Das Ende von Windows XP - zehn Fragen und Antworten

Das Ende von Windows XP - zehn Fragen und Antworten

Am 8. April 2014 beendet Microsoft den Support für seinen Bestseller Windows XP. 2,5 Millionen PCs in Österreich sind betroffen. Der Wiener IT-Experte Martin Puaschitz erklärt, was das jetzt bedeutet.

Es läuft und läuft und läuft, und… Mit Windows XP ist Microsoft ein wirklich großer Wurf gelungen: Bedienungsfreundlich, schlank und außergewöhnlich stabil. Obwohl das Betriebssystem mit der knallbunten Oberfläche schon seit 2001 existiert, ist es mit 29,23 Prozent Weltmarktanteil noch immer die Nummer 2 unter allen Betriebssystemen, weit vor seinen aktuellen Nachfahren Windows 8 (6,63 Prozent) und Windows 8.1 (3,95 Prozent, alle Zahlen NETMARKETSHARE ).

Geschätzte 750 Millionen PCs, Notebooks und Tablets laufen weltweit noch unter Windows XP - und es sind nicht nur Computer im gängigen Sinn darunter. In 95 Prozent aller Bankomaten rund um den Globus werkt noch immer Windows XP, für viele Fahrkartenautomaten und CNC-Maschinensteuerungen dürfte ähnliches gelten.

Ab 8. April 2014 soll damit Schluss sein: Microsoft beendet mit diesem Tag den technischen Support für seinen Betriebssystem-Bestseller. format.at befragte den Wiener IT-Spezialisten und Landesvorsitzenden der „Jungen Wirtschaft“, Martin Puaschitz , zu den Folgen für alle XP-User und die heimische Wirtschaft.

FORMAT: Mit 8. April 2014 beendet Microsoft offiziell den Support von Windows XP. Was bedeutet das konkret?

Martin Puaschitz: Technisch gesehen werden ab 8. April 2014 keine weiteren Sicherheitsupdates herausgegeben – das bedeutet, dass neue potentielle Gefahren im Betriebssystem nicht mehr durch Microsoft repariert werden. Die Updates im Bereich Malware, also das Erkennen von Schadsoftware, werden jedoch noch bis 14. Juli 2015 bereitgestellt.

Viele Anwender befürchten, dass Ihr Windows XP mit den darauf befindlichen Dateien und Programmen nach dem Stichtag 8. April nicht mehr funktioniert – das ist selbstverständlich nicht der Fall. Ab dem 8. April 2014 ist es aber so, als ob man Auto fährt ohne sich anzuschnallen. Es ist nicht zwingend, dass etwas passiert, aber wenn etwas passiert, ist der Schaden mangels Sicherheitsgurt = Sicherheitsupdates mitunter deutlich größer.

Wie viele Computer sind weltweit betroffen, gibt es eine zahlenmäßige Schätzung, wie es in Österreich aussieht? Puaschitz: Der aktuelle Markanteil von Windows XP liegt weltweit bei rund 30 Prozent, 10 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Analysten gehen von rund von 2,5 Milliarden Computern weltweit aus, das würde bedeuten, dass rund 750 Millionen PCs weltweit bis heute auf Windows XP laufen. Österreich liegt hier sicherlich im weltweiten Schnitt. Ausgehend von den Berechnungen für Deutschland lässt sich grob abschätzen, dass es in Österreich noch immer 2,5 Millionen Windows-XP-Rechner geben dürfte.


Microsoft Windows im Wandel der Zeiten

Wo stehen in Österreich die meisten Windows XP-Rechner? In Privathaushalten? Im öffentlichen Bereich, im Gewerbe, in Büros? Und wie sieht es mit Windows XP in Maschinen, Kassen und Bankomaten aus?

