"Ich halte Inflationsraten um 10 Prozent für nichts Erschreckendes"

"Ich halte Inflationsraten um 10 Prozent für nichts Erschreckendes"

FORMAT: Wie leicht wird der Strabag die Trennung von HPH fallen?

Hans Peter Haselsteiner: Ich glaube, es wird ihr überhaupt nicht schwer fallen. Wenn es anders wäre, wäre das ein wirkliches Versagen meinerseits, weil jeder Topmanager für eine ordnungsgemäße Nachfolge zu sorgen hat.

Welche Entscheidungen in Ihren knapp vier Jahrzehnten an der Spitze würden Sie heute anders machen?

Haselsteiner: Dutzende. Ich würde verschiedene Bauverträge nicht unterschreiben, verschiedene Menschen meiden, verschiedene Mitarbeiter nicht mehr einstellen und andere besser behandeln, damit ich sie nicht verliere.

Im Rückblick scheint aber doch das meiste geglückt zu sein ...

Haselsteiner: Kein einzelner Mensch ist in der Lage, eine solche Karriere, wie ich sie hatte, zu gestalten, ohne Hunderte von loyalen und tollen Mitarbeitern und Dutzenden von echten Entscheidungsträgern, die hier mit an einem Strang gezogen haben. Wenn einer sagt, das hab alles ich gemacht, sage ich: So ein Blödsinn. Ein einzelner kann einen Weg vorgeben, eine Idee haben, eine entscheidende Rolle spielen, alles richtig. Aber machen tun es dann immer viele. Ich hatte das Glück, dass ich meine Mitarbeiter begeistern und motivieren konnte, meine Verrücktheiten immer wieder mitzumachen.

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In den 70er Jahren haben Sie mit 30 Jahren die Geschäftsführung der Ilbau übernommen. Waren Sie sicher, dass Sie das schaffen?

Haselsteiner: Nein. Ich hatte viele Male schlaflose Nächte.

Fühlten Sie sich zu jung?

Haselsteiner: Nein. Ich hatte übrigens meine letzten schlaflosen Nächte, da war ich weit über 50. Das ist nicht eine Frage des Alters, sondern eine Frage, welche Szenarien und Risiken man sich zugemutet hat und wie man damit zurecht kommt. Die Jugend ist da vielleicht sogar etwas unbekümmerter als der erfahrenere Mensch.

Wie oft stand das Unternehmen in diesen Jahren an der Kippe?

Haselsteiner: Eigentlich nie.

Ihr Aufsichtsratschef Gusenbauer steht derzeit in der Kritik. Erfolgt die Schelte zurecht? Darf ein ehemaliger SPÖ-Politiker im Aufsichtsrat eines Glücksspielkonzerns sitzen und kasachische Machthabern beraten?

Haselsteiner: Der Vorwurf, dass er etwas missbraucht oder Dokumente entwendet hätte, ist wirklich lächerlich. Das war eine echte Vernaderung. Zur Glücksspiel-Kritik: Glücksspiel ist in Österreich legalisiert, wäre das nicht so, hätten wir die Mafia - und neben der Prostitution, der Schlepperei und der Drogensucht auch noch das Glücksspiel als Schattenproblem. Aber wenn man für legales Glücksspiel ist, kann man nicht diejenigen mit Schimpf und Schande belegen, die das Glücksspiel dann unter staatlicher Kontrolle und unter Ablieferung hoher Steuern nach dem Gesetz betreiben.

Sie stehen also voll hinter Gusenbauer?

Haselsteiner: Selbstverständlich.

Sie haben eine ausgeprägte soziale Ader und spenden viel. Auf der anderen Seite werden Sie als ein autoritärer Machthaber, der ab und zu Wutausbrüche hat, beschrieben. Was ist denn Ihr wahres Gesicht?

Haselsteiner: Ich habe viele Gesichter.

Gibt es eines, das überwiegt?

Haselsteiner: Nein. Es gibt Monate, wo ich keine Wutausbrüche habe. Aber es gibt dann wieder einen Tag, wo ich vielleicht zwei habe. All diese Beschreibungen sind Spontanaufnahmen. Ich bin ein ganz durchschnittlicher und normaler Mensch.

Während Ihrer Strabag-Karriere haben Sie ja in den 90er-Jahren auch im Nationalrat gesessen. Denken Sie gerne an diese Zeit?

