Narzissmus bei Führungskräften wird zu einer Epidemie

Narzissmus bei Führungskräften wird zu einer Epidemie

Serie, Teil 2: Wie egozentrische Manager mit überzogenem Selbstwertgefühl motivierte Mitarbeiter demoralisieren.

Wenn Thomas L. seine Vorstandskollegen zur "offenen Aussprache“ einlädt, eröffnet der CEO die Runde gerne mit einer ausführlichen Darstellung, wie er die Lage sieht und was seiner Meinung nach zu tun wäre. Meist hört er große Zustimmung. Mit kritischen Äußerungen halten sich Anwesende zurück. Damit haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn einer dem Chef widerspricht, reagiert er verärgert, mit abfälligen Bemerkungen und erklärt, die Einwände seien nicht fundiert. "Eigentlich“, so einer aus der Runde, "nimmt er sich nur selbst ernst“.

L. ist sehr von sich überzeugt. Schließlich, so meint er, sei er nur hingekommen, wo er nun ist, nämlich an der Spitze eines großen, international agierenden Unternehmens, weil er besser ist als andere. Der Erfolg spreche doch für ihn. Allein: Seit einiger Zeit ist er gar nicht so erfolgreich. Aktionären hat er viel versprochen, doch wenig davon gehalten. Die Entwicklung des Unternehmens stagniert. Tendenz fallend. Die Konkurrenz zieht davon. Das, sagt L., liege allein an den Umständen - und daran, dass er noch nicht alle schwächelnden Führungskräfte ausgetauscht habe. Eine bessere Erklärung könnte sein: L. ist zu sehr von sich überzeugt, lässt sich nichts sagen, nutzt nicht das Wissen und die Fähigkeiten anderer, ist verbohrt, egozentrisch, nicht korrigierbar, auch wenn es schief läuft. L. ist ein Narzisst.

Selbstgefällige Glorifizierung

Sich selbst immer am wichtigsten zu nehmen, gilt vielen als Erfolgsformel, um in einer Konkurrenzgesellschaft zu reüssieren. Psychologen und Management-Lehrer raten, von Narzissten zu lernen. Sie glorifizieren berühmte Narzissten wie Steve Jobs, Larry Ellison oder Mark Zuckerberg. Doch so nähren sie den Irrglauben, Narzissmus an sich sei ein Erfolgsfaktor. Tatsächlich stellen die wenigen Star-Narzissten die große Zahl der gescheiterten Narzissten so sehr in den Schatten, dass vielen nicht auffällt, welchen Schaden die Gattung anrichtet.

Narzissten sind große Selbstdarsteller, wortgewandt, energiegeladen, enthusiastisch, oft sogar unterhaltsam, witzig, charmant. So gelangen sie leichter in Führungspositionen. Ihre eigentliche Leistung besteht darin, sich geschickt in Szene zu setzen, andere zu beeindrucken, zu vereinnahmen, ihnen zu gefallen. Das ist ihre Persönlichkeit. Das heißt: Sie können nicht anders. Ihre begrenzten Fähigkeiten und persönlichen Defizite können sie mitunter lange kaschieren.

Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, unbeirrbar davon überzeugt, nur sie besäßen den richtigen Durchblick und Weitblick, treffen sie über die Köpfe aller anderen hinweg gravierend falsche Entscheidungen - wenn es um die strategische Ausrichtung ihres Unternehmens geht, um große Investitionen oder um Mergers and Acquisitions. Aus selbstangerichtetem Schaden werden sie nicht klug. Dass die erfolgreichen Zeiten von Unternehmen global insgesamt immer kürzer werden und selbst Spitzenreiter immer schneller abstürzen, hat entscheidend auch damit zu tun.

Narzissmus-Epidemie

Psychologische Studien sollten uns alarmieren. Sie zeigen: Narzissmus wird zu einer Epidemie. Das gilt in erster Linie für die westlichen Industrienationen. Vor allem dort gibt es immer mehr Narzissten. Mit immer stärkerer Ausprägung. Viele Narzissten drängen in die Wirtschaft und beanspruchen Führungspositionen im Management, kaum dass sie von der Hochschule gekommen sind. Sie wollen schnelles Geld, raschen Aufstieg, viel Flexibilität und Freizeit, aber - oft - möglichst wenig Arbeit. Das ist die zunehmend verbreitete Vorstellung von Work-Life-Balance.

Uns stehen unruhige Zeiten bevor. Statt Narzissmus-Preisung und illusionierender Mythenpflege wie sie selbst die Harvard Business Review betreibt ("Wir alle können Steve Jobs sein“), sollten wir - bei aktuellen und potentiellen Führungskräften, bei Chefs und beim Führungsnachwuchs - rigoros den Narzissmus-Check beginnen, bevor sie uns teuer zu stehen kommen.

