Globalisierung: Global ist nicht egal

Globalisierung: Global ist nicht egal

Andreas Lampl, Chefredakteur trend.

Wir brauchen nicht weniger wirtschaftliche Globalisierung, sondern bessere politische Antworten auf die Globalisierung.

Eine Gruppe deutscher Ökonomen postulierte erst vor ein paar Tagen wieder das langsame Ende der Globalisierung. Die Fakten geben ihnen Recht. Vor und nach der Jahrtausendwende wuchs der Welthandel doppelt so schnell wie die weltweite Güterproduktion, seit 2012 liegt er nur noch einen halben Prozentpunkt darüber. Die Dynamik der globalen Arbeitsteilung hat sich also massiv abgeschwächt. Die G20-Staaten haben in den letzten sechs Jahren rund 1.600 neue Handelsbarrieren errichtet. Der Wert des Globalisierungsindex beträgt im Vergleich zu 2007 nur noch ein Drittel. Das TTIP-Abkommen wird massiv bekämpft. Und die SPÖ tritt sogar gegen das ausgewogen gestaltete CETA-Abkommen mit Kanada auf und lässt aktuell ihre Mitglieder darüber abstimmen.

Im Kampf gegen die Globalisierung ist eine skurril zusammengewürfelte Allianz vereint: konsumkritische Fortschrittsskeptiker, linke Kapitalismuskritiker und vor allem rechte Populisten. Sie versuchen, die Verunsicherung wegen vieler politischer Brandherde für sich zu nutzen. Sie behaupten, Jobs im eigenen Land retten und den schlechten Einfluss multinationaler Konzerne brechen zu wollen.

Aber jede Form der Splendid Isolation ist nicht erst im Digitalzeitalter obsolet. Politik, die glaubt, Konflikte zwischen Staaten, Arbeitslosigkeit oder Probleme der Wohlstandsverteilung durch Abschottung lösen zu können, wird gnadenlos scheitern - und das Gegenteil erreichen. Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges endete jäh eine große Globalisierungswelle. "Damals waren neuer Protektionismus und Nationalismus die Gründe. Ähnliches erleben wir heute wieder, da gibt es eindeutig Parallelen", stellt Gabriel Felbermayr vom Münchner ifo Zentrum für Außenwirtschaft fest. Er ist nicht der einzige Ökonom, dem das ein mulmiges Gefühl bereitet.


Unter dem Deckmantel der Kritik schlummert häufig aggressiver Nationalismus.

Unter dem Deckmantel berechtigter Kritik an so manchen Folgen der Globalisierung schlummert häufig aggressiver Nationalismus. Ein US-Präsident Donald Trump - "Amerikanismus, nicht Globalisierung, wird unser Credo sein" - wäre eine mittlere Katastrophe für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Und es ist kein Zufall, dass rücksichtslos populistische, autoritäre und demokratiepolitisch bedenkliche Bewegungen zu den lautesten Verfechtern wirtschaftlicher Grenzzäune gehören -siehe auch Strache/Hofer, Le Pen oder Wilders. In deren Logik zur Machtergreifung ist ihre Position nachvollziehbar. Verantwortungsvolle Politiker dürfen TTIP hinterfragen, aber dabei nicht unterschwellig die Nationalismus-Karte spielen.

Die Globalisierung hat ohne jeden Zweifel den Wohlstand in den Industrieländern vermehrt; ganz besonders in Österreich, wie sich an der Ostöffnung eindrucksvoll zeigt. Kleine Länder sind besonders auf freien Handel angewiesen, hat Hannes Androsch vergangene Woche im trend betont. Dass der Wohlstandszuwachs nicht bei allen Menschen angekommen ist, wie die Kritiker einwenden, sagt erstens nichts darüber aus, ob die Globalisierungsverlierer ohne die weltweite Vernetzung der Wirtschaft besser gefahren wären. Sehr wahrscheinlich nicht, weil die Wachstumsraten in Europa ohne die Impulse aus China, Indien usw. noch niedriger lägen.


Die Schuld auf die EU abzuschieben ist zu billig.

Zweitens kann es keine intelligente Strategie sein, den Wohlstandszuwachs zu unterbinden, nur weil die Politik die Verteilung nicht in den Griff kriegt. Viele europäische Länder, auch Österreich, haben es verschlafen, ihre Sozialsysteme inklusive der Verteilungsmechanismen und ihr Bildungssystem den Veränderungen anzupassen. Der Vergleich mit Deutschland beweist, dass dies sehr wohl möglich ist. Auch das Credo von Bundeskanzler Kern, die Bürger vor den Verwerfungen der Globalisierung zu schützen, kommt bei den Menschen wohl so an, dass die Probleme irgendwo außerhalb liegen, sicher nicht im eigenen Land. Die Schuld vorzugsweise auf die EU abzuschieben, ist jedoch zu billig.

Am schwersten trifft ein Zurückdrehen der Globalisierung die Schwellen-und Entwicklungsländer. Dass sie dort eigentlich nicht viel bewirkt habe, ist völliger Unfug, die Lebensbedingungen von Hunderten Millionen Menschen haben sich in den letzten 20 Jahren spürbar verbessert. Im Gegenteil: Der Migrationsdruck würde steigen, man würde genau das verhindern, was angesichts der Flüchtlingskrise gefordert wird: die wirtschaftlichen Strukturen vor Ort zu verbessern.

Martin Ohneberg (li), Michael Tojner

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