Chinas Lehman-Moment

Chinas Lehman-Moment

Geht die Rückabwicklung von Dollar-Yuan-Währungsspekulationen zu schnell voran, droht China in den Abgrund zu stürzen – und den Westen mit sich zu reißen.

Es begann mit Lehman, es könnte in China enden. Zumindest ist das die Sorge, die sich nach der Lektüre einer Währungsanalyse der Deutschen Bank breit macht. In dieser gehen die Studienautoren auf die Gefahr von Währungsspekulationen zwischen US-Dollar und dem chinesischen Yuan ein.

Im Rahmen dieser sogenannten "Carry Trades“ wurde bislang Geld billig in den USA aufgenommen und dann in China mit einem höheren Ertrag meist sehr kurzfristig angelegt.

Dieses "Hot Money“ trägt wesentlich zur Zwischenfinanzierung chinesischer Unternehmen bei. "Würden die Carry Trades plötzlich aufgelöst werden, ginge der chinesischen Wirtschaft ein wichtiger Kanal billigen Geldes verloren“, erklären die beiden Autoren der Deutsche Bank-Studie, Bilal Hafeez und Mallika Sachdeva.

Gewaltige Summen

Bei den Beträgen, die vor allem durch manipulierte Import- und Exportgeschäfte via Hong Kong nach Festland-China gelotst werden, handelt es sich um gewaltige Summen, die im Jahresverlauf einen Höhepunkt von 30 Milliarden US-Dollar im Monat erreicht hatten. Weitergegeben wird dieses Geld über die zahlreichen chinesischen Schattenbanken, die Schätzungen zufolge mehr oder weniger unkontrollierte Kredite im Gegenwert von drei Billionen Euro an die Wirtschaft des Landes vergeben haben.

Dieser Geldfluss ist jedoch mittlerweile ins Stocken geraten. Zuletzt wurde nur noch ein monatliches Volumen von rund 18 Milliarden US-Dollar billigen Geldes nach China geschleust. Erste Verwerfungen haben sich deshalb bereits gezeigt. Ein veritabler Liquiditätsengpass am 20. Juni führte zu Rekord-Zinsen am Interbanken-Markt. Dass sich die Notenbank in dieser Situation weigerte, die Banken mit zusätzlicher Liquidität auszustatten, hat in der Folge zu den größten Tagesverlusten der chinesischen Börse in den vergangenen vier Jahren geführt.

Stellt sich die Frage, ab welchem Zeitpunkt die aktuelle Erodierung des Carry Trade-Geschäfts zu einem Kollaps mutiert. Robert Rethfeld von Wellenreiter Invest meint gegenüber der ARD: "Sollten die Anleihenrenditen in den USA weiter auf drei oder vier Prozent anziehen, würde dieser Carry Trade schlichtweg unattraktiv.“

Globale Korrektur

Zuletzt hatten Renditen für zehnjährige Staatsanleihen einen Prozentsatz von bis zu 2,75 Prozent erreicht. "Sollte der Carry Trade zurückgehandelt werden, könnte es sich dabei durchaus um einen Vorläufer einer größeren weltweiten Korrektur handeln“, so Rethfeld weiter. Eine mögliche Eintritssmöglichkeit dieses Szenarios wäre der Spätsommer mit einem Korrekturpotenzial von 20 Prozent.

Zu panikartigen Auflösungen des Dollar-Yuan-Trades kann es jedoch nicht nur durch Marktmechanismen, sondern auch durch die Pekinger Politik kommen. Diese beobachtet die Schuldentürme, die sich sowohl auf staatlicher, vor allem aber auch auf privater Seite aufgetürmt haben, mit wachsender Sorge. Laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich belaufen sich die Schulden chinesischer Unternehmen mittlerweile auf 140 Prozent des staatlichen BIP. 2008 lag diese Zahl noch bei 100 Prozent. Ein Mittel, diesen Verschuldungsgrad zu reduzieren, wäre ein entschlossenes Vorgehen gegen Schattenbanken und eine Erschwerung der Dollar-Yuan-Wechselkursgeschäfte.

Ratlose Regierung

Inwieweit die Regierung einen solchen Weg beschreiten will, ist derzeit aber noch fraglich. Die Vorzeichen sind widersprüchlich: So hat Premier Xi Ping Anfang Juli erklärt, "dass die politisch und wirschaftlich Verantwortlichen nicht nur daran gemessen werden sollten, wie schnell das BIP wächst“, was ein Bekenntnis zu geringeren Wachstumsraten darstellen würde.

Auch die bereits erwähnte, kurzfristige Weigerung der Notenbank, den Finanzsektor mit zusätzlicher Kurzfrist-Liquidität auszustatten, darf als Zeichen gedeutet werden, dass die Regierung alles daran setzt, einen Crash zu vermeiden, und die chinesische Wirtschaft zu einer sanften Landung zu bringen. Auf der anderen Seite könnte die Anfluggeschwindigkeit für ein angenehmes Aufsetzen aber bereits zu niedrig sein. Die Juni-Daten zur Exportbilanz deuten jedenfalls auf eine unerwaret starke Abkühlung der chinesischen Wirtschaft hin. Denn anstatt die Markterwartungen zu erfüllen und im Jahresvergleich um 3,7 Prozent zu steigen, sind die Exporte um 3,1 Prozent zurückgegangen. Die Importe sind um 0,7 Prozent geschrumpft. Erwartet worden war ein Plus von sechs Prozent.

Offene Schleusen

Dass der chinesisiche Hang Seng-Index diese Nachricht mit einem Tagesgewinn von knapp über einem Prozent quittierte, ist nur auf den ersten Blick erfreulich. Denn die dahinter stehende Argumentation geht dahin, dass die Notenbank den kaum kontrollierten Geldfluss nicht eindämmen, sondern erweitern wird, indem sie die Mindestreserven-Rate für Banken und Unternehmen zurückführt.

Das bedeutet, dass eine höhere Kredit-Quote und somit eine noch höhere Verschuldung der Unternehmen möglich wird. Gestützt wird dieses Szenario durch eine, wie die britische Großbank HSBC meint, "wohlwollende Inflation“, die zuletzt bei 2,7 und somit deutlich und dem angestrebten Zielwert von 3,5 Prozent lag.

Dazu kommt eine BIP-Wachstumsrate, die für das zweite Quartal auf 7,5 Prozent geschätzt wird und damit die unteren Zielvorgaben der Regierung gerade noch so erfüllt. Auch das könnte die Notenbank kurzfristig dazu verleiten, die Kreditschwemme zu verlängern.

Ganz ohne Verständnis dürfte man einem solchen Schritt aber auch nicht begegnen, lösen Wachstumsraten von unter acht Prozent in China doch Zustände aus, die man im Westen nur aus Rezessionszeiten kennt: Also massiv steigende Arbeitslosigkeit, mit dem damit einhergehenden Teufelskreis aus schwindendem Konsum und rückläufiger Produktion.

So verständlich ein Wegschauen beim Dollar-Yuan-Carry-Trade und der damit unterstützten Kreditschwemme also kurzfristig erscheint, könnte sich die Notenbank zu etwas entwickeln, das sie ganz bestimmt nicht sein will: ein konjunktureller Drachentöter. Mit allen damit einhergehenden Kontaminierungseffekten für den Rest der globalen Wirtschaft - inklusive Europa.

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