Führungskraft und Freundschaft - Passt das zusammen?

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Ich misstraue vor allem jenen, die mir ähnlich sind Adam Bronstein

In jüngster Zeit kamen zwei Sachbücher auf die Welt, die man als Wirtschaftsessayist nicht übersehen durfte.

Das eine schrieb Fabasoft-General Helmut Fallmann. Es heißt "Gegen den Verfall". Untertitel: "Wie die Digitalisierung Europa retten muss". Verlegt von myMorawa 2016.

Das andere schrieb Andreas Salcher, Unternehmensberater, Bildungsvordenker und Bestsellerautor. Es heißt: "Ich bin für Dich da". Untertitel: "Die Kunst der Freundschaft". Verlegt von Ecowin 2016.

Beide Autoren sind Unternehmer. Der eine befiehlt einem Linzer Unternehmen von Weltgeltung mit vielen Mitarbeitern. Der andere befiehlt einem einzigen Mitarbeiter, sich selbst. Avantgardistische Denker sind beide. Der eine in Fragen der Digitalwelt, der andere in Fragen der Sozialwelt.

Bei aller Verschiedenartigkeit teilen die beiden Gentlemen unternehmertypische Freuden. Vor allem, "keinen über mir zu wissen, der noch dümmer ist als ich" - ein Satz, den sie trend entliehen haben.

Sie teilen auch klassische unternehmerische Sorgen. Dass beispielsweise der Arbeitstag und Denktag eines Unternehmers oft 24 Stunden umfasst und noch immer zu kurz ist. Was auf Dauer nur mit idealen Lebenspartnern möglich ist, bis tief hinein in Ehe und Familie.

Fallmanns Fabasoft ist dafür ein Beispiel.

Salcher hält sich diesbezüglich bedeckt. Doch greift sein jüngstes Buch ein Thema auf, das in ähnlichem Rang wie Familie steht. Es geht um Freunde und Freundschaft.

Vor Salchers Buch galten für Unternehmer und Manager folgende Grundregeln:

Unternehmer können nicht mit x-beliebigen Mitbürgern befreundet sein, auch wenn diese ihres Sinnes und persönlich beglückend sind.

Als gefährlichste Falle gelten Freundschaften mit Politikern, aus mehreren Gründen. Je nach Art des Unternehmens verliert man sofort Kunden. In der Zeit, als Kärnten noch Haider-verseucht war, wagte kein Einzelhändler, sich offen zu den Roten oder Schwarzen zu bekennen. Er wäre auf seiner Ware sitzen geblieben. Viele Unternehmer verzichteten schon deshalb auf eine Investition in Österreichs Sonnenland.


Das grausame Volk ist nicht extra unternehmerfreundlich. Es vermutet hinter jeder Unternehmer-Freundschaft einen pekuniären Mehrwert.

Das Dilemma wird noch verschärft, falls Führungskräfte eine eigene politische Aufgabe übernehmen. Das ist schade fürs ganze Land, da wir anstelle ahnungsloser Beamter viel mehr Wirtschaftspraktiker im Parlament bräuchten, um endlich weniger, kürzere und klügere Gesetze zu kriegen oder, besser noch, den glocknerhohen Müllberg an sinnlosen, bremsenden Verordnungen abzutragen.

Das grausame Volk ist nicht extra unternehmerfreundlich. Es vermutet hinter jeder Unternehmer-Freundschaft einen pekuniären Mehrwert. Befreundet mit einem Sektionschef des Finanzministeriums? He, Leute, da will einer straflos Steuern hinterziehen. Befreundet mit einem Stadt-Baurat? Da will einer hinten herum giftige Mülldeponien errichten. Und so weiter.

Theoretisch müsste das Image der Unternehmer glänzend sein. Weiß ja jeder, dass es ohne sie keine Arbeitsplätze, keine Einkommen, keinen Wohlstand gibt. Aber das Fernsehen ist mächtiger. Die drastische Imageverschlechterung ging auffällig parallel mit dem epidemischen Anwachsen der TV-Krimis, in denen die Selbstständigen ausnahmslos als Gierschlünde, wenn nicht Verbrecher dargestellt werden, zumindest als freundschaftlich-grenzkriminelle "Amigos".

Ich sollte allerdings, im Glashaus sitzend, nicht mit Steinen werfen. Mein Metier ist zwar Print, doch habe ich viel und gut bezahlte TV-Arbeit gemacht. Ein tapferer TV-Mann in hohem Rang wollte ein heiteres Krimi-Drehbuch von mir. Selbst mein Verlangen, der Unternehmer müsse darin ausnahmsweise DER GUTE sein, wurde akzeptiert. Ich bekenne, aus Geldgründen abgesagt zu haben. Der Stundenlohn dieser Höllenarbeit ließ sich leichter mit Storys und gebundenen Büchern verdienen. Wirklich schändlich, mea culpa, Pardon.

Zurück zu Andreas Salchers Buch. Es übersteigt die speziellen Freundschaftsbelange der Führungskräfte. Es ist für alle geschrieben, sehr persönlich und einfühlsam. Er erklärt überzeugend, warum Freundschaften für Glück und Gesundheit wichtig sind - und was sie gefährdet. Wir erfahren, warum Freundschaften fast niemals lebenslang halten, erst recht nicht jene zwischen Männern und Frauen.

