Gesundheit: Angriff auf die Fachärzte
Totalumbau im Gesundheitssystem

Die Mediziner sprechen von „Vernichtung“ ihres Berufsstandes.

Bestens gelaunt betrat Michaela Moritz vor drei Wochen das niederösterreichische Landhaus in St. Pölten. Unter ihrem Arm: vier Mappen, alle versehen mit der Aufschrift „Umfassende Gesundheitsversorgung Niederösterreich“. Im Auftrag von Ministerin Maria Rauch-Kallat und dem niederösterreichischen Finanzlandessrat Wolfgang Sobotka hatte Moritz, Geschäftsführerin des Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), vier Pilotprojekte zur Neuordnung des Gesundheitssystems abgeschlossen. Das Ergebnis präsentierte die Juristin der Ärztekammer und den zuständigen Landespolitikern. Der hochbrisante Inhalt des Papiers: Ein Großteil der medizinischen Untersuchungen wird in Krankenhäusern billiger erbracht als von niedergelassenen Ärzten. Moritz: „Teure Parallelstrukturen gehören abgeschafft.“ Die ÖBIG-Erkenntnisse sind Wasser auf die Mühlen von Landesrat Sobotka: Der möchte nämlich die Ambulanzen niederösterreichischer Spitäler zu Gesundheitszentren mit Kassenverträgen ausbauen. Ein Teil der niedergelassenen Fachärzte soll in Zukunft dort Dienst versehen. Der Facharzt mit eigener Praxis, so die eindeutige Botschaft, ist ein Berufsbild mit Ablaufdatum – außer sie finanziert sich über Privatpatienten.

Dementsprechend heftig fällt auch die Reaktion des niederösterreichischen Ärztekammerpräsidenten Lothar Fiedler aus: „Die Politik droht mit Vernichtung der niedergelassenen Fachärzte. Es gibt Bestrebungen, sie in die Krankenhäuser zu verfrachten oder sie auf subtile Art umzubringen.“

Agenturen sollen Medizinleistungen einkaufen, wo sie am billigsten sind. Was die Politik in St. Pölten derzeit im Feldversuch erprobt, könnte zum Vorbild für die anderen Bundesländer werden. Die Reform des österreichischen Gesundheitssystems, die Ministerin Maria Rauch-Kallat vorschwebt, enthält als zentrales Element die so genannten Gesundheitsagenturen: Eine Bundesagentur und neun Landesagenturen werden Anfang 2005 gegründet und sollen in Zukunft die gesamte medizinische Versorgung planen, überwachen und koordinieren. Die Agenturen sollen die medizinischen Leistungen auch von den jeweiligen Anbietern, also Ärzten, Krankenhäusern und Ambulanzen, einkaufen – und zwar dort, wo sie am billigsten sind. Landesrat Sobotka: „Wir wollen auch im Gesundheitswesen Markt zulassen“ (siehe Interview im neuen FORMAT).

Ein Beispiel: Eine Echokardiografie – eine Herz-Ultraschall-Untersuchung – kostet laut Tarifverordnung der niederösterreichischen Gebietskrankenkassa 63,23 Euro, dieselbe Untersuchung kostet in den Krankenhäusern Krems, Mistelbach und St. Pölten im Durchschnitt nur 41,34 Euro. In diesem Falle würde die Ambulanz zum Zug kommen.

Die ganze Story lesen Sie im neuen FORMAT
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