„Europäische Aktien haben Rezession eingepreist“

„Europäische Aktien haben Rezession eingepreist“

Nach deutlichen Kursrückgängen seit Jahresbeginn könnten europäische Aktien in den nächsten Monaten wieder zu den Gewinnern an der Börse zählen.

Die Weltwirtschaft hat sich 2016 stabilisiert. Die großen Börsen weltweit haben dennoch extrem unterschiedlich darauf reagiert. Warum sich die Kurse so unterschiedlich entwickelt haben und wo Aktienexperten derzeit Ertragspotential sehen.

Und wieder ist nichts passiert. Wieder einmal ist eine US-Zinserhöhung ausgeblieben und die Anleger haben freudig reagiert und den Kursen von der Wall Street über Hongkong bis Frankfurt einen spürbaren Schub verliehen. Schließlich bedeutet, dass das der Geldhahn der US-Notenbank weiter offen steht. Doch wie ist die ausgebliebene Zinserhöhung tatsächlich einzuschätzen und worauf müssen sich Anleger einstellen, wenn die USA doch beginnt die Leitzinsen wieder zu erhöhen? Welche Aktienmärkte dürften in den nächsten Monaten profitieren?

Dieses Jahr hielt noch eine Serie schwächerer Konjunkturdaten, die magere Entwicklung der Weltwirtschaft und die lange Zeit hartnäckig niedrige Inflation die US-Währungshüter bislang von einer geldpolitischen Straffung ab. Stefan Kreuzkamp, oberste Anlagechef der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, rechnet aber noch heuer mit einem Zinsschritt. Zuvor will die Notenbank aber Fortschritte auf dem Weg zu Vollbeschäftigung und stabilen Preisen sehen. Das erste Ziel ist praktisch erreicht. Doch bei der Inflationsrate ist die Fed noch immer ein gutes Stück von der angestrebten Teuerungsrate von zwei Prozent entfernt.

Zinserhöhungen werden mit Bedacht erfolgen

Große Risiken sieht Uli Krämer, Leiter des Portfoliomanagement der Investmentgesellschaft Kepler, aber durch künftige US-Zinsanhebungen nicht. „Die Zinsanhebung in den USA wird sehr moderat und mit Bedacht erfolgen“, prognostiziert Krämer.

Doch es kommt grundsätzlich darauf an, aus welchen Gründen Notenbanken Zinsen erhöhen. Wenn etwa die Inflation steigt, der Wirtschaftskreislauf aber nicht stärker in Schwung kommt, wäre eine Zinserhöhung nach Einschätzung von Krämer eine Maßnahme, die auf den Kapitalmärkten stärkere Ausschläge nach sich ziehen dürfte. Wenn die Währungshüter jedoch die Zinsen erhöhen, weil die Rahmenbedingungen passen, wird das auch von den Märkten positiv aufgenommen. Von letzterem geht Krämer aus, der wie Kreuzkampf mit moderaten Zinserhöhungen in den USA rechnet. "Die Ausgangssituation in vielen Ländern ist dafür ist auch deutlich besser als vor einem Jahr", so der Kepler-Portfolio-Chef. Damals hatte die US-Notenbank FED erstmals ankündigte die Zinsen erhöhen zu wollen. Ein guter Arbeitsmarkt und anziehende Investitionen rücken in den USA die Wachstumsrate von rund zwei Prozent nach enttäuschenden 1,2 Prozent im ersten Halbjahr wieder in Reichweite. Die Entscheidungen der Fed hängt letztlich nicht nur mit der ökonomischen Situation der USA zusammen, sondern auch mit der Gesamtverfassung der Weltwirtschaft zusammen, die immer stärker voneinander abhängig ist.

Viele Länder stehen wesentlich besser da als vor einem Jahr

„Vor einem Jahr war die Weltwirtschaft noch in einem deutlich fragilerem Zustand als heute und auch die Psyche der Marktteilnehmer hat sich stabilisiert“, diagnostiziert Krämer. So stabilisieren sich derzeit ökonomische Krisenländer Russland und Brasilien und das mit Wachstumsabschwächungen konfrontierte China. „Diese stehen in ihrem Wirtschaftszyklus wesentlich stärker da als vor einem Jahr“, so der Investmentexperte. So sei die Verschuldung der Unternehmen in China zwar nach wie vor ein Problem, aber in Summe hätte sich die makroökonomische Situation verbessert. „Vieles deutet darauf hin, dass sich die Situation in vielen Schwellenländern weiter verbessert“, urteilt Krämer. Auch sei der Staat in China nicht mehr bereit finanziell angeschlagene Unternehmen weiter durch zu finanzieren. Eine staatlich kontrollierte Bereinigung ineffizienter Betriebe ist daher zu erwarten. "Russland und Brasilien dürften dank steigender Rohstoffpreise die Rezession spätestens 2017 hinter sich lassen", glaubt Christian Heger, Aktienchef von HSBC Asset Management.

