"Wohlstand wurde noch nie durch das Drucken von Geld geschaffen"

Drei renommierte Goldexperten: Brenner, Chef von philoro Edelmetalle und die beiden Liechtensteiner Vermögensverwalter Valek und Stöferle (v.l.)

Roland-Peter Stöferle, Mark Justin Valek und Rudolf Brenner (vrnl)

Format.at bat die drei Goldexperten Roland-Peter Stöferle, Geschäftsführer beim Liechensteiner Vermögensverwalter Incrementum und Verfasser des Reports "In Gold we Trust", Mark Justin Valek, Partner bei Incrementum und Rudolf Brenner, von philoro Edelmetalle zum exklusiven Gold-Round-Table. Sie sprachen über die Auswirkungen des China-Einbruchs, Gefahren durch Deflation, welche Entwicklung sie für den Goldpreis erwarten, wie sich Geldschwemmen nach der Weltwirtschaftskrise 1929 auswirkte und was heute anders ist. Das Gespräch führte Anneliese Proissl.

Format.at: Gold steht nach einem Höchstkurs von 1.900 Punkten Mitte 2011 derzeit bei nur noch 1.100 Dollar je Feinunze. Bis Anfang August hat sich der Preisverfall beschleunigt. Was war die Ursache dafür?

Stöferle: Der Auslöser für den jüngsten Kursverfall war der wirtschaftliche Einbruch Chinas. Die Erleichterung, dass ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone abgewendet wurde, fiel zwar anfangs auch in dieselbe Zeit, war aber nur eine Randerscheinung.

Es gibt Experten, die der Ansicht sind, Chinas Wirtschaft befindet sich in einem gesunden Reinigungsprozess, der weniger dramatisch ist als es derzeit scheint.

Stöferle: Da irren sich viele. Sämtliche Makrodaten in China zeigen eine unglaubliche Schwäche. Ein eindeutiger Beleg dafür ist beispielsweise das Geldmengenwachstum, das richtiggehend kollabiert ist und von 40 Prozent auf nahezu Null geschrumpft ist. Auch andere aussagekräftige Indikatoren, wie die Entwicklung von Rohstoffen, sind abgestürzt. So etwa die Preise von Kupfer, Öl und eben auch Gold. Die Energiepreise haben sich beispielsweise halbiert.

Mit final Sell-off war zu rechnen
Haben Sie beim Goldpreis mit so einem Absturz gerechnet?

Stöferle: Ich habe bereits in meinem kürzlich erschienen Goldreport darauf hingewiesen, dass es zu einem finalen Sell-off bei Gold kommen kann. Der war jetzt da. Die stark disinflationären Tendenzen drücken auf den Goldpreis.

Gold ist gerade bei steigender oder hoher Inflation als Schutz vor Wertverlusten ein gutes Investment.

Valek: Nicht nur, aber aktuell haben die Marktteilnehmer in künftiger Erwartung, dass die Inflation zurückgeht, Gold verkauft. Wenn sich dieser deflationäre Trend fortsetzt, wird sich das im Übrigen auch auf die Aktienmärkte auswirken. So sind 2008 auch zuerst die Rohstoffmärkte kollabiert und dann die Börsen. Die massive Eintrübung der chinesischen Wirtschaft ist jedenfalls erstaunlich und besorgniserregend. Es ist gut möglich, dass selbst die derzeit oft zitierten sechs Prozent Wachstum in China auch nicht halten. Die sinkende Nachfrage in China hat auch globale Effekte. Ein Beispiel ist die Autobranche. Für viele Autobauer ist China bereits der wichtigste oder einer der wichtigsten Absatzmärkte, ein Nachfragerückgang ist weltweit spürbar. Wichtig für den Goldpreis ist im Übrigen auch des Abkommen mit dem Iran. Wenn dies durch den US-Kongress geht, schließt die USA mit einem Land, das bisher einer der wesentlichen Kritiker des globalen Dollar-Regimes war, Frieden geschlossen.

Weitere Kursverluste beim Gold sind damit wohl nicht ausgeschlossen. Wie schätzen Sie die kurzfristige Entwicklung von Gold ein?

Brenner: Es ist gut möglich, dass der Goldpreis noch einmal unter 1.000 Dollar fällt, die Finanzindustrie tut ihr bestes; private Anleger stocken hingegen massiv auf. Die mediale Stimmungslage ist derzeit so negativ, dass selbst so mancher Goldbulle der Beeinflussung nicht mehr standhält. Auch die „Bild“-Zeitung hat schon 'Crash am Goldmarkt' getitelt. Ein gutes Zeichen. Wenn nämlich ein Investment medial derart schlecht bewertet wird ist es Zeit einzusteigen. Das bedeutet: Das Chancen/Risiko-Verhältnis ist hervorragend. Aus antizyklischer Sicht ist Gold eindeutig ein Kauf.

Aber damit der Goldpreis wieder steigt, muss es einen Katalysator geben. Was könnte ein solcher sein?

