11. September: Der Jahrestag des Horrors

11. September: Amerika und die Welt bereiten sich auf den Jahrestag der World-Trade-Center-Anschläge vor. Ein gigantisches Spektakel zwischen Trauer, Gedenken, Angst und medialem Overkill.

Die Concorde wird am 11. September planmäßig abheben. Um 10.30 Uhr von London Heathrow. Geplante Ankunft am New Yorker Kennedy-Airport: 9.25 Uhr Ortszeit. Doch ein Flug wie jeder andere wird es nicht. Niemand, weder die Piloten noch die Passagiere, werden die Tatsache verdrängen können, daß sie an einem besonderen Tag über den Atlantik reisen: Weltweit Gedenkveranstaltungen, ein Medienhype von unvorstellbarem Ausmaß und über all dem trotz gigantischer Vorsichtsmaßnahmen die bange Frage: Was passiert, wenn Osama bin Ladens Terrornetzwerk ausgerechnet am Jahrestag des Jumbo-Infernos wieder zuschlägt?

Die Furcht betrifft die gesamte westliche Welt – doch die Bewältigungsstrategien fallen unterschiedlich aus. Auf Business as usual setzen offensichtlich Italiens Touristen und Geschäftsleute – die Maschinen von Italien nach Übersee sind auch am Gedenktag des Schreckens ausgelastet, von Buchungsrückgängen oder gar Streichungen einzelner Flüge wie bei der skandinavischen SAS, der Air France oder den British Airways ist keine Rede. Anders das Bild in den USA: Bei American Airlines, Delta und Continental bleiben Flugzeuge serienweise am Boden: Am 11. September wird Amerika trauern und gedenken.

Seit Wochen schon rüstet die Weltmetropole New York zur vielleicht intensivsten, pompösesten und gleichzeitig einfühlsamsten Gedenkfeier aller Zeiten: Fünf von Dudelsackspielern angeführte Menschenkolonnen werden aus fünf Stadtbezirken im Morgengrauen in Richtung Ground Zero aufbrechen und mit Tausenden Angehörigen der Opfer die Feierlichkeiten eröffnen. Es sind keine Reden vorgesehen, umso mehr soll dafür gelesen werden: historische Stücke wie die „Gettysburg Address“, die Unabhängigkeitserklärung sowie die Liste der Namen aller Opfer – obwohl erst die Hälfte von ihnen endgültig identifiziert ist.

Lesemarathon
Natürlich kommt bei der feierlichen Lesung Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani, der New York durch seine bittersten Stunden dirigierte, eine Hauptrolle zu. Weitere Republikaner – Bürgermeister Michael Bloomberg, Gouverneur George Pataki und Präsident

George Bush – werden ebenfalls im Rampenlicht stehen und historische Texte lesen. Eine Weile schienen die Republikaner gar so überrepräsentiert zu sein, daß die Demokraten an eine Gegeninitiative mit eigenen TV-Spots am Vorabend des Gedenktags dachten. Abgewehrt wurde die Gefahr schließlich nicht zuletzt durch stärkere Einbindung der demokratischen Ex-First-Lady und New-York-Senatorin Hillary Clinton.

„Die ganze Tragweite der Tragödie soll am 11. September der Welt in Erinnerung gerufen werden“, wünscht sich Bürgermeister Bloomberg. Offizieller Beginn und zugleich einer der Höhepunkte der Gedenkfeierlichkeiten ist die Trauerminute um 8.46 Uhr – um diese Uhrzeit ist Flug 11 der American Airlines mit 750 Stundenkilometern in den Nordturm des WTC gerast. Die New Yorker Börse, die nach den Anschlägen für eine Rekordzeit von drei Tagen geschlossen blieb, sperrt am Jahrestag des Infernos erst um 11 Uhr anstatt wie sonst um 9.30 Uhr auf. Genau 102 Minuten wird der offizielle Teil des Gedenkens dauern – bis 10.28 Uhr, dem Zeitpunkt, zu dem der Nordturm in einer Rauch- und Trümmerkaskade kollabierte. Am Abend sind im Central Park und in Dutzenden anderen Parks aller Bezirke Lichterketten geplant. Ausstellungen, die teils bereits Wochen vor dem Jahrestag eröffnet wurden, runden das Programm ab.

Gedenkglocke
Doch fast jeder betroffene New Yorker verfolgt überdies sein ganz persönliches Gedenkprogramm, wie etwa Reverend David W. Schlatter, der für jedes der WTC- und Pentagon-Opfer zehn Sekunden lang eine 2.500 Kilo schwere Bronzeglocke läuten lassen will. Oder wie Chris Keenan, der am 11. September die Ehre seines Freundes Mychal Judge hochhalten will, der als Seelsorger der New Yorker Feuerwehrmänner in den Trümmern des WTC starb.

Autoren: Herbert Bauernebel, New York, Piotr Dobrowolski

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