Null Krisenresistenz fünf Jahre nach Lehman – "Wir haben bloß Zeit gekauft"

Null Krisenresistenz fünf Jahre nach Lehman – "Wir haben bloß Zeit gekauft"

"Es ist zu früh für Entwarnung", sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret in einem am Freitag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. "Wenn es also morgen ein 'Lehman 2.0' geben würde, was ich nicht sehe, hätten wir die Instrumente, die wir konzeptionell entwickelt haben, noch nicht in den Händen, um Banken weltweit wirkungsvoll abzuwickeln." Nach wie vor müssten große und komplexe Institute vom Staat gerettet werden, um eine globale Kettenreaktion zu vermeiden.

Könnte es morgen wieder passieren? Diese Frage treibt auch fünf Jahre nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers noch Banker, Aufseher und Politiker um. Am 15. September 2008 führte der Zusammenbruch von Lehman das Finanzsystem weltweit an den Rand der Kernschmelze - die Krise erreichte ihren Höhepunkt. Die Antwort auf die Frage fällt differenziert aus: Theoretisch ja, doch praktisch wird wohl kein Politiker und kein Notenbanker noch einmal riskieren, dass eine wichtige Bank umfällt und die Branche mit in den Abgrund zu reißen droht. Sicherer ist das Finanzsystem aber kaum geworden, da sind sich Experten einig.

Selbst die Aufseher machen keinen Hehl daraus, dass es noch viel zu tun gibt: "Wir haben seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor fünf Jahren zwar konzeptionell viele Fortschritte gemacht, aber oft mangelt es noch an deren konkreter Umsetzung", räumt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret ein. "Wenn es also morgen ein 'Lehman 2.0' geben würde, was ich nicht sehe, hätten wir die Instrumente, die wir konzeptionell entwickelt haben, noch nicht in den Händen, um Banken weltweit wirkungsvoll abzuwickeln." Sein Fazit: "Die grundlegenden Probleme sind also alles andere als gelöst. Es ist zu früh für eine Entwarnung, weil die Wurzel des Problems noch nicht angegangen ist."

Die Wurzel des Problems: Das ist vor allem die potenzielle Erpressbarkeit der Staaten durch internationale Großbanken. Sind sie wirklich "too big to fail", sprich zu groß, als dass man sie in einer Schieflage einfach fallenlassen könnte? Viele Institute wiegen sich in dieser Annahme in Sicherheit. Bei Lehman hatte es die US-Regierung drauf ankommen lassen und wurde eines Besseren belehrt. Als Lehman-Chef Richard Fuld nicht schnell genug frisches Kapital auftreiben konnte, um den rapiden Wertverlust seiner riskanten Anlagen auszugleichen, und in Washington anklopfte, ließ ihn die Regierung abblitzen. Fuld blieb am Ende nur der Weg zum Konkursrichter. Lehman ging pleite. Es war eine teure Lektion für die Politik: Schockwellen breiteten sich umgehend auf den internationalen Finanzmärkten aus, auch andere Banken wankten. Die USA hatten unterschätzt, wie vernetzt die Finanzbranche ist. Am Ende folgten weitere Bankenrettungen rund um den Globus.

Geldzufuhr lässt Zombie-Banken leben

Von dem Schock hat sich die Finanzbranche bis heute nicht erholt. Das Vertrauen unter den Kreditinstituten ist auch nach fünf Jahren nicht wieder hergestellt, ohne Sicherheiten leiht kaum eine Bank der anderen Geld, wenn sie keinen einwandfreien Ruf hat. Dafür springen die Notenbanken mit Milliarden-Finanzspritzen in die Bresche. "Die Europäische Zentralbank hat mit ihrer Liquidität ein Pflaster auf den kranken Patienten geklebt. Das hat die Blutung gestoppt, aber ihn nicht geheilt", sagt ein ranghoher Branchenvertreter. "Wir sollten uns da nicht in falscher Sicherheit wiegen."

Für Professor Helmut Siekmann, der an der Universität Frankfurt Notenbank-Recht und Bankenregulierung lehrt, steht fest: "In Europa schleppt man marode - eigentlich untote - Banken mit fragwürdiger Hilfe von Notfall-Liquidität der Notenbanken durch, damit sie nicht dem Steuerzahler zur Last fallen." Selbst Aufseher nennen solche Institute hinter vorgehaltener Hand "Zombie-Banken".

