Samsung Galaxy Gear vs. Sony SmartWatch2: Wer hat an der Uhr gedreht?

Samsung Galaxy Gear vs. Sony SmartWatch2: Wer hat an der Uhr gedreht?

Vergleichstest der beiden Smartwatches, ihre historischen Vorläufer und was nun die Konkurrenz vorhat.

Commander Cliff Allister McLane ( Raumpatrouille Orion ) hatte eine, Michael Knight ( Knight Rider ) und Superdetektiv DickTracy auch: Smart Watches, Watch Phones oder Armband-Kommunikationsgeräte sind seit vielen Jahrzehnten fixer Bestandteil in Science Fiction-Filmen und -Serien. Umso verwunderlicher ist, dass wir so ein Teil nicht schon längst umgeschnallt haben. Technologisch ist das nämlich keine Sache mehr. 1993 erhielt AT&T ein Patent für sein Wrist Phone , bereits 1998 zeigte Samsung seinen ersten Prototyp einer Handy-Uhr . Das noch ziemlich große Teil mit Antenne (!), war eigentlich als Technologie-Studie für künftige Swatch-Handyuhren gedacht. Aus dem Gemeinschaftsprodukt Samsung-Swatch wurde allerdings nichts, weil Swatch-Chef Hayek das Ding einfach noch viel zu klobig war.

Mit der neuen GALAXY Gear ist es Samsung 15 Jahre später jedenfalls gelungen, den Smartwatch-Hype neu anzufachen. Die neue Gear galt als einer der unbestrittenen Stars der diesjährigen HiTech-Weltmesse IFA. Die Frage ist nur - zurecht? Handy-Uhren und Smartwatches gab es in den letzten 15 Jahren einige, durchgesetzt hat sich die Idee aber noch nicht so wirklich.

Hoffnungsmarkt „Wearable Technology“

„Wearable Technology“, „Tech Togs“, „Fashion Electronics“ oder „Wearable Devices“ wie Smartwatches, Phone Watches und Smart Glasses (vulgo „Google-Brille“) werden allgemein eine große Zukunft vorausgesagt. Im Lager der „Early Adopters“ gilt die Smartwatch als nächstes Gadget am Handgelenk. Und tatsächlich, eine Uhr, die neben Zeit und Datum auch das aktuelle Wetter oder eintreffende SMS-Nachrichten anzeigt, ist irgendwie cooler als ein normaler Zeitmesser. IMS Research prognostiziert weltweit 4 Millionen verkaufte Smartwatches bis Ende 2014, Ende 2016 sollen es 41 Millionen sein. Nach Ansicht des Marktforschungsinstitutes BI Intelligence boomt der gesamte Bereich der „Wearable Devices“ in den nächsten Jahren gewaltig. Nach Vorhersagen von BI beläuft sich der weltweite Umsatz von „Technologie am Körper“ bis Ende 2014 auf satte 6 Milliarden Dollar (4,4 Milliarden Euro). Bis Ende 2017 soll sich der globale Wearable-Markt auf 12 Milliarden Dollar (8,9 Milliarden Euro) verdoppeln.

Samsung GALAXY Gear und Sony SmartWatch2 im Test

Was die beiden aktuellen Smartwatch-Rivalen Samsungs GALAXY Gear und Sony SmartWatch2 betrifft, gibt es einige Gemeinsamkeiten, aber auch beträchtliche Unterschiede. Gemeinsam ist beiden Smartwatches - sie funktionieren nicht autark, sondern nur gemeinsam mit einem Smartphone! Sowohl Samsungs Gear als auch Sonys SW2 sind nämlich keine echten Handy-Uhren (Watch Phones) mit eigenem Mobilfunkteil und eigener SIM. Stattdessen sind beide nur eine Art zweites Handy-Display am Handgelenk respektive eine Handy-Fernbedienung. Das Ganze funktioniert so: Über Bluetooth und spezielle Android-Apps bekommt der Smartwatch-Besitzer drahtlosen Zugriff auf sein Smartphone und seine Inhalte. „Intelligenz“, Mobilfunk- und Internet-Zugriff steuert das Handy bei. Smartwatch-Apps müssen deshalb zuerst am Smartphone installiert werden, bevor sie überhaupt am Uhr-Display auftauchen können. Das große Handy zu Hause lassen und unterwegs einfach mit der Uhr telefonieren, SMSen und mailen, geht mit diesen beiden Smartwatches nicht.


Die beiden Uhren an der Hand © Rainer Grünwald

Samsung Galaxy Gear im Detail

Eindeutiges Plus der GALAXY Gear sind ihr eingebautes Mikrofon (mit Lärmunterdrückung) und der integrierte Speaker. Damit lassen sich Anrufe über die Uhr entgegennehmen oder auch Telefon-Calls tätigen, allerdings – wie gesagt - nur, wenn sich ein kompatibles Samsung Smartphone in Bluetooth-Reichweite befindet. Dank Mikro & Lautsprecher läßt sich die Gear als Handy-Freisprecheinrichtung am Handgelenk nutzen. Auch das Wählen per Sprachbefehl oder das Texten von SMS per Spracherkennung sind möglich, was speziell am Volant klare Vorteile bringt.

