Dollar-Talfahrt gefährdet Konjunkturerholung

Wenn die US-Währung abstürzt, gerät nicht nur der zarte Aufschwung in Europa in Gefahr, sondern auch die Stabilität der Weltwirtschaft.

Der Patient wird seit eineinhalb Jahren zusehends schwächer und hat in dieser Zeit ein Drittel an Gewicht verloren. Sollte er demnächst kollabieren, die Folgen wären fatal. Die Rede ist vom US-Dollar, der Leitwährung der Weltwirtschaft. „Eigentlich wären alle Ingredienzien für einen Währungskollaps in den USA vorhanden“, konstatiert Raiffeisen-Währungsanalyst Valentin Hofstätter im Einklang mit vielen Experten – um sich schnell in eine weniger bedrohliche Hoffnung zu flüchten: „Ich rechne aber eher mit einem weiteren Kursrückgang in einem kontrollierten Prozess.“

Das Prinzip Hoffnung ist angesagt. Denn ein horrendes Leistungsbilanzdefizit der USA und ein ständig steigendes Budgetdefizit setzen dem Dollar zu. Regierung und Bürger der USA leben auf Pump, finanziert vom Rest der Welt. Kippt die Situation, könnte der Greenback ungebremst abstürzen, die US-Zinsen würden massiv steigen, die Investitionen rapid zurückgehen. Das zarte Pflänzchen des Aufschwungs in Europa wäre zertreten.

Seit Jahresmitte 2001 hat der Dollar im Verhältnis zum Euro schon mehr als 35 Prozent an Wert verloren: Der Kurs für einen Euro erhöhte sich von 0,85 auf 1,18 Dollar. Raiffeisen-Mann Hofstätter erwartet einen dauerhaften Anstieg auf 1,25 Dollar. Etliche Fachleute prognostizieren gar einen Euro-Kurs von 1,40 Dollar. So schwach war US-Währung bisher nur einmal in der Geschichte, nämlich kurzfristig Mitte der neunziger Jahre.

Für die europäische Wirtschaft wäre dieses Kursniveau ein Horrorszenario. Ein starker Euro macht Exporte in den Dollarraum teurer und kostet europäischen Firmen Marktanteile und Gewinne. Der Aufschwung, auf den auch Österreich im nächsten Jahr hofft, wäre dadurch stark gefährdet. „Ein Kurs von 1,20 dämpft den Aufschwung, macht ihn aber nicht kaputt. Bei 1,40 kriegen wir ein Riesenproblem. Das ist der stärkste Risikofaktor für die österreichische Konjunktur“, erklärt Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS).

Gift für die österreichischen Export-unternehmen. „Wir gehen davon aus, dass ein um zehn Prozent höherer Eurokurs rund einen halben Prozentpunkt Wachstum kostet“, präzisiert Erhard Fürst, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Statt des für 2004 prognostizierten BIP-Wachstums von 1,4 Prozent würde Österreichs Volkswirtschaft bei einem Kurs von 1,40 demnach nur um 0,5 Prozent wachsen. Für die heimischen Exporteure wird es schon vorher kritisch. Unternehmen wie Andritz, Semperit oder Böhler-Uddeholm, die hohe Umsatzanteile im Dollarraum erwirtschaften, sind davon besonders betroffen.

Die Ängste vor einem Dollar-Crash sind auf den ersten Blick unverständlich. Die USA warten gerade jetzt mit sensationellen Wachstumsdaten auf. Für das dritte Quartal erwartet etwa der HypoVereinsbank-Chefvolkswirt Martin Hüfner ein US-Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent. 2004 sollte sich das US-Wachstum dann zwischen drei und vier Prozent einpendeln. Ein Blick hinter die Kulissen des US-Budgets zeigt aber, dass es sich um einen Aufschwung auf Pump handelt.

US-Aufschwung auf Pump. Die Bush-Regierung hat den bei ihrem Amtsantritt vorhandenen Budgetüberschuss durch Steuersenkungen und die Kosten des Irakkriegs in ein horrendes Defizit von knapp 5,5 Prozent des BIP gedreht – ein Wert, der Euro-Ländern Sanktionen wegen der Verletzung des Stabilitätspakts einbringen würde. Auch der schwache Dollar bringt kurzfristig einen Wachstumsvorsprung gegenüber Europa. Und das hohe Wachstum ist dringend notwendig, um ausländische Investoren in die USA zu locken. Denn nicht nur die Regierung, auch die amerikanischen Konsumenten leben über ihre Verhältnisse.

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