"Es wird eine volkswirtschaftliche Schadensmaximierung kommen"

"Es wird eine volkswirtschaftliche Schadensmaximierung kommen"

Für Marc Friedrich, Bestsellerautor und Ökonom, ist die Krise bei Weitem noch nicht ausgestanden. Er erwartet für sämtliche Länder Südeuropas einen Rückfall in die Rezession, wenn nicht sogar eine Depression. Sorgen bereitet ihm die hohe Arbeitslosigkeit – eine tickende Zeitbombe, die für viele Menschen in Altersarmut enden wird. Von der Politik erwartet er keine Lösungen, stattdessen werde die Wende wie stets in der Vergangenheit wohl durch ein katastrophales Ereignis herbeigeführt.

FORMAT: Herr Friedrich, auf der einen Seite haben wir zuletzt aus der Eurozone recht positive Nachrichten von der Konjunktur gesehen, auf der anderen Seite braucht Griechenland offenbar weitere Milliarden, was sogar in Deutschland zum Wahlkampfthema avanciert, in Italien macht Berlusconi Ärger, die Arbeitslosigkeit bleibt in der Eurozone weiter hoch. Wie ist denn nun die Lage wirklich: Besserung oder anhaltendes Durchwurschteln?

Marc Friedrich: Die Krise ist noch da – mit Griechenland, Italien und so weiter. Es kocht ja immer wieder hoch. Leider haben wir, Matthias Weik und ich, auch dahingehend recht behalten, dass die Krise bloß immer wieder eine Pause einlegt, um neue Kraft zu sammeln.

Nun gut, aber Griechenland selbst scheint ja nicht mehr groß das Thema zu sein. Ob die Griechen jetzt ein weiteres Rettungspaket brauchen werden oder doch nicht, kümmert die Finanzmärkte ganz offensichltich wenig. Oder stumpfen die Menschen einfach ab?

Friedrich: Wir stumpfen ab. Die meisten wissen ja bereits, dass wir die südeuropäischen Länder transfertechnisch durchfüttern müssen oder es zum Schuldenschnitt kommt. Und es wird beides kommen. Griechenland ist einfach weit weg und die Menschen sind der Krise müde. Wer in Österreich oder Deutschland hat denn wirklich eine Wirtschaftskrise erlebt? Keiner, uns geht's doch blendend! Die Läden sind offen und wir fahren in den Urlaub. In den Krisenländern sieht es anders aus – dort haben sie eine Arbeitslosenquote unter den Jugendlichen von 30, 40, 50 oder gar 60 Prozent. Die Menschen dort haben andere Sorgen. Die Zeitbombe, die da tickt, können wir uns gar nicht ausmalen. Irgendwann werden die Leute deswegen auch in Altersarmut abdriften, wenn keine Rentenbeiträge bezahlt werden. Es ist nur die Frage, wann diese Bombe hochgeht, ob früher oder später. Aber uns geht es doch ohnehin blendend...

Wird es uns in 20 Jahren immer noch genauso blendend gehen wie heute?

Friedrich: 100-prozentig: Nein. Wir alle werden abgeben müssen. Wir alle werden unter dieser Krise leiden. Es wird eine volkswirtschaftliche Schadensmaximierung sein, die die Menschheit noch nicht gesehen hat. Und wir alle werden bezahlen müssen – die Österreicher, die Deutschen, die Holländer, die Franzosen. Und in zwanzig Jahren, das gebe ich ihnen gerne auch schriftlich, wird es uns nicht mehr so gut gehen wie jetzt. Wenn Sie Kinder bekommen, werden diese den Wohlstand nicht mehr haben, den wir genießen dürfen. Genießen Sie jeden Tag. Denn wer glaubt, dass es uns in 20 Jahren immer noch so gut geht wie aktuell, dem ist nicht mehr zu helfen.

Herr Friedrich, es ist schon nach den ersten fünf Minuten immer eine "Freude" mit Ihnen zu reden. Doch die positiven Entwicklungen kann man ja nicht ignorieren. Zum Beispiel erwirtschaftet Griechenland mittlerweile einen Primärüberschuss. Auch wenn die Griechen nochmal zehn Milliarden brauchen, ist es doch so, dass sie 2014 wieder an den Kapitalmarkt wollen. Wenn Sie das schaffen, dann können sie sich vielleicht auch wieder ohne EU-Hilfe finanzieren.