Als eher weniger klug erweist sich die Anbringung des Mikros in der Schnalle des Uhrarmbands. Für optimale Gesprächsqualität müsste man den Arm wie beim Handyphonieren eigentlich an den Kopf halten. Weil das Mikro aber recht empfindlich ist, geht’s mit kleineren Qualitäts-Einbußen auch ohne Verrenkungen. Wie ein Test im Fahrbetrieb zeigt, reichen Gear-Speaker und -Mikrofon für einen Handytalk im Auto ohne dass die Hände vom Lenkrad genommen werden müssen.

Und noch etwas hat die koreanische Smartwatch, das ihre japanische Konkurrentin nicht hat: eine eingebaute Kamera. Die 1,9 Megapixel Spycam („Memographer“) sitzt ebenfalls im Uhrarmband und kann zum Schießen von Fotos und Videoclips verwendet werden. Die Qualität der Fotos und 15-Sekunden-Clips ist gar nicht übel, wenngleich man sich hier keine Wunder erwarten darf.

Was Styling, Display und Materialien angeht, wirkt die 299 Euro teure Gear überaus wertig, aufgrund der wuchtigen Ausführung (1,63 Zoll, 73,8 g ohne Uhrband) dürfte man sie aber eher selten an weiblichen Handgelenken sehen. Das Uhrband lässt sich hier auch nicht einfach nach modischen Gesichtspunkten tauschen, weil darin Mikro, Speaker und Cam untergebracht sind. Nur mäßig praktisch ist auch der Ladevorgang: Dafür benötigt die Gear ein eigenes Ladedock. Das Dock wird auch für NFC-Kopplung zwischen Uhr und Smartphone verwendet.


Samsung Galaxy Gear © Rainer Grünwald

Ein schwerwiegendes hausgemachtes Problem der GALAXY Gear ist allerdings – sie „spricht“ momentan ausschließlich mit Samsung Handys. Und hier auch nicht mit jedem. Zum Start sind das nur Samsungs neues Phablet Note 3 und die 2014er-Ausgabe des Samsung-Tablets Note 10.1. Ab Ende Oktober werden per Software-Update Schritt für Schritt auch Galaxy S3, S4, Active, mini und Note 2 „Gear- tauglich“. Androids-Apps für die Gear gibt es derzeit ausschließlich über den hauseigenen App-Store „Samsung Apps“. Ein mäßig schlauer proprietärer Ansatz, zumal sich Sonys günstigeres Konkurrenzprodukt SmartWatch2 (ab € 179,-) tadellos mit neuzeitlichen Android-Smartphones und Tablets aller Hersteller versteht und bereits über hunderte Apps im offenen Google PlayStore verfügt.

Kontaktfreudig: Sony SmartWatch 2

Verglichen mit Samsungs GALAXY Gear wirkt Sonys wasserfeste Sony SmartWatch2 (1,6 Zoll, 23,5 g ohne Uhrband) fast wie eine normale Modeuhr. Größenmäßig ist das „Ziffernblatt“ gerade noch unisex, neben der Basic-Variante mit Silikon-Armband (€ 179,-) gibt es auch noch die de-luxe-Version mit schwarzem Metallarmband (€ 199,-). Im Gegensatz zu Samsungs Gear kann die SW auch mit jedem passenden Armband kombiniert werden. Was die Kopplung mit Android Smartphones angeht, präsentiert sich die SmartWatch 2 zu 100% „weltoffen“. Im Prinzip lässt sich jedes Handy ab Android 4.0 mit Bluetooth andocken. Im Test hatte etwa Samsungs „altes“ Note keine Beziehungsprobleme mit der Sony-Uhr. Neben der automatischen Kopplung über NFC (Handy und Uhr einfach aneinanderhalten) lässt sich die SW2 auch manuell per Bluetooth verbinden.

Funktionsmäßig bietet die SW2 ähnliche Features (Anrufinfo, Messaging, Zugriff auf Handy-Apps) wie Samsungs Gear, ist mangels Mikro und Speaker aber leider stumm. Was vielleicht auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist: So kann man über die SW2 (drahtloser Zugriff auf Handy-Telefonbuch und Handy-Tastatur) zwar einen Anruf starten oder annehmen, muss aber für das Telefongespräch selbst erst wieder das Handy aus der Tasche wuseln. Eingebaute Cam hat die SW2 auch keine, was aber leichter verschmerzbar ist.

Auf der Haben-Seite der SW2 stehen mehrere hundert Apps (von Facebook über Gmail und Twitter bis zum Fitness Coach), im PlayStore. Auch die Akkulaufzeit der SW2 (mehrere Tage) liegt deutlich über der Gear (je nach Nutzung 1-2 Tage).