Die Geldhäuser gehen dagegen in Verteidigungsstellung: "Die Gefahr, dass es erneut zu einem Flächenbrand kommt, ist aus meiner Sicht deutlich zurückgegangen", sagt etwa der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer. "Die Banken sind heute deutlich krisenfester als 2008. Sie haben ihr Eigenkapital um viele Milliarden gestärkt. Zudem gibt es künftig Sanierungs- und Abwicklungspläne, um das 'too-big-to-fail'-Problem zu lösen."

In der Tat ist einiges passiert seit dem 15. September 2008. Die Banken haben deutlich mehr Eigenkapital, das hilft, Risiken abzufangen. Und es muss echtes - "hartes" - Eigenkapital sein, das in der Krise nicht zerrinnt wie Eis in der Sonne: Nur zwei Prozent der Bilanzrisiken mussten die Banken vor 2008 mit dem Geld ihrer Aktionäre und den Gewinnrücklagen absichern können. Heute gelten mindestens neun, eher zehn Prozent als Branchenstandard - auch wenn die Aufseher im neuen Regelwerk Basel III das erst von 2019 an fordern, und selbst dann nur von den "systemrelevanten" Häusern. Der Nachholbedarf in der Branche war immens: Erst in diesem Jahr hat sich die Deutsche Bank mühsam von weniger als sechs auf neun Prozent gehievt. Ein Kritikpunkt bleibt allerdings: Die Kapitalquoten werden weiterhin auf Basis der risikogewichteten Aktiva (RWA) berechnet, deren Umfang viele Banken weitgehend selbst ermitteln - und nach Meinung ihrer Kritiker schönrechnen können.

Die Alternative ist eine nur an der Bilanzsumme orientierte absolute Verschuldungsquote (Leverage Ratio), wie sie in den USA schon vor 2008 galt. Doch sie verleite die Banken zu riskanteren Geschäften, monieren europäische Aufseher. "Ein komplexes Spiel mit nur einer Regel zu regulieren, ist eigentlich unmöglich", warnt etwa Dombret. "Darüber hinaus ist es weder angemessen noch fair. Ich glaube unverändert an das Grundprinzip der Risikogewichtung."

Den Untergang von Lehman Brothers hätte auch eine Leverage Ratio von drei Prozent nicht verhindert, wie sie zurzeit im Gespräch ist. Die Investmentbank kam am Tag der Pleite auf fünf Prozent. Außerdem: Viele Banken scheiterten zwischen 2007 und 2009 nicht etwa am fehlenden Kapital, sondern - wie der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) - an mangelnder Liquidität. Institute wie die HRE hatten es mit der so genannten Fristentransformation übertrieben, sprich sie hatten sich das Geld für langfristige Kredite kurzfristig am Markt besorgt. Als die Geldmärkte wegen der Vertrauenskrise austrockneten, ging ihnen die Luft aus. "Man müsste auch die Fristentransformation schärfer beaufsichtigen", fordert Siekmann. Die Aufseher haben dafür auch schon zwei Kennziffern erfunden, die aber noch auf ihre Tauglichkeit überprüft werden sollen. Siekmann hält davon wenig. "Die neuen Regeln zur Liquidität, die in Umsetzung von Basel III vorgesehen sind, sind zu komplex. Alles, was zu kompliziert ist, führt nur zu Umgehungsversuchen."

Wo zerplatzt die nächste Blase?

Und letztlich kranken alle Regulierungsbemühungen daran, dass sie versuchen, das zu verhindern, was schon einmal eine Krise ausgelöst hat. Doch wo die nächste Blase platzt, kann kaum jemand vorhersagen. "Krisen wiederholen sich nicht - sie kommen immer aus einer anderen Ecke", mahnt BdB-Hauptgeschäftsführer Kemmer. Und die Bankenaufseher wissen: Es muss vor allem darum gehen, die Folgen eines Finanzschocks abzumildern. Die Deutsche Bank zum Beispiel wäre viel zu wichtig für die Wirtschaft und zu vernetzt, als dass sie der Staat einfach fallenlassen könnte. Und nicht einmal eine große Sparkasse dürfte kippen, ohne zumindest regional immensen Schaden anzurichten. Mehr Eigenkapital und mehr Liquidität verhindern zwar, dass Banken gleich beim ersten Gegenwind umfallen. Aber wenn es doch passiert, soll möglichst nicht gleich der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Die Schlüsselfrage lautet also: Wie kann eine Bank so aufgefangen - oder beerdigt - werden, dass das keinen Flächenbrand auslöst? An der Antwort arbeiten Bankvorstände und die Finanzaufsicht BaFin parallel. Zwischen 60 und 70 "potenziell systemrelevante" Häuser allein in Deutschland müssen Sanierungspläne vorlegen, wie sie eine Krise überleben wollen. Die BaFin selbst konstruiert daraus Abwicklungspläne für den Notfall. "Eine glaubwürdige Abwicklungsdrohung ist ein unverzichtbares Instrument, um jene systemrelevanten Banken einzuhegen, die bislang auf staatliche Rettung hoffen konnten", sagt der Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Bislang fehlt ein solcher Mechanismus noch, was riskant ist. "Man hat seit damals keine Insolvenz einer großen Bank mehr zugelassen", sagt Professor Siekmann. "Auch heute werden die damit verbundenen Risiken noch als zu groß angesehen - trotz aller Regulierungsschritte."