Friedrich: Ich kann nicht in die Zukunft schauen, das können offenbar wirklich nur Banker und Rating-Agenturen. Ich glaube nur das, was ich sehe. Bei den ganzen Statistiken, siehe auch Inflationsrate, da kann man so viel manipulieren. Ich glaube dem europäischen Statistikamt genauso wenig wie dem chinesischen. Die gefühlte Inflation ist weitaus höher als die offizielle. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich Griechenland 2014 wieder am Kapitalmarkt finanzieren wird können. Außer es gibt natürlich einen krassen Schuldenschnitt und der wird kommen. Nicht vor der Wahl in Deutschland, aber danach.

Gut, aber da dürfte die Aufregung in der Bevölkerung zumindest spürbar sein. Schließlich wird der Schuldenschnitt bislang im Wahlkampf ja kategorisch ausgeschlossen.

Friedrich: Es wird einen Schuldenschnitt geben, es wird eine Art Marshall-Plan für Südeuropa geben und es wird weitere Rettungspakete geben. Momentan wird das einfach nicht zugegeben, um die Wähler nicht zu verunsichern. Doch am Ende wird es teuer werden – wie gesagt, das ist volkswirtschaftliche Schadensmaximierung. Denn die Probleme werden dadurch nicht gelöst, sondern sie werden nur weiter in die Zukunft verschoben und weiter aufgetürmt. Der Schaden, der angerichtet wird, den kann man doch monetär gar nicht mehr erfassen. Die Dreistigkeit der Lügen ist unglaublich. Jeder weiß, Südeuropa ist defacto bankrott!

Also sehen Sie auch in Griechenland keine Besserung?

Friedrich: Griechenland hat eine Verschuldung von fast 180 Prozent des BIP. Das Land wird nie wieder aus eigener Kraft auf die Beine kommen. Und wenn wir Griechenland in der Eurozone belassen wollen, dann wird es eine Transfergeschichte werden. Wir werden sie durchfüttern müssen bis zum Sankt Nimmerleinstag. Griechenland muss aus dem Euro raus. Sie können nicht im Zins-Korsett des Euro bleiben, das ist fatal. Wir verbrennen da wirklich eine ganze Generation auf Kosten der Rettung einer politischen Währung, die eigentlich schon von Anfang an gescheitert war.

Was ist mit Portugal oder Irland – Irland wird doch als Musterschüler gehandelt und es war zuletzt so still um die Iren, dass man meinen könnte, zumindest dort ist die Krise überstanden?

Friedrich: Nein, da geht gar nichts voran. Weder in Portugal noch in Irland. Alles, was diesbezüglich an positiven Nachrichten kommt, ist irgendwo an einem kleinen Finger herbeigezogen worden. Und wenn da ein kleines Aufflackern kommt, dann ist es temporär. Ich verspreche Ihnen, Irland, Portugal und Italien sind bei Weitem nicht aus der Krise raus und sie werden wieder zurück in die Rezession fallen. Was in Portugal momentan passiert, ist eine Katastrophe. Die sparen sich zu Tode. Da werden Menschen entlassen, Unternehmen gehen bankrott und dann feiern sie sich, weil die Daten besser aussehen. Doch das ist nur temporär. Auf lange Sicht ist nichts nachhaltig geändert worden. Auch Irland wird in eine Rezession zurückfallen, eine tiefgreifende Krise, in eine Depression sogar. Ich habe zuletzt mit vielen irischen Freunden Kontakt gehabt. Sie reden Tacheles. Entschuldigung für den Ausdruck, aber die sagen selbst, wir sind am Arsch.

Gut, aber was wäre eine bessere Alternative?

