Graphic Novels definieren die Grenze zwischen Kunst und Pop neu

Comics – Schundhefte für Kinder? Schon lange nicht mehr. Gezeichnete Romane, Reportagen und Geschichten sind einer der wichtigen neuen Trends des Buchmarkts. In den Graphic Novels trifft Literatur auf Kunst.

Das Klischee: Comics sind gezeichnetes Fastfood für Kinder und Kindische, bevölkert von Superhelden, Außerirdischen und sprechenden Tieren. Etwas, das Erwachsene mit ein wenig Würde im Leib nur dann freiwillig angreifen, wenn sie es ihrem Kind entreißen, um ihm stattdessen ein gutes Buch in die Hand zu drücken. Ähem: nicht ganz! Um genau zu sein: Schon ziemlich lange nicht mehr. Die Comics sind in der Hochkultur angekommen.

Nehmen wir z. B. Goethes „Faust“, bisher ein klares Hoheitsgebiet bürgerlichen Bildungsguts. Im Vorjahr legte der deutsche Comiczeichner Flix der Tragödie ersten Teil als Graphic Novel vor. Sein Faust: ein Taxifahrer in Berlin, sein weiblicher Widerpart: eine Bioladenverkäuferin. Der Kampf zwischen Gut und Böse, der Pakt mit dem Teufel, umgelegt aufs Leben in der modernen Großstadt. Eine Ausnahmeerscheinung? Beileibe nicht: Neben spezialisierten Comic-Verlagen wie Reprodukt, Edition Moderne oder Avant mischen immer mehr große Belletristik-Verlage mit.

Im Vorjahr hat Eichborn Ray Bradburys Romanklassiker „Fahrenheit 451“ als Graphic Novel herausgebracht. Der Knesebeck-Verlag, der 2010 bereits mit einer gezeichneten Version von Kafkas „Verwandlung“ Erfolg hatte, hat nun die ersten drei Bände einer monumentalen Comic- Adaption von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ aufgelegt. Und auch das Hochkultur-Flaggschiff Suhrkamp Verlag beginnt im kommenden November mit einer eigenen Graphic-Novel-Reihe. Deren erster Band: Thomas Bernhards „Alte Meister“, adaptiert vom international höchst erfolgreichen österreichischen Zeichner Nicolas Mahler.

Literatur im Bild

Einer, der sich uneingeschränkt auf Bernhards „Alte Meister“ als Graphic Novel freut, ist selber längst ein Altmeister – der österreichische Zeichner, Cartoonist und Maler Gerhard Haderer: „Bernhard war ein Übertreibungskünstler, und dem einen Reduktionskünstler wie Nicolas Mahler zur Seite zu stellen ist natürlich genial.“

Für Haderer sind Graphic Novels „eine Literaturform“. Dass sich große Publikumsverlage dem Comic zuwenden, ist – so Haderer – „zu bejubeln“. Welches Kalkül dahinter steht, erklärt Winfried Hörning, Taschenbuchleiter des Suhrkamp Verlags, so: „Wir suchen danach, wie wir unsere Autoren vermarkten können. Da sind Graphic Novels eine gute Art, die Leute an die Stoffe heranzuführen.“ Ob dieser Plan der Neuverwertung von Verlags-Backlisten aufgeht, hängt – so Nicolas Mahler – vom Buchhandel ab: „Wenn man dort die ‚Alten Meister‘ wieder in der Witzecke präsentiert und nicht bei der Literatur, dann wird das nichts bringen.“

Einen Versuch ist es aber allemal wert, glaubt er: „Es ist das, was die meisten Zeichner wollen – aus den Comic-Shops raus und rein in die Buchhandlungen.“ Auch die Comic-Spezialverlage können vom Engagement der Publikumsverlage profitieren, denn „die Schwellenängste, einen Comic in die Hand zu nehmen, werden dadurch deutlich geringer“, glaubt Sebastian Oehler vom Berliner Verlag Reprodukt.

Was genau aber ist eine Graphic Novel? „Graphic Novel ist ein reiner Marketingbegriff für Comics, die eher literarisch und ernster, jenseits des juvenilen Geschmacks angesiedelt sind und sich eher an Erwachsene richten“, sagt Sebastian Broskwa, der den österreichischen Comic-Vertrieb und -Online-Shop „Pictopia“ führt. Außerdem geht es dabei zumeist um eine längere, in sich abgeschlossene Bildergeschichte. Wozu so ein künstliches Label überhaupt notwendig ist? „Der Begriff Comic ist einseitig und eher negativ besetzt. Die Bezeichnung Graphic Novel erlaubt, noch einmal neu über Comics zu reden – auch einem bildungsbürgerlichen Publikum gegenüber“, sagt Broskwa.

