Elke Heidenreich im FORMAT-Interview: „Ich mache meine Sendung weiter!“

Elke Heidenreich über ihren Wien-Besuch, das ZDF und ihre Zukunftspläne.

FORMAT: Erst vor wenigen Wochen verzeichnete die Frankfurter Buchmesse Besucherrekord. Am 17. 11. startet die Buch Wien. Wie viel Messe verträgt der Markt?
Elke Heidenreich: Letztlich ist alles gut, was fürs Buch getan wird. Natürlich ist auf solchen Messen viel Selbstdarstellerei dabei. Aber hinter den Kulissen werden Geschäfte gemacht. Da werden Lizenzen ge- und verkauft. Insofern ist das ganz normal, dass man nicht immer nur für Möbel oder Autos Messen veranstaltet, sondern auch für Bücher.
FORMAT: Wie erfolgsträchtig sehen Sie die Idee, die Buch Wien als Drehpunkt für südosteuropäische Literatur zu etablieren?
Heidenreich: Das finde ich wunderbar. Seit Jahren beobachte ich Verlage wie den wunderbaren Wieser Verlag, die sich etwa mit Literatur aus Albanien oder Bulgarien beschäftigen, die viel zu wenig beachtet und übersetzt wird. Wenn Wien sich darum kümmert, weil es in der Mitte des Schmelztiegels liegt, wäre das fein. Das ist auch dringend nötig, wir schielen ohnehin immer nur nach Amerika.

Leseempfehlungen am Riesenrad
FORMAT: Sie sind als „Botschafterin des Lesens“ geladen und werden bei einer Fahrt im Wiener Riesenrad empfehlen, was man lesen soll. Heiligt der Zweck alle Mittel?
Heidenreich: Warum nicht mal neue Wege gehen? Solange ich nicht allein in der Gondel sitze und Menschen erreiche. Ich habe auch schon ein Interview auf der Spitze des Mont Blanc gemacht. Ich finde einfach wichtig, dass wir nicht vergessen, was Bücher uns bedeuten: dass sie uns die Welt erklären, uns zeigen wo unsere Wurzeln sind. Eine Gesellschaft, die nicht liest, ist für mich verloren. Aber ich glaube nicht, dass ICH den Österreichern das Lesen beibringen muss. Aber wenn ich etwas dazutun kann, dass es wichtiger genommen wird, bin ich froh.
FORMAT: Da liegen Sie auf einer Linie mit Rapper Bushido, der sich mit seiner Autobiografie als Animateur für jene sieht, die sonst kein Buch in die Hand nehmen würden.
Heidenreich: Ich kenne sein Buch nicht, aber das lesen wahrscheinlich wirklich Leute, die sonst nie etwas anderes als die „Bild“-Zeitung lesen. Wenn es nicht zur Verblödung aufruft, warum nicht. Aber das hat nichts mit dem zu tun, wovon ich rede: nämlich von Literatur.

"Jedes Buch bekommt eine Stunde"
FORMAT: Wie wählen Sie aus den Unmengen an Neuerscheinungen aus?
Heidenreich: Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren beruflich mit Büchern, da kennt man sich aus, kennt die Verlage und die Produkte. Ich wähle nach Kenntnis und Gefühl, dann bekommt jedes Buch rund eine Stunde, also 50–60 Seiten, und danach weiß ich, ob mich das reinzieht, ob es für die Sendung oder nur für mich wichtig ist. Es eignet sich einfach nicht alles für eine populäre TV-Sendung, in der ich nicht Literaturkritik mache, sondern Buchempfehlungen gebe. Für manche Bücher braucht es eine gewisse Bildung, da führt kein Weg vorbei.
FORMAT: Vielen Büchern haben erst Sie zu Popularität verholfen.
Heidenreich: Mein wichtigstes Pfund ist meine Glaubwürdigkeit, dass ich wirklich hinter den Büchern stehe, die ich empfehle. Aber es ist klar, dass das trotzdem nicht alle mögen. Es haben ja nicht alle meinen Geschmack. In den fünfeinhalb Jahren, die ich nun die Sendung gemacht habe, haben wir wirklich die Bestsellerlisten bestimmt. Und Bestseller heißt nun mal: gut verkauft, also viel gelesen. Ich will möglichst viele Menschen ans Lesen bekommen, und zwar mit Qualität!

"Mache auf jeden Fall weiter"
FORMAT: Was wird nun nach dem Rauswurf beim ZDF mit Ihrer Mission?
Heidenreich: Es ist infam gewesen, so eine Sendung abzusetzen, und steht in keinem Verhältnis zu meiner Kritik. Ich empfinde großen Zorn auf das ZDF, aber keinen persönlichen Kummer, denn ich selber mache auf jeden Fall weiter. Ich konnte mich nach dem Rauswurf vor Angeboten gar nicht retten und habe mir das Beste rausgesucht. Die Sendung „Lesen“ kommt also, so wie sie ist, mit mir zurück, nur auf einem anderen Platz! Wenn alles läuft, schon ab Dezember. Details dazu wird es am 28. 11. geben.
FORMAT: Nicht von ungefähr hat Claus Peymann Sie die „Heilige Johanna der Literaturschlachthöfe“ genannt …
Heidenreich: Das verpflichtet natürlich. Aber ich bin dieser Art Fernsehen müde, wo man gegängelt wird und keine anständigen Sendetermine bekommt, außer nach 23 Uhr. Vielleicht reicht ja dieser Krach dazu, dass es endlich eine Qualitätsdebatte gibt: Man kann ja auch Unterhaltungssendungen erst um 22 Uhr ansetzen, wenn der Zuseher schon drei Bier intus hat. Aber ich habe das Gefühl, das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist ein Auslaufmodell. Da sitzen diese verkrusteten Kerle, die ich angegriffen habe, und bewegen ihre Hintern nicht.

"Sitze in einem Berg von Leserbriefen"
FORMAT: Die Reaktionen auf Ihre Absetzung waren enorm.
Heidenreich: Ich sitze in einem Berg von Leserbriefen, fast alle positiv bis auf einige, die meinen, ich sei eh schon zu faltig fürs Fernsehen. Man muss ja heutzutage immer etwas blonder und jünger sein. Genau diese Denkmodelle halte ich für falsch und volksverblödend.
FORMAT: Auf wen tippen Sie als Ihren Nachfolger beim ZDF? Die Palette reicht von Denis Scheck bis Harald Schmidt.
Heidenreich: Scheck, höre ich, bleibt in der ARD, Schmidt wird es mit Sicherheit nicht machen. Vielleicht sollte man ja Bushido fragen oder Dieter Bohlen, dann klappt sicher auch schon ein Sendetermin um 20 Uhr.

Interview: Michaela Knapp

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★

Slideshow

Kultur & Style

Weihnachtsbäume der Welt