Friedrich: Die Iren sagen selbst, dass sie aus dem Euro austreten und wieder wettbewerbsfähig werden müssen. Sie brauchen eine eigene Währung, die abwerten kann. Sie müssen wieder Arbeitsplätze schaffen. Denn ohne Arbeit gibt es kein Einkommen und ohne Einkommen werden auch keine Steuern bezahlt. Da geht es dem Staat nicht besser. Sich zu Tode sparen hat noch nie etwas gebracht. Die einzige Möglichkeit aus ökonomischer Sicht ist wirklich, Arbeitsplätze zu schaffen und den Leuten eine Perspektive zu geben. Dadurch wird eine Prosperitätsspirale nach oben ausgelöst, sodass der Staat wieder Einnahmen generiert und sich dadurch aus eigener Kraft befreien kann. Aber im Korsett der EZB und mit der Zwangswährung Euro wird es weder Irland, noch Portugal, Italien oder Griechenland gelingen.

Das heißt also auch, dass die Politiker, die das Ende der Krise schon mal langsam herbeireden, im Unrecht sind?

Friedrich: Lassen wir doch einfach die Fakten sprechen. Die Fakten zeigen, dass sich seit 2008 nichts zum Besseren verändert hat. Die Probleme werden in die Zukunft verschoben. Der Politiker hat ein Eigeninteresse. Er will den Euro am Leben erhalten, er will an der Macht bleiben. Die Banken wollen weiterhin auf Kosten der Allgemeinheit durchgefüttert werden oder gerettet werden. Unabhängig davon, für mich als Mensch ist das, was da passiert, verheerend. Ich habe wirklich Angst über die Zukunft nachzudenken. Und wenn man jetzt auch noch sieht, was da in Syrien passiert – ohne UN-Mandat, mit den gleichen fragwürdigen Beweisen, wie damals der Irak-Krieg gerechtfertigt wurde. Ich sage nur: Brutkastenlüge und Massenvernichtungswaffen. Da frag ich mich, wo geht die Reise hin?

Aber wie kann man auf einen Einsatz von chemischen Waffen richtig reagieren? Und das etwas passiert ist, scheint außer Frage zu stehen. Nichts tun scheint insofern doch auch keine geeignete Option zu sein.

Friedrich: Natürlich, nur die Frage ist: Waren es die Rebellen oder war es Assad? Ich weiß es nicht. Ich will mir da auch keine Meinung bilden. Und vor allem ohne UN-Mandat – das haben wir alles schon einmal erlebt 2003. Powell hat vor der UN gesagt, wir haben Beweise. Im Nachhinein war alles eine Lüge, die Brutkastengeschichte war eine Riesenlüge. Da ist einfach Geld geflossen, das wurde später auch öffentlich zugegeben. Die Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden. Wenn Beweise da sind, kann man gerne intervenieren, aber ob Krieg das richtige Mittel ist, das weiß ich nicht.

Abgesehen davon, dass die USA und Frankreich unter Umständen Gefahr laufen, die ganze Region zu einem Pulverfass zu machen.

Friedrich: Mit eventuell verheerenden Auswirkungen. Wir reden hier schließlich vom Nahen Osten. Und Israel hat den Finger schon am Abzug. Der Iran, China und Russland stehen an der Seite von Syrien. Das kann zu einem Flächenbrand werden, den die Welt schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Ich denke einfach, die Weltengemeinschaft sollte nach der Erfahrung mit dem Irak auf handfeste Beweise pochen. Dann stehen auch alle dahinter, und dann ist klar, dass interveniert werden muss. Abgesehen davon ist es auch ein weiterer Punkt, der die Wirtschaft und die Börsen massiv beeinflussen kann.

Und dem nicht genug, crashen ja auch die Schwellenländer. Indien kann sich gegen der Verfall der Rupie kaum wehren.

Friedrich: Absolut. Indonesien und Thailand sind auch betroffen. Aus den Schwellenländern wird massiv Geld abgezogen. Ich habe vor einigen Tagen mit einem Hedgefondsmanager aus London gesprochen, der das ganze Geld aus den Schwellenländern abgezogen hat, weil sie glauben, dass die Region kollabieren wird. Das sieht man jetzt an den Währungen. Es kommt weltweit zu einer Umschichtung. Die Leute haben Angst, die Panik wächst. Die Aktienmärkte sind auf einem Allzeithoch, aber die Indizien verdichten sich, dass es einen Crash geben wird. Auch die Börsen können nicht immer weiter steigen, wir haben immer noch Naturgesetze. Was mich bezüglich Europa wirklich aufregt, ist, dass die Politik nicht bereit ist, die essenziellen Schritte einzuleiten, um die Krise nachhaltig zu lösen. Es werden nur Schulden mit Schulden bezahlt, es wird nichts getan, um die richtige Richtung einzuschlagen. Alle halten an dem politischen Währungsexperiment Euro fest, obwohl eigentlich die meisten Ökonomen sagen: Das Ding ist durch, lasst es doch einfach sterben. Die Frage ist, wie weit die Politik noch bereit ist, die Menschen zu unterjochen.

