Die dunklen Geschäfte des Vatikan: Buch enthüllt Finanznetzwerk für Geldwäsche

Der Vatikan als Drehscheibe für Mafiagelder, Schmiergeldzahlungen und Steuerhinterziehung: Eine nun veröffentlichte Sammlung von 5.000 Dokumenten aus dem Inneren der Vatikanbank ist eine politische Bombe.

Ende dieser Woche tritt, erzählen gut informierte Vatikan-Journalisten, in einer hochvertraulichen Sitzung im Inneren des Vatikans die versammelte Spitze der Weißen Finanz zusammen. Eine ganze Reihe von Kardinälen, der Präsident und der innerste Kreis der Vatikanfinanzen schreiten zur Krisensitzung. Thema des geheimnisvollen Meetings: Seit zwei Monaten untersucht eine Kardinalskommission die dunklen Seiten der Weißen Finanz. Ziel: die Ablöse des lang gedienten Präsidenten der Vatikanbank Angelo Caloia vorzubereiten.

Brisante Dokumentensammlung
Hinter der hochnotpeinlichen Zusammenkunft stehen jüngst veröffentlichte Finanzskandale des Vatikans aus den 1990erJahren, die an Brisanz jeden verschwörungstheoretischen Roman schlagen. Die Zutaten der Skandalsaga sind korrupte Politiker, die Mafia, Kardinäle, das Opus Dei und mindestens 275 Millionen Euro an Mafia- und Schmiergeldern, die in den 1990er-Jahren durch Nummernkonten der Vatikanbank geschleust wurden. Offiziell waren diese Konten auf wohltätige Stiftungen gemeldet. Aufgedeckt hat den Sumpf niemand Geringerer als jener Mann, der seit den großen Finanzskandalen der 1980er-Jahre in der Vatikanbank aufräumen sollte: Monsignore Renato Dardozzi, Mitglied des innersten Kreises der vatikanischen Hochfinanz, hat über die Jahre ein geheimes Archiv von fast 5.000 Dokumenten angelegt und Stück für Stück in die Schweiz geschmuggelt – Akten des vatikanischen Staatssekretariats und Papiere der Vatikanbank, die Istituto per le Opere di Religione (IOR), also Institut für religiöse Werke, heißt. Die Dokumente zeugen allerdings kaum von christlicher Ethik: Sie beweisen Geldwäsche im Dienste der Mafia, die Blockade von Korruptionsermittlungen, Schmiergeldaffären und geheime Nummernkonten, die etwa das Geld von Ex-Staatspräsident Giulio Andreotti enthielten.

Bestseller "Vaticano S.p.A."
Dardozzi schwieg als getreuer Kirchenmann zeit seines ­Lebens über die skandalösen Vorgänge. Doch in seinem Tes­tament verfügte er, sein geheimes Archiv solle nach seinem Tod veröffentlicht werden. 2007 wandten sich die Testamentsvollstrecker an den prominenten italienischen Journalisten ­Gianluigi Nuzzi. Nuzzi fuhr in die Schweiz und nahm im ­Keller eines entlegenen Bauernhofes zwei Samsonite-Koffer voller Dokumente in Empfang ( Interview ) . Nun hat er sie ins Internet gestellt und nach intensiven Nach-Recherchen ein Buch dazu veröffentlicht: „Vaticano S.p.A.“ kam im Mai in Italien auf den Markt und hat seither bereits 160.000 Exemplare verkauft. „Wären diese Dokumente damals öffentlich geworden, wäre ich nie zurückgetreten – und die Geschichte Italiens hätte anders ausgesehen“, kommentiert es Antonio Di Pietro, der Staatsanwalt der Anti-Korruptions-Ermittlungen „Mani Pulite“ in den 1990er-Jahren, heute wesentlicher Oppositionspolitiker gegen Silvio Berlusconi. Denn die Dokumente enthalten nicht nur eine Bombe – sondern eine ganze Reihe davon.