Hier eine erweiterte Check-Liste: Narzissten überschätzen ihre Fähigkeiten. Sie fühlen sich anderen überlegen. Eigene Schwächen scheinen nicht vorhanden. Darüber denken sie auch gar nicht nach. Kritik halten sie für unberechtigt. Sie haben ein aufgeblasenes Ego, geben gerne an und kritisieren andere ruppig für deren vermeintliche Defizite. Sie suchen ständig Aufmerksamkeit, reden am liebsten über sich selbst.

Eine Mär gilt es zu korrigieren: Narzissten sind nicht Angeber, weil sie (tief im Innersten) an zu geringem Selbstbewusstsein leiden würden. Sie sind tatsächlich von sich überzeugt. Sie umgeben sich gern mit Menschen, die sie bewundern. Introvertierte Narzissten erleben gelegentliche Einbrüche im Selbstbewusstsein. Doch sie sind die Ausnahme der Gattung. Wir kurieren Narzissten nicht, indem wir ihnen mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung geben. Im Gegenteil. So stärken wir nur ihren Narzissmus. Das sollte Wertschätzungspredigern eine Warnung sein.

Narzissten fahren schnell die Ellenbogen raus, verhalten sich egozentrisch, selbstsüchtig, rücksichtslos, weil sie sich selbst grundsätzlich wichtiger nehmen und daher mehr Ansprüche stellen. Wenn ihnen da jemand in die Quere kommt, werden sie schnell ungemütlich, zynisch oder aggressiv. Großzügig, mitfühlend, kooperativ sind sie nicht. Mit der Baby-Boomer-Generation startete der Narzissmus seinen Vormarsch. Die Kinder der Boomer und wiederum deren Kinder toppen die Werte der Eltern. Amerikanischen Studien zufolge hat der Anteil der Narzissten allein in den letzten beiden Dekaden um 30 Prozent zugenommen und steigt weiter steil an. Früher überwogen Männer in der Gattung. Mittlerweile stehen Frauen ihnen nicht mehr nach.

Soziale Defizite des Chef-Narzissten

Fortune Magazine ernannte Steve Jobs schon zu Lebzeiten zur Manager-Ikone: "The Model CEO of the twenty-first Century“. Dabei übersahen die Lobhudler seine gravierenden sozialen Defizite. Jobs konnte äußerst charmant und verführerisch sein und sich mit einem Wimpernschlag in einen Despoten verwandeln, der andere fertigmachte, sie öffentlich als völlig unfähig bezeichnete, sie als "Arschlöcher“ oder "Shit Heads“ beschimpfte. Wer nicht Perfektion lieferte, so wie er sie sich vorstellte, galt ihm als "Trottel“. Zeitweilige Weggefährten werfen ihm bis heute "Charaktermord“ vor.

Jobs konnte demoralisieren und inspirieren. Er konnte sich gut in andere hineinversetzen. Aber nicht, weil er sie verstehen und mitfühlen, sondern weil er sie benutzen wollte. Er konnte Leute, die er hasste, um den Finger wickeln, und sie hinterrücks denunzieren. Menschen, die er mochte, konnte er zutiefst beleidigen. Fremde Ideen kanzelte er als "völlig bescheuert“ ab, um sie irgendwann als seine eigenen zu präsentieren. Das Bedürfnis, alles und alle unter Kontrolle zu haben, trieb ihn an.

Er konnte die offensichtlichsten Tatsachen ignorieren und Dinge behaupten, für die es nicht den geringsten Beleg gab. Lange glaubte er sogar, er könne seine Krebserkrankung mit Kräutern und Fasten heilen - und ließ sich erst operieren, als der Krebs sich schon ausgebreitet hatte und nicht mehr zu besiegen war.

Jobs gehört zu den Firmen-Gründern, die der Managementberater Michael Maccoby die "produktiven Narzissten“ nennt. Sie sind von ihren eigenen Ideen besessen und treiben ihre Verwirklichung unaufhaltsam voran. Sie nehmen nicht wahr, was ihre Ambitionen und Visionen infrage stellt. Was Maccoby nicht sagt: Um "produktiv“ sein zu können, mit ihren Persönlichkeitseigenschaften, müssen Narzissten die richtige Idee zur richtigen Zeit haben und ein dazu passendes Umfeld. Steve Jobs wäre ohne Steve Wozniak, dem ihm ergebenen Computer-Ingenieur, vermutlich ein Sandler geblieben.

