Radikal-globale Islamisten fallen in Syrien ein

Radikal-globale Islamisten fallen in Syrien ein

"Und zwar richtig viele", erklärt der deutsche Aktivist Elias Perabo, Mitbegründer der Initiative "Adopt a Revolution" zur Unterstützung des unbewaffneten Widerstands sowie lokaler Basiskomitees in Syrien.

ISIS stelle für die Freie Syrische Armee (FSA) ein zunehmendes Problem dar: Sie kämpften schon bisher gegeneinander und "die Reibungen werden zunehmen", prophezeit Perabo. Die radikale Gruppierung wolle entgegen dem Willen der syrischen Bevölkerung ein streng-islamisches Kalifat im gesamten Land aufbauen: In den von ISIS kontrollierten Regionen stünden Hinrichtungen aufgrund von vermeintlicher Gotteslästerung und das Abhacken von Fingern bei Rauchen an öffentlichen Plätzen an der Tagesordnung.

Auch für syrische Aktivisten stellte ISIS derzeit das größte Problem dar, dann erst käme der Kampf gegen das Regime unter dem Präsidenten Bashar al-Assad: Bei Assad habe es ein Mindestmaß an Rationalität und Ansprechpartner etwa im Inhaftierungsfall von Aktivisten gegeben. Das fehle bei ISIS völlig: "Ansprechpartner gibt es nicht. Dazu kommt das sprachliche Problem, denn nicht alle globalen Dschihadisten sprechen Arabisch", so Perabo. Leute würden einfach verschwinden und man könne nichts über deren Verbleib in Erfahrung bringen.

Der Norden gehört ISIS

Im Unterschied zu den vorwiegend syrischen Anhängern von al-Nusra hätten diejenigen von ISIS viel Kampferfahrung und setzten sich aus Kämpfern aller Herren Länder zusammen: So seien etwa Tschetschenen, Tunesier, Libyer, EU-Staatsbürger und zahlreiche Konvertiten unter ihnen. Gegenwärtig sei ISIS vor allem im Norden des Landes präsent. Laut den Aktivisten aus der Region um Damaskus und Daraa (Deraa) spiele ISIS dort noch keine Rolle.

Warum die Türkei im Gegensatz zu Jordanien die Grenzen nicht besser überwache, sei Perabo völlig schleierhaft. Die Routen der Dschihadisten nach Syrien seien offensichtlich, die von ihnen benutzten Flughäfen auf türkischer Seite überschaubar. Zwar fingen die türkischen Behörden gelegentlich Kämpfer ab, zur Unterbindung des Dschihadisten-Stroms nach Syrien sei das aber zu wenig, so Perabo.

In der Region um Tal al-Abiad, etwa 200 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Aleppo gelegen, gebe es an die 100 bewaffnete Gruppierungen. Neben ISIS sei auch al-Nusra präsent. Zwar bestünden die jeweiligen Gruppierungen nur aus bis zu zehn Personen, vor Ort gebe es aber keine Sicherheit und viele Waffen, schilderte Perabo.

Bürgermeister haben keien Chance

Der Bürgermeister von Tal al-Abiad sei an dem Versuch gescheitert, eine örtliche Polizei zur Sicherung der Zivilbevölkerung aufzubauen. Er konnte sich nicht durchsetzen: "Damals saßen wir dem verzweifelten Bürgermeister gegenüber, der nichts gegen ISIS unternehmen konnte", so Perabo.

Angesichts der Machtübernahme von ISIS in jener Region mussten zahlreiche Aktivisten mittlerweile ins Ausland oder in den Untergrund flüchten. Die Situation im etwa 150 Kilometer östlich von Aleppo gelegenen al-Raqqa sei ähnlich.

Gesichert sei hingegen die Region zwischen der an der Grenze zur Türkei gelegenen Stadt Ras al-Ain (etwa 300 Kilometer östlich von Aleppo), über Amuda (etwa 85 Kilometer östlich von Ras al-Ain) bis hin zur Stadt al-Qamishli (rund 30 Kilometer östlich von Amuda) durch die kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD): "Man kann sich in dieser Region relativ frei bewegen, bei den Checkpoints arbeiten auch Frauen und es gibt keine unkontrollierten Milizen", so Perabo.