Geprägt hat den Begriff 1978 der amerikanische Comic-Pionier Will Eisner, der seiner Kurzgeschichtensammlung „Ein Vertrag mit Gott“ über das Leben der kleinen Leute in der Bronx der 1930er-Jahre dieses Label verpasste. Eisner wollte damit signalisieren, dass er sich thematisch auch für Comics auf neuem Terrain bewegte.

Genre-Meisterwerke

In der Nachfolge von Eisners stilbildendem Meisterwerk entstanden immer mehr Comics mit völlig neuen, genreuntypischen Sujets. Ein weiterer Meilenstein: Art Spiegelmans „Maus“ aus dem Jahr 1986, eine gezeichnete Holocaust-Familiengeschichte, bevölkert von Juden-Mäusen und Nazi-Katzen, für das Spiegelman mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In den Jahren 2000 bis 2003 schließlich folgte die französische Originalausgabe von Marjane Satrapis „Persepolis“-Reihe. Es war der „Überknaller, den wirklich alle mitgekriegt haben“, sagt Jürgen Lagger vom Wiener Verlag Luftschacht, der seit einigen Jahren neben Literatur auch mit Erfolg Comics verlegt.

Satrapis gezeichnete Erinnerungen an ihre Jugend im Iran und im europäischen Exil haben sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Seither kann man getrost von einem „Persepolis-Effekt“ sprechen, der als Eisbrecher und Türöffner fungierte. Die hochpolitischen Comic-Reportagen von Joe Sacco („Palästina“, „Bosnien“) oder Guy Delisle („Shenzhen“, „Pjöngjang“) gehören ebenso zu den jüngsten Erfolgen des Genres wie James Sturms neues Buch „Markttag“ über das osteuropäische jüdische Vorkriegsstetlleben oder Charles Burns’ Zerrbilder des US-Teenagerlebens, „Black Hole“. Auch der deutschsprachige Raum hat aufgeholt. Vieles ist aus traditionellen Comic- Ländern wie Frankreich und Belgien oder aus den USA herübergeschwappt, und Deutschland hat, anders als Österreich, das ein paar Jahre hintennachhinkt, eine Comic-Image-Kehrtwende vollzogen.

Inzwischen sind ganzseitige Graphic-Novel- und Comic-Rezensionen in den großen deutschen Feuilletons keine Seltenheit mehr, und die deutschsprachige Zeichnerszene produziert immer mehr eigene Stars, Themen und Publikationen: die gezeichnete Johnny-Cash-Biografie „Cash – I see a Darkness“ von Reinhard Kleist gehört da genauso zum Kanon des Bleibenden wie Isabel Kreitz’ und Peer Meters „Haarmann“, die im klassischen SW-Szenario eines Historiendramas angesiedelte Geschichte des deutschen Serienmörders Fritz Haarmann. Großen Erfolg hatte auch Arne Bellstorfs „Baby’s in black. The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe“ (Reprodukt 2010) über die frühe Beatles-Zeit in Hamburg. Eine Graphic Novel, mit der Gerhard Haderer „die Champions League der Zeichner“ erreicht sieht: „Das ist im Moment mein Lieblingsbuch. Es ist Film pur.“

Für die Zeichner sieht Haderer in den Graphic Novels gegenüber traditionellen schnellen Comics, die in wenigen Wochen entstehen, Chance wie Herausforderung: „Weg mit Speed und hin zur etwas opulenteren Auffassung von Szenen. Die Novels verlangen dem Zeichner Zeit ab.“

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ ist dieses Jahr auf den Trend aufgesprungen und hat eine zehnteilige Graphic-Novel-Edition auf den Markt gebracht. Mit ihrer Auswahl zeigt sie sehr gelungen die ganze Bandbreite des Genres. Oder, wie Comic-Kenner Sebastian Broskwa sagt: „Ein vertrauenswürdiger Einstieg für ein breites Publikum“. Na dann: Los, los!

– Julia Kospach

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★

Slideshow

Kultur & Style

Weihnachtsbäume der Welt