Geheimsache "Bad Banks" – 600 Milliarden Euro Schrott, der von der Krise übrig blieb

Geheimsache "Bad Banks" – 600 Milliarden Euro Schrott, der von der Krise übrig blieb

637 Milliarden sind es genau. Jeder achte Euro, den sie in den Büchern haben, sollte dort nicht mehr sein. Die Banken selbst nennen freilich nicht alles Schrott, was sie an riskanten Krediten oder Wertpapieren ganz offiziell abgeschoben haben: in staatliche "Bad Banks", interne Abbau-Einheiten und andere Park-Positionen, die blumige Namen tragen wie "Value Portfolio".

Halbfertige Hotels pleite gegangener Investoren in Spanien stecken dort drin, und Schiffe, die nichts zu transportieren haben. Ausrangiert wurden auch verbriefte Hypothekenkredite oder ein Casino in Las Vegas, das die Deutsche Bank inzwischen selbst betreibt und von dem Finanzvorstand Stefan Krause alle drei Monate vorschwärmt, wie gut es laufe. So unterschiedlich die "Bad Banks" sind - ihr Inhalt gehört nicht mehr zum Kerngeschäft, bindet aber viel Kapital, von dem eine Bank in Zeiten strengerer Regulierung immer mehr braucht.

Das heißt: alles muss raus. Möglichst wertschonend über Fälligkeiten oder über Verkäufe - wenn der Preis stimmt. Doch der schnelle Ausverkauf ist eine Illusion. Es dauert sehr lange, die Bestände abzuschmelzen. Staatsanleihen und Kredite für Infrastrukturprojekte laufen mitunter noch Jahrzehnte. Was irgendwann mit diesem harten Kern unverkäuflicher Wertpapiere passieren soll, weiß niemand. Wer einen Blick hinter die Kulissen der "Bad Banks" werfen will, wird vertröstet oder gleich ganz abgewiesen. Eine Debatte, die den Steuerzahler aufschreckt, ist im Wahljahr nicht erwünscht. Die unliebsamen Bestände sind geheim. Banker, die daran arbeiten, werden abgeschottet.

Mehr als die Hälfte der "Schrott"-Bestände liegt noch in den eigenen Büchern der Banken, in internen "Bad Banks" und anderen Abbau-Einheiten, die etwa bei der Commerzbank ein Drittel der Bilanzsumme ausmachen. Allein die Resterampen von Commerzbank und Deutscher Bank umfassten Ende vergangenen Jahres 151 und 97 Milliarden Euro - und waren damit fast so groß wie die beiden staatlichen Bad Banks von Hypo Real Estate (FMSW) und WestLB (EAA) zusammen. "Die internen Abbaueinheiten sind eine direkte Folge von Basel III", erklärt Banken-Professor Mark Wahrenburg von der Frankfurter Goethe-Universität, der sich gerade eingehend mit Sinn und Unsinn von Bad Banks auseinandersetzt. Je schneller Banken risikobehaftete Papiere loswerden, desto mehr Luft haben sie, um anderes, weniger riskantes Geschäft zu machen. "Und so lange der Kapitalmarkt glaubt, dass die Banken kein tragfähiges Geschäftsmodell haben, wird die Abbauorgie weitergehen", ist er sicher.

"Wie in jedem guten Supermarkt"

Auch viele andere Institute haben ihr Nicht-Kerngeschäft inzwischen sauber gebündelt. Die von der Schifffahrtskrise schwer gezeichneten HSH Nordbank führt eine "Restructuring Unit", die Ende 2012 rund 50 Milliarden Euro groß war. Bei der DZ Bank waren es 15 Milliarden Euro, bei der Dekabank gut vier Milliarden - und selbst die HRE-Nachfolgerin Pfandbriefbank (pbb), die eigentlich alle Schrottpapiere in die FMSW geschoben hatte, leistet sich ein kleines Abbau-Segment von 300 Millionen Euro.

Bilanziell bringt das anders als bei einer staatlichen "Bad Bank" nichts, die Kredite und Wertpapiere müssen trotzdem mit Eigenkapital unterlegt werden. Das Kalkül ist: Eine eigene, darauf spezialisierte Mannschaft kann den Risikoabbau sehr viel fokussierter angehen. Der Rest der Bank widmet sich mit aller Kraft dem Tagesgeschäft. Den Anlegern wird transparent gemacht, was noch Kerngeschäft ist. "Es ist wie in jedem guten Supermarkt. Da finden Sie die Sonderangebote - also das, was dringend raus muss - auch getrennt vom übrigen Sortiment", sagt ein Investmentbanker, der Institute im Umgang mit Schrottpapieren berät.