Die PYD sei gut organisiert und habe durch PKK-Kämpfer innerhalb ihres bewaffneten Arms (YPG/Volksverteidigungseinheit, Anm.) eine ausgeprägte Kampferfahrung – zwei Dinge, die vor „Islamisten und Dschihadisten“ schützten. Vertreter der PYD hätten im Gespräch mit Perabo gesagt, dass der Kampf gegen die verhältnismäßig unerfahrene al-Nusra „nicht schwierig“ gewesen sei. Die global-dschihadistischen ISIS-Kämpfer könnten aber auch auf Erfahrungen im Nah- und Häuserkampf zurückgreifen – und seien somit herausfordernde Gegner der PYD.

Während die PYD Schutz vor Extremisten bietet, habe sie aber zugleich autoritäre Strukturen aufgebaut: „Sie kommt aus einer stalinistischen Tradition, erlaubt keine Pluralität und keine Meinungsfreiheit“, so Perabo. Syrisch-kurdische Aktivisten hätten sowohl vor Ort, als auch in Deutschland Angst davor die Partei zu kritisieren.

Diese autoritäre Macht brächten die Aktivisten der Basiskomitees in ein "schwieriges Dilemma": Jene wollten sich bereits klar von der PYD distanzieren und Kritik an deren Führungsstil üben. Angriffe von dschihadistischen Gruppierungen, die die PYD erfolgreich abwehren konnte, änderte aber die Meinung der Aktivisten: Sie entschieden sich gegen eine öffentliche Distanzierung von der PYD. Das Argument lautete, „die Gefahr von außen ist größer“, so Perabo.

Trotz dieser autoritären Strukturen herrsche in der von der PYD gesicherten Region eine "Aufbruchsstimmung": Erstmals seit Jahrzehnten gebe es eine Art Selbstbestimmung für den kurdisch-syrischen Teil der Bevölkerung. "Sie können ihre Sprache sprechen und ihre Kultur frei ausleben", so Perabo. Unter dem Regime der Assad-Familie war dies seit Jahrzehnten nicht möglich gewesen.

In al-Qamishli könne man Zeuge "absurder" Szenen werden: Das syrische Regime sei dort zwar noch präsent, aber es gebe klare Absprachen mit der PYD, wer in welchen Teilen der Stadt die Oberhand innehat. Die Checkpoints an der Stadtgrenze gehöre der YPG. In der Stadt selbst verteilten zum Teil Polizisten des syrischen Regimes Strafzettel. "Das ist zum Teil sehr absurd", schilderte Perabo.

Perabo kommentiert die Entwicklungen in Syrien gelegentlich in der Berliner Tageszeitung "taz". Gemeinsam mit zwei weiteren Personen gründete er im Herbst 2011 die Initiative "Adopt a Revolution" mit Sitz in Berlin und Leipzig zur Unterstützung des unbewaffneten Widerstands einschließlich lokaler Basiskomitees in Syrien. Durch Spendengelder konnten bisher rund 500.000 Euro gesammelt werden, die zum Großteil in Projekte auf lokaler Ebene in Syrien fließen.

Perabo reiste zum Zeitpunkt der ersten Proteste im März 2011 zufälligerweise gerade durch Syrien und dessen Nachbarländer. Im Rahmen seiner Reise traf er in der libanesischen Hauptstadt Beirut auf den bekannten syrischen Aktivisten Rami Nakhle, der sich derzeit in Istanbul aufhält.

Ein spanischer Journalist ist in Syrien entführt worden. Rebellen hätten den Reporter Marc Marginedas verschleppt, teilte die Zeitung "El Periodico", für die der Journalist aus dem Konfliktland berichtet hatte, am Dienstag mit. Marginedas habe zum letzten Mal am 4. September mit dem Blatt Kontakt aufgenommen. Bisher habe sich allerdings keine Organisation zur Entführung bekannt oder Forderungen gestellt, hieß es.

Nach verschiedenen vorliegenden Informationen sei der Reporter im Westen des Landes nahe der Stadt Hama mit seinem Fahrer im Wagen unterwegs gewesen, als er von Jihadisten gefangen genommen worden sei, erklärt das in Barcelona erscheinende Blatt. Der 46-Jährige war den Angaben zufolge am 1. September über die türkische Grenze in Syrien eingereist. Der Journalist kannte das Land ziemlich gut, es war sein dritter Einsatz in Syrien.

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