"Wir dürfen uns auf Geld nicht mehr verlassen"

"Wir dürfen uns auf Geld nicht mehr verlassen"

FORMAT: Die EU hat den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen. Amüsiert Sie das?

Dirk Müller: Die EU ist in der Tat ein beispielhaftes Friedensprojekt. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, das Gleiche für den Euro anzunehmen. Er ist zurzeit der Spaltpilz Europas. Wenn ich mir anschaue, was auf den Straßen in Portugal, Griechenland und Spanien los ist, frage ich mich, was Frieden ist. Wenn es das ist, was uns der Euro gebracht hat, kann man auf diese Form des Friedens gerne verzichten.

Hat Mario Draghi mit seiner Bereitschaft so viele Anleihen aus Peripherie-Staaten zu kaufen wie nötig, um die Zinsen tief zu halten, also nicht die Welt gerettet?

Müller: Nein, ich glaube nicht. Man hat sich zwar international darauf geeinigt zu drucken, was die Maschinen hergeben und alles zu finanzieren, was man als sinnvoll erachtet. Aber letztendlich wird dadurch nur großes Inflationspotenzial erzeugt. Wir haben bereits eine weltweite Verschuldung, die nicht mehr tragbar ist. Gerade in den OECD-Staaten ist sie so hoch, dass die Gesellschaften die Schuldenlast nicht mehr tragen können.

Wie lange geben Sie dem Euro noch?

Müller: Schwer zu sagen. Man versucht ihn im Moment um jeden Preis zu erhalten. Auf jeden Fall ist klar, dass der Euro für die meisten Staaten immer die falsche Währung bleiben wird. Diese Differenzen müssen durch Transferzahlungen ausgeglichen werden. Aber wir können nur dann die gemeinsame Währung und die Transferzahlungen akzeptieren, wenn auch die Regeln für alle Europamitglieder gleich sind.

Deutschland trägt die größten Belastungen für die Peripheriestaaten. Profitiert Deutschland auf der anderen Seite von den tiefen Zinsen so stark, dass sich der Aufwand letztlich auszahlt?

Müller: Im Augenblick schon. Deutschland bekommt Geld um null Prozent Zinsen, also praktisch umsonst. Allerdings muss man sagen, dass Deutschland auch in den letzten zehn Jahren zu hohe Zinsen bezahlt hat.

Wie lange kann Deutschland noch diese Geberrolle aufrechterhalten?

Müller: Wir dürfen nicht vergessen: Deutschland ist nicht der reiche Onkel, der vor lauter Geld in der Tasche nicht mehr laufen kann. Deutschland ist der Einäugige unter den Blinden. Wenn man sich anschaut, wie die Schulen ausgestattet sind, wie die Straßen aussehen, dass es in Deutschland fast 1000 Armentafeln geben muss, dann sind das Indizien dafür, dass wir selber nicht mehr wissen, wie wir über die Runden kommen sollen.

Jetzt sieht man die Bilder von Angela Merkel, der von den Griechen ein Hakenkreuz in das Gesicht gezeichnet wird. Warum wird die finanzielle Unterstützung Deutschlands in Griechenland nicht anerkannt?

Müller: Ich bin mir nicht sicher, ob das, was wir dort machen, richtig ist. Griechenland muss einen Staat neu aufbauen, die Steuerverwaltung neu ausrichten, die Korruption abschaffen. Aber das sind Dinge, die müssen aus Griechenland heraus passieren. Griechenland ist ein seit 2000 Jahren besetztes Land. Erst seit rund 35 Jahren sind die Hellenen frei und dann kommt die deutsche Kanzlerin und sagt: Ihr wisst nicht, wie es geht, wir schicken euch mal unsere Beamten und zeigen euch den Weg. Was Deutschland oder die EU machen müssten, ist zu sagen: Wir helfen Euch, wenn ihr wollt. Außerdem müsste es zusätzlich zu den Sparmaßnahmen auch Konjunkturpakete geben.

Warum zieren sich Spanien und Italien so unter den Rettungsschirm zu schlüpfen?

Müller: Genau aus diesem Grund. Weil sie Sorge haben, dass ihnen Sparpakete auferlegt werden, die die Wirtschaft noch mehr abwürgen und es in Folge zu noch mehr Unruhen im Land kommt. Der IWF und die Schweiz haben bereits die sozialen Spannungen thematisiert. Die Schweiz hat gerade militärische Übungen abgehalten, um das Land vor Flüchtlingsströmen aus Europa schützen zu können.

