"Das endet im Krieg"

"Das endet im Krieg"

Auch wenn nicht unmittelbar ein Flächenbrand im Euroraum droht, sehen Fachleute die Gefahr einer schleichenden Erosion der sozialen wie politischen Bindungen und eines tückischen Vertrauensverlusts.

In der europäischen Schuldenkrise herrscht nach monatelangen Turbulenzen mittlerweile eine verdächtige Stille. Das jüngste Hilfspaket für Griechenland hat die Finanzmärkte beruhigt. Auch die politische Großwetterlage entspannt sich, nachdem im Sommer noch lautstark über einen Euro-Austritt des Landes diskutiert wurde. "Ich glaube, wir können sagen, dass die existenzielle Bedrohung des Euro grundlegend überwunden ist", bilanzierte zuletzt EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso.

Doch selbst wenn die Märkte mitspielen – Europa könnte die Rechnung ohne seine Bürger gemacht haben. Wie werden diese auf weitere harte Jahre mit teils massiven Wohlstandseinbußen reagieren? Nach Einschätzung von Politik- und Wirtschaftsexperten sind die nächsten Zerreißproben programmiert, wenn die von Rezession und hoher Arbeitslosigkeit gebeutelten Bevölkerungen gegen den anhaltenden Sparkurs aufbegehren.

“Das endet mit Krieg

Als Schwarzseher von Ausnahmerang gilt der US-Hedgefondsmanager Kyle Bass. Der Gründer von Hayman Capital Management gibt der Euro-Zone keine Zukunft. Mehr noch: Er sieht die Schuldenlasten im globalen Maßstab und hält Katastrophen für unausweichlich. "Das endet im Krieg", prophezeite er jüngst. "Ich weiß nicht, wer gegen wen kämpfen wird, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass in den nächsten Jahren Kriege ausbrechen werden, und nicht nur kleine." Seine Kassandra-Rufe stützt Bass auf ein nüchternes historisches Kalkül: Die an den Kreditmärkten umlaufenden Schulden hätten ein Ausmaß von 340 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung erreicht, argumentiert er. Unter einer solchen Bürde habe die Menschheit noch niemals Frieden wahren können. Verbindlichkeiten in Billionenhöhe könnten nicht mehr bezahlt werden, was dramatische Verluste für Millionen von Investoren bedeuten werde. Die daraus resultierenden sozialen Spannungen würden manche Gesellschaften sprengen, erwartet Bass - der selbst in einer Branche arbeitet, die mitunter auch mit Wetten auf Staatspleiten Geld verdient.

Für viele sind diese Prognosen apokalyptische Alpträume, fernab der Realität. Doch auch wenn nicht unmittelbar ein Flächenbrand im Euroraum droht, sehen Fachleute durchaus die Gefahr einer schleichenden Erosion der sozialen wie politischen Bindungen und eines tückischen Vertrauensverlusts.

“Kollektive Machtlosigkeit“

In Portugal etwa, so führt der Politikwissenschaftler Adelino Maltez von der Technischen Universität Lissabon aus, wird 2013 das große Jahr der Ernüchterung. In den Boomjahren sei das Land "betrunken von Europa" gewesen. "Jetzt haben wir zum ersten Mal das Gefühl, dass wir nirgendwohin können", sagt Maltez. "Es gibt die Erkenntnis einer kollektiven Machtlosigkeit."

Auch Spanien stehe vor einer langen Durststrecke, bemerkt Charles Robertson, Chefvolkswirt von Renaissance Capital in London. Er geht davon aus, dass Griechenland in diesem Jahr den Euro verlässt, Spanien könnte bis Ende kommenden Jahres folgen. Für Robertson ist der Mangel an Hoffnung die Wurzel des Übels. Die aktuelle spanische Arbeitslosenquote von über 25 Prozent könne auf Dauer keine Volkswirtschaft verkraften. "Die Menschen dürften dann auf die Straßen gehen und einen Wandel fordern",
prognostiziert der Ökonom.

Bislang ist es in Europa zum großen Aufschrei nicht gekommen. Bis auf Griechenland gab es keine nennenswerten gewaltsamen Proteste und Wahlerfolge radikaler Parteien. Gilles Moec von der Deutschen Bank hat dafür eine einfache Erklärung: Diejenigen, die Besitzstände zu verteidigen haben, mussten viel weniger bluten als junge Menschen, die noch auf ihre Chance warten und nicht so viel zu verlieren haben. Während sie es unverhältnismäßig schwer haben, einen Job zu bekommen, weiß sich der Großteil der Bevölkerung bislang relativ geschützt. Die volkswirtschaftlichen Kosten dieses "Jugendopfers" sind erheblich. In Italien und Spanien etwa führe dieses Phänomen zu Produktivitätseinbußen von zwei Prozent, schätzt Moec. Das mache es den beiden Krisenländern noch schwerer, das dringend nötige Wirtschaftswachstum zu erreichen.

Gesellschaft wird umgekrempelt“

Die Medizin für das kranke Europa liegt auf der Hand, findet Jean-Dominique Giuliani, aber sie ist bitter. Unliebsame Reformen müssten fortgesetzt werden, denn ein Ende der Krise sei nicht absehbar, argumentiert der Chef der pro-europäischen Stiftung Robert Schuman: "Der Wandel wird jetzt eine Konstante sein. Er wird große Anforderungen an die Bevölkerungen stellen, Gesellschaften umkrempeln, die politische Führung überraschen und Experten verunsichern."

Auch Simon Tilford, Chefvolkswirt der Londoner Denkfabrik Centre for European Reform, rechnet mit schweren Zeiten für Europa. "Die Konsequenzen werden wahrscheinlich weitreichend sein", sagt er. "Es wird nicht nur so sein, dass sich die Regierungen damit schwertun, die erforderlichen Reformen durchzuboxen. Es droht auch die Gefahr eines größeren Rückschlags für die Marktwirtschaft und die Europäische Union."

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

Politik

Österreich beteiligt sich an Allianz gegen Terrormiliz IS

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

International

EU buttert 26 Milliarden in Verkehrs-Infrastruktur

der polnische Finanzminister Mateusz Szczurek will 700 Milliarden für Investitionen in Europa. Alle 28 EU-Mitgliedsstaaten sollen einzahlen
 

International

Polen will 700-Milliarden-Investitionsfonds für Europa