Fahrrad - Wirtschaftswunder auf zwei Rädern

Fahrrad - Wirtschaftswunder auf zwei Rädern

900 Euro geben Österreicher im Schnitt für ein Fahrrad aus.

Wirtschaftsmotor auf zwei Rädern: Die Geschäfte der Fahrrad-Hersteller und Händler boomen, Räder gelten als neue Prestigeobjekte, fördern die Infrastruktur und das städtische Leben. Sieben Fakten zum Wirtschaftswunder Fahrrad.

Radeln im Alltag, das war lange Zeit nur etwas für besonders Sportliche oder Weltverbesserer. Das hat sich mittlerweile geändert. Ob E-Bikes, Mountainbikes oder Stadträder: Radeln ist angesagter denn je und das nicht nur weil es die Gesundheit fördert und besser für die Umwelt ist. Wer aufs Fahrrad setzt, tut auch etwas für die Wirtschaft. Sieben Fakten, warum Fahrräder gut für die Wirtschaft, Städte und die persönliche Gesundheit sind.

1. Radfachhandel boomt

Die Nachfrage nach den Drahteseln hat neue Rad-Fachgeschäfte und Start-ups hervorgebracht. Zahlreiche Rad-Begeisterte haben den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Laut der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) haben seit 2010 allein in Wien 90 Radfachhändler neu eröffnet, 61 davon sind bis heute im Geschäft.

Individuelles Design statt Massenware ist das Erfolgsrezept vieler neuer Rad-Händler, so etwa des gebürtigen Holländers und früheren Nokia-Manager Mikko Stout. Er hat 2013 den ersten Hollandrad-Shop der Stadt, "Stadtradler" gegründet und mit seinen aus Holland importierten Stadträdern eine Nische gefunden: Trendig, wartungsarm und auch für die Fahrt im Anzug zum Büro geeignet hat Stout damit den Nerv der Zeit getroffen.

Der Stadtradler ist kein Einzelfall. Reparatur- und Verleihbetriebe haben nachgezogen. Der Zubehör-Handel ebenfalls. Brillen, Helme, und Fahrrad-Bekleidung sind gefragt. Nach den Botentransporten werden nun Fahrradtaxis Alternativen zum motorisierten Transport.

2. Neues Prestigeobjekt

Die urbanen Eliten haben das Fahrrad als neues Statussymbol entdeckt und sind bereit für ein Edel-Bike mehrere tausend Euro auszugeben. Das lässt das Handwerk wieder aufleben. Carbonrahmen, acht Gänge, lautloser Zahnriemen (der die ölige Fahrradkette ersetzt), Sattel, Lenker und Gepäckträger aus Jungbullen-Leder: Aus solchen Zutaten ist etwa das Fahrrad des eigentlich für seine Handtaschen bekannten französischen Modehauses Hermes gebaut. Mit 8.100 Euro hat es allerdings den Preis eines Kleinwagens.

Understatement hat seinen Preis: „Le Flâneur sportif“, der ultraleichte Cityracer aus dem Hause Hermès

"Früher war das Auto das Schaufenster des sozialen Status, jetzt übernimmt das Fahrrad diese Rolle", sagt der französische Marketing-Experte Bruno Urvoy, der in seinem Pariser Geschäft unter anderem Räder der deutschen Edelmarke Schindelhauer anbietet. "Es erlaubt einem, den anderen zu sagen: 'Das ist mein Lebensstil und mein Image' ".

Die Vorteile des Fahrrads gegenüber dem Auto liegen für Marketing-Experte Urvoy auf der Hand: "Mit dem Fahrrad finden die Menschen die Unabhängigkeit wieder, die sie einst mit dem Auto hatten, ohne die Nachteile des Straßenverkehrs. Sie bewegen sich, atmen, finden die Freiheit wieder." Urvoy setzt aber nicht nur auf den Verkauf von schicken Rädern - er rüstet auch alte Modelle edel auf, etwa das Fahrrad aus Jugendtagen oder vom Großvater. "Die wahre Spitzenklasse", sagt der Fachmann, "ist die Personalisierung."

3. Potenzial auf zwei Rädern

Radeln ist gefragter denn je. Die einstige Weltmarke Puch konnte diesen Trend nicht mehr in Österreich erleben, mit KTM in Oberösterreich und Simplon in Vorarlberg gibt es jedoch in Österreich noch zwei Unternehmen, die auf dem internationalen Markt in der ersten Reihe mitmischen. Bei KTM sind etwa trotz einer wie jedes Jahr weiter erhöhten Produktionskapazität viele Modelle der Saison 2014/2015 ab Werk bereits ausverkauft.

Über 400.000 Räder haben die Österreicher gekauft und im Fachhandel hierfür durchschnittlich 990 Euro ausgegeben. Die verkauften Räder finden auch den Weg auf die Straßen. Der Mobilitätsagentur zufolge wurde in Wien noch nie so viel Radverkehr gemessen wie im Jahr 2014. Das größte Plus im Vergleich zum Vorjahr gab es mit 24 Prozent am Ringradweg.

Seit Jahren steigen auch die Verkaufszahlen für Pedelecs- den als E-Bikes bekannten Fahrrädern mit Tretunterstützung - kontinuierlich. Anders als bei Elektro-Scootern muss der Benutzer hier weiterhin selber treten. Der Elektromotor eines E-Bikes liefert nur Unterstützung, wenn gleichzeitig in die Pedale getreten wird.

Fachhändler wie etwa der "Mountainbiker" sehen bei den E-Bikes noch viel Potenzial. Das Pensionisten-Image der E-Bikes ist abgelegt, denn Kinder und Einkäufe lassen sich mit Motor viel leichter transportieren und selbst weniger gut trainierte Hobby-Sportler kommen mit Mountainbike-Pedelecs in ungeahnte Höhen.