Unterjochen? Ich bin mir nicht sicher, vielleicht bin ich auch zu bequem, aber unterjocht fühl ich mich eigentlich nicht.

Friedrich: Was ich meine, ist, wie hoch muss die Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen unter 25 sein? Müssen wir 70, 80 oder 90 Prozent haben, bis die Politik aufwacht? Wie gesagt, die Zeitbombe, die daraus resultiert, die können wir uns noch gar nicht ausmalen. Diese Arbeitslosen zahlen jetzt seit fünf oder sechs Jahren nichts in die Rentenkasse ein. Und irgendwann werden die auch 50 oder 60 sein, dann haben wir eine Riesenwelle von Millionen Menschen, die Altersarmut erleiden.

Sie sprechen jetzt wieder hauptsächlich von der Euro-Peripherie?

Friedrich: Ja, von Südeuropa – Portugal, Griechenland, Spanien. Auch Italien hat schon die 40 Prozent-Marke bei der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen unter 25 gerissen. Frankreich ist bei fast 26 Prozent. In Holland ist die Immobilienblase geplatzt, da sieht es auch nicht wirklich fruchtig aus. Die Insolvenzen steigen stark. Überall wo sie hinschauen – wirschaftliche Krise und wirtschaftlicher Niedergang.

Nicht überall, die Eurozone als Ganzes kam ja zuletzt aus der Rezession und wies zuletzt immerhin 0,3 Prozent Wachstum aus.

Friedrich: Und wem ist das zu verdanken? Außer den Statistikern? Der Bundesrepublik Deutschland und den Kernländern – also Österreich.

Aber bevor wir jetzt wieder die Schuld bei der Politik suchen. Trägt das Volk nicht immer auch eine Mitschuld? Bekommt es nicht die Politiker, die es verdient? Oder anders formuliert, es geht uns doch, wie Sie auch schon angesprochen haben, immer noch zu gut – sonst könnte sich doch was ändern?

Friedrich: Ja, natürlich. Das macht auch einen Politiker aus. Wenn er die Wahrheit sprechen würde, würde ihn kein Schwein wählen. Der Mensch will Friede, Freude, Eierkuchen – und bequem angelogen werden. Die Wahrheit gibt es dann nach der Wahl. Weil wir wie die Maden im Speck leben, sind wir saturiert – wir wollen den Status Quo beibehalten. Und uns ist doch egal, wer da oben sitzt und was die machen. Wir haben Parteien in Deutschland, die sich christlich-sozial, liberal, grün, rot und was weiß ich was nennen, aber sie alle dienen einem Finanzsystem, das weder christlich-sozial, grün oder rot ist. Den Menschen ist es einfach egal, sie sind krisenresistent geworden, abgestumpft und gelangweilt. Die Menschen wollen Brot und Spiele. Erst wenn es uns richtig dreckig geht, dann gehen wir auch einmal auf die Straße. Dann wird der Zorn enorm sein.

Apropos auf die Straße gehen: Also ich fand es einigermaßen überraschend, dass nicht mehr protestiert wurde, als der NSA-Abhörskandal an die Öffentlich kam.

