"Der Weimarer Republik 2.0 sind nun Tür und Tor geöffnet"

"Der Weimarer Republik 2.0 sind nun Tür und Tor geöffnet"

Eigentlich sind Matthias Weik und Marc Friedrich überzeugte Europäer - nur ohne Währungsunion. Im Gespräch mit dem FORMAT erklären sie, warum die Schuldenkrise nicht mehr zu lösen ist, warum der heutige Tag und der letzte Donnerstag als "Brandbeschleuniger" in die Geschichte eingehen werden und die einzig sinnvolle Investment-Strategie, die Flucht in Sachwerte, ist.

In "der größte Raubzug der Geschichte" erklären Marc Friedrich und Matthias Weik die Ursachen der Krise, angefangen mit der Antwort auf die Frage, wie Geld eigentlich entsteht und was die Banken diesbezüglich fabrizieren. Die Reise führt vom Vorkrisenjahr 2007 über die Subprime-Krise bis zur Frage, wie jeder Einzelne verhindern kann, ein Opfer des Systems zu werden - sprich, die Zeche für das "Schindluder", das die Banken betreiben, zu zahlen.

Das FORMAT bat die Autoren zum Interview und stellte wider Erwarten fest: Sie sind noch nicht surfenderweise auf eine unbewohnte Insel ausgewandert.

Warum das so ist, ist simpel: "Wir sind Optimisten", so Friedrich. "Wir glauben, dass die Menschen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen können und würden uns ein besseres Wirtschaftssystem wünschen." Eines, das der Mehrheit dient und nicht der Elite, so die Buchautoren. Entsprechend wäre eine Flucht also falsch - denn eine Veränderung wäre dann nicht möglich.

"Das aktuelle System ist zutiefst ungerecht, ja schon fast menschenfeindlich", fügt Weik hinzu. Ein Wirtschaftssystem mit gedecktem Papiergeld sei wünschenswert. Dabei wollen sich Weik und Friedrich nicht anmaßen, zu sagen, wie es zu diesem kommen soll oder dass sie die Lösung kennen. Klar sei nur, dass das aktuelle System nicht mehr haltens- und lebenswert sei. Weik ist sicher: "Wir haben den Point of no Return erreicht, der Crash kommt. Der Euro ist gescheitert, das ist zu 100 Prozent sicher."

Das Übel wird mit der Ursache des Übels bekämpft

Auch der heutige ESM-Entscheid und die Hilfe der EZB werden daran nichts ändern, sind Weik und Friedrich überzeugt: "Die Krise entstand ja erst durch niedrige Zinsen und billiges Geld und wird mit noch niedrigeren Zinsen und noch mehr billigem Geld bekämpft." Wenn die Krise lösbar wäre, wäre sie schon gelöst, so das Fazit. Es sei aber eine monetäre Krise: "Die Halbwertszeit der Hilfspakete wird immer kürzer und immer mehr Staaten beantragen sie. Hätte man das System 2008 kontrolliert heruntergefahren, hätten klar alle gelitten, aber jetzt ist es selbst dafür zu spät - der point of no return wurde irgendwann 2009 oder 2010 überschritten."

Entsprechend haben beide gehofft, dass das Bundesverfassungsgericht den ESM ablehnen würde, es sei aber klar gewesen, dass das nicht passieren würde: "Das Bundesverfassungsgericht hat leider so entschieden wie von uns erwartet. Es hatte nicht den Mut den ESM zu stoppen. Mit der demokratiefeindlichen Entscheidung der EZB vom letzten Donnerstag durch den Ex-Goldman Sachs Manager Mario Draghi war dies sowieso hinfällig." Die Kritik ist hart: "Der Weimarer Republik 2.0 sind nun Tür und Tor geöffnet. Der Clou: Wenn die Anleihekäufe schief gehen, haftet zu 100 Prozent der Steuerzahler - vor allem der Deutsche. Oder denken Sie das griechische, spanische oder italienische Bürger ihren Anteil bezahlen können?"

Auch die "Ja, aber"-Entscheidung mit der Haftungsdeckelung werde eher früher als später als alternativlos ausgehebelt und erhöht werden: "Oder, wie es Herr Juncker zu sagen pflegt: 'Wenn es ernst wird, muß man lügen.'
Die EU und der Euro fußen mittlerweile auf einer beispiellosen Serie von Vertragsbrüchen." Nichts wirds laut Friedrich und Weik also mit der Euro-Rettung: "Der letzte Donnerstag und der heutige Tag werden als maßgebliche Meilensteine und Brandbeschleuniger in die Geschichte eingehen. Jetzt sind dem Irrsinn endgültig Tor und Tür geöffnet!"

Beide bezeichnen sich - wider Erwarten - als "überzeugte Europäer": Die Idee sei gut, nur - wie so oft - die Ausführung miserabel. Friedrich dazu: "Wir haben seit der Lehman-Pleite nur eines betrieben: Schadensmaximierung."

Weik unterstützt zwar Europa und die europäische Idee, "aber ohne Währungsunion". Dabei nimmt er Bezug auf die ungedeckten Papiergeldsysteme der Vergangenheit: "Sie alle sind gescheitert und wir machen trotzdem die gleichen Fehler nochmal."

