Star Wars: Mit religiöser Symbolik zum Merchandising-Imperium

Star Wars: Mit religiöser Symbolik zum Merchandising-Imperium

Jedi-Meister Yoda: Eine klare Anlehnung an Carlos Castanedas Figur ‚Don Juan‘.

Wie konnte sich eine Filmreihe wie "Star Wars" zu einem derartigen kommerziellen Erfolg entwickeln? Der Grazer Religionswissenschaftler und "Star Wars"-Experte Christian Feichtinger erläutert im Gespräch mit FORMAT, mit welchen spirituellen Symbolen und Metaphern George Lucas den Kult kreierte.

FORMAT: Seit fast 40 Jahren gibt es die Star-Wars-Saga. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Erfolg dieser Geschichte und die Faszination, die mittlerweile ja auch generationsübergreifend ist?

Christian Feichtinger: Erstens ganz einfach die technische Umsetzung der Filme: Lucas war bei Spezialeffekten stets innovativ und federführend, die klassische Musikuntermalung schafft eine dramatische Atmosphäre, das kreative Sound-Design sorgt für ein natürliches und realistisches Klangempfinden. Zweitens die Geschichte: Lucas orientierte sich bewusst am Motiv der Heldenreise des amerikanische Mythologen Joseph Campbell (‚Der Heros in tausend Gestalten‘) und dockt damit an aus Märchen, Legenden und Sagen vertraute Motive beim Publikum an. Drittens das ‚Ikonische‘ der Filme: Motive wie das Lichtschwert oder Darth Vaders Helm oder Figuren wie Yoda sind ikonisch designt, mit hohem Wiedererkennungswert: Sie eignen sich so perfekt für eine popkulturelle Adaption. Alles in allem also eine Kombination aus überwältigenden Bild- und Toneffekten, einer mythologischen Geschichte und großartig designten Objekten.

Wieso ist George Lucas Film ein Teil der postmodernen Kultur geworden?

Ein Kennzeichen der Postmoderne ist die Intertextualität, also dass Zeichen auf andere Zeichen verweisen und eine eigene Realität bilden. Lucas entlehnt viele seiner Motive in Star Wars anderen, schon vorhandenen Filmen: Den Samurai-Epen von Akira Kurosawa, Science-Fiction-Filmen wie Kubricks ‚2001 – Space Odyssey‘, Kriegsfilmen, deren Luftschlachten vorbildlich für die galaktischen Schlachten sind, Martial-Arts-Filmen, älteren Weltraumfilmen wie Flash Gordon, dem Western usw., er scheut nicht einmal vor Tarzans Lianenschwung zurück. Star Wars verbindet und kombiniert also viele schon vorhandene Filmstile und Motive und zitiert auch freudig aus dem spirituellen Kosmos. Das ist etwas sehr Postmodernes. Umgekehrt erlaubt auch Star Wars durch seine vielen ikonischen Figuren und Gegenstände, dass es leicht zitiert werden kann und auch in fremden Kontexten sofort wiedererkennbar ist. Es ist leicht, in anderen Medien Anspielungen auf Star Wars zu machen. Star Wars ist also eine Schnittstelle in der medialen Welt. Und schließlich erlaubte es das zuvor in dieser Form nicht dagewesene Merchandising, dass der einzelne Konsument sich diese Figuren und Gegenstände individuell aneignen konnte. Er ist nicht nur Teil des Publikums, sondern konsumiert als Individuum das, was ihm an Star Wars besonders gefällt. Auch das ist Postmoderne.

Wie weit spielen Ihrer Meinung nach zeitgeschichtliche Ereignisse eine Rolle in dieser Erzählung? Fließt so etwas eigentlich in die Saga mit ein. Stehen die einzelnen Episoden immer auch für eine Dekade?

Lucas ist zeitgeschichtlich beeinflusst. Die alten Filme beziehen sich stark auf ein gewisses esoterisches New-Age-Denken, das in den 1960ern und 1970ern populär war, und greifen die damals modern werdende asiatische Spiritualität auf. Politisch ist das Imperium als klar abgrenzbare totalitäre Macht entworfen und spiegelt natürlich den Kalten Krieg und die Sowjetunion wider. Gut und Böse sind recht eindeutig voneinander abgegrenzt. Auch das Verhältnis von Natur(-Zerstörung) und Technik sind Themen der 1970er Jahre.