Friedrich: Für mich ist es ein Wunder, dass nicht Millionen auf die Straße gegangen sind. Das ist schlimmer als "1984" – wir leben in diesem Albtraum, aber den Leuten ist es völlig egal. Oder das seit dem 1. August auf europäischer Ebene das Bail-In-Gesetz installiert wurde – und jeder, der 100.000 Euro auf dem Konto hat, für Banken haftet, wenn sie sich verspekulieren. Was kann denn ich dafür, wenn meine Bank sich verspekuliert? Das ist Enteignung, das ist Kommunismus. Das hat mit Kapitalismus nichts mehr zu tun. Aber die Leute nehmen es hin, dass sich der Staat die Kohle holt. Das Problem ist, der Staat ist strukturell gierig. Deutschland hat Rekordsteuereinnahmen, trotzdem müssen wir uns weiter neu verschulden. Und trotzdem reicht es nicht für Kita-Plätze und neue Autobahnen. Der Staat kann mit Geld nicht umgehen. Allein die Großbaustellen "Stuttgart 21" und der Berliner Flughafen, das sind Katastrophen. Wenn ich als Privatperson so haushalten würde, dann wäre ich pleite. Ich kann mir doch kein Haus bauen, das in der Planung 200.000 Euro kostet und dann kostet es am Ende 2,3 Millionen Euro. Game Over. Aber der Staat kann das.

Unglücklicherweise gibt es ja die Misswirtschaft nicht nur auf Staatsebene, sondern auch in den Bundesländern, Bezirken und Gemeinden.

Friedrich: Dort fängt es an – im Kleinsten. Überall. Korruption –durch und durch.

Sie haben es ja bereits angesprochen, womit müssen wir nun nach der Wahl in Deutschland konkret rechnen?

Friedrich: Nach der Bundestagswahl werden die Politiker Tacheles reden. Es wird einen Schuldenschnitt geben, es wird eine Art Marschall-Plan für Südeuropa geben. Es wird Strukturpläne geben. Eurobonds wird es wohl ebenfalls geben, also eine Vergemeinschaftung aller Schulden über gemeinsame Euro-Anleihen.

Dafür bräuchte es aber dann eine Vertragsänderung, oder?

Friedrich: An Gesetze hält sich doch sowieso keiner mehr. Der Euro fußt auf einer beispiellosen Serie an Vertragsbrüchen, Lug und Betrug. Welches Land hält sich noch an die Maastrichter Grenzen? Keines. Oder an den Lissaboner Vertrag Artikel 123 – das Bail-Out-Gesetz? Keiner. Oder der ESM. Und so weiter. Verträge werden permanent von oberster Stelle von allen Politikern in ganz Europa gebrochen. Da wird schnell ein Gesetz geändert oder angepasst, das ist kein Problem. Wir werden Sachen sehen, die momentan alternativlos ausgenommen werden, aber im Endeffekt werden sie dann doch installiert werden. Wir werden Sachen erleben, die wir momentan nicht für möglich halten. Und es wird im Endeffekt verdammt teuer werden.

Von welchen Sachen reden Sie da genau?

Friedrich: Wer weiß, vielleicht gibt es einen Krieg im Nahen Osten, bürgerkriegsähnliche Zustände in Südeuropa oder die direkte Enteignung. Dass die Politik sagt, die Einlagensicherung galt ursprünglich zwar bis 100.000 Euro, aber jetzt ist eine so große Bank umgekippt, dass wir das Bail-In einfach ab dem ersten Euro machen. Dass die Gesetze im Nachhinein einfach wieder abgeändert werden. Das ist gang und gäbe. Es wird Sondersteuern geben, es wird Immobiliensteuern geben. Der Bürger wird für diese Krise zahlen müssen. Der Staat wird alles tun, um den Bürger mit hineinzuziehen, weil die Staaten nicht mehr können. Das Bail-In wird auf brutalste Weise ausgenützt werden. Und dann laufen wir Gefahr, dass wir durch die Euro- und Banken-Rettung einen Nährboden für politische Extreme schaffen.

Eines müssten Sie doch eigentlich zumindest gutheißen, nämlich, dass die Fed angekündigt hat, vielleicht bereits 2013 die Bondkäufe langsam zurückzufahren...

