Sebastian Loudon: Die rechte Medienflotte

Sebastian Loudon: Die rechte Medienflotte

Sebastian Loudon - Journalist und Österreich-Repräsentant des Hamburger Zeit-Verlags.

Essay. Online, Social Media, eigenes TV - die FPÖ setzt konsequent auf Medienangebote aus ihrem Umfeld. Dass sie damit über ihre Kernklientel hinaus die Meinungsführerschaft erobert hat, liegt auch am fundamentalen Wandel der medialen Öffentlichkeit.

Wenn es dieser Tage an die Analyse des vermeintlich unaufhaltsamen Siegeszuges rechtspopulistischer Bewegungen im Allgemeinen und der FPÖ im Besonderen geht, tritt schnell eine diffuse Wolke an Wortschöpfungen zutage, die im politischen Zusammenhang vergleichsweise jung sind: "Filterbubble", "Echokammer" oder - derzeit besonders beliebt - "Postfaktisches Zeitalter". Es sind dies Begriffe, die Phänomene, Funktionsweisen oder Folgewirkungen eines tief greifenden Wandels dessen beschreiben, was wir gemeinhin als Öffentlichkeit bezeichnen. Und dieser Wandel ist schleichend, aber gewiss allumfassend.

Als Hauptschuldiger für die Entstehung dieser Echokammern, in die keine anders gelagerten Meinungen oder dem Weltbild widersprechenden Fakten mehr eindringen, wird ebenso schnell wie vorschnell der Algorithmus der sozialen Netzwerke identifiziert. Doch das greift zu kurz und lässt einen wichtigen Aspekt unbeachtet: Auch ein Parelleluniversum braucht Fixsterne.

Eine auf multilateraler Interaktion aufgebaute Öffentlichkeit ist auf Inhaltelieferanten angewiesen, die das kollektive Weltbild verteidigen, bestärken oder vorantreiben und entsprechende Impulse setzen. In der politischen Kommunikation der Rechtspopulisten hat sich dabei eine Disziplin entfaltet, die im Marketing ihrerseits seit einigen Jahren einen regelrechten Hype erlebt, man nennt sie "Content Marketing". Es beschreibt den strategischen Ansatz, als Unternehmen oder Organisationen Inhalte selbst herzustellen, und zwar in einer Art und Weise, dass sie dem Publikum wie quasi-journalistische Inhalte erscheinen. Die Marke - sei es eine Bank, ein Turnschuh oder eine Partei - wird also zum Medium selbst.


Die Gatekeeper-Funktion der etablierten Medien und ihrer Redaktionen ist heute mehr und mehr umschiffbar. Rechtspopulistische Bewegungen wie die FPÖ nutzen diese Erkenntnis weit besser als andere Parteien.

Im Bereich der gedruckten Medien ist Content Marketing ein alter Hut, seit rund hundert Jahren gibt es Zeitschriften für Kunden oder solche, die es werden sollen. Und auch die gute alte Parteizeitung würde heute in das fallen, was Marketingprofis vollmundig als Content Marketing proklamieren.

Doch etwas hat sich dramatisch verändert: Durch die Digitalisierung ist die Vermittlung eigener Botschaften auf vielen Plattformen so einfach und günstig wie noch nie -und vor allem so ungefiltert möglich wie noch nie.

Die Gatekeeper-Funktion der etablierten Medien und ihrer Redaktionen ist heute mehr und mehr umschiffbar. Und die rechtspopulistischen Bewegungen haben dies früher erkannt und diese Erkenntnis weit besser genutzt als alle anderen Parteien. Mit dem Ergebnis, dass die FPÖ in ihrer Zielgruppe, aber zunehmend auch deutlich darüber hinaus, die Deutungshoheit innehat. Die anderen Parteien wirken daneben regelrecht hilflos, die traditionellen Medien darob mitunter ratlos.

Aber wie kam es, dass die FPÖ hier so vorpreschte? Einer der Gründe ist vermutlich in der Psychologie zu suchen und lautet schlicht Kränkung: Niemand fühlte sich von den etablierten Medien stets so schlecht behandelt, angefeindet, ignoriert oder zu unrecht kritisiert wie die Rechten, in diesen Breitengraden die FPÖ. Das Einnehmen dieser Opferrolle ist Wesenszug und Strategie zugleich.

Die etablierten Medien wurden zunehmend als Feindbild aufgebaut - die unsäglichen Schlachtrufe dazu seien den Lesern an dieser Stelle erspart. Parallel dazu wurden eigene Medien aufgebaut, manchmal nicht von der Partei selbst, sondern ihr nahestehenden Personenkreisen. Aber eines eint sie: Sie berichten ausschließlich aus Sicht und im Sinne der Bewegung, sind somit der FPÖ exklusiv zur Seite stehende Instrumente der politischen Kommunikation.

Und so gesellte sich zur FPÖ-Parteizeitung "Neue Freie Zeitung" und der 1997 gegründeten "Zur Zeit" von Andreas Mölzer eine regelrechte Flotte an Medien, die allesamt die FPÖ-Community über sämtliche Plattformen mit medialem Stoff versorgen. Mit "Wochenblick" oder "Info Direkt - das Magazin für die freie Welt" stehen der FPÖ zumindest in Oberösterreich zwei reißerisch aufgemachte Magazine zur Seite, mit unzensuriert.at ein vorgeblich unabhängiges Onlinemedium, mit "FPÖ-TV" gar ein eigener Fernsehsender samt You-Tube-Kanal.