Puaschitz: Insbesondere Firmen sind bei der Auswahl Ihrer Betriebssysteme bewusst langsamer als Privatanwender – der Hintergrund sind natürlich einerseits die notwendigen Investitionen aber auch der technische Aufwand der betrieben werden muss. Geschäftsführer und technische Leiter gehen gerne auf Nummer sicher und setzen daher meist die Vorgängerversion von Betriebssystemen ein, damit Kinderkrankheiten nicht den laufenden Betrieb stören können. Daher ist davon auszugehen, dass sich die meisten der Windows XP-Rechner in Firmenbesitz befinden.

Oft sind es aber auch Maschinen, hinter denen man keinen Computer im herkömmlichen Sinne vermutet. Betroffen sind etwa auch die heimischen Bankomaten, in denen sehr oft noch Windows XP zum Einsatz kommt. Aber auch Ticket-Systeme wie etwa bei den Wiener Linien, Anzeigesysteme in Reisebüros, etc. laufen bis dato flächendeckend unter XP. – Als Konsument erkennt man hier nicht sofort einen handelsüblichen PC dahinter.

Windows XP ist nach Windows 7, das derzeit einen Weltmarktanteil von rund 48 Prozent hält, noch immer auf Platz 2 im weltweiten Betriebssystem-Ranking. Warum ist das bald 13 Jahre alte XP eigentlich so beliebt?

Puaschitz: Wenn man sich die Entwicklung von Windows historisch ansieht, war Windows XP definitiv ein Meilenstein bezüglich Funktionsumfang und Stabilität. Der Nachfolger Vista war sehr ressourcenhungrig und konnte vor allem im KMU-Bereich nicht über die Funktionen punkten, daher haben viele dieses Upgrade damals ausgelassen.

Prinzipiell überspringen gerade Unternehmen gerne eine oder zwei Versionen. Der Hintergrund sind einerseits die Kosten sowie der Aufwand, der betrieben werden muss, dazu kommen Stehzeiten, Schulungsaufwände und Einarbeitungsphasen. Oftmals werden alle Microsoft-Produkte gemeinsam auf den aktuellen Stand gebracht, also Windows als Betriebssystem aber auch Office – und gerade letzteres erweist sich bei vielen durchaus als bedeutender Kostenfaktor.

„Never change a running System“, lautet – in Abwandlung eines berühmten Spruchs - das Motto in der EDV. Was sind eigentlich die Gründe für das Ende von Windows XP? Microsoft führt unter anderem immer wieder gravierende Sicherheitsprobleme an …

Puaschitz: Technologisch werden Basiskomponenten eines Betriebssystems immer wieder neu erdacht und am aktuellen Stand der Technik neu entwickelt. Das soll die wechselnden Anforderungen, zum Beispiel die immer stärkere Verbreitung von Touch-Geräten abdecken, aber auch neue Funktionen, wie den verstärkten Einsatz von Cloud-Technologien ermöglichen. Microsoft hat sich seit Windows XP sehr stark des Themas Sicherheit und Sicherheitslücken in Betriebssystemen angenommen – daher ist potentielle Infektionsrate von XP-Geräten deutlich höher als bei aktuellen Systemen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Produkte deren Update-Support ausgelaufen ist, deutlich stärker als Systeme mit weiter aktualisierten Patches betroffen sind. So ist nach Angaben von Microsoft die Infektionsrate bei Rechnern mit Windows XP Service Pack 2 - für das der Support bereits ausgelaufen ist - nach 2 Jahren um 66 Prozent höher als bei PCs mit Windows XP Service Pack 3. Dafür läuft der Support erst mit 8. April 2014 aus.

Microsoft-Kritiker meinen, das erzwungene Ende von Windows XP könnte auch am mäßigen Zuspruch für Windows 8 und 8.1 liegen. In Analogie zur Autobranche wäre das so, als würde man die Ersatzteilversorgung für einen Auto-Bestseller einstellen um den Kauf von Neuwagen anzukurbeln.

