Garten-Boom: Den Traum vom eigenen Garten verwirklichen

Es soll Zeiten gegeben haben, da war Gärtnern etwas für Spießer auf dem Land. Heute erobern Schaufel und Harke die Stadt. Zwischen den Häusern wird es wieder grün.

Roland Düringer tut es. Großeltern und ihre Enkel tun es, Familien mit Kindern, benachbarte Singles, Studenten und Pensionisten, quer durch alle Fachgebiete und Berufe: Sie gehen raus, stecken Samen oder Setzlinge in Erde, hegen und pflegen und ernten. Rund um die Welt wird nach Grünräumen gesucht, werden Balkone und Terrassen bepflanzt. „Der Trend ist aus Metropolen wie New York auch nach Österreich gekommen“, sagt Eva Hofer, die bei den Wiener Stadtgärten für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Seit zwei Jahren erfolgt gerade im urbanen Raum so etwas wie die Rückeroberung der Stadt durch die Natur – und zwar in unterschiedlichster Form.

Am wörtlichsten nimmt die Rückeroberung wahrscheinlich das sogenannte Guerilla Gardening, mit dem sich etwa auch die aktuelle Ausstellung „Handson Urbanism“ im Architekturzentrum Wien befasst. „Unsere Ursprungsidee ist es, den öffentlichen Raum wieder selbst zu gestalten“, sagt Willi, der Teil der Wiener Guerilla-Gardening-Bewegung ist. Die Untergrund- Gärtner suchen dafür brachliegende Flächen, setzen ausschließlich nützliche Pflanzen, pflegen und ernten sie im Kollektiv. Mittlerweile sind in Wien auf rund 300 Quadratmetern Beete entstanden, auf denen vom Radieschen bis zum Karfiol alles Mögliche wächst. „Wir bekommen sehr viel Zuspruch“, erzählt Willi, „und wir lernen das Gärtnern im Kollektiv.“

Gemeinsam etwas zu schaffen steht auch bei den sogenannten Nachbarschaftsgärten im Vordergrund. Die Wiener Stadtgärten zum Beispiel bieten gegen bestimmte Auflagen Förderungen für Gärten an, die von Vereinen betreut werden, zu denen sich Freunde oder Nachbarn zusammengeschlossen haben. Dreizehn solcher Projekte laufen bereits, die Nachfrage ist groß und steigt – auch nach Förderungen für Dachgärten. „Die Menschen wollen wieder wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen“, erklärt Eva Hofer den Trend zum Selbstanbauen. Außerdem stelle ein Fleck Garten, und sei er noch so klein, Lebensqualität dar.

Etwas größer werden die Flächen, je weiter am Stadtrand sie sich befinden. Dort gibt es in vielen österreichischen Städten Parzellen zum Mieten, die teils schon vorbepflanzt sind oder noch ganz unberührt für das eigene Gartenprojekt bereitstehen.

Dass die Arbeit auf dem Balkon, auf der Terrasse oder im Garten tatsächlich Arbeit ist, die nachhaltigen Einsatz und auch ein bisschen Fachwissen erfordert, schreckt die wenigsten ab. Im Gegenteil: „Das Selbermachen und auch das Scheitern lässt viele die echten Aromen vollreifer Früchte erst richtig genießen“, beobachtet Frank Schumacher, der den Botanischen Garten der Universität Wien leitet. Hier wird Mitte April auch wieder die Raritätenbörse stattfinden, auf der professionelle und private Anbieter ihre Pflanzen vorstellen. Mehr als 12.000 Besucher hat diese Börse mittlerweile, und das umfassende Angebot zeigt, worum es den Gärtnern von heute ebenfalls geht: um Vielfalt. Alte und besonders seltene Sorten seien gefragt, exotische Farben und Düfte stehen ebenso hoch im Kurs wie fast schon vergessene heimische Gewächse. Je nach Geschmack, Platz, Lage und dem finanziellen Background kann es eigentlich überall grüner und bunter werden – das Angebot an Pflanzen und Zubehör ist riesig. Gerne gekauft werden laut Schumacher auch Familienbäume, auf denen drei bis vier Sorten veredelt sind, die dann nacheinander im August, September und Oktober reif werden.

„Auch deshalb gärtnern viele Menschen gern: weil sie wieder merken, dass die Dinge ihre Zeit brauchen“, sagt Lisa Reck von der City Farm Schönbrunn. In den Anlagen hinter der Gloriette können Erwachsene, aber vor allem Kinder und Jugendliche aller gesellschaftlichen Schichten sich gemeinsam als Gärtner versuchen. Reck: „Spätestens beim Ernten bemerken sie, dass die Arbeit und die Geduld sich auszahlen.“

Tipps für Hobbygärtner
Blogs: www.guardian.co.uk/profile/alys-fowler – die Garten-Vorreiterin aus England.
www.yougrowgirl.com – Garten-Blog mit Kultfaktor seit 2000
www.thisgardenisillegal.com –
Gärtnern als Obsession
http://ggardening.blogsport.eu –
Guerilla Gardening in Wien

Nachbarschaftsgärten: Workshops, Förderungen u. a.
für Dachgärten: MA 42 Wien, post@ma42.wien.gv.at

Ökoparzellen: In den Bundesländern über die Landwirtschaftskammern;
in Wien auch über die Stadt Wien, lw@ma49.wien.gv.at

City Farm Schönbrunn, Wien: Kurse für Kinder und Erwachsene, Beete für Kinder und Jugendliche. www.cityfarm.at

Raritätenbörse: Pflanzenvielfalt von professionellen und privaten Anbietern zum Kaufen; im Botanischen Garten der Universität Wien: 13.–15. April 2012; Detailinfos zu den Bundesländer-Terminen unter: www.netzwerk.arche-noah.at

– Martina Bachler

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