Weiters: Warum wir echte Freunde von Nutzen-Freunden und Spaß-Freunden unterscheiden müssen. Und wechselseitige Geldkredite und Geschäfte von Freundschaften fernhalten sollten. Allein schon diese Kapitel sind für die klugen Leserinnen und schönen Leser des trend die 24 Euro für 240 Seiten wert. Zehn Cent pro Seite sind ein guter Deal.

Salchers Werk ist kugelrund und, wie der sachkundige Verleger Klaus Altepost schreibt, "das mit Abstand beste Buch, das seit Erich Fromm und Dale Carnegie über Freundschaft und Liebe geschrieben wurde".

Für die zu erwartenden nächsten Auflagen wünschte ich zwei Ergänzungen. Erstens eine präzise Durchleuchtung von Freundschaften innerhalb der Unternehmen, die ja in täglicher und jahrelanger Zusammenarbeit unvermeidbar sind. Und zweitens ein Kapitel über die Freundschaft von Führungskräften und Journalisten.

Da ich darüber mehr weiß, als Salcher jemals recherchieren kann, greife ich ihm gleich unter die Arme, mit einigen Skizzen zum Thema.

Vorauszuschicken ist, dass das Folgende meine persönliche Ansicht spiegelt. Ob es die offizielle Linie des Hauses trend verletzt, könnten nur meine Chefredakteure sagen. Das muss mich aber nicht berühren. Als Essayist habe ich nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, meinen eigenen Kren zu reiben.

Also es ist so: Nach meiner Erfahrung mit rund 5.000 Storys und Buchkapiteln halte ich Anständigkeit, Fleiß, Sprachfreude und Wahrheitsliebe für die Schlüsselfaktoren eines halbwegs gelungenen Textes.

In dieser Aufzählung fehlt die populäre, speziell von Theoretikern vergötterte Unbefangenheit. Diese nervt enorm, weil es sie nicht gibt. Zumindest nicht für jene Autoren, die Vorarbeiten leisten, ehe sie zu schreiben beginnen. In diesen Recherchen schichten sich schon erste Vorurteile und Befangenheiten auf, die im Falle von Personenporträts beim persönlichen Kennenlernen einen weiteren Schub erhalten. Der erste Händedruck entscheidet unvermeidlich über Sympathie und Antipathie. Ein erfahrener Texter weiß dies und wird seinem Charakter anweisen, dies gebührend zu berücksichtigen.

Wirklich unbefangene Porträts können nur Faulpelze und Feiglinge schreiben. Also jene, die sich nie von der Schreibmaschine wegbewegen. Oder Angst davor haben, prominente Zielpersonen Face to Face zu sprechen. Anhand früher eigener Porträts illustriert: Ich hätte Ken Olsen (DEC) und Bill Gates (Microsoft) ohne persönliches Kennenlernen und damit verbundener Befangenheit völlig falsch beschrieben. Den einen zu gut, den andern zu schlecht. Ähnliches galt bei Arbeiten über Renault-Levy (Paris), Olivetti-Benedetti (Ivrea), BMW-Kuenheim (München), Apple-Sculley (Cupertino), IBM-Akers (Armonk), Canon-Kaku (Tokio) und Mazda-Yamamoto (Hiroshima), die ich dank trend an ihren Orten heimsuchen konnte.

Erst das persönliche Gespräch rückte das Papier-Wissen zurecht. Das Ergebnis war trotz Sympathie und Antipathie und also Befangenheit authentischer, damit korrekter und auch farbiger als reine Archivporträts. Diese sind immer Kopien von Kopien von Kopien. Und wie bei der "Stillen Post" am Ende ein Witz. Fazit: Authentizität schlägt Unbefangenheit.

In diesem Sinne empfehle ich auch guten Gewissens die zwei eingangs genannten Bücher von Fallmann und Salcher. Für beide gilt: "Ich lobe sie nicht, weil sie Freunde sind. Sie wurden Freunde, weil sie gut sind."

Helmut Fallmann möchte uns Europäer davor bewahren, eine Kolonie der Digitalzeit zu werden. Sein Buch "Gegen den Verfall" ist längst in aller Munde, weil er der erste namhafte Digital-Häuptling war, der die Omertà, das seltsame Schweigen der europäischen Hightech-Capos durchbrach. Andreas Salchers Buch "Ich bin für Dich da" ist noch geburtsfeucht und wurde daher genauer vorgestellt.

Für beide Bücher - Achtung: Befangenheit! - gilt: Laufen Sie los und kaufen Sie beide im Dreierpack, gleich auch für Freunde. Selbst Salcher, der Geld unter Freunden für Gift hält, wird im Fall dieses geldwerten Geschenks huldvoll ein Auge zudrücken.


HELMUT FALLMANN "Gegen den Verfall. Wie die Digitalisierung Europa retten muss" myMorawa, 2016, 184 Seiten, 22 Euro

ANDREAS SALCHER "Ich bin für Dich da. Die Kunst der Freundschaft" Ecowin, 2016, 240 Seiten, 24 Euro

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