Die Episoden I-III sind weniger spirituell, sondern eher moralisch. Man weiß nicht immer, wer gut und böse ist, alles ist unübersichtlicher. Die politische Situation ist uneindeutig, das Böse greift letztlich aus dem Herzen der Republik selbst an. Die mittlere Trilogie ist von der amerikanischen Krise in der George-W.-Bush-Ära beeinflusst, das Kippen des „Land of the Free“ zu einem autoritärer geführten Staat, und auch in den neuen amerikanischen Kriegen ist nicht immer klar, wer wirklich die Bösen sind, wer grausamer agiert. Die mittlere Trilogie spiegelt also diese moralische und politische Orientierungslosigkeit wider. Auch eine Kapitalismuskritik ist in der Gestalt der Handelsföderation erkennbar, das gab es in den alten Filmen noch nicht.

Das ist allerdings George Lucas. Inwieweit die neuen Filme aktuelle Themen aufgreifen werden, lässt sich aus den Trailern nicht ablesen. Vielleicht kommen Religiosität und Politik gar nicht mehr vor, das wäre natürlich auch ein Zeichen für einen veränderten Zeitgeist. Die Darstellung des Bösen scheint auch in den neuen Filmen stark an der nationalsozialistischen Ästhetik Leni Riefenstahls orientiert, aber das hat auch schon George Lucas so gehalten.

Wie viel Religion steckt in Star Wars? Ist mehr dahinter als nur der ewige Kampf zwischen Gut und Böse?

Lucas entwirft Star Wars ganz bewusst als spirituellen, religiösen und moralischen Film. Er selbst ist evangelisch-methodistisch aufgewachsen, was sich vor allem in seiner Moral widerspiegelt: Gut, Böse, Schuld, Reue, Vergebung, Erlösung, Hingabe sind moralische Grundthemen des Christentums, die Lucas wichtig sind und in den Filmen eine große Rolle spielen. Darüber hinaus bezeichnet sich Lucas als ‚spirituell‘, in Anlehnung an Joseph Campbell ist er davon überzeugt, dass allen Religionen ähnliche Ideen zu Grunde liegen. Die „Macht“ erscheint so als religiöse Skizze, in der sich jeder leicht wiederfinden kann: Die „Macht“ repräsentiert die Idee, dass alles mit allem verbunden ist, durch ein mehr oder weniger göttliches Band verknüpft. Das ist eine Idee, die man in nahezu allen religiösen Traditionen vorfindet (wenn auch nicht immer in der offiziellen Lehre).

Aus seinem persönlichen Interesse heraus greift Lucas auf asiatische Traditionen wie Buddhismus und Daoismus zu, deren Ideen und Ästhetik er für die spirituelle Gestaltung der Filme verwendet. Sehr wichtig ist auch die esoterische Literatur von Carlos Castaneda, die eine Art indianischen Schamanismus beschreibt, der aber ebenfalls von asiatischen Religionen inspiriert ist. Meister Yoda ist stark an Castanedas Figur ‚Don Juan‘ angelehnt, der seine Energie aus der sogenannten ‚Kraft‘ bezieht, manche Zitate und Motive aus den Büchern Castanedas finden sich sehr ähnlich bis fast wortwörtlich in Star Wars!

Welche (moralischen) Lektionen sind in Star Wars enthalten und unterliegen diese einem zeitlichen Wandel?

Eine Lektion ist sicher, dass Gut und Böse nicht immer so klar getrennt sind. Zwar gibt es in Star Wars viele eindeutig Gute und eindeutig Böse, aber auch viele Graubereiche und Übertritte. Eine moralische Lektion wäre es also sicher, dass man vor dem Bösen, vor seiner eigenen Verführbarkeit auf der Hut sein und eine entsprechende Tugendethik verinnerlichen muss. Um diese Tugenden zu erlernen, braucht man Hilfe von jemand anderem, einem Meister, Lehrer oder Vorbild. Weitere moralische Werte in den Filmen sind Hingabe, Empathie, Altruismus, Verbundenheit mit anderen, aber auch Selbstverteidigung. Interessant ist doch, dass die Jedi auch bereit sind, ihre Ideale mit Gewalt zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden.

