Werner Muhm - Die rote Eminenz

Werner Muhm stellt sein Licht gerne unter den Scheffel. Dabei ist der Arbeiterkammer-Direktor mittlerweile wichtigster Faymann-Berater.

Zurückhaltung ist alles. Selbst die Arbeiterkammer, lebenslanger Wirkungsbereich von Werner Muhm, rückt als vorbereiteten Lebenslauf ihres Direktors zunächst nur ein wenige Zeilen langes Papier heraus. Erst wer insistiert, erhält mehr biografische Information. Dort steht dann, in unprätentiöse Formulierungen verpackt, dass Muhm einer der mächtigsten wirtschaftspolitischen Akteure des Landes ist. Er sei, erzählt die AK etwa auf Nachfrage dann doch nicht ohne Stolz, „seit Mitte der 1980er-Jahre bei fast allen Verhandlungen zur Bildung einer österreichischen Bundesregierung eingebunden gewesen“.

Das sagt viel, denn Muhm war dabei sicher mehr als ein bloßer Mitläufer am Verhandlungstisch. Er sei, heißt es weiter, „im wirtschaftspolitischen Bereich der Sozialdemokratie sehr gut vernetzt“.

Mit Ausnahme der Jahre nach der schwarz-blauen Wende ab 2000 hatte Muhm, so lässt sich die verklausulierte AK-Diktion deuten, immer ein gewichtiges Wort bei der Bestellung von Bundeskanzlern und roten Ministern mitzureden.

Mit dem Wechsel im Kanzleramt von Gusenbauer zu Faymann wuchs der Einfluss Muhms zu vorläufig finalem Ausmaß. Machte Kurzzeitkanzler Alfred Gusenbauer von Muhms Einflüsterungen kaum Gebrauch, legt Werner Faymann auf die Ezzes des roten Machtfaktors aus der zweiten Reihe nun allergrößten Wert. Muhm ist der maßgeblichste wirtschaftspolitische Berater des Bundeskanzlers.

Backstage-Theater

Dabei liebt es der durchaus wortgewaltige Arbeiterkämmerer überhaupt nicht, vor den Vorhang gezogen zu werden. Sein Metier ist mehr der Backstage-Bereich, wo das eigentliche große Theater spielt. Muhm präferiert den Hintergrund und stellt sein Licht gerne unter den Scheffel. So zuckt er etwa bloß mit den Schultern, bittet man ihn um Details zu möglichen Steuerschrauben, wie sie die Kanzler-Partei gegenwärtig mit der ÖVP aushandelt. „Kenne ich nur aus den Medien“, schmunzelt er. Dass AK-Direktionskollege Herbert Tumpel erst dieser Tage beklagte, die Arbeiterkammer sei zu wenig in die Steuerverhandlungen der Regierungsparteien eingebunden, kommentiert Muhm so: „Ich würde sagen, man ist zumindest informiert“.

In der Realität ist Muhm nicht bloß informiert, sondern als Faymann-Berater vermutlich Architekt der SPÖ-Pläne zur einnahmenseitigen Budgetsanierung. Sehr nach Muhm-Sprech klingen jedenfalls immer wieder die öffentlichen Äußerungen des Bundeskanzlers zu Steuermaßnahmen und Verteilungsgerechtigkeit. Muhm verwendet im FORMAT-Gespräch beinahe wortgleiche Formulierungen. Heimlicher Kanzler sei er aber sicher nicht, auch wenn er als solcher dargestellt werde. „Das bestärkt mich in meiner Auffassung, dass vieles falsch ist, was in den Medien steht“, sagt Muhm. Auch von „roter Eminenz“ könne nicht die Rede sein.

Ein Mann mit Agenda

Kann es doch. Denn Muhm und Faymann konferieren rege, dem Vernehmen nach glühen bisweilen die Drähte zwischen Bundeskanzleramt und AK-Zentrale. Muhm wiegelt auch hier ab: „Der Herr Bundeskanzler ruft ab und zu an, oder es gibt einen Termin“.

