Chef allein zu Haus: Das Leben als Ein-Personen-Unternehmen

Chef allein zu Haus: Das Leben als Ein-Personen-Unternehmen

Kein Vorgesetzter, mehr Freiheit, dafür jede Menge Troubles mit Sozialversicherung, Steuer und Politik. Ein-Personen-Unternehmen machen inzwischen mehr als die Hälfte aller heimischen Firmen aus. Doch der Staat kann mit dieser Entwicklung kaum Schritt halten. Viele der Einzelkämpfer verdienen zu wenig - und fühlen sich allein gelassen.

Er hat ein Nomadenleben hinter sich: Nikolaus Bernhuber - der Name ist geändert, es handelt sich aber um einen realen Menschen, der in Wien lebt und arbeitet - geht auf die 50 zu, hat Technischer Zeichner gelernt und wechselte früh ins Grafikfach. Bernhuber machte dort alles mit, von der Umstellung auf Computer über Jobabbau in Verlagen bis zu existenzbedrohenden Nachforderungen von Sozialversicherung und Finanzamt. Heute arbeitet er von zu Hause aus, ist fiskalisch als Kleinstunternehmer pauschaliert, hat sich in seiner Wohnung einen Arbeitsplatz eingerichtet und erledigt dort Grafik für zahlende Kunden.

Längere Urlaube oder gar Krankenstände kann Bernhuber sich nicht leisten, für Erspartes hat es nie gereicht. Ob es für ihn einmal eine ausreichende Rente gibt, ist wegen der niedrigen sowie öfters unterbrochenen Einzahlungen ins Pensionssystem fraglich.

Mit all dem ist Bernhuber ein echter Klassiker - denn sein Schicksal ist exakt das von zigtausend Ein-Personen-Unternehmen in Österreich, die nicht selten am Existenzminimum entlangschrammen. Oder gar darunterliegen. Wirklich gut geht es nur einer überschaubaren Zahl der Kleinstunternehmer.

Neue Art von Erwerbstätigen

Die modernen Ein-Personen-Unternehmen, kurz EPU, sind eine junge Spezies am heimischen Arbeitsmarkt. Vor 15 oder 20 Jahren gab es sie in der heutigen Form so gut wie nicht. Damals beherrschten allenfalls Einzelunternehmer in biederen Handwerksberufen oder kleine Ladenbesitzer die wohlgeordnete Szene - Trafikanten, Tischler und so weiter. Dann begann sich ab den 1990er-Jahren eine Spirale der beruflichen Vermischung immer schneller zu drehen. Viele Faktoren - vom Internet bis zu sich ändernden sozialen Einstellungen und nicht zuletzt auch Wirtschaftskrisen - ließen neue Berufe, neue Lebensziele und neue Anforderungen an Jobs entstehen. Menschen, die früher in Anstellungsverhältnissen gearbeitet hatten, wollten - oder mussten - plötzlich selbstständig sein.

Die klassischen Angestellten werden in manchen Branchen immer weniger. Grafiker, Texter, Journalisten, dazu Psychotherapeuten, IT-Berater, Versicherungsagenten, aber auch Pfleger, Paketzusteller oder Kellner - die meisten von ihnen arbeiten mittlerweile öfter auf selbstständiger Basis als in festen Anstellungen.

Wie viele EPUs es in Österreich gibt, weiß keiner ganz genau. Rund 251.000 - nämlich jene, die mit Gewerbeschein arbeiten - sind Mitglied in der Wirtschaftskammer und haben dort zumindest formal eine Standesvertretung. Dazu kommen knapp 45.000 "Neue Selbstständige“ - das sind die nicht in gesetzlichen Vertretungen organisierten und gewerbescheinlosen Freiberufler wie freie Journalisten. Zählt man noch die allein arbeitenden Landwirte, Rechtsanwälte, Notare, Therapeuten oder Ärzte hinzu, kommt man alles in allem auf deutlich mehr als 300.000 Menschen, die in Österreich derzeit in der einen oder anderen Form als EPU arbeiten. Das sind nicht ganz acht Prozent aller Erwerbstätigen.