Ein möglicher Wandel ist beim Thema Individualismus zu beobachten: Lukes Triumph ist ein Triumph des Individuums über ein totalitäres System, in den 70ern wird der Individualismus von Lucas hochgehalten. Anakin in den neueren Filmen stellt dagegen stark einen fehlgeleiteten Individualismus, ja Egoismus dar. Anakin scheitert, weil er nicht in der Lage ist, sich einzufügen. Lucas revidiert also seine Feier des Individuums zu Gunsten einer Betonung von sozialer Verantwortung. Das scheint möglicherweise eine Korrektur angesichts einer individualistischen Moderne zu sein, individualistisch freilich nicht im Sinne von Originalität, sondern von Ich-Bezogenheit.

Könnte man sagen, dass die Weltraum-Saga asiatisch inspirierte Esoterik (Jedi-Helden) mit Technik und Fortschritt kombiniert, vielleicht sogar miteinander aussöhnt und so auch gesellschaftliche Strömungen der Gegenwart verhandelt? Gibt es wesentliche Unterschiede in der Rezeptionsgeschichte der Saga?

Weniger aussöhnt als in ein bestimmtes Gleichgewicht bringt. Der Ungewöhnliche an Star Wars ist, dass es für eine Art Science-Fiction-Film (bzw. einer ‚Space Opera‘) sehr technikkritisch ist. Nicht technikfeindlich, denn Jedi wie Rebellion gehen ganz selbstverständlich mit Technik um, aber doch mit einem klaren Bewusstsein dafür, dass der Mensch in Gefahr läuft, durch die Übermacht der Technik seine Menschlichkeit zu verlieren. Das passiert Darth Vader auf der individuellen Ebene, er wird als Mensch in Episode III geradezu unter seiner Rüstung begraben, und auch das Imperium ist letztlich eine durch Technik unterworfene, technokratische Gesellschaft, in der keine Freiheit aufkommen kann. Symbol für diese Übermacht der Technik ist der Todesstern. Ich würde also sagen, Lucas versteht Spiritualität als Schutz des Menschen vor einer Vereinnahmung durch die Technik, als etwas, dass ihn seine Menschlichkeit trotz seines Geworfenseins in technische Systeme bewahren lässt, ihn dazu befähigt, Herr über seine geschaffenen Systeme zu bleiben.

Bedenkt man das Marketing und Merchandising im Zusammenhang mit Star Wars, macht nicht genau dieses Marketing mittlerweile die Figur des Bösen, also Darth Vader, zu einer Witzfigur? Verliert er nicht (auch für Kinder) den Schrecken?

Ich weiß nicht, ob ‚Witzfigur‘ ein passender Ausdruck ist. Grundsätzlich spricht das aber wiederum für eine gute Gestaltung der Figuren, denn eine ironische oder komische Abwandlung kann man nur dann erfolgreich machen, wenn das Original profiliert und unverwechselbar ist. Es ist sicher etwas dran an der Theorie, dass Dinge/Figuren durch ihr Konsumiertwerden banalisiert werden. Gleichzeitig ist und bleibt Star Wars ein Film, und Lucas hat nicht den Anspruch, eine Art neue Religion zu erschaffen, deren Figuren man ernst nehmen muss. Er will uns einfach eine gute Geschichte erzählen, mit ein paar Anregungen und kleinen Lektionen fürs Leben. Vielleicht ein bisschen so wie der Teufel in den traditionellen Sagen. Auch dort verliert er seinen Schrecken, aber in jeder Sage gibt es, wie Lucas sagen würde, ‚eine Lektion zu lernen‘. Und so auch in seiner.


Buch-Tipp

Christian Feichtinger: "Gegenkörper. Körper als Symbolsysteme des Guten und Bösen in Star Wars", ein Diskurs der auch in der Postmoderne Aktualität besitzt.
Im Schüren-Verlag, € 19,90

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