Wie zäh der Abbau sein kann, erlebt auch Commerzbanker Claas Ringleben. Er darf in der Mitarbeiterzeitung über den Ausstieg aus der Schiffsfinanzierung erzählen, der vor knapp einem Jahr in der Branche einschlug wie eine Bombe, hatte die Commerzbank die Schiffsbank doch gerade erst übernommen: Mit 19 Milliarden Euro an ausstehenden Krediten ist das Institut einer der größten Finanziers des Sektors. "Ein vollständiger Abbau bis 2016 oder 2017 ist nicht möglich", sagt Ringleben. Viele Kreditverträge laufen viel länger und lassen sich nicht so schnell auflösen. Andere Banken oder Investoren seien auch nicht gewillt, sie zu übernehmen - oder nur mit erheblichen Preisabschlägen, wie es in der Mitarbeiterzeitung heißt.

Im Moment bringt die Abwicklung der Commerzbank mehr Verlust, als sie damit Kapital einspart. In spätestens zwei Jahren soll sich dieses Verhältnis umkehren. "Wertschonender Abbau" heißt das Schlagwort, das auch der staatliche Bankenrettungsfonds SoFFin "seinen" Bad Banks EAA und FMSW ins Stammbuch geschrieben hat. Die WestLB und die Hypo Real Estate hatten die vermeintlich eleganteste Lösung gewählt: alles in eine "Bad Bank" zu packen, auf die der Staat aufpasst und für die der Steuerzahler bürgt. Die eigene Bilanz ist damit sofort sauber, und die "Good Bank" kann weiterarbeiten.

Diese staatlichen Müllhalden haben ausreichend Zeit abzuwarten, wann sich toxische Verbriefungen und strukturierte Kredite am besten verkaufen lassen, die mit Ausbruch der Finanzkrise schlagartig an Wert verloren haben. Denn FMSW und EAA müssen nicht nach internationalen Standards (IFRS) zu Marktwerten bilanzieren, sie gelten nicht als Kreditinstitute. Das Handelsgesetzbuch (HGB) ist toleranter, was die Wertansätze betrifft. Und der Bund verschafft seinen Bad Banks die billigste Refinanzierung, die es gibt.

"Bore Out" statt Burn Out

Das macht allerdings bequem. "Die deutschen Bad Banks haben zu geringe Anreize für einen betriebswirtschaftlich optimalen Abbau ihrer Bestände. Sie sagen ganz offen, dass es sie auch in 20 Jahren noch geben wird", sagt Professor Wahrenburg. "Ich finde den Bürokratieaufwand und die langsame Geschwindigkeit, mit der die Bad Banks arbeiten, sehr bedenklich." Auch Andreas Steck, der als Bankenexperte bei der Anwaltskanzlei Linklaters Einblick in EAA und FMSW hat, ist skeptisch: "Ich gehe davon aus, dass der Abbau der Portfolios einen sehr langen Zeitraum in Anspruch nimmt. 20 Jahre und länger wären keine Überraschung."

In den USA wurde die Bad Bank mit den toxischen Wertpapieren der zwangsfusionierten Investmentbanken Bear Stearns und Merrill Lynch nach vier Jahren, im Sommer 2012, abgewickelt - pünktlich vier Monate vor der Präsidentenwahl. Dort waren die alten Banker nach Hause geschickt und der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock als Reste-Verwerter angeheuert worden. Er hatte freilich Glück, dass sich der Immobilienmarkt - auch durch die Niedrigzinspolitik der Notenbank Fed - so schnell erholte.

In Deutschland gibt es keinen Langzeitplan, stattdessen regiert das Prinzip Hoffnung: Die HRE-Bad-Bank FMSW übernimmt im Herbst auf Drängen der EU-Kommission die technische Abwicklung der Portfolios von der HRE-Nachfolgerin pbb und trägt sich mit dem Gedanken, diese Sparte - mit dann 390 Mitarbeitern - bis Ende 2014 zu privatisieren. Dann könnte ein privater Investor den Reste-Abbau zu Ende führen.

Auch die Düsseldorfer Portigon als Abwickler der WestLB will sich als Abbau-Spezialist profilieren. Portigon hatte sich um den Auftrag in München beworben - vergeblich. Das Misstrauen ist groß: "Das sind ja alles die Asset Manager von der WestLB - die haben in den letzten Jahren nicht gerade unter Beweis gestellt, dass sie es können", moniert ein Brancheninsider. Nun langweilt sich ein Teil der rund 2600 Portigon-Mitarbeiter - Banker, die keine Banker mehr sein dürfen. Der Betriebsrat habe sich intern über ein "Bore-Out"-Syndrom in der Belegschaft beklagt - das Gegenteil von "Burn Out", berichtet ein Insider. Der Stellenabbau läuft.