Puaschitz: Natürlich gibt es immer Kritiker. Ach solche, die Microsoft als Quasi-Monopolist sehen, der Geldmacherei zu betreibt. Man muss aber schon erwähnen, dass Windows XP aus dem Jahre 2001 stammt und somit nahezu 13 Jahre alt ist. Das ist insbesondere für die IT-Branche einer unglaublich langen Zeit – und es hat sich viel verändert. Etwa das nötige Sicherheitsdenken: Heute werden weit mehr Computer an das Internet angeschlossen als es zu Beginn von XP der Fall war.

Microsoft verbietet ja nicht den Einsatz von XP, ähnlich wie der Gesetzgeber alte Autos per se nicht verbietet. Jedoch werden mitunter die laufenden finanziellen Belastungen - bei abgasintensiven Autos in Form von Steuern, bei XP in Form von Sicherheitsarbeiten - dadurch höher.

Ein weiterer heikler Punkt betrifft den Verfall bisher getätigten Investitionen in PC-Hardware und –Software. Es geht ja nicht nur um die Installation eines neuen Betriebssystems, sondern auch um PC-Hardware, PC-Peripherie und gekaufte Programme, die unter Windows 8.1 plötzlich nicht mehr laufen könnten. Oder sind hier die notorischen Schwarzmaler am Werk?

Puaschitz: Im Privatbereich ist fast davon auszugehen, dass sämtliche bisher eingesetzte Software weiterhin läuft oder es gute Alternativen gibt. Bei Unternehmen liegt die Sache anders: Hier werden oftmals noch Software-Systeme eingesetzt, die mitunter weit vor Windows XP entwickelt wurden! – Hier bedarf es natürlich einer genauen Analyse durch einen IT-Dienstleister, damit Investitionssicherheit gegeben ist.

In den wenigsten Fällen läuft im Business-Bereich noch Hardware aus dem Jahre 2001 – meistens kann ein aktuelles Windows problemlos aufgespielt werden. Viele Unternehmen nutzen allerdings den Schritt, Hard- und Software simultan auszutauschen.

Eigentlich wollte Microsoft ja den gesamten Support für Windows XP mit 8. April 2014 mit einem Schlag beenden. Nun gibt es bei ausgewählter Windows XP Anti-Malware-Software doch noch eine „Gnadenfrist“ bis 14. Juli 2015. Ruder Microsoft jetzt wieder ein Stück zurück? Und: Hersteller von Antiviren-Software bieten auch nach 2015 noch Schutz für Windows XP an, was ist davon zu halten?

Puaschitz: Aus unserer Sicht hat Microsoft erkannt, dass der Wechsel trotz Support-Endes nicht vollzogen wird: Das heißt, es werden weltweit weiterhin besagte 30 Prozent mit Windows XP unterwegs. Microsoft hat daher eine große Verantwortung: Die Einstellung der Malware-Updates hätte beträchtliche Auswirkungen und würde für Negativschlagzeigen sorgen. Wir begrüßen daher die Entscheidung, dass zumindest ein Basis-Schutz weiterhin gewährleistet ist, sehr.

Natürlich haben sich einige Antiviren- und Sicherheitshersteller bereits auf diese Nische gesetzt und bieten Spezial-Software an um den Rechner weiterhin ausreichend zu schützen. Ob sich dieser Einsatz wirtschaftlich lohnt, muss im Einzelfall entschieden werden.

Wenn ich meinen PC jetzt von Windows XP auf Windows 8.1 updaten möchte, wie gehe ich vor? Ist ein direktes Upgrade von Windows XP zum aktuellen Betriebssystem Windows 8.1 möglich?

Puaschitz: Im Regelfall wurden damals die 32-bit-Versionen von Windows XP installiert, Windows 8 und 8.1 wird aber nur noch als 64-bit-System ausgeliefert, daher ist ein Upgrade schon aufgrund der Architektur technisch nicht möglich. Zu empfehlen ist daher eine komplette Sicherung der Daten sowie Einstellungen, danach eine saubere Neuinstallation und das Rückspielen der gesicherten Dateien auf den Rechner.