Bei näherem Hinsehen wird eine Rollenverteilung bemerkbar: Das noch junge oberösterreichische Magazin "Wochenblick" versteht sich besonders auf das Bestätigen und Schüren von Ängsten gegenüber Überfremdung und bietet Neu- Abonnenten etwa eine Dose Pfefferspray. Die Medienmacher verheimlichen ihre Nähe zur FPÖ zwar nicht, nehmen für ihr Magazin aber vehement in Anspruch, kein FPÖ-Parteiorgan zu sein. Und so formuliert es der Geschäftsführer, Norbert Geroldinger, in einem aktuellen Kommentar auf der Website: "Die Zeit der linken Meinungs- und Deutungshoheit ist vorbei, es ist einfach auch ein großes Bedürfnis entstanden, endlich auch einmal andere Stimmen zu hören. Der ,Wochenblick' ist eine solche andere Stimme, und die Tatsache, dass ich Mitglied der FPÖ bin, macht uns noch lange zu keinem Parteiblatt - vielleicht aber zu einem rechten Alternativblatt."

Alternative Medien - das ist jenes Prädikat, das auch FPÖ-Vertreter am liebsten zur Beschreibung ihres medialen Flankenschutzes heranziehen. Das Bild, das dabei vermittelt werden soll, ist klar: Auf der einen Seite gibt es ein vermeintlich gleichgeschaltetes, linksorientiertes Medienestablishment, auf der anderen Seite einige wenige tapfere Kämpfer gegen die angeblich fortschreitende Diktatur politisch korrekten Gutmenschentums.

Ganz ähnlich der Tenor der Website unzensuriert.at (Untertitel "Der Wahrheit verpflichtet"). Gegründet 2009, stammt sie aus dem engsten Umfeld des ehemaligen FPÖ-Nationalratspräsidenten Martin Graf und sieht sich als einsamer Gegenspieler der Medienelite. Ob Migrationspolitik, Wirtschaftsberichterstattung oder gesellschaftliche Themen -jeder einzelne Beitrag zahlt ein auf das wachsende Misstrauen gegenüber dem zum diffusen Erzfeind mutierten Establishment.

Dabei gelingt es dem Medium offenbar, ein ohnehin anschwellendes Gefühl der Frustration und Orientierungslosigkeit aufzugreifen und gleichzeitig zu befeuern. Zwar spricht sich unzensuriert.at in seinem Impressum offen gegen "politischen Extremismus im Internet" aus, die Kommentare der Nutzer sprechen aber eine andere Sprache.

Anders, deutlich gefälliger, gibt sich ein Medium, das auch ganz offi ziell von der Partei selbst kommt: Die Fernsehbeiträge des wöchentlichen "FPÖ-TV Magazins" zeigen gerne ein freundliches Gesicht der FPÖ, die Partei selbst wird als konstruktiv und ihre Protagonisten als souveräne Staatsmänner dargestellt, umrahmt von jungen, adretten Moderatoren. Fast scheint es, als habe FPÖ-TV die Aufgabe, wieder Ruhe und Hoffnung zu geben, nachdem man sich bei der Lektüre von "Wochenblick" oder unzensuriert.at bereits mitten im Bürgerkrieg wähnte. Ein aktueller Beitrag etwa befasst sich mit einer praktischen Fibel, die die FPÖ für Wahlbeisitzer erstellt hat, damit diesmal bei der Wahl zum Bundespräsidenten auch ganz sicher nichts schiefgehen wird. Ganz ohne jegliche Wahlwerbung, denn das wäre ja auch verboten, dafür mit einer eigens eingerichtete Hotline, die Wahlbeisitzern am Wahltag im Fall von Unklarheiten zur Verfügung steht.

Nächster lieblicher Beitrag, unterlegt mit einem freundlich-anonymen Klangteppich: Norbert Hofers Besuch bei einer Salzburger Gastronomie-Messe. Dort sagt er Worte, die so gar nicht in die Welt passen, wie sie der "Wochenblick" darstellt: "In diesem Wirtschaftsfeld (der Gastronomie, Anm. ) geht es wieder bergauf, weil Österreich ein sicheres Land ist, und die Menschen dort Urlaub machen wollen, wo es sicher ist." Nachsatz: "Das taugt mir irrsinnig."

Die Medien der FPÖ - auch wenn einige von ihnen großen Wert darauf legen, dass sie nicht tatsächlich zur Partei gehören - pflegen unterschiedliche Tonalitäten, sind inhaltlich anders gelagert und mal mehr mal weniger professionell gestaltet. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie befeuern die mediale Öffentlichkeit der FPÖ-Community, sie schaffen Gesprächsstoff, erzeugen Likes, suggerieren Relevanz und Richtigkeit, multiplizieren Stimmungen - und bestärken Ängste. Und sie tun das in sich zunehmend abschottenden Räumen der medialen Öffentlichkeit, in die es für abweichende Meinungen oder divergierende Darstellungen geradezu unmöglich wird, einzudringen.

Der Algorithmus spielt dabei auch eine zentrale Rolle, er dient allerdings lediglich als Gleitmittel. Man könnte auch sagen: als Brandbeschleuniger.


Zur Person

SEBASTIAN LOUDON ist Journalist und Österreich-Repräsentant des Hamburger Zeit-Verlags


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