Weitere Innovationen und technischer Fortschritt beleben das Geschäft: Die Elektronik und die Vernetzung hat auch vor den Fahrrädern nicht Halt gemacht. Smart-Bikes mit Bordcomputer liefern etwa in Verbindung mit dem Smartphone Informationen zu Geschwindigkeit, Trittfrequenz oder Reichweite, Navigieren per GPS und können Fahrten aufzeichnen und daraus persönliche Fitness-Analysen erstellen.

4. Radfahrer beflügeln den Handel

Radfahrer tun dem innerstädtischen Handel, der mit Shopping-Malls und dem Online-Handel konkurrieren muss, gut. Radfahrer suchen einer WKO-Studie zufolge Nischenprodukte, gute Beratung und radfreundliche Infrastruktur. Sie sind daher ein Faktor, um Ortskerne und Einkaufsstraßen zu beleben. Untersuchungen aus den Niederlanden und Frankreich weisen laut WKO-Studie darauf hin, dass stärkere Radorientierung in den Städten, sich in höheren Umsätzen und in längerer Verweildauer der Kunden niederschlägt.

Ein Großteil der Radfahrer fährt mehrmals wöchentlich Geschäfte an und gibt dabei oft mehr pro Einkauf aus, als es motorisierte Einkäufer oder Fußgänger tun. Fahrradnutzende Personen kaufen gerne dort ein, wo sie wohnen oder arbeiten, das macht sie zu den „besseren“ Kunden - sind sie so doch häufiger und länger vor Ort als Autofahrer, wodurch mit ihnen eine bessere Stammkundenbeziehung aufgebaut werden kann.

Über 80 Prozent der Einkaufsfahrten mit dem Auto sind zudem laut einer Untersuchung des Verkehrsclubs Österreich aus dem Jahre 2006 kürzer als fünf Kilometer. Wege, die leicht mit dem Rad zu bewältigen wären, wiegen doch die meisten Besorgungen unter fünf Kilogramm. Radfahrer sind außerdem gut für das Stadtbild. So benötigt ein PKW für einen Stellplatz 12 m². Auf derselben Fläche lassen sich problemlos zehn Fahrräder abstellen.

5. Fortschritt durch Fahrrad

Infrastrukturausbau ist ein wichtiger Wirtschaftsmotor. Großstädte wie New York, Paris und London machen es vor und setzen auf eine ganz neue Art von Radwegen. Londons Bürgermeister Boris Johnson plant eine Fahrradautobahn quer durch die Stadt. Unter der Amtszeit des radbegeisterten Politiker der Conservative Party entstanden vier "Cycle Superhighways", die von den Randbezirken ins Zentrum führen.

Johnsons Pläne für zwei baulich getrennte, zweispurige Radwege bekommen viel Aufmerksamkeit. Der längere der beiden soll als 29 Kilometer lange "Fahrrad-Autobahn" quer durchs Zentrum den Westen mit dem Osten verbinden - durch den Hyde-Park, am Buckingham-Palast vorbei sowie dem Parlament mit Big Ben. Bestimmte Bezirke sollen zu "Mini-Hollands" umgebaut werden und bekommen dafür Extrageld.

Infrastruktur und Sicherheit im Verkehr sind auch Themen im Wahlkampf auf der Insel - die politischen Parteien haben die Menschen ohne Auto als Zielgruppe entdeckt. Kreativität kennt keine Grenzen: Unterirdische Radrouten in ungenutzten U-Bahn-Tunneln, 220 Kilometer Radstraßen auf Pfeilern hoch über dem Auto- und Schienenverkehr oder gar schwimmende Radwege auf der Themse sind angedacht. In Österreich könnten Synergien aus Rad-Infrastruktur und Breitband-Ausbau genutzt werden.

6. Radfahren und Tourismus

Tourismus ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Österreichs. Wandern und Radeln sind vor allem im Sommer bei Österreich-Besuchern beliebt, und mit Fahrrad-Touristen können der Studie "Wirtschaftsfaktor Radfahren" zufolge die größten Wertschöpfungseffekte erzielt werden. Ob sportlich am Berg, gemütlich entlang der Donau oder bei der Erkundung und Fortbewegung in den Städten.

Den Trend weg vom Auto hin zum Fahrrad hat auch Intersport-CEO Mathias Boenke registriert: "Seit etwa fünf Jahren haben Tourismus-Regionen stärkeres Interesse an E-Bikes, aber auch die Einheimischen am Land kommen immer mehr auf den Geschmack."

7. Gesundheit: Strampeln für Kreativität und Produktivität

Auch Arbeitgeber profitieren von radelnden Mitarbeitern. Wer rund 30 Kilometer pro Woche mit dem Fahrrad fährt tut sich laut British Health Foundation langfristig Gutes: Das Risiko an Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf zu erkranken reduziert sich dadurch bereits um 50 Prozent.

Auch die mentalen Fähigkeiten profitieren vom regelmäßigen Radeln: Die Neubildung der grauen Zellen, die für räumliches Denken und das Erinnerungsvermögen zuständig sind, wird mit regelmäßiger Bewegung auf dem Rad angeregt, so das " British Journal of Sports Medicine". Probleme lösen erfordert einen freien Kopf und Kreativität, diese Fähigkeit wird durch 25 Minuten jeglichen aeroben Trainings gestärkt. Mit der Ausschüttung von Endorphinen bei dem täglichen Weg am Rad in's Büro, steigert sich die Laune. Die Regeneration von Stress, Belastungen und Niedergeschlagenheit kann so nachhaltig gestärkt werden. Radeln von der Arbeit nach Hause hilft beim Abschalten.

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