Marcinkus am Beginn
Die Geschichte der Skandale beginnt vor den 1990ern mit den gerichtsnotorischen, aber immer noch nicht ganz aufgeklärten Vorgängen rund um den berüchtigten „Banker Gottes“ Paul Casimir Marcinkus. Der Amerikaner, aufgewachsen in Chicago und nach der Priesterweihe schnell in der Hierarchie des Vatikans aufgestiegen, trat Ende der 1960er-Jahre in einem heiklen Moment auf den Plan der Vatikanfinanzen: Nach dem Tod von Johannes XXIII. brachen die Spenden ein. Zugleich hob Italien die Steuerfreiheit auf, die Mussolini der Kirche gewährt hatte. Der neue Papst Paul VI. beschließt, so viel Geld wie möglich ins Ausland zu schleusen, und betraut damit zwei Personen: Marcinkus und den sizilianischen Banker Michele Sindona. Aus der Zusammenarbeit entwickelt sich der größte Finanz- und Politskandal, den die Kirche bisher erlebt hat.

Johannes Paul II stützt das Trio Infernale
Marcinkus steigt 1971 zum Präsidenten der Vatikanbank auf, die Zusammenarbeit mit Sindona bleibt, dazu kommt der Banker Roberto Calvi, Chef der Banco Ambrosiano. Das Trio infernale baut dank des Bankgeheimnisses der Vatikanbank ein undurchsichtiges Finanznetzwerk auf, über das schmutziges Geld geschleust wird und das ein verzweigtes Netz an Beteiligungen erwirbt. Als 1978 Paul VI. stirbt, will der neue Papst – Johannes Paul I. – Marcinkus entmachten, wobei ihm gelegen kommt, dass dieser (wie sein Sekretär Donato De Bonis, von dem noch die Rede sein wird) als Freimaurer enttarnt wird. Darauf steht seit dem 18. Jahrhundert die Exkommunikation. Doch Johannes Paul I. stirbt am Tag nach dieser Entscheidung, 33 Tage nach seinem Amtsantritt. Offizielle Todesursache: Herzinfarkt. Sein polnischer Nachfolger Johannes Paul II. stärkt Marcinkus, Sindona und Calvi wieder den Rücken. Angeblicher Grund: Die drei helfen dem Papst, Gelder für Osteuropa zu besorgen – darunter bis zu 100 Millionen Dollar an die polnische Solidarnoscz.

Marcinkus überlebt als einziger
Das Trio arbeitet weiter, bis die ­Bombe platzt: Sindona lässt durch die Cosa Nostra einen Anwalt ermorden und verschuldet den Crash der Franklin Bank in den USA. 1980 wird er dort zu 25 Jahren Haft verurteilt. 1982 geht Calvis Banco Ambrosiano bankrott und zieht eine ganze Reihe Banken mit in den Abgrund. Calvi flieht nach London und wird erhängt unter der Brücke der Schwarzen Mönche gefunden: ermordet von der Mafia, wie die Staats­anwaltschaft meint. Sindona überlebt den Skandal ebenfalls nicht: Er stirbt kurz nach seiner Überstellung nach Italien im Gefängnis an einer Tasse vergiftetem Kaffee. Nur Marcinkus, der Präsident der Vatikanbank, geht unbeschadet durch den Skandal. Das IOR gibt zwar keine Schuld zu, zahlt aber freiwillig 240 Millionen Dollar an die geschädigten Banken. Die italienische Justiz stellt 1987 einen Haftbefehl gegen Marcinkus aus – doch der Vatikan liefert ihn nicht aus, er bleibt im Amt. Erst 1990 folgt ihm der lombardische Banker Angelo Caloia, bis heute Präsident der Vatikanbank IOR. Caloia gilt als integrer Banker ohne jegliches Verständnis für kriminelle Machenschaften. Deshalb glaubte man bis jetzt, dass mit seinem Amtsantritt die Ära der Skandale in der Weißen Finanz zu Ende sei und nun gründlich aufgeräumt würde. ­Einer der Männer, die dafür sorgen sollten, war Monsignore Renato Dardozzi.