Friedrich: Ja, es ist ein Zeichen. Sobald die Fed oder die Notenbanken generell signalisieren, wir werden jetzt "Quantitative Easing" zurückfahren bzw. keine Anleihen mehr ankaufen, dann reagieren die Börsen weltweit sehr empfindlich. Das wiederum ist auch ein Indiz dafür, dass die Hausse, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, zum Großteil auf dem billigen Geld der Notenbanken aufbaut. Die Fed besitzt ja schon über 30 Prozent der US-Staatsanleihen, die EZB kauft weiter Staatsanleihen ein, was ja auch wieder ein Gesetzesbruch ist und sie eigentlich gar nicht darf. Es wird jedenfalls zum Auslaufen dieser Programme kommen, weil das Spiel nicht ewig funktionieren wird. PIMCO, der weltgrößte Anleihenhändler, hat im Juni, Juli und auch im August Rekordabflüsse verbuchen müssen, weil die Leute das Vertrauen verlieren.

Dass es zu Abflüssen nach den Aussagen der Fed kommen würde, war doch klar. Schließlich fällt damit ein großer Käufer weg. Das hat jetzt nicht unbedingt etwas mit Vertrauensverlust zu tun, oder?

Friedrich: Die großen Fonds wissen, dass das nicht bloßes Säbelrasseln ist, sondern dass es nicht ewig funktionieren kann. Sie wissen, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, wo die Notenbanken nicht mehr im großen Stil einkaufen können. Die sind ja nicht dumm. Es geht nur um Vertrauen. Wir haben keine gedeckte Währung, wir haben nur vertrauensgedeckte Währungen. Irgendwann bricht das Vertrauen. Irgendwann wird auch der letzte Hinz und Kunz sagen, das kann nicht funktionieren. Man kann nicht ewig Geld drucken – irgendwann schlägt die Inflation durch, irgendwann ist das Vertrauen erodiert und irgendwann kippt dann die Stimmung und dann geht es ganz schnell. Die Frage ist nur, wann.

Die Inflation ist bereits spürbar – ganz deutlich bei den Immobilienpreisen, aber auch bei den Lebensmittelpreisen, die uns ja alle betreffen. Aber Hauptsache die Elektronikgeräte werden billiger, weil die kaufen wir schließlich auch täglich...

Friedrich: Die Elektronikkonsumgüter sind im Inflationskorb höher gewichtet als die Lebensmittel. Aber die Butter kostet in Deutschland jetzt mindestens 1,20 Euro – das ist eine Steigerung von 47 Prozent. Und ich leg' mir kein iPad oder Handys oder USB-Sticks aufs Toastbrot. Ich schmier mir Butter aufs Brot. Da kann natürlich schön getrickst werden und das machen sie sich auch zunutze – auch bei anderen Daten, der Arbeitslosenberechnung und so weiter. Wir haben in Deutschland acht Millionen Hartz IV-Empfänger, aber nur drei Millionen Arbeitslose. Das geht dann über Umschulungen und sonstige Tricks, um das alles schön zu rechnen. Das ist schon spannend. Da ist man sehr kreativ, wenn es darum geht, die Arbeitslosenzahlen irgendwie schön zu trimmen.

Dem noch nicht genug werden Millionen zur Banken-Rettung aufgewendet, während die Armut selbst innerhalb Europas, sogar in Deutschland, teils gravierend ist.

Friedrich: Wer kann sich denn noch in einer europäischen Großstadt als Normalverdiener eine Eigentumswohnung oder ein Haus leisten? Keiner. Das geht einfach nicht. Außer man verschuldet sich bis zur Halskrause. In Berlin gibt es mittlerweile schon Ghetto-Viertel, da würde ich mich nicht mehr hintrauen. Dort halten sich auch Jugendliche auf, die nichts zu verlieren haben. Und wer nichts zu verlieren hat, ist zu allem bereit. Das ist nicht das Europa, von dem ich träume. Wenn die Billionen, die in die Finanzmärkte, Banken und Unternehmen gepumpt wurden, direkt an die Menschen gingen, oder nur ein Bruchteil davon, dann würde es den Ländern erheblich besser gehen. Dann hätten wir auch nicht diese verheerenden Arbeitslosenzahlen. Aber es wird mit einem falschen Maß gemessen und falsche Prioritäten gesetzt.

Also, was tun mit seinem Geld angesichts dieser rosigen Aussichten – physisches Gold nehm ich an?