Wie gefährlich schätzen Sie diese Unruhen ein?

Müller: Hochgefährlich. Man kann nicht dauerhaft Politik gegen die Bevölkerung machen. Noch dazu eine falsche. Die Politik ist doch nicht der Herrscher, der die Marionetten spielen lassen kann. Wenn die Bevölkerung sagt, so nicht, aber die Politik etwas anderes macht, dann laufen wir in eine ganz gefährliche Richtung. Irgendwann sind die Bürger dann nicht mehr bereit, die Demokratie und die Regierung zu akzeptieren. Dann kommen wir in einen Bereich, wie es in Deutschland in der Weimarer Republik passiert ist, das plötzlich rechte und linke Flügel in der Politik enormen Zuspruch erhalten. Das gefährdet die Demokratie.

Gibt es überhaupt eine Lösung für das europäische Dilemma?

Müller: Ja, ein gemeinsames Europa. Wir müssen viel mehr gemeinsam entscheiden. Zum Beispiel die Ein- und Ausgaben. Das heißt nicht, dass wir die einzelnen Staaten auflösen, aber es bräuchte sehr große Strukturreformen in den südlichen Staaten, die mit Konjunkturpaketen unterstützt werden sollten. Aber wir sind im Moment sehr sehr weit von diesen Lösungen entfernt.

Zurückkommend auf die Inflation. Viele Experten warnen davor. Alle warten darauf, aber sie kommt nicht.

Müller: Was im Augenblick passiert ist, dass die Notenbanken Geld drucken, dieses aber im Finanzsystem kleben bleibt. Das Geld bleibt in Aktien, in Staatsanleihen, in Rohstoffen. Es gibt derzeit kaum Inflation an der Ladentheke, weil ich dort nicht die Preise erhöhen kann, solange die Löhne und Gehälter nicht mitsteigen. Aber die Gefahr ist, dass durch die schrumpfende Konjunktur die Leute immer weniger Geld zur Verfügung haben, die Konjunktur einbricht und gleichzeitig die Rohstoffe teurer werden. Das heißt, viele Preise bleiben zwar hoch, aber die Leute können sich weniger leisten. Das führt zu einer Verarmung der Gesellschaft und am Ende steht eine sehr starke Inflation nämlich dann, wenn das Vertrauen in Staatsanleihen von USA und Europa bricht und dieses Geld schubartig in die Märkte fließt. Dann steigen die Preise für alles was irgendwie real ist überproportional in die Höhe. Dann haben wir eine Hyperinflation. Diese Gefahr ist für die nächsten zwei bis drei Jahre durchaus realistisch.

Welche Branchen werden in so einem Szenario noch gut über die Runden kommen?

Müller: Wir dürfen uns auf Geld einfach nicht mehr verlassen. Staatsanleihen, Festgeld, Banken und Versicherungsaktien sind alles Themen von denen ich mich komplett fernhalte. Ich konzentriere mich derzeit speziell auf reale Werte wie Edelmetalle aber eben auch auf Aktien von weltweiten Konzernen, die seit Jahrhunderten gute Produkte haben, die ich verstehe und die eine vernünftige Dividende zahlen. Gerne greife ich auch zu Aktien aus dem Pharmabereich, weil die relativ krisenresistent sind. Aber man muss sich auch klar darüber sein, dass es jederzeit zu sehr starken Kurseinbrüchen kommen kann.

Haben wir beim DAX, der erst kürzlich bei 7.480 notierte, das Jahreshoch bereits gesehen?

Müller: Das lässt sich unglaublich schwer sagen. Im Augenblick sind wir in einer Korrektur, die ich für eine eher kurzfristige Entwicklung halte. Wenn der DAX unter 7.100 fällt, dann ist noch mehr Platz für eine Abwärtsbewegung. Wenn der DAX über 7.480 geht, könnte er noch einmal die Marke von 7.600 bis 7.800 knacken. Ich habe jedenfalls große Befürchtungen, dass wir in den nächsten 12 bis 18 Monaten noch einmal extrem schwache Kurse sehen werden.

Wird Amerika nach den Wahlen zur tickenden Zeitbombe?