Haselsteiner: Ich habe keine schlechte Erinnerung an die Politik. Es war eine interessante Zeit, ich würde sie nicht wiederholen, aber ich möchte sie auch nicht missen. Aber wenn man Bilder von Nationalratssitzungen sieht, hat man den Eindruck vieler gelangweilter Abgeordneter? Dieses Bild wird nicht trügen. Die Routine im Parlament ist gewöhnungsbedürftig und gehört auch nicht zu den schönsten Erinnerungen, die ich habe.

Die einen sind gelangweilt, viele unzufrieden. Aber wie kann man das österreichische politische System noch ändern?

Haselsteiner: Wenn es ausreichend Menschen gäbe, die sich über die Parteigrenzen hinaus verständigen würden, aber da sind so viele hätti-wäri-wari, dass ich schon wieder aufhöre. Man müsste die Landeshauptleute direkt wählen, Landesparteiorganisationen auflassen, den Föderalismus neu betrachten.

Und politischen Nachwuchs aufbauen...

Haselsteiner: Das ist eines der großen Probleme, die wir haben. Ich glaube, das System muss erst so sehr leiden, dass es die Gefahr des Zusammenbruchs gibt, damit echter Mut für Reformen wächst. Die Damen und Herren Abgeordneten und viele Parteifunktionäre erkennen noch nicht die Zeichen der Zeit und den heraufziehenden Sturm. Oder sie erkennen ihn zwar, meinen aber, es berührt mich nicht, weil ich ohnehin nur mehr vier, sechs Jahre bis zur Pension habe - und so lange geht es schon noch.

Gibt es Politiker, die Sie beeindrucken?

Haselsteiner: Der Herr Strolz und die Frau Mlinar von den Neos beeindrucken mich in ihrer jugendlichen Tatkraft, in ihrem Optimismus, in ihrer Anstrengung, die Dinge zu verändern. Und solange es solche jungen Menschen gibt, kann man auch hoffen, dass sich das System verändern kann.

Ihrer Ansicht nach braucht Europa eine kontrollierte, saftige Inflation, um die Staatsschulden loszuwerden?

Haselsteiner: Nur so kann man die Staatsschulden in den Griff bekommen. Okay, wenn man sagt, die müssen wir gar nicht loswerden, dann brauchen wir auch keine Inflation. Aber sonst gibt es keine andere Lösung.

Was wäre eine saftige Inflation? Sieben bis zehn Prozent wie in den 70er Jahren?

Haselsteiner: Mit dieser Größenordnung haben wir seinerzeit leben gelernt und wir konnten nicht sagen, dass unsere Gesellschaft oder unsere Lebensqualität dadurch beeinträchtigt worden wäre. Ich halte Inflationsraten um die zehn Prozent für nichts Erschreckendes.

In einem Interview sagten Sie, dass Ihr Unternehmen früher Parteien mitfinanziert hat.

Haselsteiner: Ich habe gesagt: Wir alle haben Parteien finanziert, die ganze österreichische Wirtschaft. Wer sich nicht daran erinnert, will sich nicht erinnern. Damals gab es aber nicht die Bestechungsthematik, die heute im Vordergrund steht.

Aber es war ja offenbar ein System der Marke "Eine-Hand-wäscht-die-andere“. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, Sie haben Schmiergeld bezahlt?

Haselsteiner: Im Ausland ja. In Österreich war es schon immer verboten, und wir haben es auch nicht gemacht. Im Ausland hat es auch nicht "Schmiergeld“ geheißen, sondern "nützliche Abgaben“, die man lange pauschal von der Steuer absetzen konnte. Wir können alle glücklich sein, dass sich die Zeiten mittlerweile geändert haben.

Aufgrund einer Studie der BZÖ-nahen Werbeagentur Orange für die Strabag ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Sind Sie hier schon einvernommen geworden?

Haselsteiner: Nein, ich weiß gar nicht, dass sie ermittelt. Außerdem wüsste ich nicht, was ermittelt wird.

Eventuell wegen Untreue gegenüber der Strabag, weil man nicht weiß, was die Gegenleistung für die Studie war.

Haselsteiner: Das ist doch meine Entscheidung, wer soll sich denn aufregen? Wem gegenüber war ich denn untreu?

Den Aktionären möglicherweise.

Haselsteiner: Damals waren ich und meine Familie die Aktionäre. Also, was soll’s?

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