Andreas Lampl: Wut zur Wahrheit

trend Chefredakteur Andreas Lampl

Andreas Lampl - Chefredakteur

Kommentar. Die Eliten haben verschlafen, dass neue Technologien auch das Geschäftsmodell der Politik revolutionieren. Das rächt sich jetzt.

Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", so ging ein bekannter Sponti-Spruch aus den 1970ern, damals eine humorige Parole gegen bürgerliche Moralvorstellungen. Die Fronten waren klar. Und sind es heute nicht mehr. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten stellen sich einigermaßen ratlos die Frage, wieso, um Himmels Willen, ein Anti-Establishment-Kurs reicht, um Präsident der USA zu werden oder aus der EU auszutreten.

Okay, vielleicht machen sich mehr Menschen berechtigte Sorgen, dass ihr Stück vom Kuchen kleiner wird. Aber wirklich schlechter als vor 20 Jahren geht es in Europa den wenigsten. Und viel gerechter war der Wohlstand auch nicht verteilt. In Deutschland herrscht fast Vollbeschäftigung -und trotzdem eine erhebliche Wut auf die Eliten. Was ist da passiert?

Soziale Verwerfungen durch die Globalisierung, oder oft nur die Angst davor, spielen eine Rolle, können alleine das Phänomen aber nicht erklären. Das gelingt nur, wenn man die Digitalisierung des Alltagslebens mitdenkt. Krude Verschwörungstheoretiker, vor allem aber Leute, die ganz strategisch selbst an die Macht wollen, können über Social Media und digitale Netzwerke Millionen gegen die Machthaber emotionalisieren. Auf unzähligen einschlägigen Plattformen wird auf diese Weise Stimmung gemacht: "Das Internet ermöglicht uns, ( ) tendenziöse Berichterstattung und offene Lügen zu entlarven. Es zeigt den mündigen Bürgern, dass es viele gibt, denen wie ihnen das politische Establishment zum Hals raushängt" (ef-magazin.de). Oder Donald Trump:"Ich sage nicht, dass ich es liebe, aber es transportiert die Botschaft erfolgreich."

Das Flüchtlingsthema ist ein zusätzlicher Turbo für diese Tendenzen, weil die Cyberpopulisten nebulose Ängste, die sie schüren, in eine konkrete Gefahr transformieren können - und das Versagen der europäischen Politik dafür gesorgt hat, dass diese Gefahr möglichst realistisch erscheint.

Jörg Haider war noch eine Ausnahmeerscheinung. Es brauchte besondere politische Begabung, um die Bürger gegen die "Altparteien" zu mobilisieren. Und er musste persönlich Hundert-Euro-Scheine verteilen, um die Leute bei der Stange zu halten. Heute haben es politische Glücksritter ungleich leichter. Ein paar Klicks -und sie haben den Zorn geweckt.

Vor allem die politischen Eliten haben diese Konkurrenz sträflich unterschätzt und ähnlich darauf reagiert wie der Kodak-Konzern auf die Entstehung der Digitalfotografie, nämlich kaum. Die meisten Politiker, aber auch viele Opinion Leader aus der Wirtschaft, erstarrten in Überheblichkeit und im Irrglauben, dass es am Ende des Tages keine Alternative zum etablierten System geben wird. Keiner wollte raus aus der Blase, in der man es sich gemütlich gemacht hatte. Eine Beharrlichkeit, die der Wut erst recht neue Nahrung gibt. Es wurde zu lange nicht bemerkt, dass die traditionellen Parteien ihre Deutungshoheit und die klassischen Medien ihre Funktion als Meinungsfilter in weiten Teilen der Bevölkerung verloren haben. In Österreich und anderswo.

Die technologische Entwicklung revolutioniert das politische Geschäft genauso wie das Geschäftsmodell von Medien, Taxifahrern oder Autoherstellern. Politiker, die monatelang über Details der Gewerbeordnung debattieren, haben genauso wenig begriffen, dass längst ein neues Spiel läuft, wie ein VW-Techniker, der verbissen versucht, noch drei PS aus einem Motor zu holen, während andere selbstfahrende Autos auf den Markt bringen. Oder ein Hotelbesitzer, der glaubt, auf Onlineplattformen für Hotelbewertungen pfeifen zu können.

Zu spät wurde erkannt, dass die neuen Möglichkeiten der globalen Stimmungsmache keiner Logik folgen müssen, sondern über Emotionen so effizient funktionieren, dass sich Menschen sogar zum Nachteil ihres eigenen Wohlstandes entscheiden - siehe Brexit und Trump.

Man mag das -zu Recht! - für demokratiepolitisch bedenklich halten. Aber das ist umso mehr ein Grund, die veränderten Spielregeln aktiv mitzugestalten. Die Kommunikation "der Eliten" mit den Bürgern muss sich radikal ändern. Ein paar Stichworte: In einer digitalisierten Gesellschaft müssen den Menschen Tools geboten werden, damit sie auch zwischen den Wahlen mitreden können.

Es braucht viel mehr Transparenz - in den öffentlichen Strukturen, aber etwa auch in der Steuergebarung von Konzernen. Das ist lästig, aber alternativlos. Und die Situation verlangt einen ganz anderen, stärkeren Fokus auf politische und wirtschaftliche Bildung. Stundenlange Übertragungen von Parlamentsdebatten im Staatsfunk sind das Gegenteil davon.

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