Arm und Reich in den USA: Wo der amerikanische Traum endet

Arm und Reich in den USA: Wo der amerikanische Traum endet

Seit 2009 ist das Gehalt von Anita Reyes ungefähr so eingefroren wie der Lake Minnetonka im Jänner. Während sich die US-Konjunktur von der Finanzkrise 2008 und der folgenden Rezession erholte, ernährte sich die Casino-Angestellte Reyes von 1,67 Dollar-Dosensuppe und versuchte verzweifelt ihr Haus zu behalten. Im Oktober 2011 wurde es zwangsversteigert.

Das Gehalt von Stephen Hemsley wurde ebenso eingefroren. Doch sein Einkommen nicht. Der CEO von UnitedHealth Group, eines Versicherers in Minnetonka, verdient 1,3 Millionen Dollar jährlich - unverändert seit 2007. Doch mit der Konjunkturerholung von 2009 bis 2011 übte Hemsley Aktienoptionen aus, die ihm gut 170 Millionen Dollar einbrachten. Aus Aktienverkäufen lukriierte er zumindest 51 Millionen Dollar. In der Folge wurde er zum Opfer der "Occupy Lake Minnetonka"-Proteste auf dem Eis des Lake Minnetonka vor seiner Residenz am See - jeden Winter.

Die unterschiedlichen Geschichten von Reyes und Hemsley zeigen die zwei Erholungen der USA. Auf der einen Seite die Top-1 Prozent: Jene 1,2 Millionen Haushalte, die zu dem einen Prozent gehören, das am besten verdient. Ihre Einkommen sind 2011 um 5,5 Prozent gestiegen, laut Daten des US-Census Bureau. Für die 96 Millionen Haushalte der unteren 80 Prozent schrumpfte das verfügbare Einkommen indes um 1,7 Prozent. Das sind alljene, die weniger als 101.583 Dollar verdienten.

Die Erholung, die offiziell Mitte 2009 einsetzte, ist bei einem Großteil der US-Bürger nicht angekommen. 2010 entfielen fast 93 Prozent des gesamten Einkommenzuwachses auf das eine Prozent der absoluten Spitzenverdiener, schrieb Berkeley-Ökonom Emmanuel Saez im März.

Der wahre American Dream?

Die Einkommensschere zwischen reichen und armen Amerikanern war 2011 so groß wie seit zumindest 40 Jahren nicht - das Ungleichgewicht ist damit größer als in Uganda und Kasakhstan. Die Einschätzung, dass es jeder Generation besser ergeht als der vorhergehenden - ein Aspekt des American Dream - wird in Frage gestellt, denn das durchschnittliche Familieneinkommen war im vergangenen Jahrzehnt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg rückläufig.

Im Laufe der US-Konjunkturerholung nach der Finanzkrise war es vorteilhafter Aktien statt eines Eigenheimes zu besitzen. Für Aktionäre wie Hemsley stieg der Wert aller ausstehenden Aktien um sechs Billionen auf 17 Billionen Dollar seit Juni 2009, dem Ende der Rezession. Trotz der jüngsten Erholung ist der Wert der Eigenheime, dem Haupt-Asset der Mittelschicht, im gleichen Zeitraum in Summe um 41 Milliarden Dollar gefallen - Teil des Immobilien-Wertverlustes von 5,8 Billionen Dollar seit 2006.

"Die Einkommensschere, die wir heute haben, zerstört unsere Demokratie", sagte der pensionierte American Airlines-CEO Bob Crandall in einem Interview mit Bloomberg. Für den 76jährigen war es frustrierend, den Egoismus seiner "Art" zu sehen. Er begann zu bloggen: "Will noch jemand?" lautete der Titel seines ersten Blog-Eintrages vom August 2011, in dem er höhere Steuern für Reiche verlangt.

Wahlkampfthema

Die Einkommensschere ist mittlerweile sogar ein Hauptthema im Kampf um die Präsidentschaft. Beide Kandidaten wollen freilich alles tun, um die kleiner werdende Mittelschicht zu "beschützen". Barack Obama führt die Ungleichgewichte auf die "massive Rezession und die dramatische Fluktuation der Aktienpreise" zurück. Sein Lösungsansatz ist eine Mindesteinkommenssteuer von 30 Prozent, sobald das Einkommen eine Million Dollar jährlich oder mehr erreicht.

Mitt Romney, Kandidat der Republikaner, kontert scharf: Obame "unterteile die USA basierend auf 99 zu ein Prozent." Er spricht sich für eine Senkung der Staatsausgaben und der Steuern aus, und will so für Jobwachstum sorgen. "Der beste Weg, mehr Amerikanern mehr Reichtum zu bringen, führt über Wirtschaftswachstum und das Schaffen von Arbeitsplätzen", weiß Andrea Saul, Romney-Sprecherin.

