EZB: Kommt der Ausstieg aus dem Anleihen-Kaufprogramm?

Mario Draghi - der EZB-Boss hat das Schicksal Europas wieder einmal in der Hand.
Mario Draghi - der EZB-Boss hat das Schicksal Europas wieder einmal in der Hand.

Mario Draghi - der EZB-Boss hat das Schicksal Europas wieder einmal in der Hand.

Investoren blicken wieder gespannt nach Frankfurt. Dort entscheidet der EZB-Rat, ob die monatlichen Käufe von Anleihen in Millionenhöhe schrittweise reduziert werden. Es geht um viel. Das Zurückfahren der Anleihenkäufe könnte an den Börsen eine Schockwelle auslösen.

Es geht um viel. Entscheiden sich Mario Draghi, der oberster Notenbanker der EU, und sein Gremium morgen für ein Tapering, also die Reduktion des Umfangs des Quantitative Easing Anleihen-Kaufprogramms der Europäischen Zentralbank, könnte das an den Märkten eine Schockwelle auslösen, die sowohl Börsen, Anleihen als auch Währungen hart treffen würde.

Welche Angst Investoren auch nur die Reduktion der Milliardenspritzen für den Kapitalmarkt einjagt, zeigt das Beispiel der USA. Dort ließ die Ankündigung des selben Vorhabens im Jahr 2013 die Börsen regelrecht einbrechen. Nicht nur die Aktien waren betroffen, auch die Renditen langlaufender US-Anleihen begannen massiv zu steigen. Innerhalb von nur drei Monaten folgten ein Renditeschub von rund 100 Basispunkten und eine kräftiger Kursverfall.

Genau das könnte nun wieder passieren – eben in Europa.

Bereits Gerüchte brachten Markt in Aufruhr

Wie die Sache in Europa ausgehen könnte, hat bereits die Reaktion der Märkte auf einen Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg Anfang des Monats gezeigt. Darin wurde spekuliert, dass die EZB das sogenannte Tapering starten könnte. Die Börsen gingen darauf merklich in die Knie.

Die Notenbanker sind diesen Gerüchten zwar entgegen getreten. „Aber Marktteilnehmer werden künftige Äußerungen aus den Reihen der EZB umso genauer auf mögliche Tapering-Hinweise abklopfen“, weiß Thomas Meißner, Leiter Research-Abteilung der deutschen LBBW-Bank.

Angebot an Anleihen wird knapp

Derzeit kaufen die Zentralbanken des Euroraums monatlich Anleihen für 80 Milliarden Euro. Mittlerweile ist durch die massiven Anleihenkäufe der Notenbank das Angebot an verfügbaren Wertpapieren knapp. Kein Wunder: „Die europäische Geldpolitik ist die lockerste, die es jemals gegeben hat“, analysiert James Athey, Anleihenspezialist bei Aberdeen Asset Management.

Ist der Höhepunkt der Milliardeninjektionen für die europäische Wirtschaft bereits erreicht? Könnte sich die EZB aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung überhaupt erlauben das Kaufprogramm zurückzufahren? Schließlich bilden Konjunkturberichte und Prognosen die Entscheidungsgrundlage für die Notenbanker.

Viel spricht für ein Tapering. Das wirtschaftliche Umfeld ist so gut wie seit langem nicht mehr. So haben die jüngsten Konjunkturdaten positiv überrascht. Die Frühindikatoren für die europäische Konjunktur sind nach zwei Rückgängen im September wieder angezogen. So hat der DZ Bank Euro-Indikator im September um 0,3 Prozent zugelegt. Der Indikator läuft der tatsächlichen Konjunkturentwicklung etwa ein bis zwei Quartale voraus. Der Frühindikator für die europäische Wirtschaft steigt, mit kleineren Rückschlägen, seit dem Jahr 2013.

Leichte Konjunkturbelebung

Insgesamt steht die Eurozone laut Experten vor einer leichten Konjunkturbelebung. Im zweiten Quartal betrug das BIP-Wachstum 0,3 Prozent und dürfte sich in den nächsten beiden Quartalen auf jeweils 0,4 Prozent wachsen, so die Prognose der drei Institute sagten die drei Institute Ifo, Insee und Istat. "Der Konsum wird von der zunehmenden Aufhellung am Arbeitsmarkt und einem regem Wachstum der real verfügbaren Einkommen profitieren, das wiederum durch die anhaltend niedrige Inflation bedingt ist.".

