So ticken Banker…

So ticken Banker…

Andres Veiel hat 1.400 Seiten Interviews mit Bankern zu einem Theaterstück verarbeitet, das derzeit mit großem Erfolg in Stuttgart und Berlin läuft und im Herbst in Salzburg aufgeführt wird. "Die Politik hat die Brände mit gelegt", sagt Veiel Im FORMAT-Interview. Und: "Mit einer eigenen Meinung macht in einer Bank keine Karriere."

FORMAT : Sie haben für Ihr Stück 25 Bank-Manager und ehemalige Führungskräfte zu den Ursachen der Finanzkrise interviewt, die Gesprächsprotokolle umfassen 1.400 Seiten. Was ist Ihr Fazit: Wie ticken Banker?

Andres Veiel : Eine Erkenntnis ist, dass es eben den typischen Banker nicht gibt. Das eigentliche Phänomen ist, dass viele ihre Rolle im Zusammenhang sehr nüchtern und klar sehen und auch das Risiko der Entwicklung erkannt haben – und dann doch in der entscheidenden Sitzung diesen hochriskanten Deals zugestimmt haben. In vollem Bewusstsein, dass es ohne Zusage eines Bankenrettungs-Schirmes diese Deals niemals geben würde, weil sie viel zu riskant sind.

Warum wurde dieses hohe Risiko eingegangen?

Veiel : Das geschah einerseits auf Druck der Politik. Die politisch Verantwortlichen in Deutschland hatten damals das Gefühl, dass Frankfurt als Finanzplatz international an Bedeutung verliert und abgehängt wird. Die Banken wurden vom damaligen Finanz-Staatsekretär gerade zu animiert, stärker ins Risiko zu gehen, in Derivate zu gehen, das war ein regelrechter Aufruf. Es ist nicht so, dass die Politik wie ein Nasenbär durch die Manege geführt wird, sondern sie hat die Brände mit gelegt – und tritt jetzt als Feuerwehrmann auf.

Wurden deshalb die Geschäfte immer riskanter?

Veiel : Ja, und hinzu kam noch, dass man in der Boomphase die Gewinnerwartungen immer weiter nach oben geschraubt hat. Ein Bankvorstand hat mir berichtet, dass in seinem Haus die Analyse der zukünftigen Geschäftsentwicklung 27-mal in die Fachabteilung zurückgeschickt wurde. Warum? Weil die Gewinnprognosen zu niedrig waren. Erst bei der 28. Überarbeitung hat das den Erwartungen entsprochen und man ist damit in den Aufsichtsrat gegangen. Um diese Renditen dann wirklich zu erzielen, musste die Bank entsprechend hoch ins Risiko gehen. Da hat man dann Projekte finanziert wie zum Beispiel Luxuswohnungen an der mexikanischen Grenze. Auf dem Papier brachte das tolle Renditen, aber die Frage, wer da wohnen will, wo täglich Dutzende Menschen ermordet werden, wurde sorgfältig ausgeklammert.

Dann sind Banker also doch „böse“ Menschen?

Veiel : Nein, das ist Blödsinn und der falsche Ansatz. Viele schämen sich, zu sagen, dass sie Investmentbanker sind. Es ist billig, da noch draufzuhauen. Ich zeige in meinem Stück Mechanismen auf, die Menschen dazu gebracht haben, in diesen extremen Job zu gehen und sich so zu verhalten.

Was sind diese Mechanismen?

Veiel : Es gibt einerseits dieses Spielerische, diesen Kick bei Brokern und Händlern. Man hat Erfolg, die Summen werden höher, das löst bei denen einen Kick aus. Der andere Aspekt ist die Frage der persönlichen Verantwortung und deren Stellenwert in den vorhandenen Bankstrukturen.

Inwiefern?

Veiel : Es ist ja nicht so, wie es oft dargestellt wird, dass das an den Finanzmärkten alles automatisch abläuft, durch Algorithmen und Computer gesteuert. Das ist falsch. Sondern es gibt immer wieder sehr konkrete Eingriffssituationen, wo jeder Einzelne an einem bestimmten Punkt „Nein“ hätte sagen können. Wo ein Vorstand oder Aufsichtsrat zusammen sitzt, acht bis zehn Leute, und da wird die Hand gehoben: Bin ich dafür oder dagegen? Das ist ganz banal. Dabei spielen Entscheidungszwänge und Gruppendruck eine große Rolle, die Frage der Zivilcourage, dass ich wider besseren Wissens einer Entscheidung zustimme, die den Steuerzahler Milliarden kosten kann – und mir ist das bewusst.