Die Geldwäsche geht weiter
Doch dessen Archiv, das er nun posthum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, zeigt detailliert, festgehalten in Tausenden Konto­auszügen, Briefen und Dokumenten: Der „Banker Gottes“ betrieb das Geschäft mit dem schmutzigen Geld unvermindert weiter. Auch nach dem Abgang von Marcinkus blieb sein System aufrecht – nur nicht in den offiziellen Konten des IOR. Zwar änderte Johannes Paul II. die Statuten, doch weiterhin war es Privatpersonen möglich, bei der Vatikanbank IOR ein Konto zu eröffnen – unter der Bedingung, dass ein Teil des Geldes für wohltätige Zwecke gewidmet wurde. Zusätzlich entstand im Vatikan in den 1990er-Jahren eine parallele Offshore-Finanzstruktur, über die Schmiergelder, Steuerhinterziehung und Mafiazahlungen abgewickelt wurden. Allein in den Jahren 1991 bis 1993 liefen über die geheimen Konten, die auf Nummerncodes, Decknamen und wohltätige Stiftungen lauteten, 276 Millionen Euro.

Zentralfigur De Bonis
Die zentrale Person hinter dieser parallelen Vatikanbank heißt Donato De Bonis. Der persönliche Sekretär von Paul Casimir Marcinkus, dem Skandalbanker Gottes, bekam trotz der eben überstandenen Wirren einen Posten, den es eigentlich nicht mehr gab: Er wurde Prälat der Vatikanbank und somit die Nummer zwei des Instituts. Hinter dem Rücken des neuen Präsidenten Caloia und wohl in Zusammenarbeit mit dem abgesetzten Marcinkus, der bis 1997 vor der Justiz geschützt hinter den Mauern des Vatikans lebte, eröffnete er beim IOR ein Konto nach dem anderen. Der Anblick des Prälaten, der wöchentlich dicke Koffer mit Bündeln von 100.000-Lire-Scheinen in die Bank schleppte, wurde zur Normalität im wehrhaften Turm Nikolaus V., in dem die Bank ihren Sitz hat.

Die Mega-Schmiergeldaffäre
Die Vatikanbank spielte – das zeigt nun erstmals Dardozzis Archiv in allen Einzelheiten – eine zentrale Rolle in der gigantischen Schmiergeldaffäre, die in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre Italien erschütterte und unter dem Namen „Tangentopoli“ in die Annalen einging. Der Begriff steht für das gewaltige System von Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteifinanzierung, das der Staats­anwalt Antonio Di Pietro in der Operation „Mani ­Pulite“ („saubere Hände“) aufdeckte. Die ­Affäre betraf Politiker in ganz Italien und führte zu einem politischen Erdbeben: 3.200 Prozesse wurden geführt, 1.250 Personen verurteilt, mehrere nationale Politiker gerichtlich belangt. Die Folge war der Zusammenbruch der alten Parteienlandschaft und ein neues Wahlrechtsgesetz.

Vatikan blockiert Ermittlungen
Der wichtigste Fall waren die Bestechungsgelder aus dem Unternehmen Enimont, von dem aus – für die Genehmigung einer Teilung des Unternehmens – an praktisch alle Politiker des Landes Schmiergeld floss. Es wurde nicht in Koffern übergeben, sondern lief über ein kompliziertes Netzwerk von Banken. An einer davon bissen sich die Ermittler die Zähne aus: der Vatikanbank. Nun zeigt das Archiv Dardozzis, was dort hinter den Kulissen lief. Der immer noch amtierende Präsident der Vatikanbank, Angelo Caloia, wusste durchaus Bescheid, und zwar noch bevor die Ermittler auftauchten: „Sie sind dabei, uns in die Zange zu nehmen. Befreundete Quellen in der Finanzpolizei haben mich gewarnt“, schreibt er in einer Memo. Doch der Vatikan gibt halbe Antworten und legt seine Konten nicht offen. Die Schmiergelder werden über ein kompliziertes System wohltätiger Stiftungen weißgewaschen. Der polnische Papst, von Caloia in Kenntnis gesetzt, schützt den Prälaten der Bank, Donato De Bonis. Der Vatikan beschließt zu ­schweigen.