Müller: Definitiv. Amerika ist höchst verschuldet und de facto pleite. Aber Amerika kann so viel Geld drucken wie es möchte, das hat ja auch Greenspan vor einiger Zeit sehr schön gesagt. Die Wahrscheinlichkeit für einen Ausfall amerikanischer Staatsanleihen liegt bei null Komma null Prozent, denn wir können jederzeit jede beliebige Menge an Dollar drucken. Da hat er Recht. Die frage ist nur: Was kann ich mir dafür noch kaufen? Die große Sorge ist, dass die internationalen Investoren in den nächsten Monaten sich ganz massiv von den Staatsanleihen trennen werden. Die Notenbanken werden das dann auf die Bücher nehmen und in dieser Phase investieren die „Big Boys“ dieses Geld sofort in reale Werte.

Aber man könnte ja sagen die Notenbanken sind omnipotent. Da kann doch nicht viel passieren?

Müller: Falsch. Sie können zwar unendlich Geld drucken, aber sie können damit nicht kaufen was sie wollen. Sie können zwar Staatsanleihen kaufen, aber nicht die Wirtschaft ankurbeln.

Halten Sie es für realistisch, dass der Dollar wieder an den Goldstandard gekoppelt wird?

Müller: Der Goldstandard ist nicht unbedingt hilfreich, weil dann die Abhängigkeit von dem Edelmetall sehr groß ist. Aber denkbar ist mittlerweile alles. Auch der IWF hat bereits darüber nachgedacht eine Weltwährung einzuführen, die an einen Korb von Rohstoffen gekoppelt ist.

Wenn Sie heute in Aktien investieren, wie streuen Sie ihr Geld?

Müller: Ich konzentriere mich auf Aktien aus Deutschland, den USA und ein wenig aus Europa. Diese Märkte kann ich einschätzen. Ich halte mich komplett raus aus Asien, die haben so viel Schindluder getrieben, da stimmen die Bilanzen der Unternehmen oft nicht.

Anleger wie Warren Buffet legen sich jetzt in großem Stil Bankaktien ins Depot. Halten Sie diese Strategie für zu riskant?

Müller: Das ist ein Zock, den ich nicht eingehe. Das kann gut gehen, aber auch schief. Ich kann es nicht einschätzen und deswegen halte ich die Finger raus. Es gibt so viele Unternehmen, die gute Produkte, die die Menschen brauchen, herstellen. Banken haben zum großen Teil Geschäftsmodelle, die niemand braucht.

Verraten Sie auch Einzeltitel?

Müller: In den letzten Monaten habe ich hochkapitalisierte Minenaktien gekauft, allerdings bauen wir da gerade wieder ab, weil die bereits sehr gut gelaufen sind. Was ich gerne habe ist Eli Lilly, die sind gerade dabei ein Medikament gegen Altsheimer zu entwickeln. Dann gefällt mir Fresenius Medical Care, die stark sind bei der Dialyse. Das braucht man zum Überleben. Deswegen ist dieses Geschäftsmodel extrem krisenresistent. Coca Cola gehört natürlich dazu als Weltmarke. Interessant ist allerdings auch ein sehr kleiner Titel – 3D-Systems. Dieser Konzern ist im 3D-Druck sehr aktiv.

Wo sehen Sie die Welt in zehn Jahren?

Müller: Auf jeden Fall wesentlich besser als heute. Im Augenblick ist die Welt in einer Neuorganisation, die wirtschaftlichen Achsen verschieben sich und es ist noch nicht absehbar, wie sie am Ende liegen werden. Ob tatsächlich die Veränderung von Westen nach China passiert, oder ob Amerika doch noch ein paar Pfeile im Köcher hat und Asien in ganz schweres Fahrwasser gerät – was ich befürchte – und am Ende doch Amerika in Poleposition steht, das ist schwer zu sagen. Danach haben wir über Jahrzehnte gute Aussichten und Perspektiven.

Zur Person: Dirk Müller, 42, erlangte als „Mister DAX“ allgemeine Bekanntheit, weil er als Händler an der Frankfurter Börse unterhalb der Kurstafel saß und damit zum medialen Gesicht der Frankfurter Börse wurde. Vor drei Jahren hat Müller das Buch „Crashkurs“ veröffentlicht. Er betreibt den Finanzinformationsplattform www.cashkurs.com.

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