Das EPU-Wachstum speist sich momentan nicht mehr so sehr aus dem Reservoir junger Menschen, die, von der Uni kommend, wenig Jobchancen sehen und sich daher gleich selbstständig machen. Dafür drängen immer mehr Arbeitslose in die Selbstständigkeit - oder werden gedrängt. 5.000 von ihnen durchlaufen pro Jahr ein eigens ins Leben gerufenes Gründerprogramm des AMS. Der spätere Pensionsantritt wird ein Übriges tun.

Exakt 11.112 Neugründungen von Ein-Personen-Unternehmen verzeichnete allein die Wirtschaftskammer (WKO) im Jahr 2012. Die Gesamtzahl der 2013 ins Unternehmerleben eingestiegenen EPUs dürfte bei rund 15.000 liegen, was ungefähr dem Schnitt der letzten zehn Jahre entspricht.

Langsamer Staat

Der Staat schafft es nicht wirklich, mit dem Tempo dieser Veränderungen am Arbeitsmarkt mitzuhalten. Viele EPUs fühlen sich im Wirtschaftsgefüge heimatlos und unvertreten. Vor allem gilt das für die Neuen Selbstständigen - zur Wirtschaftskammer dürfen sie nicht, Arbeiterkammer und ÖGB wollen sie nicht haben. Ihre Bedürfnisse und Wünsche an Politik und Sozialversicherungssystem bleiben bislang im Großen und Ganzen ungehört - weil es niemanden gibt, der sie laut ausspricht.

Die Wirtschaftskammer (WKO) ist erst dabei, sich auf die flexiblen und wendigen Einzelunternehmer einzustellen. Während für Firmen klassischen Zuschnitts - also mit Angestellten oder Arbeitern - der ganze riesige Kammernapparat mit all seinen Möglichkeiten der Einflussnahme zur Verfügung steht, hat man die Zuständigkeit für die EPUs in eine Unterabteilung verräumt. "Die EPU-Denke ist zwar inzwischen in den Köpfen von Wirtschaftskammer, Sozialversicherung und Wirtschaftsbund angekommen“, sagt Volker Plass, Sprecher der Grünen Wirtschaft, "aber in den Herzen verankert ist sie dort noch lange nicht.“ Plass sitzt als grüner Abgeordneter im Wirtschaftsparlament, hält einen Sitz im erweiterten WKO-Präsidium und ist einer der heftigsten Systemkritiker.

WKO-Präsident Christoph Leitl sieht das naturgemäß positiver: "Wir haben etwa bei der Sozialversicherung der Kleinstunternehmer zuletzt soviel erreicht wie in den letzten 30 Jahren nicht“, sagt er. Einige EPU-Forderungen sind inzwischen auch Leitl-Forderungen, etwa die nach einer Abschaffung der Mindesbeitragsgrundlage oder nach schneller verfügbarem Krankengeld. Derzeit gibt es täglich 29 Euro erst ab dem 42. Krankheitstag. Viel zu spät, sechs Wochen ohne Einkommen kann sich kaum ein Selbstständiger leisten. Folge: EPUs betreiben oft Raubbau am eigenen Körper, weil sie krank arbeiten müssen. Angestellte erhalten im Krankheitsfall ihr Gehalt weiter ausgezahlt.

Ein Hauptproblem ist, dass die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) darauf, wie EPUs denken und arbeiten, nicht eingestellt ist. Lange Bemessungszeiträume wie die dreijährige Nachbemessungsfrist bei Sozialversicherungsabgaben bringen die zumeist kurzfristig rechnenden - und manchmal auch denkenden - EPUs nicht selten in Turbulenzen. Wenn die SVA erst 36 Monate nach einem starken Einnahmenjahr - auf das womöglich zwei schwache folgten - hohe Beiträge nachfordert, kann das zu existenziellen Problemen führen.

