Kranke Pflege. Reportage und Debatte - Das große Geschäft mit der Betreuung

In Österreich pflegen rund 40.000 illegal Beschäftigte alte Menschen rund um die Uhr. FORMAT-Report über einen Markt, der mehrere Millionen Euro schwer ist.

Beim VVKAP läuft alles ganz diskret. Über die Heimhilfe wird man nicht an den Schreibtischen des Büros im dritten Wiener Gemeindebezirk beraten, sondern am Küchentisch im hinteren Teil. Niemand kann von außen sehen, dass man für seine Großmutter eine Pflegerin aus der Slowakei sucht.

Die Beraterin fragt ohne Umschweife. Es geht um den Gesundheitszustand der zu Pflegenden und dann schnell um die Kosten. Aber auch um die Rechte der Heimhilfe, die hier als Praktikantin bezeichnet wird. Sie braucht ein eigenes Zimmer, die Möglichkeit, Küche und Bad mitzubenützen, die Freiheit, jederzeit zum Arzt zu gehen. Sie muss auch jeden Donnerstagnachmittag frei bekommen, damit sie das lernt, was sie als Heimhilfe laufend können muss. Zur Ausbildung ist die VVKAP vom Magistrat Wien befugt. Als Pflegerin arbeiten, also Medikamente verabreichen und Bettlägrige pflegen, dürfen von VVKAP vermittelte Slowakinnen nicht. So erklärt es die Beraterin.
Dass VVKAP Heimhilfen anbietet, ist nicht offensichtlich. VVKAP steht für „Verlag zur Vermittlung von Kooperationen, Adressen und Partnerschaften“. Das Unternehmen beschäftigt sechs Mitarbeiter und firmiert in der Rechtsform einer Ges.m.b.H., die im vergangenen Jahr einen Bilanzgewinn von 500.354,60 Euro ausgewiesen hat.
VVKAP ist einer der 20 bis 30 Anbieter von Pflegediensten in Österreich. Diese ziehen im Zuge der Pflegedebatte verstärktes öffentliches Interesse auf sich. Sie bieten nämlich das, was die großen österreichischen Anbieter von Betreuung und Pflege – Österreichisches Hilfswerk, Caritas, Volkshilfe, Diakonie und Rotes Kreuz – nicht können: Rund-um-die-Uhr-Betreuung zuhause. Schätzungsweise 40.000 Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten Osteuropas betreuen hier regelmäßig etwa 20.000 ältere und kranke Menschen. Sie dürften das nicht, weil Österreich seinen Arbeitsmarkt, abgesehen von einigen Ausnahmen, für sieben Jahre gesperrt hat. Sie bleiben jeweils zwei Wochen und wohnen bei der zu betreuenden Person. Die verbleibenden zwei Wochen des Monats übernimmt im Wechsel eine andere Pflegekraft.

Vermittlungsagenturen bedienen den Markt

Die Betreuer, die hauptsächlich aus Tschechien und der Slowakei kommen, werden von Agenturen vermittelt. Auch die Familien von Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel haben deren Dienst in Anspruch genommen. Sie hatten für ihre Angehörigen Rund-um-die-Uhr-Betreuung von slowakischen Betreuerinnen.

„Wir haben es hier mit einer multiplen Illegalität hinsichtlich des Sozialrechtes und des Arbeitsrechtes zu tun“, sagt Helmut Ivansits, Leiter der Sozialabteilung der Arbeiterkammer. Die ausländischen Pflegerinnen hätten weder Versicherungs- und Pensionsansprüche noch Rechte aus dem Kollektivvertrag. Die Pflege älterer und kranker Menschen, die nicht akut in Krankenhäusern behandelt werden müssen, ist ein riesiger Markt. Allein das Österreichische Hilfswerk, mit 7.600 Angestellten die größte derartige Organisation, setzte im vergangenen Jahr 150 Millionen Euro um.

Absolut intransparent ist der Markt der Agenturen, die Pflegekräfte und Heimhilfen vermitteln. Geht man von 20.000 Hilfesuchenden und demnach 40.000 Pflegerinnen aus, beläuft sich die finanzielle Dimension dieses grauen Marktes auf 486 Millionen Euro im Jahr. Das hat das Österreichische Hilfswerk errechnet. Ein anderer Anhaltspunkt für die Geldbeträge, die hierbei in Umlauf sind, ist die Anzahl der Bezieher von Pflegegeld. Vom Bund bekamen Ende Juli dieses Jahres 319.429 Österreicher Pflegegeld – im Durchschnitt 422 Euro pro Monat.

Sie wurden Berechnungen des Hilfswerkes zufolge zu 55 Prozent von Menschen bezogen, die von Angehörigen gepflegt werden. Ein weiteres Viertel nimmt die Dienste einer mobilen Betreuung, kombiniert mit der Hilfe Angehöriger in Anspruch. So werden also 80 Prozent aller in Österreich Hilfs- und Pflegebedürftigen zuhause betreut. Nur 15 Prozent logieren in Heimen. Fünf Prozent nehmen die Hilfe von in Österreich illegal tätigen Menschen in Anspruch.

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