Friedrich: Absolut. Fakt ist, die Zeit der Renditen ist vorbei. Wir werden bereits alle durch die Niedrigzinsen schleichend enteignet. Auf dem Sparbuch oder Konto erwirtschaftet man nicht einmal die Inflationsrate. Jeder Investor sollte sich auch überlegen, ob Aktien die einzige Alternative sind, wie man aktuell ja oft hört. Man muss sich überlegen, ob man den Aktienmärkten noch vertraut. Wir wissen ja, wie Rohstoffe, Zinsen und Währungen manipuliert wurden. Man sollte sich zumindest fragen, ob nicht vielleicht auch die Aktienmärkte manipuliert sind. Und ob es jetzt noch sinnvoll ist, in Aktien einzusteigen. Wir sagen ganz klar: "Nein". Wir sagen raus aus Papierwerten, rein in Sachwerte. Warum? Papierwerte dienen einem nur indirekt – bei Papierwerten möchten die Sparkassen, die Banken, die Versicherungen mitverdienen. Bis sie da einmal wirklich Rendite erwirtschaften, müssen sie erst einmal zehn bis 15 Prozent zulegen. Aber ein Sachwert dient einem sofort und direkt. Ob es jetzt eine Goldmünze ist oder ein Fahrrad oder eine Uhr oder ein guter Wein oder ein Whiskey. Daher: Rein in Sachwerte, raus aus Papierwerten. Das heißt, Edelmetalle, aber dann wirklich auch physisch, greifbar. Vielleicht eine abbezahlte, schuldenfreie Wohnung. Eine Bargeldreserve scheint nicht schlecht zu sein, aber nicht auf dem Konto, sondern eher im Schließfach oder unter der Matratze. Dann vielleicht eine Obstwiese. Eine schöne Uhr. Ein Stück Wald. Eine direkte Unternehmensbeteiligung. Sachen, die man anfassen kann und die man versteht. Denn wir alle werden verlieren, wir alle werden abgeben müssen über Steuern, Inflation und so weiter. Aber wer es schafft, 50 oder 60 Prozent seines Wohlstands zu erhalten, der ist Krisengewinner. Denn die meisten werden alles verlieren, so war es in der Vergangenheit leider immer. Noch ist Zeit ewas zu tun. Aber das Zeitfenster wird immer enger und die Schrauben werden immer krasser angezogen – siehe Bail-In, Enteignungen, CAC-Klausel und so weiter. Zuletzt kam die Nachricht, dass die Lebensversicherungen massive Probleme haben, die versprochenen Zinsen in Deutschland zu bezahlen. Sie haben sich sogar schon an die Bafin gewendet, um da irgendwie Gesetze ändern zu lassen – was auch passieren wird. Das ist ein weiteres Indiz dafür, wo die Krise hingeht. Wenn jetzt irgendwann einmal eine große Bank oder Versicherung umkippen sollte, dann gute Nacht. Dann geht's schnell. Es geht also nicht darum, Rendite zu erzielen, sondern Vermögen in Sicherheit zu bringen. Aber den Status Quo an Wohlstand werden wir nicht erhalten können.

Was muss passieren, damit es nicht soweit kommt?

Friedrich: Das Problem ist, dass die Politik nicht bereit ist, etwas zu ändern. Die Veränderung wird immer nur durch ein katastrophales Ereignis hervorgerufen. Beispiel: Fukushima. Vielleicht brauchen wir erst ein finanzielles Fukushima, damit die Politik bereit ist, die notwendigen Schritte einzuleiten. Erst wenn der Druck von unten kommt, wird sich etwas ändern. Weil die oben, die sind ja Profiteure des Systems, sie haben kein Interesse irgendetwas zu ändern, denen geht's ja gut. Die gehen nach der Politik in die Wirtschaft, sitzen bei einer Bank im Aufsichtsrat und leben in einer Villa am Starnberger See.

Auf zum Surfen ans Meer...

Friedrich: Ja, ich bin dabei. Ich könnte 90 Prozent meines Eigentums aufgeben und wäre wahrscheinlich noch nie glücklicher gewesen. Das ist die Frage, die wir uns alle stellen müssen. Was von dem Zeug, das wir haben, brauchen wir denn wirklich?

Jährlich ein neues iPhone...

Friedrich: Ja, genau, da haben sie Recht. Das ist es halt. Wir alle sind Teil des Problems und wir alle werden bitter dafür zahlen müssen.

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