ORF-Traum: Unabhängiger von Parteipolitik, nicht „unpolitisch“

Ein öffentlich-rechtliches Medium muss seine gesellschaftspolitische Bedeutung begreifen und leben, sonst verliert es seine Legitimations- und Existenzgrundlage.

Der tote Winkel, Alptraum eines jeden Journalisten: Wenn der Redaktionsschluss vor ein wesentliches Ereignis fällt und das Erscheinungsdatum danach. Dann liegt man als Medium im „toten Winkel“. Wie dieses FORMAT bei der Wahl der neuen ORF-Führung: Mittwoch letztmöglicher Kommentar, Donnerstag Sitzung des Stiftungsrates, Freitag Erscheinen. Das hat auch seine guten Seiten: Die Bedeutung des größten österreichischen Medienunternehmens ist viel größer, als sie auf personelle Weichenstellungen zu reduzieren.

Mein Kollege von „TV-Media“ hat in seinem dieswöchigen, äußerst vergnüglich zu konsumierenden Leitartikel unter Anspielung auf eine Tageszeitungswerbung „einen Traum“: „Alles war neu. Alles, worauf ganz Österreich immer gewartet hat. Der ORF war neu. Unpolitisch. Modern. Geführt wie jedes andere Medienhaus.“ Einspruch, lieber Atha Athanasiadis: Ja, der ORF soll möglichst neu und modern sein. Aber „unpolitisch, geführt wie jedes andere Medienhaus“? Das kann und soll der ORF nicht sein. Außer er hört auf, ein öffentlich-rechtliches Unternehmen zu sein, gemäß dem flapsigen Spruch des einstigen TV-Gurus Helmut Thoma im sonntägigen „Kurier“: „Öffentlich-rechtlich, privat, wen interessiert das?“ Okay, dann gibt es keinen ORF mehr, der durch ein eigenes Gesetz dazu verpflichtet ist, qualitativ hoch stehende Informations- und Kulturleistungen zu erbringen, auch zur Förderung der österreichischen Identität. Solange das nicht so ist (und vieles spricht gesellschaftspolitisch dafür, den ORF nicht zu einem RTL 3, SAT.2 oder PRO 8 werden zu lassen), muss er sich öffentlicher Kontrolle unterziehen, nicht zuletzt deshalb, weil nur ein öffentlich-rechtlicher Sender die Legitimation dafür besitzt, von allen Haushalten Sendegebühren zu kassieren. Und öffentliche Kontrolle heißt eben auch – nicht nur – die Mitsprache der Politik, in Österreich noch immer durch und mit Parteien organisiert. Natürlich auch durch Institutionen der Zivilgesellschaft, durch kulturelle, karitative, sportliche Gruppen, unabhängig von den Parteien. Also: Der ORF sollte unabhängiger von der Parteipolitik werden, vor allem auch durch ein selbstbewusstes Auftreten seiner Journalisten und Manager – aber „unpolitisch“ darf er nicht sein.

Im Gegenteil: Eine Anstalt wie der ORF muss begreifen, dass es ein – und zwar sein ureigenstes – gesellschaftspolitisches Anliegen ist, die Informationssendungen möglichst kritisch und kontrollierend, aufdeckend und analytisch zu gestalten, die Diskussionskultur im Lande durch möglichst informative und spannende Themen und Runden zu verbessern, mit dem Unterhaltungs- und Kulturprogramm auch heimische Künstler und Produktionen zu fördern und natürlich dem Sportgeschehen jenen Rang einzuräumen, den es als Phänomen der
Massenkultur längst hat.

Das bedeutet keine Frontstellung Quote gegen Qualität, auch nicht deren „Abschiebung“ in institutionalisierte Spitzenprogramme wie Ö1 oder FM4 (die es in dieser Form nur in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gibt). Der ORF ist auch in den letzten Jahren mit Massenprogrammen wie „Trautmann“ bestens gefahren, die in der Tradition von „Kottan“ sowohl unterhaltsam als auch kritisch waren (die bewährte Mischung vom „Bullen von Tölz“), mit den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ von Elizabeth Spira etwa oder ihren „Alltagsgeschichten“. Auch der viel gescholtene Informationsbereich hat seine Stärken: Die „ZiB 2“ etwa braucht keinen Vergleich mit einer anderen internationalen Informationssendung zu scheuen. Es gilt auch da viel zu verbessern – aber nicht im Sinne einer „unpolitischen“ Kommerzanstalt (die es im vorherigen Sinne übrigens gar nicht gibt).

Das ist wohl die schwierigste Aufgabe: Programme zu entwickeln und zu verwirklichen, die sowohl breitenwirksam als auch „aufklärerisch“ sind im Sinne der Abbildung sozialer Realitäten. Dazu gehört in erster Linie die Motivation der vielen ausgezeichneten Mitarbeiter, die der ORF hat, die Beseitigung der Tatsache, dass es in dem Riesenunternehmen – deklariert oder nicht – etliche „weiße Elefanten“ gibt, die frustriert weit unter ihrem Wert (nicht) beschäftigt sind. Sie müssen ihre volle Kreativität einbringen (können), sie sind das größte Kapital der Anstalt. Und deren Hauptversicherung gegen übergroße Begehrlichkeiten der Parteipolitik und – noch dringlicher – die wachsende Konkurrenz am digitalisierten Markt.

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