Übers Ziel hinausgeschossen

Aus dieser Perspektive können die Aufseher auch dem in Deutschland bereits beschlossenen Trennbanken-System einiges abgewinnen. Das Konzept sieht vor, dass das Kapital im Einlagen- und Kreditgeschäft von den riskanten Teilen des Investmentbanking abgeschottet wird - mit dem Geld der Sparer darf nicht gezockt werden. Die Politik sieht das Trennbankensystem als Allheilmittel, doch Experten warnen: "Durch diese Trennung gehen Synergieeffekte verloren - zum Beispiel, wenn die Bank durch Eigenhandel jene Marktschwankungen absichert, der sie während der Vorbereitung einer Aktienemission im Kundenauftrag ausgesetzt ist", mahnt Hüther. Die Politik schieße über das Ziel hinaus. "Denn in der Krise haben gerade die Universalbanken hohe Robustheit gezeigt: In die Insolvenz gingen vor allem reine Investmentbanken wie Lehman Brothers."

Ungelöst ist die Frage der Abwicklung, sobald eine Bank über Ländergrenzen hinaus aktiv ist. Denn Insolvenzrecht ist eine nationale Angelegenheit. Da zerfällt jeder Konzern in einzelne Gesellschaften mit Gläubigern, die nur ihr Geld retten wollen. Komplexe Transaktionen werden mit einem Schlag eingefroren - dabei ist es häufig Zufall oder es hat rein steuerliche Gründe, in welchem Land und bei welcher Tochter das Geld gerade liegt. Lehman ist das beste Beispiel: Da rang der Insolvenzverwalter der deutschen Lehman Brothers Bankhaus AG, Michael Frege, mit seinen Kollegen in den USA, dem in den Niederlanden, in London und in Südkorea um jeden Euro - und nun kommen Gläubiger wie die Bundesbank praktisch ohne Verlust aus der Angelegenheit heraus. In den USA ist man noch lange nicht so weit.

Mit der "Bankenunion" versucht die Politik nun wenigstens in den 17 Euro-Ländern ein einheitliches Abwicklungssystem auf die Beine zu stellen. Besser: ein europäisches System nationaler Fonds, wie IW-Chef Hüther meint. "Dann müsste nur in jenen Fällen auf alle europäischen Fonds zurückgegriffen werden, in denen eine Bank betroffen ist, die für die Stabilität des gesamten europäischen Finanzsystems relevant ist." Gäbe es einen gemeinsamen Fonds, "entstünde der Anreiz, nationale Probleme auf die europäische Ebene auszulagern". Damit das nicht schon beim ersten Schritt zur Bankenunion, der gemeinsamen Aufsicht durch die Europäische Zentralbank (EZB) passiert, sollen die 130 bis 140 davon betroffenen Banken zuvor auf Herz und Nieren geprüft werden, ob ihre heimischen Aufseher nicht ein oder zwei Augen zugedrückt haben.

Geschützt werden sollen auf jeden Fall die Sparer - bis zu 100.000 Euro, wie es die Einlagensicherung der Privatbanken in Deutschland schon heute vorsieht. Die Sparkassen, Raiffeisen- und Volksbanken garantieren ihren Kunden sogar, dass ihre Bank nicht untergeht. Im Notfall wird zwangsfusioniert, oder alle Banken legen zusammen. Deutschland gilt hier als Musterknabe - doch Siekmann gießt Wasser in den Wein: "Die finanzielle Leistungsfähigkeit der deutschen Einlagensicherungssysteme ist unklar. Ob sie auch nur eine mittelgroße Banken-Pleite bewältigen könnten, ist nicht sicher."

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