Mehr Aufträge, steigende Produktion

Auch die Investitionen dürften sich etwas beleben. So gewinnt das Wachstum im Industriesektor wieder an Dynamik. Die Indizes für Produktion, Auftragseingang und Exportneugeschäft wiesen allesamt beschleunigte Zuwachsraten aus. Der Einkaufsmanager erreicht damit im September ein Drei-Monatshoch. Die Erwartungen, wie sich die Produktion im verarbeitenden Gewerbe entwickeln wird, ist sogar auf dem höchsten Stand seit fast einem Jahr. Untermauert wird diese Einschätzung durch den Anstieg des Auftragseingangs der Einzelhändler.

Vertrauen der Konsumenten in die wirtschaftliche Entwicklung nimmt zu

Auch das Verbrauchervertrauen ist gestiegen, wenn das die Rückgänge der vergangenen Monate auch nicht wettmacht. Erwartung der Konsumenten wie sich Konjunktur und Einkommen entwickeln, haben sich zuletzt jedoch wieder etwas aufgehellt, wenn auch die Hoffnung der Menschen am Arbeitsmarkt eine neue Beschäftigung zu finden, sinkt.

Inflation auf Kurs

Das Ziel der EZB, die Inflation wieder steigen zu lassen, geht nun endlich auf und dürfte auch aufgrund von Basiseffekten weiter anziehen. Entscheidend, wie die EZB vorgeht, ist jedoch die langfristige Inflationserwartung. Und auch die ist gestiegen. So erreicht die zehnjährige Inflationserwartung im Euroraum ein 5-Monatshoch. Das ist zwar nach Einschätzung von Elmar Völker, Anleihenspezialist der LBBW, kein Grund sich vor einer deutlichen Steigerung der Inflation zu fürchten, „es könnte aber zumindest eine Bodenbildung markieren“, so der Experte. Für den EZB-Rat sind das dennoch gute Nachrichten. Die langfristige Inflationserwartungen sind auf 1,4 Prozent leicht nach oben gegangen. Unterstützung für die Inflation dürfte auch von der Entwicklung des Ölpreises kommen. Die Einigung der OPEC-Staaten die Erdölförderung zu begrenzen, was den Ölpreis steigen lassen dürfte, „reduziert das Risiko neuer deflationärer Schocks vom Ölmarkt“, so Völker.

Dass die Wirtschaft anzieht, belegt auch die stärke Nachfrage nach Firmendarlehen - eine Entwicklung, die ebenfalls ein wichtige Entscheidungsgrundlage für die EZB darstellt. Die Nachfrage nach Krediten dürfte laut einem Bericht der Notenbanker im vierten Quartal voraussichtlich steigen.

Aufschwung noch zu fragil?

Trotz all dieser positiven Signale halten Analysten den Beginn des Ausstiegs aus dem Kaufprogramm aber derzeit dennoch nicht für realistisch. „Die aufkommende Erholung des Wachstums in der Eurozone ist immer noch recht fragil. Nicht zuletzt, weil sich die Defizite immer noch ausweiten", erläutert Aberdeen-Konjunkturexperte Athey.

Was bei einem Ausstieg auf Anleger zukommen könnte

Sollte es, wenn wahrscheinlich auch noch nicht zu diesem Zeitpunkt, zu einem Tapering kommen, also einer Rückführung des Kaufprogramms, kommen auf Anleiheninvestoren schwierige Zeiten zu. „Es drohen Kursverluste, wenn in rund sechs bis zwölf Monaten eine ernsthafte Debatte über Tapering beginnt. Anleihenrenditen würden steigen, was fallende Anleihenkurse bedeuten würde“, sagt Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft BlackRock in Österreich. Anleihen aus der Eurozone sind schon heute nur noch mit Vorsicht zu genießen. „Lediglich ausgewählte Eurozonen-Unternehmensanleihen sind kurz- und mittelfristig noch interessant, weil die Risikoprämien und die EZB-Käufe noch Spielraum für fallende Renditen lassen“, so Herrmann. „Allerdings verschlechtert sich auch in diesem Segment das Rendite-Risiko-Profil zusehends.“ Wie sich derzeit zeigt, ziehen Investoren bereits Geld aus dem europäischen Anleihenmarkt ab.

Staatsanleihen: "Bewertungen haben extreme Niveaus erreicht"

Am besten man lässt derzeit die Finger von Staatsanleihen guter Bonität. Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle Investments sieht sogar typische Merkmale einer bevorstehenden Blase am Staatsanleihenmarkt der Industrieländer. „Die Bewertungen haben extreme Niveaus erreicht, und trotzdem kaufen die Anleger nach wie vor“, schreibt Jim Cielinski, Leiter des Anleihenbereiches bei Columbia Threadneedle, in einem aktuellen Kommentar. „Die Bewertungen sind jedoch nur ein Aspekt. Auch all die anderen zahlreichen Indikatoren, die üblicherweise auf eine Spekulationsblase hindeuten, sind vorhanden.“

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