Selbstwert statt Überheblichkeit

Ein gutes Selbstwertgefühl ist für jeden wichtig. Es gibt uns Selbstsicherheit. Es macht uns stark. So können wir mehr leisten, erfolgreicher sein und es auch aushalten, wenn uns etwas nicht gelingt. Wenn wir Fehler machen oder gar an einer Aufgabe scheitern, stellen wir uns nicht völlig in Frage und stürzen nicht in ein lähmendes Stimmungstief.

So entsteht Selbstbewusstsein. Um uns in Konkurrenzsituationen gut zu positionieren, müssen wir eigene Leistungen und Fähigkeiten hervorheben können, bisweilen wohl auch etwas übertreiben. Wer sich nicht bemerkbar macht, der wird nicht wahrgenommen. Wer nicht wahrgenommen wird, der wird nicht berücksichtigt.

Doch Narzissten dienen nicht als Vorbild. Bei ihnen klaffen Selbstdarstellung und wirkliche Fähigkeiten extrem weit auseinander. Selbstbewusstsein kann helfen, Leistungspotentiale abzurufen. Aber die Fähigkeit zur Leistung muss zuvor erworben werden, durch harte Arbeit, nicht durch Getue. Sie wird nicht durch ein übersteigertes Selbstwertgefühl geschaffen.

Ihr übertriebenes Selbstvertrauen verleitet Narzissten dazu, sich auf Aufgaben nicht so vorzubereiten, wie es nötig wäre. Selten investieren sie daher so viel Konzentration, Energie und Ausdauer, wie erforderlich wäre. Daher sind sie tatsächlich öfter die wahren Minderleister. Sie lernen nicht aus ihren Fehlern und Defiziten, weil sie dafür die Umstände verantwortlich machen, nie jedoch sich selbst.

Anderen hingegen geben sie nie genug Aufmerksamkeit, hören meist schon gar nicht richtig zu, unterbrechen hemmungslos, empfinden keine richtige Wertschätzung, bringen sie also auch nicht zum Ausdruck. Narzissten fördern Individualisten, die ihnen nützlich erscheinen, aber sie sind keine Team-Builder und keine Team-Player. Die Erfolge schreiben sie in erster Linie sich zu. Läuft etwas dagegen nicht so, wie erwartet, machen sie ihre Kollegen verantwortlich. Vertrauensvolle und verlässliche Zusammenarbeit entsteht so nicht.

Fatale Risikoneigung

Narzissten sind notorische Besserwisser. Sie gehen eher Risiken ein, da sie meinen, alles unter Kontrolle halten zu können. Als Investoren oder CEOs sind sie erfolgreicher, solange die Wirtschaft boomt. Sie reiten furchtloser auf hohen zyklischen Wellen. Crasht die Wirtschaft aber, stürzen Narzissten mit ihrer hohen Risikotoleranz umso tiefer ab. Die Wirtschaftsprofessoren Arijit Chatterjee und Donald Hambrick stellten in einer Studie mit mehr als 100 Technologieunternehmen fest: Je stärker der Narzissmus der CEOs, desto unbeständiger deren Ergebnisse. In einem Rollenspiel als Manager einer Holzfirma lassen Narzissten ohne Genierer die Waldbestände schneller abholzen als sie nachwachsen können. Je mehr Narzissten mitspielen, umso schneller ist der Wald verschwunden.

Narzissmus grassiert besonders dort, wo in der Erziehung Individualität überbetont, überschwängliches Lob für alles und jedes gespendet und jedem Einzelnen dazu Einzigartigkeit attestiert wird. Die sozialen Medien forcieren Selbstdarstellungs-, Ruhm- und Geltungssucht - etwa auf Facebook und Twitter.

Viele Studenten an den Business Schools - und nicht nur dort - fordern immer öfter schon eine gute Note dafür ein, dass sie einigermaßen regelmäßig die Lehrveranstaltungen besuchen. Viel zu reden, (miss)verstehen sie als Leistung. Mit Meinung ersetzen sie wissenschaftlich begründete Argumentation. Die Zahl derer, die meint, Leistungsnachweise durch Anspruchsdenken ersetzen zu können, steigt. Und genau die wollen die Manager von morgen sein.

Zur Person: Michael Schmitz, Autor der FORMAT-Serie, ist Professor für Psychologie und Management an der Lauder Business School sowie als Coach und Geschäftsführer des Krisenberaters "preventK“ im Consulting tätig. Schmitz studierte Psychologie sowie Management an der Graduate School of Business in Chicago und der Harvard Business School. Zuvor war der Autor mehrerer Sachbuch-Bestseller unter anderem über viele Jahre als Journalist für das ZDF aktiv.

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