Der Abstieg Europas

Der Abstieg Europas

In 40 Jahren wird das krisengebeutelte Europa endgültig alt aussehen. Dann wird der globale Wohlstand vorwiegend in asiatischen Staaten zuhause sein.

Wenn ein Prophet aus der durch die Finanzkrise ins Rampenlicht gespülten Gilde der Nationalökonomen den Platz des Champions in deren heimlicher Hauptdisziplin - die ökonomische Begriffsverwirrung - beanspruchen kann, dann ist es Jim O’Neill. Immerhin gilt der Chef-Volkswirtschafter der US-Investmentbank Goldman Sachs als Urheber des Tigerstaaten-Kürzels BRIC (2001). Da sich die atemberaubenden Wachstumsraten von Brasilien, Russland, Indien und China bald zum Standardrepertoire jeder Wirtschaftsdebatte aufschwangen, pickte er 2005 aus 180 Ländern die "Next Eleven“ heraus. Demnach werde bald in Ägypten, Bangladesh, Indonesien, dem Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, auf den Philippinen, Südkorea, der Türkei und Vietnam die Musik nachhaltig laut spielen. Obwohl er damit gar nicht weit daneben lag, wollte dieser doch recht heterogene Begriff nicht so recht durchsickern. Also machte sich O’Neill abermals ans Werk und präsentierte vorige Woche seine verdichtete Ultima Ratio der neuen Märkte der Zukunft: MIST.

MIST mag zwar im Deutschen etwas komisch klingen, riecht aber angeblich nach Reichtum und Wohlstand, die sich neben den bereits etablierten Aufsteigerstaaten besonders in Mexiko, Indonesien, Südkorea und der Türkei konzentrieren sollen.

Asien statt Atlantik

Inzwischen ist die Zahl der nationalökonomischen Prognosen, die sich allesamt gerne rund um das Jahr 2050 einpendeln, kaum noch überschaubar. Doch abgesehen von einigen Unschärfen haben sie ein großes, gemeinsames Fazit: In etwa 40 Jahren werden die vielfach überschuldeten, verkrustet und behäbig gewordenen Länder der westlichen Welt ihre wirtschaftliche Vorrangstellung vorwiegend an asiatische Staaten verloren haben.

Oder, wie es etwa Professor Danny Quah von der London School of Economics zusammenfasst: "Zu Beginn der 80er-Jahre lag das weltwirtschaftliche Gravitationszentrum - eine Art theoretischer Mittelpunkt des globalen Bruttosozialproduktes - in der Mitte des Atlantiks. 2050 wird es irgendwo zwischen China und Indien sein.“

Der Grund für die ökonomische Kontinentalverschiebung liegt, wie in einer aktuellen, globalen Kapitalmarkt-Studie der Allianz-Versicherung postuliert wird, nicht nur in der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise, die Europa und die USA wohl noch länger in Geiselhaft halten wird. Sondern vielmehr in demografischen Megatrends.

Während in den heutigen Schwellenländern, wo bereits jetzt 82 Prozent aller Menschen leben, die Bevölkerung stetig wächst - laut UN von weltweit derzeit etwa sieben Milliarden auf rund 9,3 Milliarden Personen bis 2050 - und vergleichsweise jung bleibt, werde sie in den traditionellen Industrienationen immer weniger und außerdem auch zunehmend älter. Allianz-Studienautor Dennis Hacken begründet hauptsächlich damit diese "Verlagerung der wirtschaftlichen Gravitationszentren“ in andere, ökonomisch dynamischere Regionen der Erdkugel.

Der Abstieg Europas

Im jüngsten "Global Wealth“-Bericht der Citibank, der gemeinsam mit der auf Immobilien spezialisierten internationalen Anlageberatungsfirma Knight Frank erarbeitet wurde, sind derartige demografische Metaprognosen in konkrete Zahlen gegossen. Auch diese Statistik der reichsten Länder 2050 zeigt: Wenn Europa nicht als Einheit gesehen wird, findet sich abgesehen von den USA und Japan in 40 Jahren keine einzige westliche Nation unter den Top-10-Ländern der größten Volkswirtschaften der Welt.

Deren an ihrem prognostizierten BIP gemessene, überraschende Reihenfolge laut dieser Studie: Indien, China, USA, Indonesien, Brasilien, Nigeria, Russland, Mexiko, Japan und Ägypten. Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien - im Jahr 2010 noch auf den Rängen fünf, acht, neun und zehn - gehören dann nicht mehr, zumindest hinsichtlich ihres Gesamt-BIPs, zur Oberliga (siehe Tabelle ).