Dateien oder E-Mail-Accounts lassen sich mitunter einfach übertragen, schwieriger wird es bei Programmen, da diese erneut installiert werden müssen – das kann mitunter zeitintensiv werden. Im Gegensatz zum technisch nicht durchführbaren Betriebssystem-Upgrade von 32- auf 64-bit lassen sich „alte“ 32-bit-Programme übrigens auch unter Windows 8 und 8.1 installieren und verwenden.

Falls die eigenen PC- und Netzwerk-Kenntnisse bei so einem Upgrade an ihre Grenzen stoßen: Wo bekomme ich Hilfe und was kostet der Spaß so in etwa pro Rechner? Und: Was würde das nun fällige Update den Österreichern kosten, falls alle XP -Rechner wirklich upgegradet werden würden?


Bitte ausschalten: Windows XP

Puaschitz: Der Weg zu einem professionellen IT-Dienstleister mit entsprechender Erfahrung und Zertifizierung ist die sinnvollste Option. Die Kosten für eine einzelne, reine Neuinstallation und Übertragung der Daten sollte pro Gerät zwischen 50 und 100€ liegen, bei komplexeren Programminstallationen kann sich dies mitunter aber auch verdoppeln.

Die reinen Updatekosten ohne Windows 8.1-Lizenz-Kauf lassen sich eher schwer abschätzen, weil es im Privatbereich ja auch darauf ankommt, wie man private Zeit rechnet. Wenn wir das per Milchmädchenrechnung kalkulieren, würde ich sagen 2,5 Millionen mal durchschnittlich 50 Euro, also 125 Millionen. Dazu kommen allerdings noch die Kosten für die nötigen Windows 8.1- oder 8.1 Pro-Lizenzen. Im Fall von Einzellizenzen liegen wir hier offiziell bei € 119,99 bzw. € 279,99 pro Rechner. Den Vollpreis zahlen aber natürlich nicht alle. Wenn wir den Privatanteil an XP-Rechnern mit grob 23 Prozent annehmen und den Business-Anteil mit 77 Prozent, kommen wir – unter Anrechnung günstigerer Upgrade-Versionen – auf Lizenzkosten von insgesamt 439 Millionen Euro. Grob geschätzt kostet die Umstellung von Windows XP auf Windows 8.1 in Österreich, falls alle „mitmachen“, also summa summarum 564 Millionen Euro…

Zur Person

Martin Puaschitz (31) startete seine IT-Karriere 2001 als freier Dienstnehmer im Bereich IT-Consulting. Noch während seines BWL-Studiums an der Wirtschaftsuni Wien gründete der gebürtige Wiener seine eigene IT-Dienstleistungsfirma, die Puaschitz IT GmbH. Puaschitz IT besteht heute aus einem Kernteam von 10 Mitarbeitern und ist ein zertifizierter IT-Dienstleister in den Bereichen IT-Infrastruktur & Hosting/Cloud. Das frühere Startup-Unternehmen fungiert inzwischen als „externe IT-Abteilung“ für andere Unternehmen, Schwerpunkt ist der Support von Klein- und Mittelbetrieben bis 250 Mitarbeiter. Als IT-Dienstleister hat sich Puaschitz IT auf Windows- und Linux-Netzwerke spezialisiert. Das Upgrade von Windows XP auf Nachfolgesysteme gehört hier zum Tagesgeschäft.

In der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) ist der 31 jährige IT-Experte heute Landesvorsitzender der Jungen Wirtschaft Wien, Ausschussmitglied der UBIT Wien (Unternehmensberater, Buchhalter & IT-Dienstleister), Ausschussmitglied bei Computerhandel & Bürosysteme sowie Mitglied im GO-Ausschuss der IT-Dienstleister.

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