Mit kleinen Tricks zum Gewinn?

Dass FMSW und EAA für 2012 jeweils einen kleinen Gewinn ausgewiesen haben, hält Wahrenburg für einen Versuch, Negativ-Schlagzeilen vor der Bundestagswahl zu vermeiden. "Sie neigen dazu, die Realisierung von Verlusten in die Zukunft zu verschieben, wenn es entsprechende politische Vorgaben gibt." Die EAA habe ein Wertpapierportfolio einfach um eine halbe Milliarde Euro höher bewertet - nicht weil sich sein Marktwert erhöhte, sondern weil eine Ratingagentur ihr Bewertungsverfahren änderte. Auch ein Banker beklagt: "Das ist die typisch deutsche Kultur: Ich sitze das Problem - und die Verluste - erst einmal aus."

Wie stark der Steuerzahler belastet wird, ist so erst nach Jahrzehnten klar. Abgerechnet wird zum Schluss. Bislang sind bei der EAA rund 2,5 Milliarden Euro Verlust aufgelaufen, bei der FMSW sogar 13 Milliarden - den Schuldenschnitt für Griechenland eingerechnet. Wahrenburg fordert mehr Tempo bei den Aufräumarbeiten: "Die Bad Banks müssten härter durchgreifen. Ich würde mir wünschen, dass der Staat wesentliche Anteile an den Abwicklungsanstalten an Private-Equity-Firmen verkaufen würde. Es gibt genügend Beteiligungsgesellschaften, die sich auf solche Fälle spezialisiert haben."

Mit dieser Idee kann sich auch Christian Bluhm anfreunden, der Vorstandssprecher der FMSW. In sechs bis acht Jahren soll die HRE-Bad-Bank nach seiner Vorstellung mit dem Gröbsten durch sein. "Was danach noch übrig ist, wollen wir so geordnet im Buch liegen haben, dass auch ein anderer damit arbeiten könnte", sagt er. "Die FMSW ist ein großes Projekt und keine Dauereinrichtung." Als die FMSW 2010 an den Start ging, war ihr Portfolio noch mehr als 175 Milliarden Euro schwer. Ende 2012 waren davon 137 Milliarden übrig. Noch heute wundert man sich in der Bad Bank, was für Geschäfte das alte HRE-Management in den Boomzeiten gewagt hat - und mit welchen Laufzeiten und Sicherheiten. Bluhm traut seinen Leuten zu, jedes Jahr elf Milliarden abzutragen, davon zwei Milliarden über Verkäufe. "Im Moment ist da sogar etwas mehr Dynamik drin."

Käufer gesucht

Immobilienkredite in stabilen Märkten, bei denen Zins und Tilgung bedient werden, lassen sich gerade gut verkaufen. Das hat die Deutsche Bank unlängst mit dem Verkauf eines milliardenschweren US-Hypothekenportfolios an die japanische Bank Mitsubishi UFJ bewiesen. Die Commerzbank tüftelt an einem ähnlich großen Deal in Großbritannien. Danach sollen Finanzkreisen zufolge Reste des Immobiliengeschäfts in Frankreich folgen.

Selbst für notleidende Immobilienkredite - vor allem in Deutschland - gebe es inzwischen wieder mehr Interessenten, zog die Beratungsgesellschaft Ernst & Young in einer Studie Bilanz. Und auch für die lange geschmähten Verbriefungen steigt die Zahl der Abnehmer, wie Banker berichten. Seit die Notenbanken den Markt mit Geld fluten und die Zinsen niedrig halten, sind Profi-Investoren verzweifelt auf der Suche nach Rendite. "Hedgefonds, Finanzinvestoren und große Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds wissen nicht, wohin mit dem Geld. Und die großen US-Banken schauen sich in Europa ebenfalls nach Schnäppchen um", berichtet ein Branchenkenner.

Doch müssen sich die Kreditgeber durchringen, Verluste in Kauf zu nehmen: "Die Käufer der Portfolios von EAA oder FMSW rufen auch heute noch Renditeerwartungen im hohen einstelligen Bereich auf", sagt ein Insider. Ihr Gewinn liegt im Einkauf, aber sie nehmen nicht alles. "Gerade die Finanzierung sehr langlaufender Assets ist ein großes Problem", berichtet Willi Hemetsberger, Manager des Hedgefonds Ithuba Capital, der 400 Millionen Euro verwaltet und Banken und Versicherer bei der Verwertung ihrer Abbau-Portfolios berät. Und für die Banken gilt: Nur wenn die Bilanz wirklich entlastet wird, sind die Geldhäuser gewillt, Portfolios zu verkaufen. Andernfalls wären die Schmerzen zu groß.