"Natürlich ist das auch eine Frage der Selbstdisziplin“, sagt der Kabarettist Werner Brix, selbst ein EPU und mittlerweile zu einer Art informellem Standesvertreter mutiert: "Wir bräuchten eine möglichst sofortige Abrechnung von Beiträgen und Steuern.“ Außerdem fordert Brix eine auch auf EPUs abgestimmte Solidaritätsdebatte: "Warum nicht Selbstständige, die eine Zeit lang ohne Umsätze sind, befristet von Sozialversicherungszahlungen befreien und das über eine geringfügige Anhebung der Höchstbemessungsgrundlage finanzieren?“

Ungerechtigkeiten

Die größten Schwierigkeiten bereitet den Kleinstunternehmern für gewöhnlich die SVA: Mehr als 27 Prozent des Selbstständigen-Einkommens fließen in Unfall-, Kranken- und Pensionsversicherung sowie in die Selbstständigenvorsorge. Bei Angestellten sind es nur rund 18 Prozent (den Rest zahlt der Arbeitgeber). Eine Arbeitslosenversicherung für Selbstständige gibt es nicht automatisch. Zwar kann sie zugekauft werden, dann schnellen die Beiträge aber über die 30-Prozent-Marke.

Und während ein Angestellter de facto keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen muss, wenn er arbeitslos wird und kein Einkommen hat, gibt es für Selbstständige die Mindesbeitragsgrundlage. Das heißt in der Praxis: Auch während umsatzfreier und damit einkommensloser Zeiten fallen Zahlungen an die Sozialversicherung an, rund 150 Euro pro Monat im Falle eines neu gegründeten EPUs. Von einem 13. und 14. Monatsgehalt wie in festen Anstellungsverhältnissen können Selbstständige ohnehin nur träumen.

Die Politik ist mit der Themenstellung überfordert. "Ich habe den Eindruck, dass der Sozialminister komplett in seiner Arbeitnehmerwelt verhaftet ist. Der versteht nicht, worum es bei Selbstständigen geht“, vermutet Kabarettist Brix. Aber in Rudolf Hundstorfers Ministerium werden die Sozialgesetze geschrieben. WKO-Chef Leitl ortet im - jeweils von der SPÖ geführten - Sozial- und Gesundheitsministerium Blockaden für seine Wünsche. Darum stünde vieles, was wünschenswert wäre, auch nicht im Regierungsübereinkommen. Mitbeschlossen hat Leitl dieses im ÖVP-Parteivorstand trotzdem.

Jedenfalls steigen EPUs seit Jahren schlecht aus, was politische Entscheidungsprozesse betrifft. Vor der Nationalratswahl versprach ÖVP-Chef Michael Spindelegger eine Entfesselung der Wirtschaft. Nach der Wahl ist er als Finanzminister gerade dabei, neue Regelungen - Stichwort GmbH light und Gewinnfreibetrag - einzuführen, die kleine Selbstständige treffen. Der Sozialistische Wirtschaftsverband Wien startet soeben eine EPU-Kampagne - die im Wesentlichen aber bloß aus der Verteilung von 40.000 Aufklebern an Wiener Selbstständige besteht. Von den Forderungen der roten Wirtschaftsvertreter findet sich im Regierungsprogramm, das unter SPÖ-Bundeskanzler Faymann erstellt wurde, nur wenig.

Mehr Selbsthilfe

Volker Plass von der Grünen Wirtschaft, in EPU-Kreisen hoch angesehen, wollte vergangenen September in den Nationalrat, scheiterte aber bereits bei parteiinternen Vorwahlen an den grünen Basis-Fundis. Dementsprechend gut kommen die Neos bei den EPUs an, die als einzige Partei ein umfassendes Forderungspaket in ihrem Parteiprogramm haben und auch umsetzen wollen. Bei den Neos zuständig für die Thematik ist Niko Alm, selbst Unternehmer. Er hat letzte Woche bei Leitl um einen Termin angesucht. "Den wird er auch sicher bekommen, wir ziehen am selben Strang“, sagt der WKO-Chef. Die Grünen Plass und Werner Kogler haben so einen Termin gerade hinter sich.

Inzwischen organisieren sich EPUs aber immer öfter selbst - und auch immer besser. Die Facebook-Gruppe "Amici delle SVA“, der auch Brix angehört, revoltiert gegen die SVA und hat es zu einiger Durchschlagskraft gebracht. Auch über Coworking-Programme und mit gegenseitiger Hilfe zur Selbsthilfe versuchen die Kleinstunternehmer mittlerweile professioneller im harten unternehmerischen Überlebenskampf über die Runden zu kommen.

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