Banken: Wie Pech und Schwefel

Mit den Banken gehen die Beiden im Interview - genau wie im Buch - hart ins Gericht: "Das kommt einer feindlichen Übernahme durch Banker gleich", so Friedrich bezugnehmend auf die Bilanzfälschung durch Goldman Sachs, die Griechenland den Beitritt zur Eurozone sicherte. Weik ist überzeugt: "Die Banken halten zusammen wie Pech und Schwefel. Vielleicht regieren sie nicht die Welt, aber Geld regiert die Welt." Die Wurzel allen Übels sei das "Schindluder, das in der Finanzindustrie getrieben wird" und das Zinseszinssystem: "Exponentielles Wachstum auf Dauer gibt es nicht."

Ein gravierendes Porblem ist laut Weik mittlerweile aber auch die Komplexität des Systems: Die Welt ist "derart global verzahnt und es kriselt überall, nicht nur in Europa. China hat zum Beispiel eine massive Immobilienblase. Wenn ich mir den Schuldenberg ansehe, frage ich mich, wie das mit Leistung abgetragen werden soll? Das geht nur mit schleichender Inflation und mehr Steuern - 99 Prozent der Zeche werden die Bürger zahlen."

Die Erwartungen an die stärkere Regulierung des Finanzsektors - etwa über Basel III - sind gelinde gesagt gering: "Letzten Endes wird es keine Regeln geben, ganz einfach weil es die Banken nicht wollen", so Friedrich. Weik bestätigt zwar, dass die "fetten Jahre" im Investmentbanking wohl vorbei seien, aber die Top-Banker würden schlicht zu "Schattenbanken" wechseln, wie etwa Hedgefonds, die nicht reguliert würden: "Ein Beispiel: Vor der Krise gab es synthetische Wertpapiere wie CDOs und ABS und so weiter im Volumen von 600 Billionen Dollar - heute sind es 770 Billionen Dollar." Und, so Friedrich weiter: "Das weltweite BIP beträgt 65 Billionen Dollar - das ist ein Zwölftel dessen. Wo wurde da bitte aus der Krise etwas gelernt?" Und, die Frage aller Fragen, stellt dann Weik: "Wie soll uns da ein Rettungsschirm retten, der eine Billion Euro schwer ist?"

An eine Lösung der Krise ist für beide auch nach nochmaligem Nachfragen nicht zu denken: "Die Zeit wird knapp und die Geldbeträge immer abstruser. Sollte uns aber irgendeine Idee der Politiker oder Notenbanker zu Ohren kommen, die unsere Meinung ändert, werden Sie es sofort erfahren", witzelt Friedrich.

Wie der große Crash ablaufen wird, kann freilich niemand sagen, aber: "Wir werden womöglich eines Morgens aufwachen, die Banken werden zu sein, das Geld wird wertlos und das Vertrauen weg sein." Unwahrscheinlich ist für einen solchen Fall wohl auch, dass es in Österreich anders wäre: "Alle Banken haben Probleme", weiß Friedrich. "Die Kreditausfälle werden steigen." Weik ergänzt: "Ich war vor Kurzem in Spanien und musste feststellen, dass die Elite das Land verlässt. Damit ist klar, dass Spanien keine große Zukunft vor sich hat."

Wald, Wiese und Ackerland

Was die Geldanlage betrifft, raten Friedrich und Weik: "Raus aus Papierwerten, rein in Sachwerte. Kaufen Sie sich ein Stück Wald, Wiese, oder Ackerland und legen Sie sich einen kleinen Lebensmittelvorrat zu." Reale Werte sind demnach also das Gebot der Stunde, zu denen Aktien nicht zählen. Weik begründet: "Die Märkte explodieren, obwohl doch alle wissen, dass die Rezession kommt. Der Dax steht bei über 7000 Punkten, das ist nicht rational." Stattdessen sei Gold aus Gründen des Kaufkrafterhalts weiterhin interessant, erklärt Friedrich: "Gold hat schon immer seinen Wert erhalten in Relation zur Abwertung der Papierwährung. Wenn die gewollte Inflation kommt, kann man so wenigstens die Kaufkraft erhalten."

Das Bankkonto ist den Autoren zufolge naturgemäß keine Alternative. Abgesehen davon, dass die Zinsen unter der Inflationsrate liegen und somit jeder Sparer Geld verbrennt, ist laut Friedrich eines wichtig: "Das Geld auf der Bank gehört nicht Ihnen, Sie haben lediglich eine Forderung gegenüber der Bank." Auf den Einlagensicherungsfonds sei kein Verlass, betont Weik: "Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, dass die Einlagen bei den Banken sicher sind und vom Fonds garantiert werden, da hab ich meine letzten Konten leergeräumt. Ein Staat, der zwei Billionen Euro Schulden hat, und Spareinlagen von fünf Billionen Euro garantiert - das ist nicht realistisch. Das war lediglich eine politische Absichtserklärung, juristisch hat man aber keinerlei Ansprüche." Friedrich ist überzeugt: "Das ist reines Marketing, damit sie ihr Geld auf die Bank bringen."

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