Stöferle: Seit Monaten hängt ein Damoklesschwert über dem Goldpreis. Die seit langem angekündigte US-Zinserhöhung sorgt für schlechte Stimmung unter den Goldanlegern. Paradoxerweise könnte die Umsetzung eines kleinen Zinsschrittes ein Katalysator sein. Steigende Zinsen sind per se kein schlechtes Umfeld für Gold. Die letzten drei Goldrallyes fanden in einem Umfeld steigender Zinsen statt.


Letzten Goldrallyes fanden bei steigenden Zinsen statt
Gibt es noch andere Faktoren, die für einen steigenden Goldpreis sprechen?

Valek: Die große Menge an Geld, die derzeit von Europa bis Japan gedruckt wird, zählt zu den problematischen Entwicklungen. Die Europäische Zentralbank druckt derzeit Geld in Höhe von 1,14 Billionen Euro, doch die Wirtschaftsdaten zeigen bisher wenig Reaktion.. Das Gros der Ökonomen, argumentiert, dass der Euro derzeit sehr niedrig ist und somit gut für die Konjunktur ist. Aber nachhaltiger Wohlstand wurde noch nie durch das Drucken von Geld geschaffen. Die Wirtschaftsaktivität lässt sich womöglich kurzfristig steigern, nachhaltiger Kapitalaufbau oder auch nur der Erhalt dessen wird dadurch jedoch erschwert, was wiederum letztlich wiederum die Wirtschaft schädigt.

An den Märkten befürchtet man derzeit zwei Szenarien: hohe Inflation oder Deflation. Vor was muss man sich derzeit mehr fürchten?

Brenner: Derzeit ist es noch die Deflationsangst. Viele Staaten in Europa kämpfen mit deflationären Tendenzen. Krisen, wie sie durch Griechenland ausgelöst werden können, wirken – und das unterschätzen viele – deflationär. Das haben auch die Krisenjahre 2008 und 2009 gezeigt. Jeder wird vorsichtiger, gibt weniger Geld aus. Die Folge: Die Geldmenge verringert sich. Gold bietet in dieser Phase einen sicheren Hafen.

Auch nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 hatte die USA mit einer Deflation zu gekämpft. Wie hat man damals reagiert und was ist der Unterschied zu heute?

Stöferle: Auch nach dem Crash 1929 ist die Bankengeldmenge geschrumpft. Erst 1933, über drei Jahre nach diesem Crash und nach einer langen deflationären Phase, wurde der Goldpreis angehoben, um genau das zu tun, was heute die EZB tut, die Geldmenge auszuweiten. Heute macht man das in Form von Anleihenkäufen. Damals hat man einfach beschossen, dass die Unze Gold nicht mehr 20 Dollar wert ist, sondern 35. Die Folge war, dass sich die Rohstoffpreise und letztlich die Konsumentenpreise wieder stiegen.

Auch damals hat man also die Geldmenge erhöht und die Wirtschaft ist angesprungen. Warum soll das heute nicht funktionieren?

Stöferle Heute ist das Umfeld ein anderes. Das Problem, vor dem wir jetzt stehen, hat seinen Ursprung bereits im Jahr 1971, als man die Bindung des Dollars, der weltweiten Hauptreservewährung, an Gold aufgab. Die Folge: Seither können wir permanent ein Quantitativ Easing machen. Das bedeutet: Die Notenbanken können nun beliebig oft die Geldmenge erhöhen, denn seit man den sogenannten Gold-Devisen-Standard, also die Gold-Dollar-Relation, aufgegeben hat, gibt es für die Ausweitung der Geldmenge kein Limit mehr.


"Selbst Greenspan hat zugegeben, dass ein ungedecktes Geldsystem ein großes Experiment ist

Nach Ansicht von Experten hat sich das globale Finanzsystem dadurch seither stabiler entwickelt. Es gab nicht mehr so viele Boom-Bust-Phasen als zuvor.

Valek: Es gibt auch eine wachsende Anzahl von Kritikern des Systems. Selbst der ehemalige US Notenbankpräsident Alan Greenspan hat offen zugegeben, dass ein ungedecktes Geldsystem ein großes Experiment ist, dessen Ausgang ungewiss ist. Auch der Hausverstand sagt einem, dass es nicht gut sein kann, wenn nur eine Behörde, eine Person oder eine Institution die Möglichkeit zur Geldschöpfungsfähigkeit hat. Zudem ist klar, dass dieses Vorgehen Verzerrungen am Markt nach sich zieht und künstliche Boom-Zyklen ermöglicht – mit dem Problem, dass die Boom-Phasen in weiterer Folge umso heftiger wieder zusammenbrechen. Man verschiebt durch den Aufbau von Schulden einfach die Rechnung immer weiter nach hinten, aber die Kosten werden, auch jetzt, früher oder später auf uns zukommen und sich nicht vermeiden lassen.

Stöferle: Das denken nicht nur wir, sondern auch jene Ökonomen, die sich der österreichischen Schule der Nationalökonomie zurechnen. Aber selbst die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS), die Krisen seit 1980 ganz genau analysiert, kam in ihrem kürzlich erschienenen Jahresbericht zu dem Schluss, dass die Notenbanken für Boom-Bust-Zyklen, die immer höher werden, für diese Fehlallokation verantwortlich sind. Das so ihr Befund, manifestieren sich in erster Linie bei Immobilien und Banken.