Schwellenländer-Aktien übergewichtet

Brasilien, das heuer in einer Rezession steckt, könnte das Ruder ökonomisch wieder herumreißen. Zumindest politisch steht das Land laut Krämer, nach der Wahl eines neuen Präsidenten, vor einem Neuanfang, was auch einen wichtigen psychologischen Effekt hat. „Man muss durch den Nebel hindurchschauen“, so Kepler-Aktienexperte Krämer. Das haben viele Aktieninvestoren offenbar getan. Der brasilianische Aktienindex Bovesa ist heuer um 35 Prozent gestiegen, auf Eurobasis gar um 61 Prozent. In Russland hat sich das Umfeld ebenfalls stabilisiert, vom Ölpreis, über die Währung bis hin zur Stimmung im Land. Derzeit ist die Kepler KAG deshalb auch in Schwellenländer-Aktien übergewichtet, „aber das kann sich rasch ändern“, sagt Krämer. Es mehren sich Indikatoren, die auf eine Trendwende hindeuten könnten.

Europäische Aktien seit Jahresbeginn unter Wasser

Die Linzer Fondsgesellschaft hat heuer ihr Übergewicht in europäischen Aktien schon zu Jahresbeginn reduziert. Eine Entscheidung, die sich bezahlt macht, haben europäische Aktien seit Jahresbeginn doch im Schnitt 7,7 Prozent verloren. Anders der breite US-Aktienmarkt, der seither um 5,8 Prozent gestiegen ist. Damit hat es jedoch viele andere Investmentgesellschaften auf dem falschen Fuß erwischt, die zu Jahresanfang auf deutliche Kursgewinne von europäischen Indizes gesetzt hatten und dem US-Aktienmarkt nach der jahrelangen Rallye de facto keine Kurszuwächse mehr zugetraut hatten.

Das schlechte Abschneiden des europäischen Aktienmarktes hat mehrere Gründe: So etwa die schwache Gewinnentwicklung der Unternehmen, die geringe Anzahl wachstumsstarker Technologieaktien in den großen Indizes, etwa im Vergleich zu den USA, und krisengebeutelte europäische Banken, die auch an der Börse stark unter Druck geraten sind. Doch das Blatt könnte sich wenden.

Wirtschaft der Eurozone robust

Wie gut die Aussichten für europäische Aktien sind, darüber sind sich Experten uneins. Kepler-Portfolio-Chef Krämer ortet für europäische Aktienmärkte Potential, wenn der Rückenwind auch besser sein könnte. „Ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent ist aber nicht so schlecht. Es ist zwar nicht besonders gut, aber auch nicht besorgniserregend.“ Nach zwei, drei Jahren rückläufiger Unternehmensgewinne, erwartet er eine Stabilisierung derselben. Was die Märkte ebenfalls antreiben sollte, ist die EZB-Zinspolitik. „Sie dürfte ihre expansiven Geldkurs nach lange beibehalten“, ist Krämer überzeugt.
Der Einkaufsmanagerindex und die Wirtschaftsdaten aus der Eurozone zeigen sich zudem laut der britischen Fondsgesellschaft Threadneedle robust. Daher hat die Gesellschaft die BIP-Prognose für 2016 von zuvor 1,1 Prozent auf jetzt 1,4 Prozent angehoben. 2017 rechnet die Fondsgesellschaft mit einer Wachstumsrate von rund 0,9 Prozent. Hinter der jüngsten Konjunkturerholung stünden vor allem die sinkende Arbeitslosigkeit, die Aufhellung des Konsumklimas und die höhere Kreditnachfrage. Außerdem hinkt der europäische Aktienmarkt bei der Kursentwicklung anderen wichtigen Börsen hinterher.

Threadneedle hält den europäischen Aktienmarkt nicht für teuer. „Eine Rezession in der Eurozone halten wir für unwahrscheinlich, obwohl die Aktien binnenwirtschaftlich ausgerichteter europäischer Unternehmen ein solches Szenario inzwischen praktisch eingepreist haben“, schreibt Philip Dicken, Leiter des Bereiches europäische Aktien bei Columbia Threadneedle, in einem aktuellen Marktkommentar. Der britische Aktienexperte hält das Bewertungsniveau europäischer Aktienmärkte allerdings für angemessen. Mit knapp vier Prozent Dividendenrendite übertreffe das nach wie vor die Rendite aus anderen Aktien- und Anleihemärkten. Europa sei auf KGV-Basis günstiger als die USA und laufe diesem Markt hinterher.

Renditeerwartrungen herunterschrauben

Hochfliegende Kurserwartungen sollte man aber auch laut Kepler-Experten Krämer lieber bleiben lassen. "Man sollte seine Ertragserwartungen nach unten schrauben. Wenn die Märkte vier, fünf Prozent Ertrag machen, ist das schon gut", glaubt Krämer. Denn das allgemeine Wachstumsniveau würde runter gehen und die Inflationsraten weiter niedrig bleiben. HSBC-Aktienchef Heger: "Trotz einer moderat wachsenden Weltwirtschaft gibt die Gewinndynamik nur wenig Spielraum für steigende Aktienkurse".
Krämer rät Anlegern zu Qualitätstiteln, die sich bei Kursrückschlägen des Marktes vergleichsweise gut halten. Das würde der Kepler Risk Select Aktienfonds bieten. In den vergangenen fünf Jahren hat der Fonds im Schnitt 11,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt.

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