Allerdings kann das Geschäft auch gut gehen, dann muss der Steuerzahler nichts zahlen…

Veiel : …aber der Chief Risk Officer sieht schon anhand der Zahlen, dass das falsch läuft und nicht funktionieren kann, und stimmt trotzdem zu. Darum geht es. Aber in einer Bank macht man mit einer eigenen Überzeugung und einer eigenen Meinung keine Karriere. Wer aufsteigen will, braucht hohe Geschmeidigkeit und muss wissen, wann er lieber etwas nicht sagt. Das ist das strukturelle Problem.

Gilt aber für viele Institutionen und nicht nur für Banken?

Veiel : Bei Banken ist es besonders ausgeprägt. Banker sind kein spezieller Menschtyp, aber es gibt bei Banken eine spezielle Form der Hierarchie und des Aufstiegs. Da geht es um Privilegien, um sehr subtile Insignien der Macht. Das fängt mit einer eigenen Vorstandsgarage an, von wo man direkt in einen Aufzug kommt, der ohne Zwischenstopp in die Vorstandsetage fährt. Dann hat die Höhe der Etage eine hohe Symbolkraft, ob das Büro eine schöne Fernsicht hat oder im Schatten des Nachbar-Büroturmes liegt usw. Auch beim Ausscheiden aus dem Vorstand behalten diese Leute ihre Dienstwagen und ein Büro, das steht Ihnen vertraglich zu. Aber der Parkplatz ist auf der Mitarbeitergarage, die Fenster sind kleiner und die Vorhänge reichen nicht mehr bis auf den Boden, sondern nur noch bis zur Fensterbank, der Bürosessel ist nur noch dreifach verstellbar und nicht mehr zehnfach. Und diese Details sind eben nicht vertraglich geregelt und nicht einklagbar, machen aber den Rollenverlust für alle sichtbar. Damit geht eine Demütigung einher.

Auch andere Menschen erleben Demütigungen. Sie sind sicher auch schon mit Filmideen rausgeworfen worden. Was ist daran so schlimm, wenn das Büro zehn Stockwerke tiefer ist?

Veiel : Bei den Banken ist das existenzieller, weil final. Ich kann in einigen Wochen mit einer neuen Idee kommen, aber wenn Sie mal in einem Bank-Turm in einem bestimmten Stockwerk gelandet sind, ist es das Ende. Bei einem Institut wird diese Etage intern das „Sterbehaus“ genannt, das beschreibt das sehr gut.

Wer sich gegen den Mainstream in einem Institut stellt, zahlt also einen hohen Preis.

Veiel : Ja, absolut. Es geht mir aber nicht darum, Märtyrer zu produzieren. Ich will zeigen, dass die angebliche Alternativlosigkeit nicht stimmt. Wenn ein öffentliches „Nein“ zum Ende der Karriere führt, Ist das natürlich ein hoher Preis. Aber bestimmte Dinge wären dann nicht passiert, ein spektakulärer Rücktritt eines Risiko-Vorstandes hat ja auch eine Signalwirkung.

Dann ist die Finanzkrise am Ende eine Frage der persönlichen Verantwortung?

Veiel : Ja. Es wurde ganz bewusst auf das „to big to fail“ spekuliert. Risiken wurden bewusst ausgeklammert. Wenn diese nicht auf dem Radarschirm von interner und externer erfasst werden, zahlt dieses Risiko am Ende der Steuerzahler. Da fängt die Verantwortungslosigkeit an. Das hängt auch damit zusammen, dass es keine persönliche Haftung gibt. Es wird nie gefragt: Wer hat das eigentlich zu verantworten? Wenn die BaFin, die deutsche Finanzaufsicht, nur Produkte zulassen würde, die sie auch versteht, wäre schon viel gewonnen. Aber solange die Zahlen gestimmt haben, hat niemand genau hingeschaut.

Welche Rolle spielen bei der Finanzkrise berühmten Millionen-Boni?

Veiel : Ich möchte mit dem Stück gerade Weg von den Klischees. Es greift viel zu kurz, so zu tun, als ginge es nur um ein Maximum an Geldzuwachs zum Monatsende. Da geht um viel komplexere Anerkennungsverhältnisse. Wer bei einer Bank vier Millionen € im Jahr verdient, fragt sich, warum jemand im Investmentbereich 40 Millionen bekommt. Da geht es nur um den Vergleich, denn der mit den vier Millionen hat auch schon Appartements in Cancun und an der Cote d’Azur und eine Segelyacht. Das Glücksgefühl nimmt mit mehr Geld nicht mehr zu, das ist auch kein Anreiz mehr. Es geht um Anerkennung in der Relation zu anderen. Deswegen wehren die sich so gegen das Einfrieren der Boni. Wenn alle fünf Millionen bekommen, fällt dieses Spiel um Anerkennung weg.

Was müssen ihrer Meinung nach die Konsequenzen der Finanzkrise im Bezug auf das Banksystem sein?