Andreotti: Codename „Omissis“  
Der Grund für diese Vorsicht dürfte ein weiterer Politiker sein, der seine Gelder über das IOR verwaltete: Es handelt sich um Giulio Andreotti, seit 30 Jahren der konservative Spitzenpolitiker, mit besten Beziehungen zur Kirche – und mit zu guten Beziehungen zur Mafia, was ihn wiederholt ins Visier der Justiz brachte. Zur Zeit der Ermittlungen von „Mani Pulite“ trat Andreotti zur Wahl für das Amt des Staatspräsidenten an. Der Vatikan hatte größtes Interesse an seinem Sieg und keines an der Aufdeckung seiner geheimen Konten. Für Andreotti – Code­name in der Vatikanbank: „Omissis“ – legte De Bonis gleich eine ganze Reihe davon an. Eines davon war die „Stiftung Spellmann“. Nun ist das Gründungsdokument dieser angeblich wohltätigen Stiftung im Archiv Dardozzis aufgetaucht. „Zeichnungsberechtigt: Donato De Bonis und Giulio Andre­otti“, steht dort. Umgerechnet 60 Millionen Euro sollen über die geheimen Konten ­Andreottis bei der Parallelstruktur der ­Vatikanbank geflossen sein, recherchierte Nuzzi. Als er den Ex-Präsidenten darauf ansprach und ihm die Dokumente zeigte, meinte der schlicht: „Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein ­Konto beim IOR besessen zu haben.“

Die unheilige Allianz mit der Mafia
Die Vatikanbank erwarb sich so einen guten Ruf als Hafen für schmutziges Geld: Sie gehört dem Papst, unterliegt keinen Regulierungen, die Einlagen sind steuerfrei. Der Vatikan hat auch nie ein Geldwäscheabkommen unterzeichnet. Kein Wunder also, dass auch die Mafia das IOR weiterhin nutzte. Dass dies noch weit über die Ära von De Bonis – der 1994 abgesetzt wurde – hinausging, zeigen nun die Aussagen eines Kronzeugen: Der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Palermo, Mafiaboss Vito Cianciminio, begleitete seinen Vater bei dessen Gängen ins IOR. Nun sagte er aus, dass die Schmiergeldzahlungen, die sein Vater für öffentliche Aufträge in Palermo kassierte, sämtlich in der Vatikanbank gebunkert wurden. Von diesen Konten, so Massimo Ciancimino, gingen zeitweise 20 Prozent der Eingänge an den „capo dei capi“ Toto Riina. Die letzte Transaktion auf ein Konto der Vatikanbank, sagt der Kronzeuge, ist nun gerade einmal zwei Jahre her.

Papst räumt auf
Der Vatikan hat zu den Enthüllungen des ehemaligen Beraters seines Staatssekretariats bisher eisern geschwiegen. Doch hinter den Kulissen brodelt es: Papst Benedikt XVI. nimmt die Gelegenheit sogar gerne wahr, mit der alten Riege der Vatikanfinanz aufzuräumen. In seiner Enzyklika „Caritas in Veritate“ hat der Papst – wohl inspiriert durch die Finanzkrise – zu Transparenz auf den Finanzmärkten aufgerufen. Nun muss er beweisen, dass er in seiner eigenen Bank dazu imstande ist. Erstes Opfer wird jener Mann sein, der schon 1990 mit dem Vorsatz der Transparenz angetreten ist: Der Präsident der Vatikanbank, Angelo Caloia, wird wohl vorzeitig abgelöst.

Von Corinna Milborn

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff