US-Ökonom Jeremy Rifkin über die EU und die dritte industrielle Revolution

Warum der US-Ökonom Jeremy Rifkin weiterhin an den Erfolg der Euro päischen Union glaubt, warum die eigentliche Krise die Abhängigkeit vom Öl ist und wie die „dritte industrielle Revolution“ aussehen wird.

Format: Mr. Rifkin, Sie gelten als einer der größten Fürsprecher der Europäischen Union und haben ihr vor Jahren vorausgesagt, sie würde zu einer Weltsupermacht. Ganz so gut steht sie momentan aber nicht da, oder?
Jeremy Rifkin: Der Punkt, an dem wir stehen, ist folgender: Die EU ist trotz der aktuellen Schuldenproble­matik die führende Volkswirtschaft der Welt. Wir reden immer nur über die USA und China, aber volkswirtschaftlich sind die 27 Länder der EU zusammen die stärkere Kraft. Auch politisch. Die EU ist keine militärische Macht, aber der große wirtschaftliche Motor der Welt. Natürlich gibt es da noch ungelöste aktuelle Probleme, aber längerfristig hat die EU vor allem große, noch ungenützte Chancen.

Format: Die Wirtschaft wächst wieder, im Vergleich zu den aufstrebenden Schwellenländern aber eher bescheiden. Welches Potenzial liegt in Europa noch brach?
Rifkin: Europa wird als Konsumentenmarkt unterschätzt. Zu den 500 Millionen Europäern kommen in den Partnerregionen wie dem Mittelmeerraum oder Nordafrika weitere 500 Millionen dazu. Das ist und bleibt der wichtigste Markt der Welt. Um zukunftsfähig und weiter erfolgreich zu sein, benötigt Europa ­jedoch ein neues, gemeinsames und ­dezentrales Energiesystem sowie die dazugehörige Infrastruktur. All das würde den technologischen und somit wirtschaftlichen Fortschritt mit sich bringen. Das ist der nächste Schritt in der europäischen Integration.

Format: Mehr Integration scheint gerade fern. Vielerorts wird das Überleben der gemeinsamen Währung in der aktuellen Krise infrage gestellt.
Rifkin: Das liegt daran, dass viele Ökonomen und politische Führungspersonen die Ursachen für die Krise nicht vollständig erkennen. Sie gilt als Finanz- und nun als Schuldenkrise. Aber das ist nicht die eigentliche Krise. Das ist nur deren Nachbeben. Die eigentliche Krise – und daraus ergibt sich für die EU auch die Frage, wie sie sich zukünftig dagegen absichert und sich als führende Wirtschaftsmacht positioniert – war der massiv steigende Ölpreis. Als im Juli 2008 ein Barrel Öl den Preis von 147 Dollar erreichte – das war das Erdbeben, das war der Start der globalen Krise, weil die gesamte Wirtschaft vom Öl abhängig ist. Europas große Chance liegt darin, unabhängiger vom Öl zu werden. Die Ära des Öls ist endgültig vorbei, und das müsste auch die politische Elite sehen.

Format: Die ist aber gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Rifkin: Ja, weil man sich auf ein Wirtschaftsmodell fokussiert, das eindeutig kollabiert ist. Und sobald das Wirtschaftswachstum wieder mehr Schwung bekommt, wird das ölabhängige Modell wieder kollabieren. Getrieben von der starken Nachfrage – auch aus den Schwellenländern –, wird der Ölpreis wieder steigen und somit die Preise entlang aller Zulieferketten, bis hin zu jenen von Lebensmitteln. Wir müssen verstehen, dass die zweite industrielle Revolution mit zentraler Elektrizität und Öl als Basis nur noch künstlich am Leben erhalten wird.

Format: Sie beraten die EU-Kommission und zahlreiche europäische Staatschefs. Was raten Sie ihnen nun? Und stoßen Sie auf offene Ohren?
Rifkin: Wir haben mit dem ehe­ma­li­gen Kommissionspräsidenten Romano Prodi für die EU den Weg zur sogenannten „dritten industriellen Revolution“ entwickelt, der in die 20-20-20-Strategie mündete: Bis 2020 soll der Anteil erneuerbarer Energie 20 Prozent betragen, die CO2-Emis­sionen sollen 20 Prozent geringer und die Energieeffizienz 20 Prozent höher sein. Die deutsche Kanzlerin Angela­ Merkel hat mich gleich zu Beginn ihrer Kanzlerschaft konsultiert, und der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero hat die dritte indus­trielle Revolution zu einem zen­tralen Thema gemacht. Wir stehen an einem kritischen, gefährlichen Punkt, das stimmt. Aber es ist klar, dass es keinen Plan B gibt. Nur so lässt sich das Wirtschaftssystem wieder ankurbeln.

Format: Was verstehen Sie unter der „dritten industriellen Revolution“?
Rifkin: Eine auch gesellschaftliche Veränderung durch ein neues „Energie-Regime“. Sie steht auf fünf Säulen: Mehr erneuerbare Energie durch Wind und Sonne, die etwa die EU vom Mittelmeerraum einspeisen kann. Dezentrale Energieerzeugung über Millionen energieeffizienter Gebäude, deren Sanierung Millionen Arbeitsplätze in den Regionen und Gemeinden schafft. Dazu neue Speichermöglichkeiten wie etwa Wasserstoff, um unregelmäßige Energie­zufuhren zu binden. Intelligente Netze, die so einfach und frei zugänglich sind wie das Internet. Sie sollten bei Städten beginnen, dann auf Regionen, Länder und den Kontinent ausgeweitet werden. Die letzte Säule ist der Ausbau des ­öffentlichen Verkehrs.

Format: Unzählige regionale Kleinkraftwerke gegen die Energielobby – was raten Sie den Konzernen?
Rifkin: Meine Stiftung arbeitet mit ­einigen bereits zusammen, und wir raten ihnen zu einem neuen Businessmodell: Sie sollten vom Energieverkäufer zum Energiemanager werden. In Zukunft eine komplexe, lukrative Aufgabe.

Format: Ihre Revolution klingt wie ein Umweltschutzprogramm. Worin liegt aber der ökonomische Vorteil?
Rifkin: Mit einem neuen Energie­system entstehen eine neue Infrastruktur, neue Arbeitsplätze, Technologien und Innovationen, die nicht mehr vom Öl abhängig sind. Es entsteht außerdem eine neue, dezentral agierende Gesellschaft mit vielen einzelnen, aber vernetzten Entrepreneuren. Die EU ist ­eigentlich der politische Prototyp für die kontinentale Vernetzung, wie sie das neue Energiesystem erfordern wird. Ein riesiger Markt; die Möglichkeit, länderübergreifend dezentrale Stromnetzwerke zu managen. Die nationalen Märkte des 19. Jahrhunderts erforder­ten nationale Regierungen und Regelungen. Im 21. Jahrhundert muss größer gedacht werden.

Format: Sie sehen das für die EU als Wettbewerbsvorteil, auch weil hier Erfahrung mit sozialer Marktwirtschaft, Entrepreneurship und Zusammenarbeit herrscht. Fehlt das den asiatischen Ländern?
Rifkin: Schwierig zu sagen. Aufgrund ihrer langen Tradition zur Harmoniefindung sind diese Staaten sicher geeignet für dieses Modell. Andererseits kann es aber ­gerade in China sehr schwierig sein, wenn es um freien Zugang geht, wie man es bei der Internetzensur deutlich sehen kann, die ja auch zum Teil das Web 2.0 und die Instrumente
der freien Zusammenarbeit einschränkt. Indien ist da besser aufgestellt, demokratisch und regional unterschiedlich. Südkorea könnte eine technologische Führungsrolle einnehmen.

Format: Und Österreich?
Rifkin: Einige Orte wie Graz machen bereits sehr viel. Aber es fehlen konkrete Masterpläne für große Städte und deren Vernetzung. Die Regierung müsste die Standards und ­Anreize schaffen, damit das richtig losgehen kann.

Interview: Martina Bachler

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