Zwar wurden im Privatsektor seit Februar 2010 rund 4,6 Millionen Jobs geschaffen, aber davon entfielen 40 Prozent auf Jobs in der Pflege und auf Teilzeitarbeit mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 15 Dollar, schrieb Wells Fargo-Ökonom Mark Vitner in einer Analyse. "Eine gebrochene Mittelschicht ist nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung sondern kann auch die politische Stabilität gefährden", fürchtet Diane Swonk, Chefökonom bei Mesirow Financial in Chicago. "Warum konzentriert sich China wohl auf das Wachstum der Mittelschicht mehr als auf alles andere?"

"Gefahrenzone"

Der Einkommensunterschied im ländlichen China betrug 2011 gemessen am sogenannten Gini-Koeffizient 0,3949 und nähert sich einer von den Vereinten Nationen definierten "Gefahrenzone" für soziale Unruhen von 0,40. In den USA beträgt der Gini-Koeffizient 0,47 - der höchste Wert seit 1967.

Die Einkommensschere könnte laut Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz auch dazu führen, dass die US-Wirtschaft über Jahre hinweg nur langsam wachsen wird. Niedrige Einkommen führen zu weniger Konsum, der wiederum verhindert das Job-Wachstum und erhöht das Risiko einer Rezession, argumentiert Stiglitz. "Wir sitzen alle im selben Boot", so Stiglitz. "Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, wird auch das eine Prozent leiden."

Mega-Aktienoptionen trotz Job-Abbau

Wie immer, ist das Boot der Spitzenverdiener wohl ein bisschen größer. Das Problem im Zuge der Erholung seit 2009 war auch, dass sich der Großteil der Amerikaner nicht mehr an Aktien heranwagte. Sie haben die Rally verpasst, während zumindest jeder zweite der oberen zehn Prozent von der Aktienrally profitierte. Gleichzeitig haben zumindest 176 Unternehmen im Jahre 2009 eine "schlafende Zeitbombe" gezündet, indem sie der Führungsebene "Mega"-Aktienoptionen zugestanden, kritisiert Paul Hodgson von GMI Ratings. "Mega" bedeutet 500.000 Aktien oder mehr.

Seagate Technology-CEO Stephen Luczo freute sich im Jänner 2009 über Aktienoptionen für den Kauf von 3,5 Millionen Anteilsscheinen an dem Unternehmen. Damals war der Kurs auf weniger als vier Dollar gefallen. Sechs Monate zuvor waren es 20 Dollar. Im gleichen Monat, also im Jänner 2009, teilte Seagate mit, 2950 Jobs zu streichen - sechs Prozent der Beschäftigten - und die Gehälter um 25 Prozent zu senken.

Klar, Luczos Gehalt wurde ebenfalls um 25 Prozent gestutzt - doch er konnte Aktienoptionen ab einem Kurs von 4,05 Dollar je Aktie ausüben. 2010, als die Aktie im Schnitt 27,13 Dollar kostete, verkaufte Luczo Aktien im Wert von über 110 Millionen Dollar - einen Teil davon hat er den 2009er-Aktienoptionen zu verdanken. "Die Führungsebene kann von Aktienoptionen, die im Markttief zugesprochen werden, sehr gemütlich über die folgende Rally profitieren. Eine Rally, mit der sie selbst nichts zu tun haben", so Hodgson. "Es trennt die Bezahlung von der Leistung in spektakulärem Ausmaß."

Der GMI-Bericht nannte etwa auch Richard Fairbank, CEO von Capital One Financial. Er erhielt im Jänner 2009 Optionen für 970.400 Aktien. Damals waren sie vier Millionen Dollar wert. Heute wären es 38 Millionen.

"Keiner fühlt sich verantwortlich"

Crandall, der pensionierte American Airlines-CEO und heutige Blogger, ist sicher: Zwar sei sein Blog nicht gerade eine "brennende Erfolgsstory", aber er hat von 50 Lesern gehört - er fühlt sich gut dabei über die Einkommens-Ungleichgewichte, Steuern und die Vergütung von Unternehmenschefs zu schreiben. "Ich wache jeden Morgen auf, lese Zeitung und schäume vor Wut. Ich bin während der Großen Depression und dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, doch anders als damals fehlt heute der Zusammenhalt unter den Menschen. Niemand fühlt sich mehr für irgendetwas verantwortlich", sagt Crandall. "Wenn der Chef einen Bonus bekommt, sollte jeder im Unternehmen einen Anteil am Gewinn erhalten."

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