Die Armuts-Bombe

Die Armuts-Bombe

FORMAT bringt einen vergleichenden Lokalaugenschein und eine Analyse des Status Quo der Armut in der Peripherie und dem Kern der Eurozone.

Man muss nicht lange suchen, um bei der Stichwortsuche aus Palästina und Jugendarbeitslosigkeit auf Artikel mit Headlines zu stoßen, die mit dem Substantiv „Zeitbombe“ arbeiten. Bilder von hoffnungslosen Jugendlichen tauchen vor dem inneren Auge auf, Langeweile, die zu Steinwürfen und angezündeten Reifen führt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Palästina liegt geschätzt bei 50 Prozent .

Ortswechsel – Eine Gasse in Barcelona , die den Spitznamen „Calle de Robardors“, Straße der Räuber, trägt, nicht weit von der Touristenmeile Rambla entfernt, im unmittelbaren Stadtzentrum. Abrissreife Gebäude, staubige Straßen und ein Gruppe von Jugendlichen, auf die man stößt, weil man einmal falsch abgebogen ist. Der Tourist überlegt kurz, stehen zu bleiben, die Jugendlichen, sechs oder sieben an der Zahl, vielleicht zwischen zwölf und 15 Jahren alt, scheinen ebenfalls zu überlegen. Die Steine, die sie eben noch auf eine Baustelle oder Abrissruine geworfen haben, wiegen schwer in ihrer Hand. Der Tourist geht weiter, versucht, Gelassenheit auszustrahlen, als er abermals um die Ecke biegt, hört er das laute Lachen der Kinder – kein fröhliches – er ist froh, als er wieder in den Strom der Stadtbesucher eintaucht, dem er eben noch entkommen wollt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien liegt bei 56 Prozent .

Ortswechsel – Das Zentrum von Quito , der Hauptstadt Ecuadors, Höhenlage 2800 Meter. Ist man das erste Mal hier, droht die Armut den Besucher zu erschlagen. Man kennt die Bilder aus den Nachrichten, auf das seltsam erwachsene Gebaren der Straßenkinder mit ihren alten Augen bereitet das nicht vor. Der Sprachlehrer rät seinem deutschsprachigen Schüler, die ausgestreckten Hände zu ignorieren. „Manche dieser Kinder verdienen dann mehr als ihre Eltern. Das macht respektlos. Wenn Du ihnen Geld gibst, machst Du ihre Familie kaputt.“ Die Jugendarbeitslosigkeit in Ecuador beläuft sich auf 14 Prozent . Die Zahl wirkt angesichts eines sechsjährigen Buben, der mit Schuhputzzeug durch die Straßen der Stadt läuft, jedoch zynisch.

Ortswechsel – Ein Taxi auf dem Peloponnes . Der Taxifahrer erzählt von den vielen Häusern, die hier leer stehen. „Um 200.000 Euro gekauft, alles neu. Jetzt muss mein Nachbar verkaufen. Um die Hälfte. Alles neu“. Der Taxifahrer blickt in den Rückspiegel, mustert für einen Moment seine deutschsprachigen Gäste. Immerhin sei es nicht so schlimm wie in Athen, erzählt er weiter. „Wir haben Gärten. Wir können essen. Auch die Kinder.“ Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland betrug im Mai 64 Prozent .

Insgesamt sind in der EU 27 Prozent der Kinder von Armut gefährdet, in Österreich sind es 19,2 Prozent. Das Risiko, von Armut erfasst zu werden, ist damit bei Kindern deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung, wo laut Eurostat EU-weit 24,2 Prozent und in Österreich 16,9 Prozent als armutsgefährdet gelten.

Das geringste Armuts-Risiko weisen EU-weit ältere Menschen über 65 Jahre aus: 20,5 Prozent sind in dieser Altersgruppe europaweit von Armut gefährdet. Das wird sich wohl ändern – zumindest scheint sich diese Befürchtung in den Köpfen der Bevölkerung festzusetzen. Denn die Mehrheit der Europäer hat einer Umfrage zufolge wenig Vertrauen in die staatliche Pension. 78 Prozent von rund 11.000 Befragten machen sich Sorgen, dass der Staat ihre Pension später nicht mehr bezahlen kann, wie aus der vom deutschen Fondsverband BVI und der Initiative "Investmentfonds. Nur für alle" veröffentlichten Untersuchung hervorgeht. 69 Prozent haben demnach Angst, im Alter zu verarmen.

Besonders groß ist die Sorge in Ländern Südeuropas, die stark von der Schuldenkrise betroffen sind. In Portugal und Italien befürchten den Angaben zufolge jeweils neun von zehn Befragten Armut im Alter, in Griechenland und Frankreich sind es mehr als 80 Prozent. Aber auch in wirtschaftsstarken Ländern sind die Bürger verunsichert: 63 Prozent der Deutschen haben Angst, im Ruhestand zu verarmen. Mehr als die Hälfte aller befragten Europäer (62 Prozent) sieht sich finanziell nicht in der Lage, privat für das Alter vorzusorgen.

Wobei soziale Verwerfungen nicht nur auf die Peripherie beschränkt sind. In Deutschland ging zuletzt laut dem aktuellen – und umstrittenen Armutsbericht – die Kluft zwischen Arm und Reich weiter auseinander: Auf die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte entfielen demnach 53 Prozent des gesamten Nettovermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Die untere Hälfte der Haushalte besaß zuletzt lediglich gut ein Prozent des Nettovermögens. 2003 waren es drei Prozent. Von 2007 bis 2012 hat sich das Gesamtvermögen der Haushalte trotz der Finanzkrise um weitere 1,4 Billionen Euro erhöht.

Und Österreich?

Nach den Erhebungen der Statistik Austria (EU-SILC 2011 vom 17.12.2012) sind in Wien 325.000 Menschen Armutsgefährdet (um 20.000 mehr als ein Jahr zuvor). Das sind 19 Prozent der Wohnbevölkerung. Im Dezember 2012 waren 123.000 Personen ständig beim AMS gemeldet – in etwas 7,7 Prozent der Wiener Gesamtbevölkerung.

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Definition „Armutsgefährdung“ in Österreich
Die Statistik Austria erhebt die Netto-Einkommen österreichischer Haushalte und rechnet diese Einkommen den einzelnen Haushaltsangehörigen zu. Die Wissenschaft geht nun von der Annahme aus, dass Menschen, die weniger als 60 Prozent des so genannten „Medianwerts“ (das sind heuer 994,- Euro) im Monat zur Verfügung haben, nicht mehr vollständig am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können und damit Gefahr laufen, in die Armut zu rutschen.

Definition „Armut“ in Österreich
„Arm“ ist in Österreich ein Haushalt, für den folgende Probleme auftreten:
- eine unerwartete Ausgabe von 900,- Euro zu bewältigen;
- neue Kleider zu kaufen;
- die Wohnung warm zu halten;
- Rechnungen rechtzeitig zu bezahlen.
Treffen niedrige Haushaltseinkommen und einer oder mehrerer dieser Einschränkungen zu, spricht die Wissenschaft von „manifester Armut“. In Österreich leben im Jahr 2009 488.000 Menschen in manifester Armut. Sieben Prozent der Erwerbstätigen sind trotz Arbeit armutsgefährdet.

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