Sony SmartWatch2 © Rainer Grünwald

Die SmartWatch2 ist, wie der Name schon vermuten lässt, nicht Sonys Erstlingswerk. Bereits 2007 brachte Sony (damals noch Sony Ericsson) eine erste Bluetooth-Uhr namens MW100 auf den Markt, 2010 folgte die erste Android-Uhr (LiveView). Zählt man alle Modelle zusammen, steht die SW2 bereits in der fünften Generation von Sony Smartwatches.

Braucht man so etwas eigentlich?

Im Prinzip ähnelt das ein wenig der Frage, ob es denn eine Rolex, Breitling, IWC oder Panerai sein muss, wo doch eine Uhr zu € 9,90 auch ziemlich zuverlässig Zeit und Datum anzeigen kann. Smartwatches können unbestritten mehr als jeder noch so teure Edelchronometer und man hat auch hier die Hingucker auf seiner Seite. Als Smartphone-Infodisplay und Handy-Fernsteuerung am Handgelenk (Wer ruft an? Welche neuen Nachrichten sind eingetrudelt? Wie ist mein Laufergebnis heute?) sind Smartwatches ganz nützlich, zumal das Mobiltelefon eingesteckt bleiben kann. Das ist aus zwei Gründen besonders praktisch: Zum einen werden Smartphones immer größer (Stichwort: Phablets) und zum anderen häufen sich die Gelegenheiten, in denen Handys auf stumm geschaltet werden müssen.

Dazu kommt ein sozialer Aspekt: Wer auf seinem Smartphone in Sitzungen genüsslich die letzten Mails, Facebook- oder Twitter-Postings „checkt“ macht sich eher weniger beliebt. Ein „Blick auf die Uhr“ ist da um Einiges diskreter.

Der große Haken bei Smartwatches ist freilich, dass sie keine echten Handy-Uhren sind und nicht autonom funktionieren. Da war man 2009 schon einmal weiter. Damals brachte LG sein Watch Phone GD910 auf den Markt. Das Ding war nicht nur ein vollwertiges Handy mit Freisprecheinrichtung und Bluetooth, sondern „konnte“ dank HSDPA & Cam sogar Videotelefonie. Warum der kultigen Handy-Uhr (damals für € 129,- exklusiv bei Orange) der Durchbruch versagt blieb, lag schlicht an den ausufernden Produktionskosten. Die GD910 musste beim damaligen Stand der Technik zum Gutteil in Handarbeit (!) hergestellt werden - und die ist auch in Korea nicht billig.

Eine „smarte“ Neuauflage der GD910 auf Android-Basis ist bei LG derzeit zwar nicht in Sicht, man darf aber gespannt sein, was die nächste Zukunft anderswo bereithält. Die „iWatch“ , Apples Interpretation des Themas Smartwatch, lässt nämlich seit Monaten die Gerüchteküche brodeln. Mal sehen, was dem Erfinder von iPod, iPhone und iPad dazu einfällt…

Samsung GALAXY Gear Produkt-Spezifikationen

Prozessor: 800 MHz Prozessor
Display: 1,63 Zoll (41,4mm) Super AMOLED (320 x 320)
Kamera: 1,9 Megapixel BSI Sensor, Auto Focus Kamera / Sound & Shot Video Codec: H.264; Format: MP4; HD(720p) Playback & Recording
Audio: Codec: AAC; Format : M4A
Konnektivität: Bluetooth® v 4.0 + BLE
Sensor: Schrittzähler, Gyroscope
Speicher: 4 GB interner Speicher + 512 MB (RAM)
Größe: 36,8 x 56,6 x 11,1 mm, 73,8g
Akkukapazität: Standard Akku, Li-ion 315mAh

Sony SmartWatch2 Produkt-Spezifikationen

Typ: Android-SmartWatch mit NFC und Bluetooth
Display: 1,6 Zoll, LCD, transflektiv (220 x 176 Pixel)
Material: Aluminium (Gehäuse) + Gummi-Armband oder rostfreier Stahl
Konnektivität: Bluetooth 3.0, NFC
Extras: Wasserfest nach IP57, Laden über Micro-USB
Kompatibilität: Für die Verwendung mit Smartphones ab Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) oder höher
Verfügbare Apps und Plugins: 200+ auf Google Play. U. a.: Anruf-Handling (annehmen, abweisen, stumm schalten, Lautstärkeregelung), Benachrichtigung über entgangene Anrufe, SMS/MMS, E-Mail, Gmail, Facebook, Twitter, Musikfernbedienungserweiterung/Musiksteuerung, Kalender, Wetter, Handy-Suche, News-Feeds
Größe & Gewicht: 42 x 9 x 41 mm, 122,5 g mit Armband
Akkulaufzeit: Bei geringe Nutzung 7 Tage, bei normaler Nutzung 3 – 4 Tage

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