert.

Alljährlich untersucht GfK Austria den österreichischen Bankenmarkt. Im Auftrag von fünf Großbanken und kleiner Kreditinsititute werden übers Jahr 18.000 Interviews geführt, um Veränderungen im Markt zu erheben. "Das ist ein riesiges Sample“, sagt GFK-Manager Alexander Zeh. Die große Stichprobe erlaubt es, regionale Kundentrends hinsichtlich Beratung, Produkten oder Vertriebskanälen zu erkennen - und als Banker seine Schlüsse zu ziehen. Die FMDS-Ergebnisse sind vertraulich und liegen nur den Bankvorständen vor. Zeh sagt nur soviel: "Die Branche befindet sich in massivem Umbruch.“

Die Austrobanken kämpfen mit dünnen Zinsmargen, steigenden Personalkosten und konjunkturabhängigen Ertragsrückgängen. Auftragsrückgänge in der Industrie, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit spüren die Banken als Geldgeber. Die einstige Geldquelle CEE ist derzeit trocken: Zwar sind die Wachstumsaussichten - im Vergleich zu Westeuropa - mehr als intakt. Doch das explodierende Volumen fauler Kredit bleibt bedrohlich. Das gilt vor allem für Rumänien und Ungarn, wo Erste und Raiffeisen stark engagiert sind.

Massive Jobcuts

Österreichs große Geldhäuser werden zur Radikaldiät gezwungen, um fit für die Zukunft zu bleiben. Die fetten Zeiten sind vorbei. So strich die italienische Unicredit Group in den vergangenen vier Jahren rund 10.000 Jobs. Deren Tochter Bank Austria (BA) gab nun bekannt, 67 von 270 Privatkundenfilialen dichtzumachen. Ein Tabubruch. Filialschließung erfolgten bisher behutsam. Kunden und Mitarbeiter sollten nicht verschreckt werden.

Doch die Lage ist so angespannt, dass auch BA-Chef Willibald Cernko kaum Alternativen bleiben, um kosteneffizient zu arbeiten. Das grundsätzliche Problem: Österreich hat zu viele Banken, die wiederum haben zu viele Filialen, und obendrein ist alles auch noch viel zu teuer. Die Kostenertragsrelation - eine Kennzahl zur Beurteilung der Effizienz einer Bank - sollte unter 50 Prozent liegen. In Westeuropa liegt sie laut A.T. Kearney im Schnitt bei 61 Prozent und in Österreich sogar weit darüber.

Weil die Vorgaben von Seiten der EU (Bankenunion und Basel-III) und der Republik (Bankensteuer) das Kreditgeschäft verteuern, muss auf allen Ebenen gespart werden. Sowohl im Spitzeninstitut Raiffeisen Bank International als auch bei den Raiffeisenlandesbanken sind mehrere Projektteams am Werk, die nach Sparpotenzialen suchen. Die Auflösung von Abteilungen ist ebenso im Gespräch wie Filialschließungen sowie die Fusion von Tochterfirmen. Die Bawag-PSK-Gruppe hat ihr Großkundengeschäft zugesperrt. Der Bereich wurde über Nacht in Luft aufgelöst. Vor allem langjährige Firmen- und Privatkunden beklagen Umstrukturierungen und häufige Betreuer- bzw. Beraterwechsel.

Denn im Gegensatz zu den USA, England oder Deutschland wechseln Österreicher selten die Bank. Allerdings sind laut FMDS auch da Veränderungen erkennbar. Die "Wechselbereitschaft“ nimmt zu. Die Erste Bank profitiert von dem Trend. In den vergangenen zehn Jahren fiel der Kundenanteil der Bank Austria in Wien von 51,4 Prozent auf 43,3 Prozent. Gleichzeitig stieg der Erste-Anteil um 10,7 Prozentpunkte auf 31,2 Prozent - Tendenz: steigend. Trotzdem muss auch Erste-Boss Andreas Treichl in Österreich sparen, Kündigungen werden nicht ausgeschlossen. Die von GfK Austria erhobene "Fremdgängerquote“ steigt. Immer mehr Österreicher suchen Kredit abseits ihrer Hausbank: Bei der Bawag-PSK sind es bereits die Hälfte.

"Eisenbahnen des 21. Jahrhunderts“ nennen Wirtschaftshistoriker die Banken, die immer mehr Infrastrukturfunktionen wie Energieversorger erfüllen müssen. "Die Banken verlieren ihr traditionelles Monopol“, konstatiert Meinungsforscher Zeh. Im Supermarkt (Billa, Spar) kann nicht nur bargeldlos bezahlt, sondern auch Geld behoben werden. "Technologiefirmen drängen in den Zahlungsverkehr. In Afrika wird per SMS bezahlt und in Australien mit dem Tablet.“ Facebook Credits heißt die eigene Onlinewährung mit der im größten sozialen Netzwerk der Welt eingekauft werden kann. Und Internetgigant Google besitzt sogar ein kleines Portfolio an Banklizenzen, um auf Knopfdruck im digitalen Geldgeschäft loslegen zu können. Da wirkt die Onlinebank ING Diba alt.

Mehr Wettbewerb bedeutet aber nicht, dass Volksbanken und Sparkassen aussterben werden. Jedoch: "Nicht jedes Kuhdorf braucht eine Raiffeisenbank“, sagt Fimbag-Präsident und Ex-Finanzminister Hannes Androsch.

Fakt ist: Die Spezialisierung wird wichtiger. Beratungsintensive Finanzdienste bleiben den Banken. Das betrifft alles rund um Altersvorsorge, Vermögensverwaltung und Wohnraumfinanzierung. "Banken sollten sich auf Hauptprodukte fokussieren“, meint AT Kearney-Expertin Daniela Chikova. Auch die Konzentration auf bestimmte Kundengruppen sei ratsam. Warum soll sich ein Geldhaus nicht als "Bank der Friseure“ präsentieren oder einen "Sofortkredit für Frauen nach der Scheidung“ anbieten? Der Phantasie seien keine Grenzen gesetzt, so Chikova. Crowdfunding, Microfinance oder nachhaltige Investments haben im an sich gesättigten Austromarkt noch gute Wachstumschancen.

Die US-Banken wie Bank of America oder Wells Fargo schreiben wieder Milliardengewinne und haben die Krise überwunden. In Österreich ist die Lage noch angespannt. Hypo Alpe-Adria und Kommunalkredit, die vom Staat gerettet werden mussten, erweisen sich als Milliardenfriedhof. "Die Kommunalkredit darf keine neuen Geschäfte mehr machen“, sagt Kommunalkredit-Boss Alois Steinbichler. Das sei eine EU-Vorgabe, die auch für die Kärntner Hypo gelte. Brüssel fürchtet Wettbewerbsverzerrungen zum Schaden gesunder Banken.

Der FMDS-Bericht bestätigt das: Hypothekenbanken - die größte ist die Hypo Alpe-Adria - haben die treuesten Kreditkunden. Trotz deren Krise wollten nur wenige umschulden. Warum das? Ganz einfach: Während Sparer bei einer Bankpleite ihr (nicht abgesichertes) Vermögen verlieren, sind Kreditnehmer der Bank ihre Schulden los. Das ist in der Tat wettbewerbsverzerrend.

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