Gefährliches Spiel: US-Großbanken verstecken ihre Wetten

Gefährliches Spiel: US-Großbanken verstecken ihre Wetten

Müssten die vier größten US-Banken – JPMorgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo– strengere Bilanzierungsregeln bei Derivaten und außerbilanziellen Transaktionen anwenden, wären sie um das Doppelte größer, als sie selbst angeben – oder kämen etwa auf die Größe der US-Volkswirtschaft, zeigen Daten von Bloomberg.

“Derivate beinhalten ebenso wie Kredite Risiken”, sagt Hoenig, der Vize-Vorsitzende der US-Einlagensicherung Federal Deposit Insurance in Washington, in einem Interview mit Bloomberg News. Diese Wetten in der Bilanz anzugeben, würde ein besseres Bild über die vorhandenen Risiken ermöglichen, ergänzt er.

Die US-Bilanzierungsregeln erlauben den Banken, einen geringeren Teil ihrer Derivate auszuweisen als ihre europäischen Wettbewerber dies müssen. Zudem können sie die meisten mit Hypotheken unterlegten Anleihen aus der Bilanz heraushalten. Das kann dazu führen, dass die Risiken der Banken und ihr Kapitalbedarf unterschätzt werden.

Würden die internationalen Bilanzierungsregeln für Derivate und die Konsolidierung von Hypothekenverbriefungen angewendet, würde sich die Bilanzsumme von JPMorgan, Bank of America und Wells Fargo jeweils verdoppeln. Bei Citigroup wäre die Bilanzsumme 60 Prozent höher, auf Grundlage der Zahlen für das dritte Quartal. Die Bilanzsumme von JPMorgan würde von 2,3 Billionen Dollar auf 4,5 Billionen Dollar anschwellen. Damit würde die Bank die Londoner HSBC und die Deutsche Bank überholen, die auf jeweils rund 2,7 Billionen Dollar kommen.

Bilanzsummen auf US-BIP-Niveau

JPMorgan, Bank of America und Citigroup wären die drei größten Banken der Welt und Wells Fargo die sechstgrößte. Ihre kombinierte Bilanzsumme von 14,7 Billionen Dollar entspräche 93 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA im vergangen Jahr. Und die Bilanzsummen aller Banken des US-Bankensystems würden sich auf 170 Prozent des BIP belaufen.

Die US-Bilanzregeln für die Saldierung von Derivaten ermöglichen den Banken, rund 4 Billionen Dollar aus der Bilanz zu löschen. Dadurch, dass auch die meisten Hypotheken, die in Anleihen verbrieft werden, nicht in der Bilanz ausgewiesen werden müssen, verschwinden noch einmal 3 Billionen Dollar. Die außerbilanziellen Aktiva und Derivate waren ein Faktor bei der Finanzkrise von 2008.

“Es sind wahrscheinlich immer noch einige gefährliche Sachen außerhalb der Bilanz vorhanden, und wir werden erst in der nächsten Krise herausfinden, was es ist”, sagt David Sherman, Professor für Rechnungswesen an der Northeastern University in Boston. “Aber wie oft müssen wir dies durchmachen, um alles herauszufinden?”

Das amerikanische Financial Accounting Standards Board (FASB) und das International Accounting Standards Board (IASB) erklärten vor zehn Jahren, dass sie die beiden Bilanzierungsstandards vereinheitlichen wollten. Doch nach sechs Jahren der Verhandlungen sind sie sich immer noch nicht einig geworden. Die beiden Organisationen fanden bislang keinen gemeinsamen Nenner bei der Saldierung von Derivaten und der Konsolidierung von Verbriefungen. Und auch beim Thema Risikovorsoge laufen die Vorstellungen auseinander. Die Vorschläge dazu, wie viel Kapital Banken für mögliche Kreditverluste als Risikovorsorge zurückstellen müssen, dürften europäische und US-Banken noch weniger vergleichbar machen.

Schwere Vergleichbarkeit

Dass es keinen einheitlichen Standard gibt, bedeutet, dass “Analysten und Investoren die Finanzdaten von Unternehmen nicht über Grenzen hinweg vergleichen können”, sagt John Hitchins, Leiter Banken und Kapitalmarkt Großbritannien bei PricewaterhouseCoopers in London. Die Banken müssen für die verschiedenen Länder, in denen sie Niederlassungen haben, unterschiedliche Versionen ihrer Finanzberichte erstellen, erläuterte er.

Unter den derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks geltenden Bilanzierungsregeln müssen nur entstandene Verluste ausgewiesen werden. Die IASB erwägt nun eine Änderung, nach der die Banken Rückstellungen für die über einen Zeitraum von 12 Monaten zu erwartenden Verluste bilden müssten.

Nach Einschätzung von Jamie Mayer, Analyst für Bankbilanzierung bei Grant Thornton in Chicago, dürften sowohl die US-amerikanischen als auch die internationalen Vorschläge wahrscheinlich zu einer höheren Risikovorsorge führen. Sie würden aber wohl nicht verhindern, dass die Kreditinstitute Verluste zu spät erkennen - ebenso wie in der Vergangenheit. “Wenn ihre Risikomodelle keine Probleme anzeigen - und das taten sie vor 2008 nicht - dann ist nicht klar wie allein die Änderung der Bilanzierung die Besorgnis ausräumen soll”, sagt Mayer in einem Interview.

In einer Umfrage des Wirtschaftsprüfers Deloitte im Januar unter 70 Banken weltweit sagten 88 Prozent der Teilnehmer, sie erwarteten keine Konvergenz bei den für die Banken bedeutendsten Bilanzierungsregeln - darunter Derivate, Bilanzkonsolidierung und Bildung von Rückstellungen für Kreditverluste.

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