Könnte es nicht auch sein, so eine schwere Rezession umgangen zu sein?

Stöferle: Rezessionen sind, auch wenn sie unangenehm sind, grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern haben eine reinigende Wirkung. Die Folge ist, dass umstrukturiert wird. Fehlplanungen in der Wirtschaft passieren eben von Zeit zu Zeit, etwa wenn sich die Umstände, aufgrund von externen Ereignissen oder neuer Trends ändern. Dann gehen Unternehmen in Konkurs, andere werden neu geschaffen. Je flexibler ein Wirtschaftssystem oder ein Unternehmen von den Rahmenbedingungen her ist, desto schneller kann sich dieses anpassen. Ein künstliches Geldsystem, wie wir es derzeit haben, ist dagegen begleitet von wesentlich unangenehmeren Folgen als eine gewöhnliche Rezession, da auf diese Weise extrem hohe Schulden aufgebaut werden und fehlgeleitete Ressourcen langsamer abbaut werden.

Durch die Zinspolitik und Geldmengenausweitung war es möglich, EU-Peripherie-Staaten mit Milliarden zu versorgen. Viele hoffen, dass das Geld irgendwann wieder zurückgezahlt wird. Ist das realistisch?

Stöferle: Wir werden früher oder später realisieren müssen, dass ein Großteil dieses Geldes uneinbringlich ist. Wir haben durch QE nur das Abschreiben des Geldes nach hinten verschoben. Über eines müssen wir uns auch klar sein: Zum Schluss werden Verluste realisiert werden, entweder über Abschreibungen der Schulden, oder in Form einer entwerteten Währung.

Sehen Sie weitere Risiken für die Wirtschaft?

Brenner: Japan ist aus wirtschaftlicher Sicht ein Hochrisikoland. Dort läuft derzeit das größte monetäre Experiment der Geschichte ab. In der Eurozone werden 1,14 Billionen Euro gedruckt, auch in den USA wurde bereits massiv Geld gedruckt, aber Japan sprengt alle Grenzen. Das sind schon extreme Dimensionen. Wo das letztlich hinführt, kann niemand sagen. In einem Umfeld, in dem Inflationierungsbemühungen brachialer Natur sind, ist Gold einfach unverzichtbar.


Chancen-Risiko-Verhältnis ist derzeit extrem attraktiv

Wie soll man sich als Goldinvestor kurzfristig verhalten? Soll man noch abwarten oder soll man sein Exposures erhöhen?

Stöferle: Goldinvestoren denken meiner Erfahrung nach generell längerfristig, was auch gut ist. Aus markttechnischer Sicht sind Ausverkaufssituationen generell ein gutes Umfeld, um zu kaufen oder aufzustocken. Paniktage, wie zuletzt, sind wie ein reinigendes Gewitter, die oft am Ende einer Korrekturphase stehen. Aber das Entscheidende für Investoren ist, dass das Chancen-Risiko-Verhältnis derzeit extrem attraktiv ist. Unserer Meinung nach gibt es ein geringes Risiko nach unten und nach oben hin wahnsinnig viel Potenzial. Dafür spricht auch das bereits skizzierte risikobehaftete Umfeld für die Weltwirtschaft.

Wird die Flucht in Sachwerte, trotz des Goldcrashs, weitergehen?

Brenner: Ich glaube auch, dass das Umfeld immer noch diese Faktoren, wie Niedrigzinsen und fehlende Alternativen wie ein gut verzinstes Sparbuch, die Leute auch weiterhin in Sachwerte treiben und somit auch wieder in Gold. So manche Goldinvestoren wollen ihr Erspartes auch aus dem Banksystem raus holen. Ihnen ist es lieber das Gold zuhause zu haben, es angreifen zu können und nicht Angst haben zu müssen, dass die Bank zugesperrt wird, wie etwa in Zypern und die Beschränkungen von Bargeldbehebungen wie wir sie in Griechenland gesehen haben. Die Leute recherchieren heut zu Tage im Internet und bekommen mit, dass manche politische Versprechungen nicht lange halten. Viele Menschen gehen deshalb lieber auf Nummer sicher und investieren in Gold. Das können sie jederzeit ihren Safes, wie wir sie bei philoro bieten, wieder entnehmen und es ist auch in Krisenzeiten äußerst liquide.

Dennoch mussten Anleger auch zuletzt große Kursverluste und Schwankungen hinnehmen.

Brenner: Natürlich sind da immer wieder Schwankungen zu beobachten, aber am Ende des Tages weiß jeder von Kindesalter an, dass es keinen Totalausfall geben kann. Diese Faktoren sind ein großer Antrieb ins Gold zu gehen. Und die Börsen steigen bereits das siebente Jahr in Folge. Ich denke, dass einem schon der Hausverstand sagt, dass das nicht mehr normal ist. Schon alleine deshalb wird Gold auch in Zukunft die Basis der persönlichen Absicherung sein, wahrscheinlich noch stärker als in den letzten 50 Jahren.

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