In Einzelfällen werden Kredite deshalb auch zu besseren Konditionen verlängert - nämlich dann, wenn komplexe Rechenmodelle zu dem Schluss kommen, dass der Steuerzahler damit am wenigsten Geld verliert. "Portfolio-Workout", heißt das im Banker-Deutsch. Doch die staatlichen Abwicklungsanstalten müssen aufpassen. Denn ob sie Kredite verlängern dürfen, muss für jeden einzelnen Fall geprüft werden. Übertreiben sie es, könnte die EU sie dazu zwingen, eine Banklizenz zu beantragen und sich der Aufsicht durch die BaFin zu unterwerfen, warnt Anwalt Steck. "Ihre Aktivitäten müssen jederzeit dem Abwicklungszweck dienen."

Motivation auf der Intensivstation

Diese strengen Regeln sind ein Grund, weshalb sich außer einem staatlichen (WestLB) und einem verstaatlichten Institut (HRE) keine Bank in Deutschland dazu durchgerungen hat, ihren "Schrott" dem Staat vor die Füße zu kippen. Dabei hatte die Bundesregierung erst im Herbst den Bankenrettungsfonds SoFFin bis Ende 2014 verlängert. Einzige Bedingung: Die Bank-Aktionäre müssen künftig selbst für Verluste geradestehen - nicht mehr der Steuerzahler.

Ordnungspolitisch hat Deutschland seine Bad Banks so sauber aufgestellt wie kaum ein anderes Land. Doch praxistauglich ist das nicht: "Wenn die Commerzbank ihre Bestände in eine externe Bad Bank eingebracht hätte, hätte sie 20 Jahre lang nachhaften müssen. Das war aus Aktionärssicht unattraktiv", so Wahrenburg. "Das Restrukturierungsgesetz funktioniert nicht. Wenn die WestLB nach diesem Modell abgewickelt worden wäre, wären in Nordrhein-Westfalen reihenweise Sparkassen Pleite gegangen." Ein Kapitalmarktexperte berichtet: "Es ist klar, warum sich Banken im Zweifelsfall dafür entscheiden, lieber interne Abbau-Einheiten einzurichten als externe Bad Banks: Erstens redet der SoFFin nicht rein, zweitens ist die Botschaft an den Markt nicht so verheerend, und drittens gibt es kein Beihilfeverfahren in Brüssel."

Die internen Bad Banks haben mehr Freiheit. Banker dürfen hier wie Banker agieren - nur Neugeschäft ist tabu. "Intensive Care" heißt bei der Commerzbank die Abteilung, in der die Abbau-Profis sitzen, "Intensivstation". Sie haben ihre Erfolgserlebnisse, wenn sie das Risiko aus der Finanzierung von neun Riesen-Frachtern um 100 Millionen drücken können, ohne das Geld abschreiben zu müssen.

Doch die Banker wissen: Mit jedem Fall, den sie lösen, rückt ihr Abschied näher. Jeder dritte Mitarbeiter der internen Bad Bank der Commerzbank muss in den nächsten drei Jahren gehen. Viele Flure in der Zentrale des einstmals größten deutschen Immobilienfinanzierers Eurohypo in Eschborn bei Frankfurt sind schon verwaist, das rote Logo auf dem Dach ist abmontiert. Wie motiviert man Mitarbeiter, die sich selbst abschaffen sollen? Mit einer schnellen Karriere zum Beispiel - schneller als etwa in einer Filiale. "Auch in einem Restrukturierungssegment gibt es Chancen für eine persönliche und fachliche Weiterentwicklung", wirbt Commerzbank-Managerin Katrin Stark zum Bleiben.

Den Spiess umgedreht

Und wenn die nächste Finanzkrise kommt? Die Politik hat den Spieß umgedreht, um die Steuerzahler nicht mehr auf Kosten der Banken und ihrer Eigentümer bluten zu lassen. Künftig soll der "gute" Teil einer Bank ausgegliedert werden, wenn sie vor die Wand fährt. Die Aktionäre bleiben auf der "Bad Bank" sitzen, die möglichst schnell abgebaut werden soll - auch mit Hilfe des aus der Bankenabgabe gespeisten Bankenrettungsfonds. Doch Experten sind skeptisch, was den Praxistest angeht. "Ob sich große Banken tatsächlich abwickeln lassen, wird sich erst im Krisenfall zeigen", sagt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Privatbankenverbandes BdB.

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