Muhm war schon immer gut darin, unbeobachtet von der Öffentlichkeit Fäden zu ziehen, an denen die Entscheidungen formal Mächtigerer hängen. Seit gut 20 Jahren sitzt er im Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank und trifft dort auf wirtschaftliche Schwergewichte wie Claus Raidl, Bernhard Felderer, Erich Hampel oder Walter Rothensteiner. Lange Jahre war Muhm als Delegierter der Regierung im Aufsichtsrat der Creditanstalt, damals einflussreichste Bank des Landes. Auch im Aufsichtsrat der seinerzeitigen Voest Alpine, als das Unternehmen noch verstaatlicht war, hatte Schattenmann Muhm ein Wort mitzureden, ohne groß nach außen aufzutreten. Heute sitzt er unter anderem in den Aufsichtsräten der Wiener Städtischen, der Wiener Stadtwerke sowie der Kommunalkredit.

Von Wegbegleitern aus fast allen Lagern werden Muhm Rosen gestreut. Er gilt als integrer und höchst sachkundiger Gesprächspartner mit Handschlagqualität. Zwar auch als Mann, der seine oft einseitigen Ziele akribisch verfolgt, aber stets korrekt und weitgehend ohne harte Fouls oder gröbere Rempeleien.

Was Muhm aber jedenfalls hat, ist eine klare politische Agenda: die Wiederherstellung des Zustandes in Österreich vor der schwarz-blauen Wende. „Damals ist die soziale Symmetrie aus der Balance gekommen, das ist zu reparieren“, sagt er.

Linksausleger

Von Protagonisten aus dieser Zeit und ihren Nachfolgern kommt immer noch Kritik. BZÖ-Chef Josef Bucher etwa freut sich eher weniger über den „Linksausleger als Faymann-Berater“. Es sei fragwürdig, wenn der Kanzler sich von jemandem beraten lasse, der sein Gehalt aus Zwangsmitgliedsbeiträgen erhalte. Faymann hört jedenfalls viel eher auf Muhm als auf Ratschläge des erst im vergangenen Jahr mit Trommelwirbel präsentierten Wirtschaftsbeirats, in dem Größen wie etwa Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber oder ÖBB-Chef Christian Kern sitzen, der Name Werner Muhm aber nicht aufscheint. Kein Wunder, ist der AK-Mann doch für laute PR-Aktionen einfach nicht zu haben.

Privat ist Muhm ein kunstsinniger Schöngeist, freundlich und konziliant. So hart er, wenn es denn sein muss, verbal an politische Gegner austeilen kann, so respektvoll geht er ansonsten im Großen und Ganzen mit Menschen um. Vor allem Kunst hat es ihm angetan. Muhms riesiges Büro im fünften Stock der AK-Zentrale in der Wiener Prinz-Eugen-Straße ist eine kunterbunte Wunderwelt aus moderner Kunst, afrikanischen Objekten, Erinnerungsstücken, Fotografien und schrulligen Gegenständen vom Plastikfrosch bis zum Spielzeugauto.

Ein Modell von James Cooks Entdeckerschiff „Endeavour“ findet sich dort ebenso wie ein Original der Malerin Florentina Pakosta, dazu Eisbären-, Nashorn- und Elefanten-Figuren.

Außerdem ein symbolträchtiges Foto, aufgenommen vom Sohn während eines Russland-Aufenthaltes: Vor einem Graffiti-Schriftzug lacht Muhm da in die Kamera, hinter ihm auf einer weißen Mauer steht: „Eat the rich.“ Das passt.

– Klaus Puchleitner

ZUR PERSON: Werner Muhm kennt beruflich nichts anderes als den Kampf für soziale Gerechtigkeit. Der Magister der Betriebswirtschaft und verheiratete Vater eines 16-jährigen Sohnes trat nach Abschluss seines Studiums an der Wiener Hochschule für Welthandel in die Arbeiterkammer ein und wechselte nach einem Jahr ins volkswirtschaftliche Referat des ÖGB, um schließlich in die AK zurückzukehren. Seit dem Jahr 2001 ist er Direktor.

Für und wider CETA - So argumentieren die beiden Lager

Politik

Für und wider CETA - So argumentieren die beiden Lager

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

Politik

EU-Präsident Juncker: Milliardenprogramm gegen Arbeitslosigkeit

Politik

Verschiebung der BP-Wahl: Staatsdruckerei druckt neue Kuverts