Dazu William Butler, Chef-Volkswirt der Citibank und Studien-Mitautor: "Viele der ärmeren Volkswirtschaften haben nun ausreichend politische Stabilität und funktionierende Institutionen, um rasch wachsen und aufholen zu können. Wir glauben, dass der Anteil der USA und Westeuropas am Welt-BIP von derzeit rund 41 Prozent bis 2050 auf gerade einmal 18 Prozent fallen wird.“

Lediglich aufgrund ihrer vergleichsweise immer geringeren Einwohnerzahl verbleiben in der Pro-Kopf-Rechnung nach Kaufkraftparitäten, der zweiten wichtigen Wohlstands-Maßzahl, auch England, die Schweiz und - zumindest aus hiesiger Sicht ein Lichtblick - selbst Österreich unter den zehn reichsten Ländern der Welt im Jahr 2050. Norwegen, die Niederlande und Schweden rutschen allerdings auch gemäß dieser Kalkulation nach hinten.

Ganz grimmig wird die Citibank-Studie allerdings dann, wenn es um jene Länder geht, die in diesem Zeitraum die höchsten jährlichen Wirtschaftswachstumsraten aufweisen dürften. Am stärksten strengen sich bei der Aufholjagd um ihren Anteil am globalen Wohlstand demnach Nigeria (8,5 Prozent), Indien (8 %), der Irak (7,7 %), Bangladesh und Vietnam (7,5 %), die Philippinen (7,3 %), die Mongolei (6,9 %), Indonesien (6,8 %), Sri Lanka (6,6 %) und Ägypten mit einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 6,4 Prozent pro Jahr an.

Nur zum Vergleich: Am untersten Ende dieser Dynamik-Skala mit jährlichen Wachstumsraten von kümmerlichen ein bis zwei Prozent rangieren abgesehen von Japan ausschließlich europäische Länder, die auf relativ hohem Niveau der Stagnation anheimzufallen drohen. Österreich liegt - trotz oder vielleicht gerade wegen seines relativen Reichtums - mit einem durchschnittlichen Wachstum von 1,8 Prozent an trauriger fünftletzter Stelle.

Die neue Plutonomie

Dass derartige gesamtwirtschaftliche Drifts auch zur Schaffung neuer Vermögen führen, liegt auf der Hand. Diese werden sich jedoch in den Händen vergleichsweise weniger Superreicher befinden. "Der Trend zur Konzentration gewaltiger Reichtümer bei wenigen, die immer reicher werden, lässt sich seit etwa zehn Jahren beobachten“, schreibt Liam Bailey, leitender Analyst bei Knight Frank. "Diese ‚Plutonomie‘, in der die Vermögen des reichsten einen Prozents der Einwohner auch viel schneller wachsen als der Wohlstand der 99 Prozent, bereitet der Politik weltweit nicht umsonst ziemliches Kopfzerbrechen.“

Kein Wunder, angesichts der Zahlen beispielsweise des britischen Anlageberaters Ledbury Research, der sich auf das Vermögen der sogenannten "High Net Worth Individuals“ (HNWIs) konzentriert - jene Krösusse, die über ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar verfügen. Demnach befinden sich derzeit Vermögenswerte von etwa 40 Trillionen Dollar - das ist etwa ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung - im Besitz von gerade einmal 63.000 HNWIs - ein Anstieg von 29 Prozent seit 2005. Die Hälfte dieser Superreichen lebt in Nordamerika oder Westeuropa, etwa 18.000 sind in Südostasien, China und Japan beheimatet. Aber bereits in den kommenden fünf Jahren soll sich der Anteil der "Centa-Millionaires“ zugunsten des Fernen Ostens verschieben.

Tradition vs. Expansion

Ebenfalls Hand in Hand mit dieser globalen Verlagerung des Wohlstands geht der Aufstieg gigantischer Städte, die sich fast alle ebenfalls in dieser Region befinden. Die Citibank hat für ihre Global-Wealth-Studie die renommierte "Economist Intelligence Unit“ (EIU) mit einem Wettbewerbsvergleich von 120 Großstädten beauftragt. Deren Resultat: "Wenn man nur das BIP-Wachstum der Metropolen heranzieht, liegen um das Jahr 2025 neun der Top-10-Städte dieser Welt in China. Alle Top 20 sind in China und Indien. Und abgesehen von Doha, Lagos, Panama City und Lima werden alle Top-30-Citiex in der asiatisch-pazifischen Region zu finden sein.“

Aus europäischer Sicht ist das BIP-Kriterium in diesem Städteranking zum Glück nur eines von 31 Vergleichsmerkmalen. Denn wenn es um Fragen wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit oder auch nur eine vage formulierte kulturelle Attraktivität geht, schneiden bis auf Peking, Shanghai, Singapur und Hongkong die asiatischen Moloche eher schlecht ab. In diesen Kategorien punkten nach wie vor traditionelle europäische Zentren wie beispielsweise London, das laut EIU auch noch im nächsten Jahrzehnt die Rangliste der wichtigsten und beliebtesten Städte anführen wird, sowie Paris und Berlin (siehe Tabelle ).

Oder, wie es ein befragter Großinvestor zusammenfasst: "Größe allein ist eben doch keine ausreichende Qualität.“

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