Veiel : Banken dürfen nicht zu groß werden, das herkömmliche Geschäft mit Spareinlagen und Krediten muss vom Investmentbanking getrennt, und dann wird auch mal eine Bank pleitegehen dürfen. Das Eigenkapital muss entsprechend erhöht und es dürfen nur noch Produkte zugelassen werden, die so nachvollziehbar und transparent sind, dass man sie verstehen und prüfen kann. Das ist alles umsetzbar, wenn man es will, und es liegen entsprechende Konzepte schon fertig in den Schubladen. Den Lobbyisten gelingt es allerdings, diese Maßnahmen immer wieder zu verwässern.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, dieses Stück über die Finanzkrise zu schreiben?

Veiel : Die Entstehungsgeschichte liegt zwölf Jahre zurück, als ich für meinen Film „Black Box BRD“ recherchiert habe, einen Film über den ermordeten Banker Alfred Herrhausen auf der einen Seite und Wolfgang Grams, Mitglied der Rote-Armee-Fraktion RAF, auf der anderen Seite. Dafür habe ich Interviews bei der Deutsche Bank und anderen Instituten geführt, und schon damals hat mir ein führender Banker ganz nüchtern gesagt, dass die sich aufbauende Liquiditätsblase, bei der sich Geld nur noch aus sich selber heraus vermehrt, losgelöst vom Produktivvermögen, zwangsläufig platzen muss. Auf meine Frage, was er dagegen tut, war die Antwort: Wir melken die Kuh, solange sie Milch gibt. Und wenn wir sehen, es geht nicht mehr, wetten wir auf den vorzeitigen Tod der Kuh – und machen so vielleicht ein noch besseres Geschäft. Das war 2001. Beim Ausbruch der Finanzkrise habe ich mich daran erinnert.

Und wie haben Sie Bank-Insider gefunden, die offen mit Ihnen reden?

Veiel : Nur durch die Zusicherung absoluter Anonymität. Deshalb ist daraus auch ein Theaterstück geworden und kein Film. Die ganze Zeit nur Leute von hinten zu zeigen und mit verzerrter Stimme – das funktioniert im Film nicht. Im Theater kann ich diese Aussagen in die Münder und Hände von Schauspielern legen. Viele der Interviewpartner sind nicht mehr in der Verantwortung, sie werden nicht mehr gefragt. Mit dem Tag, wo sie ausscheiden, sind sie nicht mehr interessant. Für jemand, der viel Macht hatte, ist das ein Gefühl von Demütigung. Der freut sich, wenn ihn mal wieder jemand fragt.

Was ist Ihre persönliche Konsequenz aus den Interviews?

Veiel : Mein Vertrauen in das System ist zutiefst erschüttert. Als einfacher Aktionär kann man sich nur an den offiziellen Kennzahlen orientieren, aber ehe diese öffentlich sind, ist das eigentliche Geschäft schon gelaufen. Gibt es eine Anlageempfehlung für ein konkretes Wertpapier, haben alle anderen schon verdient. Wenn ich mich als Schaf der Herde anschließe und einsteige, wetten die großen Player schon wieder auf den Kursverlust. Ich habe da keine Chance.

Ihre Gesprächspartner üben heftige Kritik am System, aber stets nur anonym. Warum?

Veiel : Die Kritik ist oft schonungslos und geht weiter als bei den Occupy-Aktivisten. Aber selbst im „Sterbehaus“ fühlen sich diese Menschen noch als Teil einer Banking-Community. Kaum einer der Interviewpartner ist bereit, diese fundierte Kritik öffentlich zu machen, weil sie sich damit gegen die Community stellen müssten. Insofern bleibt die Einsicht folgenlos. Das ist die besondere Tragik und so endet auch das Stück. Menschen zu zeigen, die sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen, statt ihr Wissen anderen zur Verfügung zu stellen und zu helfen, die Dinge in Zukunft besser zu machen.

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Zur Person
Andres Veiel, 53, ist ein vielfach preisgekrönter deutscher Autor und Dokumentarfilmer, der sich immer wieder gesellschaftspolitischer Themen annimmt, vom RAF-Terrorismus („Black Box BRD“) bis zum rechtsradikalen Milieu („Der Kick“). Der gebürtige Stuttgarter absolvierte nach dem Psychologie-Studiumeine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung. In seinem aktuellen Theaterstück „Himbeerreich“ analysiert er, wie es den Führungsetagen der Banken zugeht. Diese „Psychoanalyse der Wirtschaftskrise“ (Die Zeit) ist ein Spiel um Macht und Demütigung und läuft derzeit in Stuttgart und Berlin vor vollen Häusern. Im Herbst kommt das Stück zur Krise in Salzburg auf die Bühne.

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