Karl-Heinz Grasser und das Schwiegermutter-Märchen

Karl-Heinz Grasser und das Schwiegermutter-Märchen

Ziemlich kühn war sein Schwiegermutter-G'schichterl. Karl-Heinz Grasser wollte wohl wissen, wie weit er gehen kann. Dass Korruptionsjäger so manchen Unsinn schlucken, wusste er seit der Homepage-Affäre 2004: Der damalige Finanzminister erzählte den Ermittlern das Blaue vom Himmel – und kam problemlos durch.

Also probierte er es 2010 wieder. Im Buwog-Strafverfahren wurde Grasser zur Herkunft von 500.000 Euro befragt. Eine Summe, die er in Tranchen bei der Meinl Bank bar eingezahlt hatte. Der Verdacht: Es könnte sich um Grassers Anteil an den Buwog-Provisionen handeln. Denn sein Freund Walter Meischberger hatte beim Verkauf von 60.000 Bundeswohnungen im Jahr 2004 satte 7,7 Millionen Euro verdient. Ein illegales Honorar, das „Meischi“ mit Ernst Plech und KHG geteilt haben soll, was Kontoöffnungen in Liechtenstein nahelegen.

Die halbe Mille stamme jedenfalls von Marina Giori-Lhota (MGL), schwor KHG gegenüber dem Staatsanwalt. Gemeinsam mit Frau Fiona habe er die Schwiegermutter 2005 in der Schweizer Reichen-Enklave Zug besucht. „Es war ein Mittagessen an einem Samstag oder Sonntag.“ Irgendwann sei sie „vom Esstisch“ aufgesprungen, zum Tresor gerannt und habe „das Geld geholt“. KHG laut Protokoll: „Meine Schwiegermutter hat einen großen Safe in der Wohnung. Wenn Sie hineinkommen, glaube ich, bei der Eingangstür irgendwo rechts.“ Sie habe ihm das Bündel in die Hand gedrückt und gesagt: „Schau, dass Du bestmöglich Geld veranlagen kannst.“

Fiona und Mama schweigen

Grasser – damals Finanzminister der Republik Österreich – nahm die Moneten, stopfte sie ins Kuvert, sprang ins Auto und düste ab nach Wien. Zwei, drei Geldtransporte waren notwendig. Eine Überweisung kam nicht in Frage, weil alle Banken „am Wochenende“ geschlossen waren. Onlinebanking war ebenfalls nicht möglich, weil das Internet damals „so langsam“ war. Marina Giori-Lhota könne das alles bestätigen. „Ich würde mir sehr wünschen, dass vor allem meine Schwiegermutter eine Aussage dazu abgibt“, sagt Grasser laut Protokoll. Doch die entschlägt sich, Ehefrau Fiona ebenso.

Die Polizei weiß nun warum Grassers Entlastungszeugen schweigen: Die Geschichte ist zu gut, um wahr zu sein. Im FORMAT exklusiv vorliegenden „Anlassbericht vom 24. Jänner 2013 – Bareinzahlungen auf das Konto Ferint AG“ wird nüchtern festgestellt: „Das Erhebungsergebnis erhärtet den Verdacht, dass Karl-Heinz Grasser am Geld, welches in bar am Ferint-Konto bei der Meinl Bank eingezahlt wurde, persönlich wirtschaftlich berechtigt ist und nicht, wie von ihm behauptet, von seiner Schwiegermutter Marina Giori-Lhota stammt.“ Es sei Buwog-Geld, vermuten die Ermittler.

Die Polizei hat Grassers Schwiemu-Story auf Herz und Nieren geprüft. So wurde ein lückenloses Bewegungsprofil von KHG und Familie erstellt. Europay-Kreditkartenabrechnungen wurden ausgewertet. Bei Columbus Travel Management und Hogg Robinson, den Reisebüros von KHG und Fiona, sowie bei Austrian Airlines und Tyrolean Jet Service wurde recherchiert.

Das Polizeipapier entlarvt Grasser: Die Geldübergaben der Schwiegermutter seien so „gar nicht möglich“ gewesen und auch seine „Angaben diesbezüglich falsch“.

Zwar nannte er nie den konkreten Tag von Marinas Moneytransfers. Doch eine spezielle Aussage bringt ihn nun in Bedrängnis: „Er sagte mehrmals aus, es sei an einem Wochenende gewesen (darum war auch keine Überweisung möglich), und seine Gattin sei dabei gewesen.“ Die Einzahlung bei Meinl erfolgte „zeitnah“ am 14. Juli und am 16. Dezember 2005. Darauf wird er festgenagelt (siehe Grafik ).

Im Polizeibericht steht klipp und klar: Bis auf ein einziges Mal hielt sich Marina Giori-Lhota „an keinem Wochenende“, das „für ein Treffen mit Grasser bzw. für eine Geldübergabe in der Schweiz in Frage kommt“ in Zug auf. Ihre Aufzeichnungen für die Großbetriebsprüfung Innsbruck würden das belegen. Auch das eine November-Wochenende, wo sich Giori-Lhota zufällig in Zug befand, hilft Grasser wenig. Denn Fiona, die laut KHG bei allen Übergaben anwesend war, weilte zu dem Zeitpunkt in Italien.

Doch es kommt noch besser. Offenbar war Grasser an einigen fraglichen Wochenenden selbst nicht in der Schweiz, sondern in Italien oder China. Zitat aus dem Polizeibericht: „Das Team Data Request der Austrian Airlines übermittelte dem Bundeskriminalamt eine Liste über die gesamten vorhandenen Flugdaten des Karl-Heinz Grasser. (...) Bei der Auswertung der Kreditkartenabrechnungen des Karl-Heinz Grasser konnten weitere Erkenntnisse über seine Aufenthaltsorte 2005 gewonnen werden.“ Die Flugauskünfte sowie die mit Mastercard bezahlten Einkäufe und Restaurantbesuche dokumentieren Grassers Anwesenheit in Neapel und Peking – und die Abwesenheit in Zug.

Wer lügt: KHG oder MGL?

„Grasser wurde am 18. Dezember 2012 im Zuge einer Einvernahme durch Finanzbeamte (...) mit diesem Erhebungsergebnis konfrontiert“, steht im Polizeibericht. Das Verhör wurde auf Video aufgezeichnet. „Wir haben von Ihnen ein Bewegungsprofil, von ihrer Frau und von der Schwiegermutter auch“, sagt ein Behördenvertreter zu KHG. „Da sind wir zum Schluß gekommen, dass es nicht möglich ist, dass Sie ihre Schwiegermutter in Zug in der Schweiz an einem Wochenende getroffen haben könnten. Das geht einfach nicht.“ Grasser bleibt die Spucke weg.

„Muss nicht sein, dass das richtig ist. Die Aufzeichnungen von der Frau Giori“, wirft Anwalt Manfred Ainedter ein und sagt händeringend: „Ist völlig wurscht, wo sie ihm die Kohle gegeben hat.“

Konter des Behördenvertreters: "Aber es stimmt halt nicht."

Diese Woche startet der Prozess Karl-Heinz Grassers gegen seine Steuerberatung Deloitte.
 

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